Rückblick Kurzfilmwoche II

Zwischen Widerspruch und Zuspruch

Zum Sonderprogramm „Rebellion“ der 21. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg.

Insa Wiese und Claus Löser diskutieren den Programmpunkt „Wir sind das Volk!

Insa Wiese und Claus Löser diskutieren den Programmpunkt „Wir sind das Volk!“

Von Martin Oswald

Auf seiner „amtlichen“ Facebookseite schrieb Oberbürgermeister Joachim Wolbergs bei der Aufstellung eines ausgebrannten tunesischen Polizeiautos auf dem Haidplatz am 17. März: „Ausgebrannte Autowracks gehören bei uns nicht zum Straßenbild. In anderen Ländern sind sie Alltag.“ Tags darauf brannten Polizeiautos in Frankfurt am Main. Das ist zumindest irgendwie lustig und führt als kleine Anekdote geradewegs zum Sonderthema der diesjährigen Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg (18.-25.03.): Rebellion. 

In sechs Programmen haben Insa Wiese und Stefan Grunwald-Wiese mit ihrer Auswahl an Kurzfilmen versucht dieses Thema aus und in verschiedenen Perspektiven auszuleuchten und die Rebellion auf die Leinwand zu bringen. Das ist beiden fraglos gelungen, zumal nicht nur diese Auswahl selbst, sondern auch die konzeptionelle Zusammenstellung in überordnete Kategorien sinnvoll gestaltet wurde: „Weg des Widerstands“, „Protestformen“, „Kunst und Rebellion“, „Rebel Girls“, „Funny Rebellion“ und das Sonderthema im Sonderthema „Wir sind das Volk!“.

Letzteres wurde überdies von Dr. Claus Löser kuratiert, der sich seit vielen Jahren ausführlich mit dem DDR-Film befasst und u.a. Kurzfilme wie Barfuss und ohne Hut und Es genügt nicht 18 zu sein präsentieren konnte, die zwar in der DDR gedreht und produziert wurden, aber bis zur Wende nicht gezeigt werden durften. Und das obwohl sie nicht politisch im eigentlichen Sinne waren. Sie passten eben nicht in die vorgegebene Ästhetik des Arbeiter- und Bauernstaats.

Politische Rebellion im Sonderprogramm

Waren die DDR-Filme eher Ausdruck und Darstellung einer inneren und möglicherweise entpolitisierten oder gar apolitischen Rebellion, so lag der Gesamtfokus des Sonderprogramms auf der augenscheinlichsten Form der Rebellion: der politischen. Ob hautnah begleitete Häuserkämpfe in Aleppo während des syrischen Bürgerkriegs (Not Anymore: A Story of Revolution), gewaltfreie Wege des zivilen Ungehorsams rund um die Gezi-Park-Proteste in Istanbul (The Standing Protest), Graffiti in Paris oder St. Petersburg (Les Chats Ne Sont Plus Perches oder Russian Graffiti – Drawing a Huge Penis on Draw Bridge) oder das Anzünden von Bonzenkarren in Berlin, die Äußerung und Darstellung politischen Unmuts und Änderungswillen kennen keine Länder-, Kultur- und Genregrenzen. Auch Grenze von Legalität und Illegalität ist für die Rebellion nicht vorhanden.

Rebellion auf der Leinwand. Fotos: Oswald.

Rebellion auf der Leinwand.

Doch welche Erkenntnisse kann der Film und insbesondere der Kurzfilm sowohl als dokumentarisches als auch als fiktionales Medium über Rebellion überhaupt liefern? Wie ermöglicht er eine Annäherung? Etwa durch Andeutung, Fokussierung, Selektion und Zuspitzung? In der Tat kommt gerade dem fragmentarischen Charakter des Kurzfilms eine interessante Bedeutung zu.

Rebellion ohne Sorgen

Denn mit dem Gesamtkontext lässt er uns zumeist allein und wirft eher mehr Fragen auf als er beantworten kann. Wer sind im syrischen Bürgerkrieg die Bösen, wer die Guten? Macht diese Einordnung überhaupt Sinn, wenn es ohnehin nur Verlierer gibt? Ist Russian Graffiti Propaganda für Kriminalität? Ist Documenters Fiktion oder Realität? Wessen Fiktion und wessen Realität? Ist eine Punk-Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale (Pussy Riot) gerechtfertigt? Wäre oder ist das Abwertungskit eine sinnvolle Protestform gegen Mietsteigerungen in einem Viertel? 

Eine Woche lang konnte man Rebellion auf der Kinoleinwand erleben, ohne sich Sorgen machen zu müssen auch in der Realität damit konfrontiert zu werden. Brennende Polizeiautos? Sind bei uns natürlich kein politischer Protest, sondern kriminell. Kunst ist ein Polizeiauto erst, wenn es ausgebrannt und über’s Mittelmeer verschifft ist, denn würden wir es direkt auf dem Haidplatz anzünden, gäbe es richtig Ärger.

Barbarischer Akt gegen das Welterbe

Vorsätzliches und fahrlässiges Inbrandsetzen einer Sache auf einem öffentlichen Platz, Emissionen, übermäßige Straßenverunreinigung. Puh, das wäre gewiss keine Kunst. Das Bemalen von Brücken oder Treppen (The Standing Protest) sind auch nur auf der Kinoleinwand und wenn sie bei den Despoten in Russland und Türkei stattfinden, rebellisch. In unserem Rechtsstaat und besonders auf der Neupfarrkirche bleibt das immer noch Beschädigung fremden Eigentums und ein barbarischer Akt gegen das Welterbe. 

Das Sonderprogramm „Rebellion“ der Internationalen Kurzfilmwoche hat es auch alle Fälle geschafft Fragen über Recht und Unrecht, gerechtfertigten und ungerechtfertigten Protest aufzuwerfen und darüber hinaus Anregungen geliefert über die Verhältnisse von Kunst und Politik, Fiktion und Realität, Widerstand und Affirmation, verstärkt nachzudenken oder sie sogar anders und neu zu bestimmen.

Also theoretisch. Eigentlich können wir uns ja auch wieder schön im Kinosessel zurücklehnen. Das Wrack vom Haidplatz kommt schließlich auch weg. Dann hat alles wieder seine Ordnung. Dann ist Ruhe.

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