Archiv für 10. Januar 2013

Ehemalige Domspatzen sagen Unterstützung zu

Kriminologe pfeift auf katholische Klagedrohung

Das geplatzte Forschungsprojekt zum sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche ist für einige Opfer kein Grund zur Trauer. Beim „Unabhängigen Archiv ehemaliger Regensburger Domspatzen“ hat man vom Anfang an an dessen Sinn gezweifelt. Nun wollen die dort zusammengeschlossenen Missbrauchsopfer dem Kriminologen Dr. Christian Pfeiffer ihre Zahlen zur Verfügung stellen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat unterdessen angekündigt, Pfeiffer zu verklagen. Der sieht einer solchen Auseinandersetzung „mit Freuden“ entgegen.

Die Kirche droht dem Kriminologen Pfeiffer mit juristischen Schritten. Der freut sich auf die Auseinandersetzung. Foto: bph

Die Kirche droht dem Kriminologen Pfeiffer mit juristischen Schritten. Der freut sich auf die Auseinandersetzung. Foto: bph

„Ich habe lauthals gelacht“, beschreibt Michael Sieber seine Reaktion auf das geplatzte Forschungsprojekt zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche. Wie berichtet, hat die Deutsche Bischofskonferenz am Mittwoch den 2011 vereinbarten Forschungsauftrag mit dem „Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen“ gekündigt. Begründung: Das Vertrauensverhältnis zu Institutsleiter Dr. Christian Pfeiffer sei „zerrüttet“. Der spricht im Gegenzug von Zensur- und Kontrollwünschen der Bischofskonferenz, die insbesondere aus den Diözesen München und Regensburg gekommen seien. Nun droht ihm die Bischofskonferenz mit juristischen Schritten. Dazu später mehr.

„Wir werden Pfeiffer unterstützen.“

Michael Sieber ist Koordinator des im vergangenen Jahr ins Leben gerufenem „Unabhängigen Archivs ehemaliger Regensburger Domspatzen“ und hatte den Sinn der Untersuchung von Anfang an bezweifelt. „Es hat doch wohl niemand ernsthaft geglaubt, dass die katholische Kirche alle Akten herausrückt. Offenbar ist Dr. Pfeiffer wohl erst im Rahmen seiner Tätigkeit klar geworden, wofür er da seinen guten Namen hergegeben hat.“ Mit dem Platzen des Forschungsauftrags habe sich die katholische Kirche nun endgültig selbst entlarvt, so Sieber. Er hoffe nun, dass Pfeiffer seine Ankündigung wahr mache und auf eigene Faust mit seiner Untersuchung fortfahre. „Wir würden ihn auf jeden Fall mit Unterlagen und Kontakten zu Betroffenen unterstützen.“

„40 bis 50 Fälle“ allein bei den Domspatzen

Und die Zahlen, die Sieber gegenüber unserer Redaktion nennt, unterscheiden sich doch recht deutlich von den ohnehin recht spärlichen Informationen, die in Regensburg bislang die Mauern des Domkapitels durchdrungen haben.

Die Regensburger Domspatzen: Gut als Aushängeschild, Vergangenheitsbewältigung Fehlanzeige. Foto: Archiv/ Staudinger

Die Regensburger Domspatzen: Gut als Aushängeschild, Vergangenheitsbewältigung Fehlanzeige. Foto: Archiv/ Staudinger

In dem knappen Zwischenbericht, den die Diözese im Jahr 2011 vorgelegt hat, ist für den Zeitraum zwischen 1945 und 2010 von „sexuellen Straftaten gegen 78 Minderjährige“ die Rede. Insgesamt zehn Geistliche hätten diese Taten begangen und seien, das wird betont, alle „gerichtlich verurteilt“ worden. Darüber hinaus, so heißt es weiter, „fanden sich in den Akten keine neuen Hinweise, die nicht schon juristisch verfolgt worden wären“.

Sieber spricht dagegen auf Basis der im Archiv gesammelten Unterlagen und Recherchen, die er zusammen mit anderen anstellt, von „40 bis 50 Fällen“. Nicht in der gesamten Diözese, sondern allein bei den Regensburger Domspatzen. Nicht für den Zeitraum von 65 Jahren, sondern allein „zwischen dem Ende der 50er bis zur Jahrtausendwende“. Wie die Diözese mit solchen Fällen umgeht, ist zumindest teilweise bekannt: Die Opfer werden vertröstet, hingehalten, abgewiegelt (Mehr dazu).

Keine Auskünfte für Missbrauchsopfer

Beispielhaft dafür ist unter anderem der Umgang mit Alexander Probst. Er wurde 1971 als damals Elfjähriger bei den Regensburger Domspatzen geprügelt, gedemütigt und sexuell missbraucht. „Als ich damit 2010 an die Öffentlichkeit ging, rief irgendwann die Missbrauchsbeauftragte der Diözese Regensburg bei mir an“, erzählt Probst. Es habe mehrere Gespräche gegeben. „Aber als sie gemerkt hat, dass ich mich nicht vertrösten und hinhalten lassen, hat sie es aufgegeben, mich auszuhorchen.“

Wird von der katholischen Kirche hingehalten und erhält keine Auskünfte: der ehemalige Domspatz Alexander Probst. Foto: Archiv/as

Wird von der katholischen Kirche hingehalten und erhält keine Auskünfte: der ehemalige Domspatz Alexander Probst. Foto: Archiv/as

Später gab er seinen Fall im Rahmen einer kirchenrechtlichen Vernehmung in Regensburg zu Protokoll. „Mein Anwalt durfte nicht dabei sein und ich wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass ich bei falschen Aussagen belangt werden könnte.“ Was seitdem aus seinem Antrag auf Entschädigung und Unterlagen, die seinen Fall betreffen geworden ist, erfährt Probst weder von der Diözese Regensburg noch von der Deutschen Bischofskonferenz. „Entweder es wird gar nicht reagiert oder Auskünfte werden aus datenschutzrechtlichen Gründen abgelehnt.“

Ein Täter taucht wieder auf

Probsts Peiniger Sturmius Wagner war Pfarrer im Bistum Eichstätt, als er an die Öffentlichkeit ging. Sowohl das Bistum in Eichstätt wie auch das in Regensburg verkündeten kurz darauf Wagners Absetzung. Nur ein Jahr später durfte sich Wagner wieder in vollem Priesterornat bei einer Prozession in Kaufbeuren der Öffentlichkeit präsentieren. Ein Erklärung dafür gab es weder für Probst, noch für Medien, die deshalb nachgefragt haben. Insofern ist es fraglich, ob Probsts Fall jemals in die Untersuchung von Christian Pfeiffer eingeflossen wäre, ob er im Rahmen des nun geplatzten Forschungsprojekts jemals Zugriff auf irgendwelche Unterlagen dazu bekommen hätte. Die Deutsche Bischofskonferenz hat am Mittwoch angekündigt, von Pfeiffer wegen seiner Zensurvorwürfe eine Unterlassungserklärung zu fordern. Notfalls werden man vor Gericht eine Einstweilige Verfügung erwirken.

„Kirche begeht strategischen Fehler“

Der Kriminologe selbst hat dagegen seine Vorwürfe bekräftigt und auf der Internetseite seines Instituts mit mehreren Unterlagen untermauert. Unter anderem geht daraus hervor, dass von der Kirche gefordert wurde, den Text der Untersuchung zu verändern, Veröffentlichungen gegebenenfalls zu untersagen und Mitarbeiter bei dem Projekt abzulehnen. Das Ganze sollte mit hohen Vertragsstrafen abgesichert werden. Gegenüber dem NDR hat Pfeiffer am Donnerstag erklärt, dass er einer juristischen Auseinandersetzung „mit Freuden“ entgegensehe. „Auch noch gerichtsamtlich bestätigt zu bekommen, dass die Kirche solche Wünsche an uns herangetragen hat, empfinde ich als eine große Erleichterung und wundere mich über die Kirche, dass sie solche strategischen Fehler begeht.“