Todesmarsch und Massaker an KZ-Häftlingen

Die namenlosen Toten von Wetterfeld

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Seit kurzem erinnert ein Gedenkstein an die etwa 50 Menschen, die am 23. April 1945 im Wetterfelder Gemeindehölzl umgebracht wurden. Doch die Getöteten sind bislang namenlos. Der Gedenkstein weist gravierende Lücken auf. Was geschah damals in Wetterfeld?  Eine Recherche von Robert Werner (hier auch als PDF-Download).

Exhumierung von 49 Toten im Gemeindehölzl am 1.Mai 1945, Quelle: © NARA

Exhumierung von 49 Toten im Gemeindehölzl am 1.Mai 1945, Quelle: © NARA

„Gedenket der Toten im Gebet“. So lautet der Schlusssatz auf einem Gedenkstein, den der Rodinger Bürgermeister Franz Reichold zusammen mit dem katholischen Stadtpfarrer Holger Kruschina Anfang September 2015 im so genannten Wetterfelder Gemeindehölzl eingeweiht hat. Dieser soll daran erinnern, dass „ an dieser Stelle am 23. Aprils 1945 fünfzig Gefangene auf dem Marsch vom Kz-Lager Flossenbürg in den Süden von Angehörigen der SS erschossen “, die Leichen „später exhumiert und in den Kz-Friedhof Flossenbürg umgebettet“ wurden.

Nach einer sehr knappen thematischen Einführung in die Ereignisse forderte Bürgermeister Reichold die etwa vierzig Anwesenden auf, die im Gemeindehölzl Getöteten nicht zu vergessen, die bestialischen Taten nicht zu verschweigen. Eine unerlässliche Lehre aus dieser grausamen Geschichte sei es, eine Wiederholung von ähnlichen Verbrechen keinesfalls zuzulassen. Darüber hinaus gelte es gerade in diesen Tagen aufzustehen und einzuschreiten, wenn gegen Asylsuchende gehetzt wird, Nazis vor Flüchtlingsheimen protestieren oder diese in Brand stecken. So der sichtlich berührte Bürgermeister. 

Sichtlich berührt bei der Einweihung des Gedenksteins: Bürgermeister Franz Reichold. Foto: Werner

Sichtlich berührt bei der Einweihung des Gedenksteins: Bürgermeister Franz Reichold. Foto: Werner

Franz Reichold konnte in seiner Rede zu den Exekutionen im Gemeindehölzl nur auf fragmentarische lokale Überlieferungen zurückgreifen, die zum Teil widersprüchlich und falsch sind. Zumal die damaligen Vorgänge bestenfalls bruchstückhaft erforscht sind, weist der Inschriftentext ebenfalls gravierende Lücken auf. Die Getöteten sind bislang namenlos und die genaueren Umstände ihrer Exhumierung unbekannt geblieben.

Im Folgenden sollen die damaligen Ereignisse und ihre Folgen zusammenfassend skizziert und mit Anmerkungen zum daraus resultierenden Gedenken beendet werden.

Todesmärsche aus Flossenbürg

Anfang April 1945 begannen in Flossenbürg die Vorbereitungen zur Auflösung des Konzentrationslagers. Zuerst verlegte man prominente Häftlinge in weiter südlich gelegene Lager. Als erste große Gruppe wurden am 17. April jüdische Häftlinge auf den Weg Richtung Dachau geschickt. Etwa 2.000 Männer, die anfangs in Güterwagons der Reichsbahn bis Schwarzenfeld transportiert wurden und – nach irrtümlichem Beschuss durch amerikanische Kampfflugzeuge – von dort aus zu Fuß weiter gehen mussten.

Das Konzentrationslager Flossenbürg. Foto: Archiv

Das Konzentrationslager Flossenbürg. Foto: Archiv

Am Freitag, den 20. April, verließen vier weitere große Kolonnen Flossenbürg zu Fuß. Darunter befanden sich kurz zuvor aus Buchenwald ankommende Gefangene. Insgesamt wurden etwa 15.000 Häftlinge nach Süden getrieben, hunderte von Kranken blieben im Lager. Die Kolonnen marschierten meist nachts und teilten sich nochmals in kleinere Gruppen auf. Teilweise kreuzten, überholten und vereinten sich diese Untergruppen, was eine detaillierte Rekonstruktion der jeweiligen Routen bislang unmöglich gemacht hat. Als Proviant bekamen die Häftlinge in Flossenbürg ein Handvoll Getreide und etwas Brot. Wenn überhaupt, gab es unterwegs zumeist Kartoffeln, die die Wachmannschaften von Bauern requirierten. Überlebende schildern neben der lebensbedrohlichen Unterernährung vor allem den steten Mangel an sauberem Trinkwasser, der qualvollen Durst bedeutete.

Übernachten mussten die Gefangenen zumeist in Scheunen, teils im Freien. Bewacht wurden sie von SS-Mannschaften und deutschen Häftlingen, die als sogenannte Kriminelle in Flossenbürg interniert worden waren und eigens für den Evakuierungsmarsch in Militär- oder SS-Uniformen eingekleidet und teilweise bewaffnet wurden. Das Gepäck der Begleitmannschaften lag auf einem Handkarren, den die Häftlinge ziehen mussten. Wer das vorgegebene Marschtempo nicht schaffte, nicht mehr gehen konnte oder wollte, wurde erschossen oder erschlagen. Da die SS-Mannschaften den immer näher kommenden US-Soldaten nicht in die Hände fallen wollten, erhöhten sie das Marschtempo für die längst völlig erschöpften Gefangenen und somit die Anzahl der täglich Exekutierten.

Nazi-Bürgermeister im System der Vernichtung

Anfangs mussten die Toten von einer zu Beginn zusammengestellten und nachziehenden Gruppe von Häftlingen entlang der Marschrouten begraben werden, so die Aussagen von Überlebenden. Im Zuge der stetig steigenden Anzahl von Getöteten wiesen die SS-Führer die örtlichen Bürgermeister an, die allgegenwärtigen Leichen durch örtliche Zivilisten begraben zu lassen. So etwa gab der Rötzer Nazi-Bürgermeister Jakob Stichaner an, er habe von einem SS-Sturmbannführer den Befehl bekommen, „vor Morgengrauen die Gemeindeflur nach erschossenen KZ-Häftlingen abzusuchen“ und sie zu begraben.

Über 140 Tote wurden daraufhin auf Anweisung des Bürgermeisters von Rötzer Zivilisten in einem Massengrab beerdigt. Man versuchte, die Gräueltaten vor den anrückenden US-Truppen zu vertuschen. Stichaners Angaben stammen aus einem gerichtlichen Ermittlungsverfahren von 1959 wegen der Tötung von Häftlingen, in dem er als Zeuge vernommen wurde. An Namen und Aussehen der verantwortlichen SS-Offiziere, die damals ermittelt werden sollten, könne er sich nicht erinnern. Ihm vorgelegte Namen verneinte Stichaner mit Gewissheit.

Nazi-Bürgermeister wie Stichaner handelten im Sinne des NS-Regimes und als Komplizen der SS. Sie deckten die Täter der Todesmärsche auch noch 14 Jahre nach der Befreiung. Nach der Zerschlagung des NS-Regimes hat sich, so weit bekannt, von den Bürgermeistern (in der Regel selbst NSDAP-Genossen) keiner aktiv an der Identifizierung und Überführung der Täter aus den Begleitmannschaften beteiligt.

„Grausiges Straßenbild“ und Angst vor Repressalien

Das Elend und Sterben der Häftlinge während der Todesmärsche waren für tausende von Zivilisten in unzähligen Orten direkt wahrnehmbar. Die Reaktion der Zivilbevölkerung beschränkte sich nicht auf Entsetzen und Hilfsbereitschaft, die vor allem in den lokalen Erzählungen (über)betont wird. Vielmehr gab es Gleichgültigkeit, Spott und Hass gegenüber den Häftlingen. Sie wurden als gemeingefährliche Verbrecher und schädlichste „Volksfeinde“ behandelt und ebenso wahrgenommen.

So berichtet ein Überlebender beispielsweise von ablehnender Gleichgültigkeit seitens Stamsrieder Zivilisten. Dort mussten Häftlinge, die aus den Nachbarorten Hansenried und Diebersried kamen, in der Nacht zum 22. April mitten im Ort in Scheunen der Bauern übernachten. So etwa im „Hoffner-Stadl“. Die SS-Begleitmannschaften hingegen durften im Wohnzimmer des gegenüberliegenden Haus nächtigten. Tags darauf, am Sonntagmorgen, fanden Kinder mehrere Leichen neben dem Weg, auf dem sich die Häftlinge zuvor dahinschleppten. Wie in Rötz wurden die im Stamsrieder Gemeindegebiet Getöteten im Laufe des Tages zusammengekarrt – sicherlich ebenfalls auf Anordnung eines SS-Kolonnenführers. Unter der Leitung des Nazi-Bürgermeisters Alois Preißer verscharrten Zivilisten die Leichen in drei am Ortsrand liegenden Massengräbern.

In seinen Erinnerungen von 1961 formuliert Preißer die Lage am Tag vor der Befreiung so: „Es musste nun rasch das grausige Straßenbild mit den vielen erschossenen KZ-Häftlingen beseitigt werden, weil die Befürchtung bestand, dass diese Situation vielleicht starke Repressalien oder gar Geißelfestnahmen auslösen würde.“

Wie den allermeisten anderen Bürgermeistern auch war Preißer weder an einem christlichen Begräbnis noch an einer Identifizierung der Toten gelegen.

Massaker am Morgen des 23. Aprils 1945

Am 22. April kamen die ersten Häftlinge über Pösing in Wetterfeld an. Sie trafen dort auf Einwohner, die gerade auf dem Weg in die Sonntagskirche waren. Auch dort wurden sie kolonnenweise in den Scheunen der Bauern untergebracht und notdürftig versorgt. Vermutlich noch am Abend dieses Tages fiel die Entscheidung, jene zu töten, die das von den SS-Führern vorgegebene zügige Fluchttempo nicht mehr absolvieren konnten.

In Vorbereitung der Exekution mussten Wetterfelder Männer und Kriegsgefangene, die bei Bauern Zwangsarbeit leisteten, ins rund ein Kilometer entfernte Gemeindehölzl gehen und bis zum Sonnenaufgang des 23. Aprils eine vorhandene kleine Sandgrube vertiefen oder vergrößern. Aller Wahrscheinlichkeit nach geschah dies aufgrund der Anordnung eines SS-Kolonnenführers, der zur Umsetzungen seines Plans auf den ortskundigen Nazi-Bürgermeister Josef Groitl (gest. 1954) angewiesen war und auch Unterstützung bekommen hatte. So lauten die lokalen Überlieferungen, die teils auf Aussagen der Zwangsarbeiter zurückgehen.

Wenige Stunden bevor die amerikanischen Panzertruppen Wetterfeld erreichten, mussten daraufhin etwa 50 KZ-Häftlinge ihr Nachtlager in Wetterfeld verlassen. Wachmannschaften trieben sie Richtung Süden ins Gemeindehölzl. Marschunfähige wurden auf einem Pferdewagen transportiert, das vom 15jährigen Sohn des NSDAP-Blockleiters gefahren wurde, wie sich Wetterfelderinnen erinnern. In der vorbereiteten Sandgrube wurden alle Selektierten von SS-Begleitmannschaften erbarmungslos erschossen oder erschlagen. Nach dem Massaker wurden die Toten vermutlich von denselben Personen verscharrt, die bereits zum Ausheben der Grube herangezogen wurden. Dazu liegen keinerlei Informationen vor. Die daran Beteiligten haben ihr ganzes Leben lang geschwiegen. Zwei der Häftlinge sollen schwer verletzt überlebt und sich aus der Grube befreit haben – so eine bislang nicht verifizierte Erzählweise des Dorfes.

Gegen Mittag erreichten die US-Truppen Wetterfeld, wo sie von verschanzten deutschen Fanatikern angegriffen wurden.

Befreiung in Wetterfeld

Zwischen 3.000 und 4.000 Häftlinge, darunter jüdische, wurden am 23. April zwischen Stamsried und Cham von US-Soldaten der 11. Amerikanischen Panzerdivision befreit. Kurz darauf endete im nahegelegenen Thierlstein für die letzten in dieser Gegend auf dem Todesmarsch befindlichen Häftlinge die schlimmste Tortur ihres Lebens.

Unter den in Wetterfeld lebend Angekommenen war auch der damals fast 18jährige Joe Hecht. Der bereits sehr geschwächte Joe, Sohn orthodoxer Juden aus Rumänien, kam im Januar 1945 aus Auschwitz ins KZ Flossenbürg. Von dort transportierte man ihn mit anderen jüdischen Häftlingen am 17. April in einem Viehwagon nach Schwarzenfeld, wo amerikanische Flieger den Zug stoppten. Nach Wetterfeld gelangte er zu Fuß. Ohne sich hierzu an örtliche Details erinnern zu können, betonte er im Gespräch die allgegenwärtige nasse Kälte, das Gefühl ziellos im Kreis gehen zu müssen und den steten lebensbedrohlichen Mangel an Essen und Trinken.

Zum 70sten Jahrestag kam Joe Hecht aus New York zusammen mit seiner Frau Blanche an den Ort seiner Befreiung zurück und suchte (vergeblich) die Scheune, aus der ihn die US-Soldaten am 23. April fast verhungert in die Freiheit holten. Für ihn sei der Todesmarsch die Hölle und die Deutschen alle Nazis gewesen. Heute könne er differenzieren.

Joe Hecht kam als rumänischer Jude 1944 nach Ausschwitz und im April 1945 über Schwarzenfeld nach Wetterfeld, hier mit Ehefrau Blanche. Foto: Werner

Joe Hecht kam als rumänischer Jude 1944 nach Ausschwitz und im April 1945 über Schwarzenfeld nach Wetterfeld, hier mit Ehefrau Blanche. Foto: Werner

Nur eine der Marschkolonnen aus Flossenbürg erreichte mit rund 2.000 Personen das vorgebliche Ziel: das KZ in Dachau. Für rund 5.400 evakuierte Häftlinge kamen die US-Truppen zu spät. Sie wurden von den Deutschen erschlagen, erschossen oder lebendig begraben – nicht wenige starben an Erschöpfung. Angesichts dieser hohen Opferzahlen sprachen die Amerikaner schon bald nach der Befreiung von „Death March“, wovon sich die deutsche Bezeichnung „Todesmarsch“ ableitet.

Wer die amerikanischen Militärs auf die im Wetterfelder Gemeindehölzl verscharrten Toten aufmerksam gemacht hat, ist nicht überliefert. Da weder der Gedenkstein noch die Einweihungsreden den weiteren Fortgang der dort Ermordeten schilderten, soll dies hier aufgrund eigener Recherchen skizzenhaft geschehen.

Exhumierung und Sühnebegräbnis auf Anordnung der US-Militärs

Anders als Zeitungsmeldungen zur Gedenksteineinweihung und Erzählungen in Wetterfeld bzw. Roding angeben, wurden die Toten aus dem Gemeindehölzl nicht erst Mitte Juni 1945 exhumiert. Aus Akten und Fotos des US-Nationalarchivs (NARA) geht eindeutig hervor, dass dies bereits am 1. Mai geschah.

Eine damals entstandene Fotoserie des US-Army Signal-Corps zeigt insgesamt achtzehn Männer, dreizehn davon mit Schaufeln, Harken und Besen ausgerüstet, die unter der Bewachung von US-Soldaten und im Beisein von Überlebenden die Verscharrten exhumieren mussten. Nach erstmaliger Auswertung der Abgebildeten konnten von mehreren Zeitzeugen übereinstimmend mindestens zehn als Wetterfelder namentlich identifiziert werden – in der Mitte mit Armbinde posiert der zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht abgesetzte Bürgermeister Josef Groitl. Vermutlich sind unter den fotografierten Wetterfeldern auch welche, die die Toten acht Tage zuvor verscharrten.

Exhumierungsgruppe mit Bürgermeister Josef Groitl im Gemeindehölzl am 1.Mai 1946. Quelle: NARA

Exhumierungsgruppe mit Bürgermeister Josef Groitl im Gemeindehölzl am 1.Mai 1945. Quelle: NARA

In einem anderen Bild kann man einen filmenden Kameramann der US-Truppen ausmachen. Die Bilderserie gelangte als Beweismittel der Anklage in den Flossenbürger Prozess, der wie die Folgeprozesse vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau verhandelt wurde (1945 bis 1947). Die Verbrechen der SS- und Begleitmannschaften wurden dabei zum Teil mit hohen Strafen geahndet, die Exekutionen in Wetterfeld verhandelte man jedoch nicht. Darauf folgende gerichtliche Ermittlungen deutscher Gerichte hingegen wurden Anfang der 1960er Jahre wegen fehlendem Tatnachweis eingestellt.

Die in den Fotos abgebildete topographische Lage kann man vor Ort heute noch wiedererkennen. Rechts des nach Westen führenden Waldweges, etwa 25 Metern nach seinem Anfang, wurden 49 notdürftig verscharrte Leichname freigelegt.

Nach der Exhumierung wurden die toten Körper auf Anordnung des US-Befehlshabers zurück nach Wetterfeld verbracht, dort auf dem Dorfplatz aufgebahrt und bald darauf beerdigt. Laut einem Belgischen Bericht bestattete man am 6. Mai insgesamt 52 Tote direkt am Ortsrand an der Bundesstraße 85. Dies geschah auf dem so genannten Busl-Feld, das hierfür von der amerikanischen Armeeführung kurzerhand beschlagnahmt und als Friedhof ausgewiesen worden war.

Der Wetterfelder Friedhof mit 52 Gräbern Ende Oktober 1945.

Der Wetterfelder Friedhof mit 52 Gräbern Ende Oktober 1945.

Wie in ähnlich gelagerten Fällen auch – so etwa in Schwarzenfeld oder Neunburg vorm Wald – musste die Wetterfelder Dorfbevölkerung erscheinen und den Toten die letzte Ehre erweisen. Der Rodinger Maler Ludwig zeichnete diese Situation nach, die angeblich auch von amerikanischen Filmteams festgehalten wurden.

Der KZ-Friedhof Wetterfeld 1950. Foto: Werner aus Ausstellung Dieß 2015

Der KZ-Friedhof Wetterfeld 1950. Foto aus Ausstellung Dieß 2015

Diese 52 Gräber waren erst der Anfang. Über 500 weitere Bestattungen sollten noch im gleichen Jahr folgen.

Ehrenfriedhof Wetterfeld

Seit Frühsommer 1945 gab es Überlegungen, alle im Landkreis Roding getöteten Häftlinge ebenso zu exhumieren und falls möglich zu identifizieren. Mit Unterstützung des neu eingesetzten Militär-Gouverneurs Capitain Charles R. Buchheith startete daraufhin Anfang Oktober 1945 eine Kommission von sechs polnischen Ärzten, ihrerseits Überlebende des Todesmarsches, die Identifizierungs- und Umbettungsarbeiten. „Von den ehemaligen Kazetlern in Stamsried“ ging die Initiative aus, den „in bestialischer Weise Ermordeten … und verscharrten eine entsprechende Ruhestätte auf einem gemeinsamen Friedhof in Wetterfeld zu gewähren“, heißt es in dem ins Deutsche übersetzten Schlussbericht vom 3. Mai 1946. Der Bericht stammt vom Leiter der Kommission, dem Arzt Dr. Tadeusz Wolanski.

Darin sind auch die durch Obduktion festgestellten Todesarten vermerkt. Demnach mussten 597 Leichen exhumiert werden, wovon 364 als erschossen, 44 als erschlagen und 32 als erstickt eingestuft wurden. Bei 19 Toten ergab die Obduktion eine „allgemeine Körperschwäche“ als Todesursache und bei 138 Toten war eine Ursache nicht eindeutig festzustellen. Die Autopsie der Leichen und ihre Umbettungen auf den Wetterfelder KZ-Friedhof, für die NSDAP-Genossen aus dem ganzen Landkreis als Arbeitskräfte herangezogen wurden, konnten im November 1945 abgeschlossen werden. So entstand einer der größten KZ-Friedhöfe in Bayern, der knapp 3.000 Quadratmeter umfasste und auf dem fast 600 kleine Holzkreuze mit Nummern standen.

Wetterfeld mit KZ-Friedhof um 1955. Foto: Busl

Wetterfeld mit KZ-Friedhof um 1955. Foto: Busl

Die eigentliche Identifizierung der Toten, die anhand von Evakuierungs- und Häftlingslisten, Kleidernummern, Tätowierungen und persönlichen Gegenständen vorgenommen wurde, zog sich über viele Jahre hin. Sie wurde hauptsächlich von dem Leiter des Wetterfelder KZ-Friedhofs August Schober geleistet. Schober, ein aus Österreich stammender Überlegender des Todesmarsches, stand hierzu unter anderem in Verbindung mit bayerischen Behörden, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, internationalen Suchdiensten, den Anklägern von Dachau und internationalen Häftlingsvereinigungen. Da in den übervollen Konzentrationslagern zuletzt oftmals mehrere Häftlinge mit gleichlautender Nummer ausgestattet wurden, kam es bei der Identifizierung zu gravierenden Problemen. Sie fand ihren Abschluss in Beurkundungen durch das Pösinger Standesamt von 1947 und 1949.

Von den 597 exhumierten und auf den Wetterfelder KZ-Friedhof umgebetteten Toten bekamen somit 236 einen Namen und einen Sterbeort zugeordnet. Ein beispiellose Leistung, die kein anderer KZ-Ehrenfriedhof in der damaligen US-Zone vorweisen kann.

Erstmals Namen für die Opfer des Massakers im Gemeindehölzl

Wie viele Tote gab es in Wetterfeld? Dort konnten im Herbst 1945 im gesamten Gemeindegebiet 60 verstreut verscharrte Leichname ausfindig gemacht, obduziert und umgebettet werden. Hinzu kommen die 49 Toten aus dem Gemeindehölzl, die bereits im Mai bestattet wurden.

Aus einer Gräberliste des Ehrenfriedhofs kann man dank der Arbeit der Identifizierungskommission insgesamt 41 Namen für die in Wetterfeld Getöteten entnehmen – inklusive der Toten aus dem Gemeindehölzl. Letztere wurden in jenem Herbst nochmals exhumiert und obduziert. Da in den entsprechenden Obduktionsberichten ihr Sterbeort leider nur undifferenziert mit „Wetterfeld“ angegeben wurde, sind sie ohne weiteres nicht greifbar. Erst eine gemeinsame Auswertung der Identifizierungslisten und Fundskizzen, die zwischen 1945 und 1948 erstellt wurden, ermöglicht eine Ermittlung der Exhumierungsprotokolle jener 49 Häftlinge, die im Gemeindehölzl massakriert wurden. Fast alle wurden erschossen, einige erschlagen.

Ebenso ergeben sich aus diesen Identifizierungsprotokollen erstmals mindestens zehn Namen von Getöteten, darunter vier Juden aus Polen und Ungarn, ein Holländer, ein Deutscher und vier Polen. Stellvertretend für die restlichen Toten sei hier der ungarische Jude Istvan Löwy (geb. 24.12.1919) angeführt, der für kurze Zeit im Regenburger KZ-Außenlager Colosseum war. Ihm schoss sein Mörder ins Gesicht: „Einschuß unter dem linken Auge, beide Kiefer und Gaumen ausgerissen.“ So steht es im Protokoll – unterzeichnet von Dr. T. Wolanski am 24. Oktober 1945 in Stamsried.

Jahresfeier, offizielle Einweihung und Auflösung des Friedhofs

Am 1. November 1946 ging der Wetterfelder KZ-Friedhof in bayerische Verwaltung über. Bei dieser Gelegenheit fand eine feierliche Totenehrung statt, zu der Delegationen unter anderem aus Frankreich und Belgien und Vertreter der US-Militärregierung anreisten. Ein Abgesandter des zuständigen bayerischen Staatskommissariats „Opfer des Faschismus“ dankte allen Männern des Friedhofbaus für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit, Juden stimmten das Totenlied an.

Zur zweiten Gedenkfeier zum Kriegsende in Wetterfeld sprach unter anderem Leiter der Exhumierungs- und Identifizierungskommission Dr. Tadeuz Wolanski – er dankte der 3. Amerikanischen Armee für die Befreiung von vor zwei Jahren. Der Bayerische Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Philipp Auerbach, betonte, dass die Überlebenden „nicht Haß, Rache und Vergeltung wollen, sondern eine gerechte Sühne im Namen eines göttlichen und menschlichen Rechtes an jenen verlangen, an denen das Blut der Toten klebt“. (MZ vom 25. April 1947) Ebenso verurteilte er aktuelle antisemitische Strömungen. Die von Auerbach zurückgewiesene antisemitisch grundierte Vorstellung von hasserfüllten jüdischen Rächern war bereits im NS-Regime weit verbreitet und im Nachkrieg übrigens auch zwischen Stamsried und Wetterfeld virulent, wie aus Akten hervorgeht.

Fünf Jahre nach Ende des NS-Regimes besuchte Phillip Auerbach ein zweites Mal Wetterfeld. Diesmal weihte er als Leiter des Bayerischen Landesentschädigungsamtes am 4. November 1950 den kurz zuvor unter seinem Amtsführung mit Grabsteinen neugestalteten KZ-Friedhof ein. Geistliche christlicher Konfessionen und der Landesrabbiner begleiteten die Feier. Diesen als Staatsakt geführten Feierlichkeiten kam eine große landesweite gedenkpolitische Bedeutung zu, was den Rodinger Landrat dazu bewog, die angrenzenden Bürgermeister und Gemeinderäte persönlich mit Unterschriftenliste einzuladen.

Nach der intriganten Amtsenthebung Auerbachs 1951 kamen die in Bayern gelegenen KZ-Friedhöfe unter die Fittiche der Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen und das übergeordnete Bayerische Innenministerium plante bald die Auflösung vieler Grabstätten. Mit einer Entscheidung der französischen Behörden, die noch in Deutschland begrabenen Toten ihrer Nationalität nach Frankreich umzubetten, kam auch das Aus für den Wetterfelder Ehrenfriedhof. Durch das deutsch-französische Abkommen vom 23. Oktober 1954 wurde der Französische Suchdienst für Kriegsopfer berechtigt, in Wetterfeld alle Leichname zu exhumieren. Dies geschah zwischen Anfang Juni und Mitte Juli 1957 – das Protokoll vom 19. September 1957 vermerkt allerdings nur 566 exhumierte Leichen. Die sterblichen Überreste von Menschen französischer, holländischer und belgischer Nationalität wurden in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgebracht, die restlichen Skelette eingesargt und im neuen Ehrenfriedhof in Flossenbürg erneut bestattet.

Wetterfeld 2015: Die erweiterte B 85 verläuft über den aufgelassenen KZ-Friedhof. Foto: Werner

Wetterfeld 2015: Die erweiterte B 85 verläuft über den aufgelassenen KZ-Friedhof. Foto: Werner

Im Anschluss daran wurde der Wetterfelder Friedhof für einige Monate als Sammel- und Waschstelle für ebenfalls umgebettete tote Körper aus anderen bayerischen KZ-Friedhöfen genutzt. Das vom Gemeinderat abgelehnte Reinigen der Leichen vor Ort übernahmen auch Einheimische, die als „Knochenwäscher“ gut entlohnt wurden.

Obwohl im oben genannten Staatsvertrag vereinbart wurde, dass die Wetterfelder Anlage mit Kreuz und den zwei dazugehörenden Gedenktafeln am ursprünglichen Ort und dauerhaft als Mahnmal erhalten bleiben soll, verlegte man dieses. Derzeit verläuft die verbreitete Bundesstraße 85 über das damalige Areal.

Errichtung und Verlegung des Mahnmals

Schon bald nach der Auflösung des Friedhofs und Umwandlung in ein Mahnmal bemühte sich die Wetterfelder Gemeinde, das zugrunde liegende Grundstück vom Eigentümer, dem Freistaat Bayern, zu erwerben. Aus einem Schreiben vom 24. Januar 1958 geht hervor, dass man das Mahnmal verlegen und stattdessen eine Schulturnhalle mit Sportplatz errichten wolle. Erst nach mehreren Anläufen und der Vorgabe einen gemeindlichen Friedhof errichten zu wollen, stimmte die damals zuständige Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen im Grunde zu und trat in die Verkaufsverhandlungen ein.

Derzeitiges Mahnmal – seit 1973 auf der Anhöhe. Foto: Werner

Derzeitiges Mahnmal – seit 1973 auf der Anhöhe. Foto: Werner

Allerdings formulierte man dafür auch Bedingungen. Unter anderem müsse ein Hinweisschild an der B85 den Weg zum neuen Standort zeigen und am Mahnmal selbst eine zusätzliche Informationstafel darauf hinweisen, „daß die Toten nach Flossenbürg umgebettet worden sind.“ So das Schreiben der Verwaltungsbehörde vom 7. April 1960. Weder ein Sportplatz noch ein gemeindlicher Friedhof wurden nach der Verlegung errichtet. Letzterer stieß bei der Bevölkerung wegen der Nutzung des Areals als KZ-Friedhof weithin auf grundsätzliche Ablehnung. Der vereinbarte Hinweis auf die Umbettung der Toten nach Flossenbürg wurde erst 1962 mit einer dritten Tafel angebracht. Ein Jahr nachdem Wetterfeld im Jahre 1972 nach Roding eingemeindet wurde, verlegte man das Kreuz und die drei hölzernen Tafeln auf eine nahegelegene bewaldete Anhöhe – am Ende der um 1950 entstandenen Wetterfelder Siedlung. Dort wurde das Mahnmal vier Jahre später geschändet. Die abgefackelten Holztafeln wurden daraufhin ersetzt.

Verwirrendes Gedenken ohne Namen?

Die wenigen dort angebotenen Informationen sind eher verwirrend. Auf der linken Tafel können Interessierte die christlich-dominanten Worte lesen:

„600 KZ-HÄFTLINGE ANGEHÖRIGE VIELER NATIONEN RUHEN HIER OPFFER DER SS VIVENT IN CHRISTO“. 

Die mittlere Tafel kommentiert diesen anachronistischen Sachverhalt unrichtig. Dort heiß es irreführend:

„DIE EHEMALS HIER BESTATTETEN 567 KZ-HÄFTLINGE WURDEN IM JAHER 1957 IN DEN EHRENFRIEDHOF FLOSSENBÜRG UMGEBETTET“. 

Die Gräber waren aber nicht „hier“, sondern an der Bundesstraße. Darüber hinaus sind die unterschiedlichen Zahlenangaben – einmal 600 und andermal 567 Häftlinge – völlig unverständlich.

Auf der rechten heißt es eher kryptisch:

„IM LANDKREIS RODING BEIM TODESMARSCH VON FLOSSENBÜRG NACH WETTERFELD IM APRIL 1945“.

In Wetterfeld gibt es also ein vierteiliges Mahnmal, das unverständlich bleibt und widersprüchliche Zahlen aufweist; eine nicht greifbare Gedenkanlage, die zuvor an einem anderen Ort stand, aber aus einem aufgelösten KZ-Ehrenfriedhof mit landesweiter Bedeutung hervorgegangen ist, ohne dass dies thematisiert wird.

Was am Wetterfelder Mahnmal jedenfalls fehlt, ist ein Hinweis, dass der eigentliche Friedhof etwa 400 Meter nördlich an der Bundesstraße gelegen hat. Würde es die Stadt Roding seinen Besuchern und Einwohnern leichter machen und die historischen Hintergründe verständlich vermitteln wollen, böte sich eine Informationstafel an, wie sie im benachbarten KZ-Ehrenfriedhof von Neunburg von Wald errichtet wurde. Dort wird die Geschichte der Todesmärsche aus dem Konzentrationslager Flossenbürg und des dortigen Friedhofs kurz, angemessen und verständlich erklärt. Der Text stammt von Mitarbeitern der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die seit 2013 sachlich auch für das Wetterfelder Mahnmal zuständig wäre.

Mit Errichtung des lückenhaften Gedenksteins von Anfang September für die im Gemeindehölzl Getöteten, die als erste auf dem Ehrenfriedhof bestattet worden waren, ohne dass dies irgendwo erwähnt wird, wurde die verwirrende und desolate Informationslage in Wetterfeld nicht aufgehoben, sondern eher verschlimmert. Es war überfällig und ist begrüßenswert, dass sich die Stadt Roding der Todesmärsche und ihrer Folgen als Teil ihrer Geschichte annimmt. Allerdings kann ein würdevolles Gedenken ohne Aufarbeitung und Kenntnisnahme der historischen Ereignisse nicht gelingen. Geht es der Stadt Roding um ein gebührendes Andenken für die Opfer des Todesmarsches, wird sie zumindest an der Nennung der Namen der in Roding und Wetterfeld getöteten KZ-Häftlinge nicht vorbeikommen. Der Weg zu einer integren Auseinandersetzung mit den NS-Tätern, ihren Unterstützern und Duldern in den Gemeinden wurde bislang noch nicht eingeschlagen.

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