Filmkritik zu "Tschick" von Fatih Akin

Gefangen im biederen Mainstream

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plakat-tschickDie Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Verkaufsschlager „Tschick“ reicht gerade mal zum Schmunzeln über zwei kleine Freaks.

von Flamingo (Maximilian Schäffer)

Fatih Akin (beliebte deutsche Aussprachepraxis: Irgendetwas zwischen „Vati Ahkihn“ und „Fattich Akking“ – am besten so, als hätte man eine Flasche des Heilwassers „Staatlich Fachingen“ zu schnell heruntergeschluckt) hat einen neuen Film gemacht. Lang erwartet war die Bearbeitung von Wolfgang Herrndorfs 2010 erschienenem Verkaufsschlager „Tschick“. Ein vielgepriesenes Buch, dem die Worte „Mut“, „Toleranz“ und „unkonventionell“ beinahe täglich auf die Segel geschrieben wurden.

Eben ein wahrer Seelenstreichler

Ganz Deutschland war stolz auf diesen mutigen, unkonventionellen Roman, der mit seinem Herz für Außenseiter und seiner mutigen, unkonventionellen Geschichte die Fesseln von Konvention und Intoleranz aufgesprengt hatte. Eine regelrechte Kampfansage an den drögen, deutschen Alltag, in dem immer mehr Kinder in Armut leben und eine rechte Schmuddelkindpartei monatlich neue Wahlerfolge feiern darf.

So ein Film oder Buch wie „Tschick“ kommt da gerade recht und ist eben ein wahrer Seelenstreichler für die positivoptimistische Oberschullehrerriege und den großen Haufen der Mitte-Links-Politiker. So wollen wir Deutschland: tolerant, mutig, weltoffen.

Roadmovie übers Erwachsenwerden?

Aber worum geht es also bei „Tschick“, dem Heilsbringer des Sommerlochs 2016? Ein ungewöhnliches Knabenpaar begegnet sich in der Schule, in der beide Sonderlinge und Außenseiter sind. Da ist zum einen Maik, Sohn einer saufenden Mutter und eines mid-life-kriselnden Vaters, der in den dörfisch-urbanen Weiten von Marzahn-Hellersdorf in einem Musterhaus wohnt. Neu in die Schule kommt zum Anderen der russisch-jüdische Zigeunerwalache Tschick, der sich ständig besoffen, asozial, aber abgebrüht-überlässig durchs Leben schlägt.

Über Tschicks Familie erfahren wir weiter nichts, außer dass seine Frau Mama ihn, genau wie Maiks Mutter, 14 Jahre vor dem Geschehen auf die Welt gebracht hat. Eines schönes Sommertages kreuzt Tschick mit einem gestohlenen Lada Niva auf und los geht das Roadmovie übers Erwachsenwerden.

Gehetzte Nummernrevue

Großes Problem bei der Nummernrevue durchs ländliche Brandenburg ist besonders die allzu gehetzte Erzählweise. Tschick und Maik sind mal da, mal da, mal da, aber eigentlich ist jeder Schauplatz herzlich egal. Manchmal funktionieren die fremdartigen Begegnungen als kurze, lehrreiche Gleichung, doch meistens kommt einfach nur irgendeine Absurdität in die Geschichte, die weder für Aufsehen, noch Tiefgang sorgt. Der „Adel auf dem Radel“ verfehlt sein komisches Moment komplett, die mysteriöse „Isi“ bleibt mysteriös und sonst nichts und eine sektenhafte Geniefamilie taucht für drei Minuten auf.

In lichten Momenten glaubt man die Qualität des Romans in Fatih Akins Verfilmung zu erkennen. Die beiden jugendlichen Hauptdarsteller liefern sich teilweise famos vorgetragene Dialoge, immer zwischen authentischer Teenie-Schnoddrigkeit und angedeutetem Tiefgang. Es gibt schöne Landschaftsaufnahmen und ab und zu zünden sogar bestimmte Gags.

So deutsch wie Graubrot und Jagdwurst

Leider ist „Tschick“ aber ein stinknormaler Film für stinknormale Menschen geworden: Genauso deutsch wie Graubrot und Jagdwurst. Die visuellen Effekte sind von Vorgestern (siehe „Matrix-Zeitlupen“), die ganze Ausgestaltung riecht nach „kleinem Fernsehspiel“ mit zu viel Budget und der Soundtrack könnte auch auf „Bayern 3“ laufen.

Was soll also diese Ballade übers Außenseitersein, die sich am liebsten zum Interview ins Frühstücksfernsehen setzen würde? Leichte Kost? Vorführmaterial für Klassenräume? Dass Akin das große Kino kann, ist kein Geheimnis („Gegen die Wand“). Hier aber wirkt es, als wäre „Tschick“ tatsächlich nicht mehr als ein letzter Gefallen für seinen Freund Herrndorf gewesen.

Armer „Tschick“…

Dabei ist es schade, denn Vorlage wie Darsteller und Regisseur hätten das Potenzial zum ganz großen Coming-Of-Age-Wurf gehabt. Wo gibt es schon einen schwulen Badboy als Kinderstar, der im Plattenbau wohnt und trotz Autodiebstahl das Herz einer ganzen Generation erweichen kann? So aber reicht es gerade für ein kleines Schmunzeln über zwei kleine Freaks.

Ein Film der sich dermaßen penetrant vornimmt, die Vielfalt zu feiern und dabei ein bisschen politisch inkorrekt zu sein, dass er gar nicht mehr merkt, wie sehr er zu jeder Sekunde in seinem biederen Mainstream gefangen ist. Armer „Tschick“ – wurdest reintegriert und resozialisiert.

2 Flamingos von 5

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Kommentare (7)

  • Tschikeria

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    hab mir „Tschick“ mal als Hörbuch ausgeliehen . Zugegeben: so recht überzeugt, hat es mich auch nicht. Schob allerdings die Schuld eher auf mein fortgeschrittenes Alter. So manche Bücher, TV Serien, etc.. die mich als Kind / Jugendlicher faszinierten, entpuppten sich im fortgeschrittenen Alter als berechenbar und platt.

    Ein Werk jedoch , dass so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird, ist Herrndorf „Arbeit und Struktur“ – im Blogstil gehaltene Tagebucheinträge des Autors über den Umgang mit seiner Erkrankung ( Glioblastom Multiforme 4° ) , beginnend bei der Einlieferung in die Psych im Pinguinkostüm.

    Wer sich traut, die authentischen, tiefgehenden Erfahrungen, die der Autor schonungslos mit der Internetgemeinde teilt, nachzuerleben, wird ( zumindest gehts mir dabei so.. ) entgegen aller Befürchtungen nicht mit einer satten Depression, sondern mit dem größten Schatz des Lebens, dem Bewußstein wie kostbar, einzigartig und kurzlastig das Leben ist, belohnt.

    http://www.wolfgang-herrndorf.de/2010/04/daemmerung/

  • Ronja

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    ich stimme Ihrer Kritik nicht zu. Tschick ist ein wunderbarer Film. Ein wunderbarer Film vor allem für Jugendliche. Es ist nicht der Film der an „Graubrot und Jagdwurst“ erinnert. Es ist diese Art von Kritik – die alles niederschreiben muss was „mainstream“ oder „pop“ verdaechtig erscheint – die mir dummdeutsch & dooflinks kommt. Einfach mal zuruecklehnen und geniessen Herr Kritiker.

  • Bruder Berthold

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    »mit seinem Herz für Außenseiter …«
    Außenseiter werden in diesem Land nur zwischen zwei Buchdeckeln mit strahlenden Augen aufgenommen.
    Im richtigen Leben bleiben sie es einfach. Unbeachtet von den Millionen Buchaußenseiterliebhabern. Insofern … alles nur Fassade.

  • Flamingo

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    Liebe Ronja,

    ich lehne mich gerne zurück und genieße.
    Ich bin gar nicht besonders links.
    Ich mag billige Popfilmchen sehr gerne. Aber nicht von deutschen Kulturkunstfilmförderfonds auf Kassemachen getrimmt, inklusive Lehrerpathos.
    Dann lieber von Mickey Mouse und den Dollarzeichen. Da kann ich mir die Subversion wenigstens noch selbst aussuchen.

    LG
    Flamingo

  • Angelika

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    Ich lese regensburg-digital regelmäßig und bin auch aufrichtig froh darüber, dass es die Seite im ansonsten meinungsarmen Regensburg gibt. Was mich allerdings immer wieder ärgert: Die Texte mancher Autoren sind mitunter genauso schlampig hingerotzt wie die vom vielgerügten Wochenblatt-Kollegen: Ein Buch, dem was auf die Segel geschrieben wird und eine unkonventionelle Geschichte, die die Fesseln von Konvention aufsprengt (um nur mal zwei Beispiele aus dem ersten Drittel herauszugreifen) – WTF? Kann man solchen Schwurbel nicht wenigstens ansatzweise redigieren, bevor man ihn online stellt? Gerade eine Film-, Buch, Wasauchimmer-Kritik, die sich immerhin anmaßt, die Arbeit eines anderen zu beurteilen, sollte sich in ihrer handwerklichen Qualität vom Niveau eines Schulaufsatzes abheben.

  • Flamingo

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    Hallo Angelika,

    dass insbesondere der erste Teil assoziativ mit diesen blümeranten Übertreibungen der Öffentlichkeit und der omnipräsenten Phrasendrescherei spielt, scheint Ihnen entgangen zu sein.
    Insofern Sie entpersonalisierte Kritiken mit pseudo-kulturwissenschaftlichem Anspruch erwarten, sollten Sie die Meinigen nicht mehr lesen.
    Aber, dass sie mir unterstellen, ich würde schlampig hinrotzen – da muss ich Sie selbst zitieren: „WTF?“

    Flamingo

  • Angelika

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    Hallo Flamingo,

    leider habe ich Ihre Antwort eben erst gelesen. Wie Sie aus meinem Kommentar herauslesen können, ich würde „entpersonalisierte Kritiken mit pseudo-kulturwissenschaftlichem Anspruch erwarten“ ist mir ehrlich gesagt schleieferhaft. Meine Kritik bezog sich allein auf die handwerkliche Qualität des Textes. Aber, wie ich ja nun erfahren habe, stellen die sprachlichen Schnitzer ein assoziatives Spiel mit den Übertreibungen der Öffentlichkeit dar. Das ist mir tatsächlich entgangen – ob zu meinem Leidwesen oder nicht, lasse ich mal dahingestellt :-D

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