CSU-Talk in Lappersdorf

Klartext: Einheitsfront wider die Komplexität

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Der CSU-Generalsekretär mimt den Talkmaster und bittet zwei „Turbodurchstarter mit Klartextgarantie“ zum Gespräch. Die Chefredakteurin der Bild-Zeitung, Tanit Koch und den österreichischen Außenminister, Sebastian Kurz (ÖVP). Das Thema des Abends lautet (natürlich): „Klartext in Zeiten von Krisen und Terror – was macht unsere Welt wieder sicherer?“.

Bild-Chefin Koch, Talkmaster Scheuer und Außenminister Kurz bei der Diskussion. Foto: om

Bild-Chefin Koch, Talkmaster Scheuer und Außenminister Kurz bei der Diskussion. Foto: om

 

„Klartext“ – eine leere Floskel

„Klartext“. Seit geraumer Zeit schon hat CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer dieses Mantra für sich gepachtet. Insbesondere in den sozialen Medien benutzt es Scheuer gerne und rege und unterstellt damit zugleich auch, er und die CSU würden Klartext reden, während andere eben dies nicht täten. Dabei ist die Rede von „Klartext“ selbst bloß eine rhetorische Floskel und begriffliche Leerformel und gibt eine vermeintliche Enttabuisierung vorgeblich unerlaubter Aussagen vor. Auf den Begriff „Klartext“ folgt bei Scheuer meist so etwas wie „Obergrenze“, „Ausländermaut“, „Leitkultur“, „Asylurlauber“, „linke Republik“ oder „gesunder Patriotismus“.

„Klartext“ ist ein verbales Instrument des inszenierten Tabubruchs. Ein semantischer Trick, der allgemeingültige Wahrheiten suggeriert, aber nichts anderes ist als die Modifikation des empörten „das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Nach dem Motto: Wir trauen uns, was sich die feigen anderen nicht trauen! Wir nennen die Dinge noch beim Namen! Wir sind schon so richtige Hund’!

Aus Scheuers Klartextsammlung. Fotos: Facebook / Montage: om.

Aus Scheuers Klartextsammlung. Fotos: Facebook / Montage: om.

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Wer diese Selbsteinschätzung und -überzeugung hat, kann, wie Andreas Scheuer, mit einer regelrecht zur Schau gestellten Lässigkeit ein eigenes Talk-Format ausrichten wie an diesem Dienstagabend. „Andreas Scheuer – Guest & Friends“ heißt der Talk, der seit zwei Jahren in unterschiedlichen bayerischen Städten veranstaltet wird und diesmal im vollbesetzten Aurelium in Lappersdorf gastierte.

Das Format ist eine gediegenere Variante des Bierzelts, eine Art Kamingespräch „powered by CSU“, wie es ganz anti-leitkulturell heißt. Überall kleben Plakate und hängen Banner mit den Initialen und/oder der Unterschrift Scheuers, das Licht im Foyer schimmert bayerisch-bläulich, die urban, trendy und modern imitierte Lounge-Atmosphäre durchströmt der Geruch von warmem Leberkäse. Es gibt CSU-Festivalbändchen und „AS“-Buttons.

Ein Scheuer von Weltrang

Scheuer fühlt sich laut eigener Auskunft wohl in der Region Regensburg, schließlich würden hier Klartext-Sätze geäußert, die „Weltrang“ haben. Ohne es eigens zu erwähnen, spielt er damit auf den von ihm kürzlich im Presseclub Regensburg geäußerten und im Nachgang vielfach kritisierten Satz vom „Fußball spielenden, ministrierenden Senegalesen“ an. Einen kräftigen Applaus hat er damit sicher. Klartext eben.

Mit eigenen Redebeiträgen hält sich der Generalsekretär insgesamt sehr zurück, wenngleich er sich hier und da doch bemüßigt fühlt, eigene Positionen einzustreuen. Ansonsten zeigt er ernsthaftes Interesse seinen Gästen zuzuhören. Vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil er nicht viel Dissens zu befürchten hat. Und in der Tat gibt es diesen so gut wie nicht.

Bild-Chefredakteurin Koch auf CSU-Linie

Tanit Koch etwa spricht, auf die Frage wie viel Klartext die Gesellschaft vertrage, von einer „hypersensiblen Konsensgesellschaft“ in der wir zu lange gelebt hätten oder von einem massiven Problem mit Menschen, die „aus einem Kulturkreis“ kämen, „in dem bestimmte Werte nichts gelten oder die zumindest nicht unserer Werte“ seien. Die Silvesternacht in Köln hält sie für „ein absolutes Novum in der deutschen Geschichte“ und „normale Menschen“ fühlten sich ihrer Aussage nach „nicht ernst genommen in ihren Sorgen“.

Auch wenn sie jederzeit überaus eloquent auftritt und sich darin vom Gastgeber abhebt, klingt sie geradezu wie eine Apologetin der CSU-Integrationspolitik und macht deshalb ein korrigierendes Einschreiten Scheuers in seinem Sinne überflüssig. Es läuft.

Und wenn sie sich später auch für ein Verschleierungsverbot ausspricht, quittiert von Applaus konstatiert, dass in Bayern so vieles besser funktioniere als in vielen Teilen der Republik und der Ansicht ist, dass das Thema „Leitkultur“ zu lange „unterdrückt“ worden sei, erlebt Scheuer sichtlich mehr als bloß einen inneren CSU-Parteitag: „Ich glaube, dieses Plädoyer hat sehr sehr gut getan, danke dafür.“

Das Aurelium in Lappersdorf war voll. Foto: om

Das Aurelium in Lappersdorf war voll. Foto: om

Kurz: Medien sind teilweise selbst schuld an Glaubwürdigkeitsverlusten

Auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Medien, antwortet Sebastian Kurz, ebenfalls äußerst beredt, dass zumindest viele österreichische Medien selbige eingebüßt hätten und daran teilweise selbst schuld seien, weil sie gerade in der Flüchtlingspolitik zu anwaltschaftlich agiert hätten, wodurch der Eindruck entstanden sei, sie seien parteiisch. Grundsätzlich sei aber die Vielfalt in den Medien Garant für Glaubwürdigkeit.

Darin, dass diese Glaubwürdigkeit wiederum mit „Klartext“ zusammenhänge, war sich das komplette Podium einig und dem Applaus zufolge auch mit vielen im Publikum. Komplizierte Sprache, das Schönreden von Dingen und das Führen vermeintlich abstrakter Debatten seien ursächlich für den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien.

Komplexität ist schlecht – Klartext ist gut

So trifft es sich gut, dass die Bild-Zeitung, immerhin die größte Tageszeitung Europas, „der Komplexitätsreduktion“ diene, so Koch. Für Kurz wiederum ist das Problem eigentlich nicht, dass die Dinge zu kompliziert seien, sondern absichtlich kompliziert gesprochen würde.

Der erneute Applaus lässt vermuten, dass es sich wieder um Klartext handelt. Dass die Unterstellung, die Dinge, zumal die politischen, eigentlich viel einfacher seien, Unsinn ist, interessiert vermutlich die Wenigsten. Hauptsache der Unsinn wird im Klartext gesprochen. Kurz versteht es ohnehin den ganzen Abend lang das Publikum auf seine Seite zu ziehen.

Das gelingt ihm sowohl bei weniger offensichtlichen Themen wie dem Brexit als auch bei der die Diskussion ingesamt beherrschenden Asylthematik. So sei Kurz durchaus bereit Flüchtlinge aufzunehmen (zum Beispiel mittels Resettlement-Programmen), nicht jedoch welche „aus Italien zu übernehmen“. Es dürfe nicht sein, dass von Schleppern an Land gebrachte Flüchtlinge das Signal erhielten „jetzt habt ihr es geschafft.“ Vielmehr müsse das Ziel sein, dass Flüchtlinge die illegalen Wege gar nicht mehr auf sich nehmen. Insofern seien sowohl die Schließung der Balkan-Route als auch der Türkei-Deal begrüßenswert, weil sie die Migration reduzieren.

Nur „Friends“ auf dem Podium

Am Ende bleibt der Eindruck, dass bei „Andreas Scheuer – Guests & Friends“ in Lappersdorf tatsächlich eher nur „Friends“ auf dem Podium sitzen und sich weitgehend in trauter Einigkeit mit der CSU sehen. Insbesondere was das vorgebliche Verständnis für die Sorgen und Ängste der „normalen Menschen“ vor Überfremdung, Krisen und Komplexität haben. Das alles soll irgendwie mit „Klartext“ bekämpft werden.

Dass sich hierzu ausgerechnet zwei berufen fühlen, die absolut bruchlose Bilderbuchkarrieren vorweisen können und in ihrer Vortrags- und Argumentationsweise doch eher dem akademischen Duktus und weniger dem Stammtisch zugeneigt sind, ist zumindest ein bisschen verwunderlich und das Klartext-Gehabe wider die Komplexität scheint eher Kalkül zu sein. Die eine möchte Zeitungen verkaufen, der andere gewählt werden. Vielleicht sind die Dinge manchmal doch so einfach. Gell, Scheuer Andi?!

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Kommentare (8)

  • joey

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    „Vielmehr müsse das Ziel sein, dass Flüchtlinge die illegalen Wege gar nicht mehr auf sich nehmen“
    Das heißt im Klartext: Asyl ist aus. Legale Wege gibt’s nicht mehr.

    Zahlen zum Bevölkerungswachstum in Afrika machen jede Humanität zur Theorie. Bestenfalls Placebo hat in Pfarrhäusern und Heimen Platz, damit sich Gutmenschen auf der richtigen Seite wähnen. Die wirklich Bedürftigen können den Preis für die Schlepper nicht zahlen.

    Wie man früher schon „Brot für die Welt“ ein paar Mark für gegeben hat, weil das Kind auf dem Plakat so schön schaut, beruhigt man sich heute mit Scheinhilfe. Merkel reist soeben durch Afrika, um Korrupten Geld zu geben, damit die jemanden zurücknehmen. Das ist das Gegenteil von „Fluchtursachen bekämpfen“, das ist nur „Flucht bekämpfen“.

    Kurz ist der einzige, der überhaupt was Konkretes sagt. Klartext aber darf niemand abgeben, der Shitstorm wäre ihm sicher. Damit züchtet man nur die Parias, also Rechtsextremisten, zu denen man mittels Ausgrenzung demokratisch konservative Bürger alternativlos zutreibt. Kurz kennt sich in Österreich damit aus, die CSU hat mächtige Angst davor und Merkel sitzt es aus, macht inzwischen ihre rückgratlose Politik (egal was, Hauptsache ich) und überläßt Steinmeier wirkungslose Appelle an „die Kriegsparteien“, vielleicht wird er so ja Bundespräsident.

  • Roland Hornung

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    Beim ersten Lesen des Artikels hatte ich dies für eine Satire gehalten. Doch leider scheint diese Geschichte wahr zu sein. Handelte es sich hierbei eigentlich um die erste Fusions- Verhandlung von CSU und AfD?

  • mkveits

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    Wimmer hören und sehen! Die Aussagen des Ex-CDU-Staatssekretärs sind klar und machen die Komplexität verständlich

    Von „Klartext-Gehabe wider die Komplexität“ schreibt r-d.

    Eine klare Rede, um uns die Komplexität auch hinter den Freihandelsverträgen, den Unternehmungen der NATO, den zugerichteten Staaten samt Millionen Geflüchteten
    verständlich zu machen, konnte man in Lappersdorf nicht hören.

    Insoweit kann ich aber aktuell auf den ehemaligen CDU-Staatssekretär Willy Wimmer verweisen, dessen Interview ich nachfolgend verlinkt habe. Mich würde interessieren, was Herr Scheuer zu dessen Erklärungen sagen würde.

    Nehmen Sie sich die Zeit, das Interview ist ein Augenöffner und offenbart gleichzeitig, wie durch Abende wie in Lappersdorf, der Bürger nur abgelenkt werden soll.

    https://kenfm.de/kenfm-im-gespraech-mit-willy-wimmer-die-akte-moskau/

  • MiReg

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    @ „joey“
    Bisweilen möchte ich Ihnen fast zustimmen. Doch da Sie in Ihren Postings ständig wiederholend das Unwort „Gutmensch“ strapazieren, für Ihre Einstellung charakterisieren, lassen Sie Ihre Distanzlosigkeit zum braunen Pack vermuten. Vielleicht geht es auch etwas reflektierter?

  • joey

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    @MiReg
    ich persönlich kritisiere alle die, die sich für was besseres halten, egal warum: wegen Arier, Teutsche, … irgendeine Religion, … oder gar selbstgefällige Linksheit. Distanz brauche ich nicht, ich traue mich auch in den schreibenden Nahkampf.
    Da kommen sicher auch mal Fehler vor, ich bin nicht der Papst. Aber auch nicht irgendein Pack, das ist Ihnen sicherlich klar.

    „Klartext“ hat da einen Markt, wo zu viele Unworte definiert werden. Ja, der Begriff Gutmensch ist recht unscharf. Synonyme aber sind nicht recht viel besser.

    Mir persönlich sind Vernunftmenschen am Liebsten, die machen die Welt vielleicht „in der Tat“ besser als die Gutmenschen. Humanität und sozialer Ausgleich zähle ich da zur Vernunft, aber auch Mathematik … und zumindest Kenntnisnahme anderer Meinungen (Kollektivintelligenz).

  • Lothgaßler

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    Komplexe Probleme müssen in verständliche und beherrschbare (also einfachere) Aufgaben zerlegt werden. Dieses Prinzip ist uralt und hat sich bewährt.
    Auch Politik behandelt komplexe Probleme und muss deren Lösung öffentlich legitimieren. Klartext wäre also schon nötig, aber dann macht das bitte auch! Die wortreiche Tarnung politischer Absichten ist Teil der Politikverdrossenheit: Öffentliche Rede gegen vertrauliche Absprachen, öffentliches Erstaunen und öffentliche Empörgung vs. laufen lassen im Hintergrund, Einfluss der Öffentlichkeit vs. Politikberatung durch Thinktanks.
    Klar ist, wir in Europa könnten etwas tun, um in Afrika und im Nahen Osten das Leben der Menschen zu verbessern. Dazu müssten wir als Europa fairen Handel realisieren und schädliche Investitionen (z.B. Ausfuhrsubventionen für europäische Überproduktion) einkassieren. Engstirnige wirtschaftliche und „geostrategische“ Interessen müssten hintangestellt werden. Dazu wird es aber nicht kommen, auch weil Europa selbst sich intern nicht einig ist und nicht gleichermaßen entwickelt. Stattdessen sucht Europa – oder sind es nur einige wenige Politiker? – nun in Afrika und anderswo nach „Partnern“ zur Unterbindung der als unerwünscht erachteten Migration. Ein schmutziges Geschäft, und es wird nicht funktionieren!
    Wahr ist auch, dass der unfassbare Krieg in Syrien (und angrenzenden Regionen) nicht durch Worte beendet werden kann. Offenkundig wird in diesem Krieg vieles „aufgearbeitet“, was sich vor Ort nicht mehr anders aufarbeiten ließ. Die Kriegsparteien sind noch nicht erschöpft genug, um nach tragfähigen alternativen Lösungen zu suchen. Für uns erscheint auch die religiöse Komponente irrwitzig zu sein: Sunniten gegen Schiiten. Das erinnert doch sehr an den 30jährigen Krieg in den Jahren 1618-1648: Katholiken gegen Protestanten. Andere kochen ihre geostrategischen Süppchen. Die UNO versagt hier leider, auch Dank ihrer Veto-Klausel und Ohnmächtigkeit in der Durchsetzung ihrer Beschlüsse.

  • Bertl

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    @Lothgaßler… Ach wie gerne wuerde ich applaudieren, nur leider mangelt es mir hier an Haenden .. :-) Anstatt sich selbst durch „KLARTEXT“ und wichtiges „KLARSTELLEN“ zu beweihraeuchern, legen Sie tatsaechlich den Finger in die offenen Wunden! Beschreiben ein kollektives Problem, an dem jeder von uns sein Paeckchen mit sich traegt. Es ist voellig egal ob Gutmensch, Pack …. linker oder rechter Idiot!

    Ja sogar der viel beschworene Vernunftsmensch versagt beim finden von Loesungen. By the way… der Vernunftsmensch hatte auch die letzten 25 Jahre offensichtliches Auftrittsverbot. Gleiches gilt fuer aus den Bergschluchten Oesterreichs auferstandene Heilsbringer und aufgrund Waehlerschaftsverlustangst rechts gerutschte Volksparteien. ups… Bundeslandparteien. Im Rest Deutschlands existiert eine CSU naemlich nicht wirklich.

    Ist es im Grunde vielleicht so, dass es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch nie so einfach war, mit billigsten Mitteln Menschen vor einen Karren zu spannen? Klartext heisst in diesem Fall der breiten Masse Begriffe in den Meinungstrog zu schmeissen, mit denen wirklich jeder etwas anfangen kann. Meister dieser „billigsten Meinungsmacherei“ ist und bleibt eine BILD.

    Jetzt einmal die jeweilige politische Gesinnung ausser Acht lassend … Einmal die kraeftigen Klarwoerter… Unwoerter…aus solchen Showveranstaltungen entfernt… Was bleibt dann eigentlich noch uebrig? GENAU… ein klares und deutliches BLUB.

    Wenn es in unserer politischen Landschaft endlich einmal wieder darum geht Probleme zu loesen anstatt sie mit billigster Polemik in Waehlerstimmen umzuwandeln….(ALLE LAGER) dann sehe ich auch eine Moeglichkeit, die Thematik (wie von Lothgassler beschrieben) anzugehen.

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