Areva: Angst vor der Heuschrecke

Krise hin, Krise her. Areva T&D – ehemals Sachsenwerk – ist „ein Betrieb, wo’s läuft”, weiß Gerhard Pirner vom Vorstand der IG Metall Regensburg. Das Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Ausrüstern im Bereich Mittel- und Starkstrom. 500 Millionen Euro erwirtschaftete die Sparte des staatlichen französischen Atomkonzerns Areva im vergangenen Jahr – nach Steuern und trotz hoher Investitionen. Vor fünf Jahren kaufte Areva diesen Unternehmensteil für 950 Millionen vom Energieriesen Allstom. Heute hat die T&D einen Schätzwert zwischen 3,5 und 4,5 Milliarden Euro. „Hochrentabel”, sagt Pirner. Dass er den Marktwert des Unternehmens kennt liegt nicht zuletzt daran, dass die Sparte aktuell zum Verkauf steht. Zum sechsten Mal binnen 29 Jahren. Warum Areva „das Tafelsilber” verkaufen will, darüber können die Angestellte – angesichts des Schweigens des französische Staats – nur spekulieren. Der Staatskonzern will weiter im Atomgeschäft expandieren – das Geld soll unter anderem aus dem Verkauf der T&D kommen, wird kolportiert. Allerdings hat der Verkauf dieses Mal eine neue Qualität: „Das Unternehmen soll zerteilt werden”, so der Betriebsratsvorsitzende Karl Hofmann. Wenn es dazu komme seien nach einem Jahr alle betrieblichen Vereinbarungen hinfällig – Löhne können gedrückt, Mitarbeiter entlassen werden. „Das Unternehmen ist nach einer Zerteilung auch nicht mehr konkurrenzfähig. Wir sind ein Komplettanbieter.” Auch die potentiellen Käufer wecken nicht das Vertrauen der Gewerkschafter. Derzeit läuft der Bieterprozess. Mit dabei ist unter anderem ein chinesischer Investmentfonds. Branchenfremd. Das, was Franz Müntefering als vermutlich „Heuschrecke” bezeichnen würde. „Wir haben Angst davor, wie schon viele einst rentablen Betriebe finanziell ausgelutscht zu werden”, sagt Hofmann. Wir das Unternehmen zerteilt, gehe das umso einfacher. Der Verkauf sei völlig unnötig, befindet Pirner. „Es soll so bleiben wie es ist”, lautet sein Wunsch. Allerdings ist er nicht blauäugig: „Im Kapitalismus entscheidet der Unternehmer, was er mit seinem Eigentum macht.” Deshalb hat er zwei Forderungen, wenn schon verkauft wird: Die T&D soll nicht zerteilt werden, sondern ein Unternehmen bleiben. Zum zweiten müsse der Käufer vom Fach – sprich: ein Energie- oder Industrieunternehmen – sein. Sonst bestehe die Gefahr, dass nicht mehr wie bisher in Forschung und Weiterbildung investiert werde, um an der Spitze zu bleiben. „Wenn das passiert, ist das Unternehmen binnen kürzester Zeit am Ende.” Allerdings ließe sich schneller der Kaufpreis hereinholen, wenn nicht investiert und an den Mitarbeitern gespart wird. Zurück bliebe eine Industriebrache und ein Finanzfonds, der sich binnen weniger Jahre auf Kosten der Mitarbeiter gesund gestoßen hat. Um den Forderungen der Mitarbeiter Nachdruck zu verleihen, hat der Gesamtbetriebsrat der T&D für Dienstag zu einer Großkundgebung in Paris aufgerufen – dort, wo über die Zukunft der T&D entschieden wird. An verschiedenen Standorten in Deutschland wird zeitgleich (13.30 Uhr) für eine Stunde die Arbeit niedergelegt werden – auch in Regensburg. Pirner sieht das Ganze als Warnschuss. „Beachtet uns, dann könnt ihr in Ruhe weiter arbeiten”, lautet die Botschaft. In Regensburg sind rund 500 Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert. Pirner: „Die Produktion haben wir im Griff.”

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