Auf leisen Sohlen durch die Altstadt

Auch im August, wenn die Straßen Regensburgs vergleichsweise verwaist sind, sich eine gewisse Trägheit, ja Langeweile bei Bewohnern wie Besuchern breit macht und Taxi-Fahrer ebenso über weniger Geschäft klagen wie viele Gastronomen, geht er weiter – der mühselige Kampf gegen Lärm und Schmutz in der Altstadt. Kurz vor seinem Urlaub hat sich Sozialbürgermeister Joachim Wolbergs aufgemacht, um die Kampagne „Fair feiern“ („Leise ist sch…“, „Sauber bleiben“ etc.) in Kneipen, Wirtshäuser und Cafés zu tragen. Buchstäblich. Bewaffnet mit Plakaten, Postkarten und Tesa-Film, im Schlepptau Rechtsreferent Dr. Wolfgang Schörnig, Pressechefin Elisabeth Knott und ein Grüppchen von Medienvertretern besucht Wolbergs am frühen Donnerstagabend einige der 217 Lokale in der Regensburger Altstadt, um sie für die gute Sache zu gewinnen. „Mehr Rücksicht“, lautet das Credo. Wie weit die Vorstellungen auseinander gehen, ist im „Aktionsbündnis Altstadt“ auszumachen, wo gepeinigte Bewohner nach Sanktionen und verschärften Sperrzeitregelungen rufen und jüngere Teilnehmer den Bewohnern im Gegenzug raten, doch aufs Land zu ziehen, wenn es ihnen in der Altstadt zu laut sei. Das Konfliktpotential in Zahlen: In der Altstadt wohnen 13.000 Menschen. Auf der anderen Seite stehen rund 25.000 Studis, die dort gern mal einen trinken, dazu kommen haufenweise Auswärtige, die Regensburg für JunggesellInnen-Abschiede heimsuchen (was nicht nur die Bewohner nervt). Bevor man zu Sanktionen greift, soll es erst einmal „miteinander“ probiert werden, sagt Wolbergs. Dass die „Leise ist sch…“-Kampagne immer mal auf Hohn, Spott und Kritik trifft, ficht das Trio Wolbergs, Schörnig, Knott nicht an – im Gegenteil. „Das ‚leise‘ soll in die Köpfe“, sagt Schörnig. Und das funktioniere selbst bei den Spöttern. Erste Anlaufstation ist die „Galerie“ am Kohlenmarkt, wo der Tross freudig begrüßt wird. „Laut ist sch… – das kenn ich schon“, sagt der Geschäftsführer, während er zusammen mit dem Sozialbürgermeister das Plakat mit Baby-Motiv an der Eingangstüre befestigt. Die Postkarten werden pflichtschuldig an den Tischen verteilt. Ein weitgehend positiver Start, der in den folgenden Lokalen seine Fortsetzung findet. Ob in der Oberen Bachgasse, Hinter der Grieb oder in der Roten-Hahnen-Gasse – binnen kürzester Zeit hängt das schlafende Baby an diversen Eingangstüren. Die meisten Gastronomen kennen „den Wolli“ und der eine oder andere plaudert auch aus dem Nähkästchen; etwa davon, dass die Pflanzen am Freisitz zwei Mal jährlich „an Urinvergiftung eingehen“. Dem Manne kann übrigens geholfen werden: Im kommenden Jahr soll die „Fair feiern“-Kampagne auf die Wildbiesler ausgedehnt werden – Slogan und Plakatmotiv sind allerdings noch in der Mache. Nach seinem Urlaub will Wolbergs erneut durch die Kneipen gehen und nachschauen, ob die Plakate noch hängen. „Wenn nicht, dann mach ich das Ganze eben noch einmal“, sagt er. Mit Pressechefin Knott hat der Bürgermeister schon einen Deal vereinbart: Das nächste Mal will er nicht um 18, sondern erst um 23 Uhr starten. „Dann winkt noch ein Disco-Besuch“, freut sich Frau Knott, als sie dem Bürgermeister den Tesa-Film reicht.

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Kommentare (7)

  • Milan Fahrnholz

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    Mein Vorschlag für das wildpinkler design:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Manneken_Pis

    Der Slogan dazu: „BRUNZen ist DÄMLICH“!

    Und für all diejenigen die meinen am Donau Ufer ihr großes Geschäft verrichten zu müssen der Slogan:

    „Scheissen ist sch…“

  • Andreas

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    Die überzogene Lautstärke und das „Wildbieseln“ hat doch eine gemeinsame Usache: Alkoholkonsum. Nachdem man in preußischer Manier ein Rauchverbot eingefürt hat, wäre jetzt konsequenterweise ein Alkoholverbot durchzusetzen.

  • Christian

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    @ Andreas:

    Richtig – und dann verbieten wir auch noch Fußball und schon haben wir, wozu soziale Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Intoleranz nicht ausreichen, die träge Masse aufzurütteln: Revolution:-)

  • paul

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    ich bin der meinung ,das sich von seiten der stadt niemand überv wildbiesler aufregen kann, solange öffentliche toiletten am frühen abend gesclossen werden

  • StuhloderSessel

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    Mich stören die meisten Menschen irgendwie. Kann man die eigentlich verbieten? Oder zumindest dafür sorgen, dass die nicht in meiner Nähe auf- und ablaufen? ;-)

    Jetzt mal im Ernst:
    Sperrzeiten abschaffen (und damit den Um-1-Uhr-fliegen-alle-raus-und-treffen-sich-testosteronvergiftet-auf-der-Straße-Wahnsinn entzerren).
    Jugendzentren und betreute Freiräume flächendeckend und 24/7 installieren.
    Grün- und Freiflächen erhalten bzw. ausweiten.
    Städtische Initiativen, AnwohnerInnen und KünstlerInnen stützen/motivieren und vor allem Streetworker einstellen.
    Öffentliche Toiletten und Mülleimer anbringen (und die KollegInnen, die diese sauberhalten, anständig bezahlen).
    Generell autofreie Innenstadt anstreben.
    Kneipenanzahl sukzessive auf normales Maß anpendeln.
    Bezahlbaren Innenstadt-Wohnraum, wenn nötig gesetzlich, schaffen.

    Ach ja: nicht zur Bundeswehr gehen (Ausscheider!) nicht heiraten (Junggesellen) :-)

  • Tommy

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    Wollbergs stellt fest dass „natürlich auch die weggeworfenen Zigarettenstummel ein großes Problem sind“. (MZ)

    Oh, oh, der Mann braucht dringend Urlaub.

  • wastl

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    @Miilan Fahrnholz:

    was machst du denn wenn du abends am Rasenplatz bist und mal musst und das einzige öffentliche WC im Umkreis bereits zu ist?

    Beispiel Gassenfest: da waren jeden Abend noch hunderte Menschen im Bereich Donaumarkt/Rasenplatz/Ostengasse unterwegs. Der WC Container am Donaumarkt war das einzige öffentliche WC auf diesem Fest. Dennoch hat man dieses bereits vor 22:00 versperrt. Was also sollen dann die vielen Leute am Rasenpaltz tun? Die Bahn wurde mal rechtslräftig wegen Körperverletzung verurteilt weil in einem ICE alle WCs unbenutzbar waren und ein Fahrgast längere Zeit deswegen nicht austreten konnte.
    Sollte man dann vielleicht die Stadt wegen Körperverletzung belangen weil sie den Veranstalter nicht verpflichtet hat öffentliche WCs aufzustellen und das einzig vorhandene viel zu früh schloss?

    Auf der Dult gibt es übrigens das selbe Problem, auch dort werden die beiden öffentlichen WCs vor 22:00 geschlossen obwohl zumindest in den Festzelten noch bis 23:00 Betrieb ist.

    Will die Stadt hier den Nachtschichtzuschlag fürs Toilettenpersonal sparen?
    Und das auf Kosten der durch die genötigten Wildbiesler geschädigten Natur?

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