Mitläufer-Stellungnahme für Hans Herrmann

Chrobaks und Löfflers tendenziöse Parteinahme

Die Stellungnahme zu Nazi-Bürgermeister Hans Herrmann soll nach dem Wunsch von Oberbürgermeister Wolbergs Basis für „eine unvoreingenommene, offene Diskussion“ sein. Ein Faktencheck der Ausführungen von Stadtheimatpfleger Werner Chrobak und Professor Bernhard Löffler offenbart krasse Fehlstellen und eklatante Beschönigungen. Von Robert Werner

Herrmann 1959 FototstelleIm Juli 2013 legte das bayerische Kultusministerium einen Bericht über NS-belastete Namenspatrone bayerischer Schulen vor. Darin regte Minister Ludwig Spaenle bei der Stadt Regensburg und den Schulleitungen der nach Hans Herrmann benannten Grund- und Mittelschulen eine kritische Auseinandersetzung an. Spaenle, selber Historiker, geht offensichtlich davon aus, dass angesichts der Faktenlage Herrmann als Namensgeber aufgegeben werden sollte. Für die nun anstehende Diskussion bot sein Ministerium „Hilfestellung hinsichtlich der ggf. notwendigen Vermittlung weiterer Expertisen“ an. Dieses Angebot wurde allerdings, soweit bekannt, nicht in Anspruch genommen. Vielmehr betraute der einstige CSU-OB Hans Schaidinger Anfang März 2014 – eigenmächtig und kurz vor seiner Abdankung – seinen Stadtheimatpfleger und Historiker, Werner Chrobak, und den Professor für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg, Bernhard Löffler, mit einem Gutachten zu Hans Herrmann. Nach der von der bayerischen Staatsregierung Ende 1999 erzwungenen Umbenennung der Florian-Seidl-Straße wollte sich Schaidinger offenbar von Münchner Parteikollegen nicht mehr reinreden lassen.

Die daraus entstandene Stellungnahme liegt seit kurzem vor und „soll uns allen, ganz besonders der Schulfamilie, als Diskussionsgrundlage dienen“, wie sich der jetzige Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ausdrückt. : „Alle, die sich eine fundierte Meinung bilden wollen, können das anhand der wissenschaftlichen Stellungnahme tun“, so Wolbergs weiter.

Die Autoren der Stellungnahme, Chrobak und Löffler, sprechen indes ausdrücklich nicht von einem „Gutachten“, sondern einem vorläufigen und skizzenhaften Diskussionsbeitrag, der „mit Engagement und gewissenhaft verfasst“ sei. Gewissenhaft? Bereits nach dieser Anmerkung drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Liefern die Diskutanten denn auch Beiträge ab, denen es an Gewissenhaftigkeit und Engagement mangelt?

Tendenziöse Darstellung

Die Stärken der Stellungnahme liegen vor allem in dem schön geschriebenen biografischen Teil. Weitgehend sachlich und sehr ausführlich wird der Werdegang Herrmanns skizziert. Lückenhaft und tendenziös wird die Darstellung jedoch für die Zeit des Nationalsozialismus und die Jahre danach.

Trotz des angekündigten Versuches in der Causa Herrmann „den gegenwärtigen Kenntnisstand zu resümieren“, scheinen sich die Chrobak und Löffler von eben diesem Kenntnisstand systematisch ferngehalten zu haben. Jedenfalls blenden sie das wissenschaftliche Standardwerk über diese Zeit, die Dissertation von Helmut Halter (1990) mit dem Titel Stadt unterm Hakenkreuz – Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit (1994) , bei markanten Vorgängen wie der „Arisierung“ und für entscheidende Fragen aus. Dazu später mehr.

Darüber hinaus versäumen es die Autoren, die von Hans Herrmann entscheidend geprägte und zu verantwortende Kommunalpolitik in der NS-Zeit mit Blick auf die Betroffenen und Opfer des NS-Regimes zu schildern. Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube sprach angesichts dieser Vorgehensweise von „Larifari“.

Ernst Grube: „Wie kann man als Historiker nur so einen Larifari zusammenschreiben?“ Foto: as

Ernst Grube: „Wie kann man als Historiker nur so einen Larifari zusammenschreiben?“ Foto: as

Da die Autoren, die nach eigenen Angaben keine „tiefer gründenden Forschungen zum Thema“ Herrmann anstellten, kein fundiertes Gutachten vorlegen können, verstört diese tendenziöse und selektive Vorgehensweise ungemein. Dessen ungeachtet nehmen die Autoren für sich – sozusagen in einem Akt der idealisierenden Selbsterhöhung – die besondere Urteilsfähigkeit eines versierten Wissenschaftlers und Historikers in Anspruch.

Chrobak und Löffler haben aufs Ganze betrachtet ein schwammiges vergangenheitspolitisches Statement vorgelegt, das die Empfehlung des Kultusministers Spaenle nach Namensänderung der Hans-Herrmann-Schulen offenbar egalisieren soll. Hierzu werden die von Spaenle zugrundegelegten Kriterien für die Bewertung von NS-belasteten Namenspatronen schlicht ausgeblendet, statt diese zu thematisieren. An einem solchen Vorgehen wird deutlich, dass Chrobak und Löffler weder resümieren noch diskutieren, sondern eher Meinungsmache betreiben wollen. Dass die Autoren hierbei mit einem stark eingeschränkten Blickfeld agieren, zeigt sich unter anderem im arg konstruierten Schluss, wenn sie hinsichtlich der Namensgebung nur noch die Wahl zwischen Herrmann („Normalität eines komplizierten Lebens“) und einer fiktiven „Lichtgestalt“ offen lassen. Eine Schule, die nicht nach einer Person benannt ist, wie etwa die Grundschule Prüfening, scheint für sie undenkbar.

Bemerkenswerterweise vermeidet die pseudo-objektive Stellungnahme bis zuletzt eine konkrete Empfehlung für die Stadt und „Schulfamilie“, was der tiefere Sinn einer Stellungnahme gewesen wäre. Ebenso wenig haben Chrobak und Löffler die Problematik des nach Hans Herrmann benannten städtischen Parks aufgegriffen. Hier hätte der Stadtrat unabhängig von „Schulfamilie“ und Kultusministerium längst Akzente setzen können – was übrigens auch unter SPD-Oberbürgermeister Wolbergs bislang nicht geschah.

Selbstidealisierung

Die Stellungnahme verwendet viel Energie darauf, dem geneigten Leser ein idealisiertes Historiker-Bild vorzuzeichnen. Der Historiker verkörpere demnach das Gegenteil eines Staatsanwaltes. Er richte nicht, sondern versuche „stattdessen, historische Strukturen, Ereignisse und Personen möglichst in ihrer Zeitabhängigkeit zu erklären“. Was Historiker und somit unausgesprochen auch die Autoren selbst demnach sicher nicht machen, sei „historische Phänomene einfach nach dem aktuell gültigen Zeitgeist zu beurteilen oder auf das Brett der heutigen Formen erinnerungspolitischer Korrektheit zu spannen“. Zeitgeist und erinnerungspolitische Korrektheit, damit wollen Chrobak und Löffler offenbar nichts zu tun haben. Freilich ohne zu erläutern, was das für Hans Herrmann konkret heißen und für Umbenennungsdebatte in Regensburg bedeuten soll.

Auch Chrobak und Löffler dürfte indes nicht fremd sein, dass jede Idealisierung ihrerseits zeitgebunden ist. In der NS-Zeit etwa verklärten sich nicht wenige deutsche Historiker als Speerspitze der Wissenschaften. So auch der ehemalige Leiter der „Forschungsabteilung Judenfrage“ Wilhelm Grau, der mit seiner antisemitischen Arbeit zur Vertreibung der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde Regensburgs eine außergewöhnliche Nazi-Kariere startete. Grau – organisiert im katholischen Studentenverband Neudeutschland und im katholischen Akademiker-Bund Görres-Gesellschaft – sah es als seine Pflicht an, die „Mobilmachung der deutschen Wissenschaft auf dem Felde der Judenfrage“ mit antisemitischem Eifer voranzutreiben und als Historiker vorne wegzulaufen. Wilhelm Grau hat in Regenburg bleibende Spuren hinterlassen: In einer vom Stadtarchiv herausgegebenen Publikation von 2003 wurde er als seriöser Wissenschaftler dargestellt.

Spruchkammerlegenden als historische Wahrheit

Die Stellungnahme erzählt auf über drei Seiten jene Argumente und Erklärungen fleißig nach, die Parteigenossen und Unterstützer Herrmanns nach seiner Entfernung aus dem Amt durch die amerikanische Militärregierung 1945 abgeliefert haben. Obgleich die Autoren mit quellenkritischen Anmerkungen diverse Problematiken dieser sogenannten „Persilscheine“ andeuten, akzeptieren sie das letztlich von Herrmann selbst gezeichnete Bild. Den Ausschlag dafür gab laut den Autoren, dass die Erklärungen pro Herrmann „in bemerkenswerter Quantität aus ganz verschiedenen politischen oder weltanschaulichen Positionen heraus verfasst“ worden seien. Dass Herrmann als Teil einer Funktionselite beste Voraussetzung und reichlich Anlass für eine Vielzahl von „Persilscheinen“ aus unterschiedlichen Kreisen gehabt hat, ziehen die Autoren nicht wirklich in Betracht. So weiß man beispielsweise vom ähnlich gelagerten Fall des NS-Bürgermeister Otto Schottenheim, dass dieser seine Sekretärin mit vorgefertigten Erklärungen querbeet hausieren gehen und Unterschriften einfordern ließ. „Persilscheine“ von belasteten Personen waren eh wertlos.

Schrieb einen Persilschein für Herrmann: Bischof Michael Buchberger.

Schrieb einen Persilschein für Herrmann: Bischof Michael Buchberger.

Gemäß der damals gültigen Rechtslage wurde Herrmann im Spruchkammerprozess von 1946 trotz seiner vielen Empfehlungsschreiben und „Persilscheine“ als aktiver Nationalsozialist eingestuft. In dieser Verhandlung verteidigte sich Herrmann ernsthaft mit den Worten, er könne ruhigen Gewissens behaupten, dass er trotz der Mitgliedschaft in diversen Parteiorganisationen, dem Nationalsozialismus „nach Kräften aktiven Widerstand entgegengesetzt“ habe. Die Kammer folgte dem freilich nicht, wusste aber sehr wohl zu differenzieren.

Erst nach dem Rückzug der amerikanischen Kontrollinstanzen und dem Austausch der ehrenamtlichen Richter, sprich als Spruchkammerurteile von Herrmanns alt-neuen Parteigenossen am Münchener Kassationsgericht reihenweise wieder aufgehoben wurden, gelang es auch ihm, ab 1948 als „Mitläufer“ zu firmieren und daraufhin in den Genuss einer städtischen Pension zu kommen. Genau dies war Herrmanns damaliges Ziel und die Voraussetzung für seinen Wiedereinstieg in die Politik.

Die Spruchkammerprozesse mit ihren Urteilen jener Zeit gelten als Farce. Es dürfte es kaum einen Begriff geben, an dem mehr Lügen, Verdrehungen und Heuchelei hängen, als den durch sie geprägten und politisch motivierten: „Mitläufer“. Löffler und Chrobak hingegen übernehmen den fraglichen Begriff mit einigen folgenlosen Anmerkungen voll und ganz. In ihrer Schlussbemerkung erscheint ihnen Hans Herrmann „in der Tat als Musterbild des vielfach verbreiteten Mitläufers, allerdings eines in aktiver und im kommunalen Rahmen hoher Funktionsstellung befindlichen.“

„Mitläufer“-Stellungnahme

Herrmann war jedoch alles andere als ein „Mitläufer“, der aus Bequemlichkeit oder Überzeugung mit der Hakenkreuzfahne lief. Vielmehr befand er sich in höchsten Stellungen der Stadtverwaltung und der NSDAP (etwa als Revisor von mehreren Parteigliederungen). Er wandte seine ganze Kraft für den Aufbau und die Organisation der Nazi-Rüstungsmetropole Regensburg (Messerschmitt-Werke) auf – in Friedens- und Kriegszeiten. Ein Jahr vor Kriegsbeginn präsentierte er sich als nazirechtskundiger Bürgermeister auf Lebenszeit und wählte nach nationalsozialistischen Kriterien Personen für die „Schottenheim-Siedlung“ aus. Gerade im katholischen Milieu, dem er entstammte, dürfte er durch dieses Verhalten eine Vorbildfunktion gehabt und für viele Unterstützer und sympathisierende Zuschauer im NS-Regime gesorgt haben.

Auch im Privaten trat Herrmann ohne Not mit der Sprache des NS-Regimes auf. So unterzeichnete er beispielsweise im September 1941 einen Beileidsbrief an einen Parteigenossen, dessen Kind den „Heldentod“ gestorben war, mit „Bestens grüsst mit Heil Hitler! Ergebener“. Oder: im Dezember 1940 gratulierte er seinem ehemaligen Professor des Regensburger Lyzeums und Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rat Sebastian Killermann zum 70.Geburtstag „Mit den besten Grüssen und mit Heil Hitler bin ich ihr ergebener“; solche Details erfährt man bei Chrobak und Löffler freilich nicht. Dies würde ihr Bild von Herrmann, er sei Ansprechpartner für angeblich ideologisch resistente Katholiken gewesen, karikieren.

Porträt von Hans Herrmann im Regensburger Rathaus. Foto: Stadt Regensburg

Porträt von Hans Herrmann im Regensburger Rathaus. Foto: Stadt Regensburg

Mit Blick auf das mehrfache Wiederholen von nicht belegten Schutzbehauptungen Herrmanns aus den Spruchkammerverhandlungen (1946, 1947, 1948) durch Chrobak und Löffler kommt man nicht um die Feststellung hin, dass ihr Diskussionsbeitrag Teil eines in Regensburg weit verbreiteten Zeitgeistes ist, der die Handlungen des NS-Verwaltungstäters Hans Herrmann verharmlost oder normalisiert. Eines Zeitgeistes, der ihn als „Mitläufer“ sehen und hindrehen will. Chrobak und Löffler machen sich das Urteil von 1948 gegen Herrmann kommentarlos zu Eigen: Dieser zählt demnach zu jenen Personen, „die sich als Parteigenosse und Amtsträger tarnten, um Gutes zu wirken“. Diese Verharmlosung wird begleitet durch die Skizzierung eines arbeitssamen und verdienstvollen Funktionärs nach 1945. Dadurch wird der Fokus weggerückt vom NSDAP-Genossen und Unterstützer der SS hin zum selbstlosen Pflegevater von Waisenkindern, zum gläubigen Kirchgänger und verzichtsfreudigen Asketen. Kurz gesagt: Das Blickfeld wird verengt auf die angeblich „durchaus beachtenswerte Lebensleistung“, die die Stellungnahme extra herausarbeiten und betonen will.

Für die aktuelle Debatte um Herrmanns Eignung als Namenspatron ist aber nicht ausschlaggebend, ob er ein „guter“ oder „schlechter“ Mensch war, ob seine Lebensleistung groß oder klein taxiert wird. Sondern: primär, wie sein Verhalten im Nationalsozialismus zu bewerten ist. Dies setzt allerdings eine weitreichende und vorbehaltlose Kenntnisnahme von Herrmanns Handeln im gegebenen Kontext voraus.

Herrmann als Tröster von NS-Tätern

Nach dem Krieg handelte Herrmann ebenso unmissverständlich im Sinne des NS-Regimes und seiner Täter. Die Stellungnahme erwähnt zwar die Unterstützung von NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim, verschweigt aber die krassen Vorgänge um den ehemaligen NSDAP-Kreisleiter Wolfgang Weigert. Weigert galt seinerzeit als vorbestrafter NS-Verbrecher ohne Pensionsanspruch. Der Stadtrat wehrte daher entsprechende Anträge ab. Nur wenige Monate nach seiner Wahl zum OB im März 1952 ließ Herrmann Weigert eine „freiwillige Beihilfe“ von 300 DM zukommen – „zum geringen Trost“ seiner „schwierigen Lage“, wie Herrmann sich ausdrückte. Im Dezember 1952 teilte Herrmann Weigert freundlich mit, dass „der Stadtrat früher oder später doch eine mildere Beurteilung“ vornehmen werde, dies aber noch dauere. Herrmann sicherte weitere Unterstützung in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Innenministerium zu und schloss „Mit den besten Wünschen für Weihnachten und für das neue Jahr bin ich ergebener“. Bald darauf wurde Weigert 1953 in einem Wiederaufnahmeverfahren vom „Aktivisten“-Status herabgestuft und konnte somit eine Lehrerpension beziehen. Das städtische Personalamt stellte diese Zahlungen im Jahr 1956 wieder ein, nachdem die Verurteilung Weigerts von 1948/49 – wegen der Hinrichtungen von Johann Maier, Josef Zirkl und Michael Lottner vom 23/24.4.1945 und der Synagogen-Brandstiftung – aktenkundig geworden war. Auch dagegen ging Herrmann vor. Er setzte sich schließlich durch und die Stadt musste von 1957 bis zu Weigerts Tod 1974 für Unterhaltsleistungen aufkommen. Helmut Halter hat Herrmanns Rolle in der Causa Weigert eigens untersucht. Chrobak und Löffler haben das bezeichnenderweise nicht aufgriffen.

NSDAP-Kreisleiter Wolfgang Weigert koordniert die Deportationen nach Dachau.

NSDAP-Kreisleiter Wolfgang Weigert koordniert die Deportationen nach Dachau.

Löffler und Chrobak konnten bislang keine neuen Details von Relevanz präsentieren. Es geht ihnen offensichtlich ums rechte Bewerten, sprich ums erneute Befeuern des weitreichenden Regensburger „Mitläufer“-Zeitgeistes, der sogar den ehemaligen SS-General Schottenheim unter seine Fittiche nahm. Ein vergleichender Blick darauf ist sehr aufschlussreich.

Heimat-Legendenpflege: der SS-General als „Mitläufer“

Der ehemalige Nazi-OB Otto Schottenheim [http://www.regensburg-digital.de/ss-otto-schottenheim-als-retter-der-stadt/21072012/] wurde Ende Juni 1947 von der Lagerspruchkammer als „Hauptschuldiger“ zu sieben Jahren Arbeitslager und zehn Jahren Berufsverbot als Arzt verurteilt. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt, politische Betätigung untersagt. In der im August 1948 stattfindenden Verhandlung bewertete die Berufungskammer den ehemaligen SS/SA-Brigadeführer milder, woraufhin er als „Minderbelasteter“ aus der Haft entlassen wurde. Zwei Jahre später stufte ein Berufungsgericht Schottenheim noch weiter herab und entließ ihn 1950 als „Mitläufer“ wieder in die Gesellschaft.

Otto Schottenheim, Regensburger Bürgermeister von 1933 bis 1945, bei der Vorstellung des Modells der "Schottenheim-Siedlung". (links von Reichskanzler Adolf Hitler stehend). Quelle: Wikipedia

Otto Schottenheim, Regensburger Bürgermeister von 1933 bis 1945, bei der Vorstellung des Modells der „Schottenheim-Siedlung“. (links von Reichskanzler Adolf Hitler stehend). Quelle: Wikipedia

Nachdem der ehemalige Nazi-OB Otto Schottenheim am 2. September 1980 verstorben war, rühmte der amtierende Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher (CSU) dessen bleibende Verdienste, die jener „in einer schweren und dunklen Zeit Deutschlands“ erworben habe. Zeitgleich charakterisierte die städtische Pressestelle Schottenheim kurzerhand als „Mitläufer“, ohne von der vorherigen Verurteilung als „Hauptschuldigem“ zu sprechen. Die örtlichen Zeitungsmedien, Die Woche und die Mittelbayerische Zeitung verbreiteten dieses „Mitläufer“-Larifari am 4. September 1981 ebenso unverändert. Mit Schottenheims Verdienst ist vor allem sein fanatisches Engagement für den nationalsozialistischen Siedlungsbau gemeint, das laut Halter die angespannte Wohnungslage in der Stadt noch verschlechterte.

Bis in den Tod – Schottenheims „engster Mitarbeiter“

Für die Feierlichkeiten „25 Jahre Konradsiedlung“ luden die Vorstandschaft der Konradsiedlung e.V. und die „Festleitung der Siedlervereine“ den amtierenden Oberbürgermeister Hans Herrmann und seinen Vorgänger Otto Schottenheim als Ehrengäste ein. Schottenheim sagte unter der Bedingung zu, dass auch Herrmann teilnehme. Zur Eröffnung des „Siedlerfests“ vom 1. August 1959 – Schottenheim war krankheitsbedingt entschuldigt – enthüllte man in Anwesenheit der 25 ersten „Siedlungskinder“ am Gemeinschaftshaus eine Gedenktafel. Diese bezeichnet Herrmann zutreffend als „engsten Mitarbeiter“ Schottenheims und ehrt beide als Siedlungsgründer. Geradezu blasphemisch endet die Inschrift mit: „Gott gebe weiterhin seinen Segen“. Welcher Gott? Der, der Eisen wachsen ließ? Die Mittelbayerische Zeitung berichtete seinerzeit euphorisch über das Fest und lies sogar den abwesenden Schottenheim zu Wort kommen: Er habe die Nazi-Siedlung „ohne Hintergedanken aus dem Geist wirklicher Nächstenliebe“ gegründet.

Hans Herrmann beim Siedlerfest in der Konradsiedlung. Foto: Stadt Regensburg

Hans Herrmann beim Siedlerfest in der Konradsiedlung. Foto: Stadt Regensburg

Verständlicherweise regte sich seinerzeit Protest, der allerdings nicht an die Öffentlichkeit kam. Dass die Stadtführung mit Schottenheim einen „Synagogen-Brandstifter“ und einen Juden misshandelnden SS-Offizier mit einem „Siedlerfest“ und Gedenkstein ehren wollte, empörte seinerzeit die jüdische Gemeinde Regensburgs. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland forderte von Bürgermeister Herrmann ebenso eine Stellungnahme zu der unsäglichen Ehrung Schottenheims ein. Freilich blieb dies ohne Konsequenzen. Schottenheims engster Mitarbeiter ließ sich in seiner Treue bis zuletzt nicht beirren – knapp drei Wochen nach dem „Siedlerfest“ verstarb Hans Herrmann.

Wie tief Herrmann in das NS-Siedlungsprojekt verstrickt war, wusste die jüdische Gemeinde damals nicht. Neben Schottenheim war es vor allem der rechtskundige Bürgermeister Hans Herrmann, der bevorzugt seine braunen Volksgenossen als Siedler auswählte und Bewerber, die den „rassenhygienischen“ Anforderungen des Regimes nicht entsprochen haben sollen, nicht berücksichtigte. In einer Spruchkammer-Verhandlung wurde er damit konfrontiert. Die Stellungnahme von Chrobak und Löffler ist mit ihrer tendenziösen Perspektive nicht in der Lage oder nicht willens, dergleichen unvoreingenommen zu thematisieren und angemessen zu bewerten.

Die 1959 in der Konradsiedlung angebrachte Tafel für Herrmann und Schottenheim im Depot des Historischen Museums. Foto: privat

Die 1959 in der Konradsiedlung angebrachte Tafel für Herrmann und Schottenheim im Depot des Historischen Museums. Foto: privat

Obwohl die „Schottenheim-Siedlung“ ein Vorzeigeprojekt des NS-Rassestaates war, wurde sie seinerzeit auch von Bischof Buchberger „mit aufrichtiger Freude begrüßt“ und unterstützt. Heute firmiert sie in Regensburger Erzählungen immer noch unter „sozialer Wohnungsbau“, man spricht von einer „sozialen Siedlung am Stadtrand“. So auch der Heimatpfleger Werner Chrobak. Mit dieser ideologischen Prämisse meint er den SS-General Schottenheim in Vorträgen vor Schulklassen, als „Mann mit zwei Seiten“ charakterisieren und taxieren zu können. Ähnlich abenteuerliche Abwägungen betreiben die Diskutanten Chrobak und Löffler bei der Person Herrmann. Alles grau in Regensburg, nicht weiß nicht schwarz.

Fama: Herrmann als Bewahrer des Judenfriedhofs

Obschon die Stellungnahme anmerkt, dass man die herrmannfreundlichen Erklärungen und Legenden schwerlich überprüfen könne, führen Löffler und Chrobak solche reihenweise an. Unter dem Motto „Erinnert sei nur…“ können sie sich auf bislang nicht versiegte Gerüchte berufen. Eines davon besagt, es sei Herrmanns Verdienst, dass der jüdische Friedhof in der NS-Zeit nicht zerstört worden sei. Diese Behauptung geht auf Herrmann selbst zurück. Ohne genauere oder konkrete Angaben machen zu können, verteidigte er sich damit im Spruchkammerprozess – was Chrobak und Löffler freilich nicht erwähnen. Belege für Herrmanns Verdienste kann die Stellungnahme folglich auch nicht anführen, ebenso wenig überprüft sie die Behauptung, der Friedhof sei unzerstört geblieben. Die angeblich wissenschaftlich vorgehenden Diskutanten bleiben also wohlweislich auf der Ebene von Gerüchten und sind damit nicht allein.

Die vom Regensburger Stadtarchiv herausgegebene Monografie von Siegfried Wittmer Regensburger Juden – Jüdisches Leben von 1519 bis 1990 (1994) erwähnt Hans Herrmann nur einmal und zwar in Sachen Friedhof. Laut Wittmer, ein pensionierter Studiendirektor, sei es allein dank Herrmanns Widerstand nicht zu einer Zerstörung des jüdischen Friedhofs gekommen. Belege dafür kann auch er nicht liefern. Die Dissertation von Halter ignoriert Wittmer total, stattdessen gibt er einen „Amtsrat Eckl“ als Gewährsmann an, ohne zu erwähnen, dass dieser ein braunes Parteimitglied war. Wittmer nennt weitere bemerkenswerte Details. So führt er an, dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland im Oktober 1942 gezwungen wurde, „der Stadtverwaltung den Friedhof um 11.855,50 RM zum Kauf anzubieten“. Dass es Bürgermeister Herrmann war, der den daraufhin folgenden Kauf abwickelte und die jüdische Zwangslage auch dieses Mal sicherlich ausnutzte, verschweigt Wittmer geflissentlich.

Im Jahre 1943 – die Juden aus Regensburg waren längst verschleppt und vernichtet worden – wurden alle auf dem jüdischen Friedhof greifbaren Eisenmaterialien entfernt und der Rüstungsproduktion zugeführt. Wittmer gibt hierzu an, dass dies keinen „ästhetischen Verlust“ bedeutet habe. Diese Vorgänge als Schändung oder Entweihung des Friedhofs zu bewerten, kam ihm offenbar nicht in den Sinn.

Gerüchte werden zur Wahrheit

Ohne weitere Belege und sachlich falsch wiederholt auch Wittmer die Regensburger Gerüchte: „nach 1945 soll sich die jüdische Gemeinde für Hans Herrmann ‚eingesetzt‘ haben“ (S. 372). Als „Quelle“ für dieses soll eingesetzt haben dient Wittmer ein MZ-Artikel vom 26. Januar 1989 zum 100. Geburtstag Herrmanns. Darin gab der MZ-Autor (Helmut Emmeram Wanner) die Aussage eines Mitarbeiters des Stadtarchivs wieder, der 44 Jahre nach Kriegsende die Schutzbehauptungen Herrmanns ein weiteres Mal aufgefrischt hatte. Das Stadtarchiv, ein tendenziöser Studiendirektor und die Lokalzeitung bestärkten sich also wechselseitig in ihren „Mitläufer“-Erzählungen. Dies ist der gesellschaftliche Humus, auf dem Spruchkammerlegenden unermüdlich blühen.

In einem kürzlich geführten Telefonat bringt Wittmer den Kern der in Regensburg gängigen Erzählweise auf den Punkt: Hans Herrmann sei generell ein guter Mensch gewesen, der in schlechten Zeiten Schlimmeres verhindert habe. Einer, der in der NS-Diktatur nur zum Schein mitgemacht habe und aus Selbstschutz keinerlei Spuren seiner NS-Gegnerschaft hinterlassen durfte. Folglich gebe es auch keine Belege für diese Gegnerschaft.

Wie bei Wittmer findet sich auch in der Stellungnahme von Chrobak und Löffler ein gewisses Muster ihrer Vorgehensweise: nicht belegtes Entlastungsmaterial anhäufen und belegtes Belastungsmaterial verschweigen. So ist es unverzeihlich, dass die Autoren Chrobak und Löffler einerseits die wohlfeilen Legenden um Herrmann aufwärmen und andererseits die bereits erwähnte Studie von Helmut Halter (1994) im Grunde ignorieren. Zusammenfassend heißt es bei Halter nämlich, man werde „das überwiegend positive Urteil über Schottenheim und Herrmann, das in Regensburg verbreitet war und ist, relativieren müssen“ (S. 555). Seither sind über zwanzig Jahre folgenlos vergangen.

Um die Debatte um den Namenspatron Herrmann zu erweitern und zu konkretisieren, werden abschließend einige von Halter aufgearbeitete Beispiele für Herrmanns Verwaltungshandeln im Sinne und zum Aufbau des NS-Regimes wiedergegeben.

Zuarbeit für die Reichswerke

Im Zuge der Kriegsvorbereitungen planten und organisierten die Reichswerke Hermann-Göring 1937 einen enormen Ausbau der Stahlproduktion, bei der neben Eisenerz vor allem Koks, Kalk und Schamottesteine notwendig waren. Um diese Vorhaben zu realisieren, wurde in Buchtal bei Schwarzenfeld in der Oberpfalz ein hochmodernes Schamottewerk errichtet, das unter anderem die neuen Hochöfen zur Stahlproduktion in Linz ausstatten sollte. Der Kalk für Linz sollte aus Regensburg kommen. Die Eigentümer der florierenden Regensburger Kalkgrube, die jüdische Erbengemeinschaft Funk, wurden damals zum Zwangsverkauf genötigt und letztendlich mit zehn Prozent des tatsächlichen Werts der Kalkgrube abgespeist. Hans Herrmann war daran initiativ beteiligt, arbeitete den Reichswerken Hermann-Göring bei der „Arisierung“ der Kalkgrube und somit bei der Kriegsvorbereitung zu. Er übersandte den Reichswerken von sich aus Unterlagen über die komplexen Eigentumsverhältnisse (Halter, S. 188).

Der „Arisierungs“-Experte

Bei der „Arisierung“ von jüdischem Haus- Wohnungsbesitz um 1939 war „die Stadtverwaltung als Genehmigungsbehörde in jedem Einzelfall“ eingeschaltet, so Halter (S. 192). Beraubte und entmietete Juden und Jüdinnen, Kinder und Alte mussten daraufhin nach geltendem Recht von der Stadt in „Judenhäusern“ untergebracht werden. Die diesbezüglichen Rechtsverhältnisse waren äußerst schwierig zu handhaben – ein Fall für den nazirechtskundigen Hans Herrmann. Er entschied, welche „Wohnungen am geeignetsten zur Zusammenlegung jüdischer Familien“ sind. Herrmann ging es, überflüssig dies zu betonen, nicht um jüdische oder menschliche Bedürfnisse, sondern um die möglichst reibungsfreie Organisation dieser Vorgänge. Die Entrechtungs- und Konzentrationsprozesse der Juden in den Städten und Kommunen waren unentbehrliche Bestandteile des komplexen Vernichtungsprozesses – nicht nur in Regensburg.

Da jüdisches Eigentum begehrte Beute für „Arisierungsgewinnler“ war, musste Herrmann oftmals regulierend im Sinne des NS-Regimes eingreifen. So wollte er Mitte 1940 verhindern, dass „auch nur zeitweise ein Arier und ein Jude Miteigentümer des gleichen Anwesens sind“. Auch eine solche in Nazisprache formulierte Verkaufsverhinderung ging in der Regel zu Lasten der jüdischen Eigentümer. Im genannten Beispiel wurde der jüdische Anteil an der Greflingerstr. 5 bald darauf vom NS-Staat beschlagnahmt (S. 193). Mitte 1943 musste Herrmann Anfragen nach günstigen jüdischen Häusern abschlägig beantworten: „zunächst leider aussichtslos“, „arisiertes“ Eigentum wurde zu dieser Zeit nicht mehr verkauft. Nebenbei bemerkt: Kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangte, dass die Stadtverwaltung unter Herrmann ebenso von den „Arisierungen“ profitierte und beispielsweise ihre Amtsräume mit der Beute „einiger guter Bilder aus Judengut“ schmückte oder Ratskeller und Theater mit einstmals jüdischen Einrichtungsgegenständen ausstattete (S. 198).

Herrmann und die Englischen Fräulein

Entgegen der weit verbreiteten – von Chrobak und Löffler erneut aufgewärmten – Ansicht, Herrmann habe sich generell für die Interessen der katholischen Kirche eingesetzt, war er auch an Immobilien-Zwangsverkäufen von kirchlichen Einrichtungen beteiligt. Halter schildert dies ausführlich am Beispiel der Mädchen-Schule der Englischen Fräuleins, was die Stellungnahme ignoriert. Stattdessen heißt es bei Chrobak und Löffler, Herrmann habe sich „offenbar erfolgreich für die Selbständigkeit kirchlicher Einrichtungen eingesetzt“, etwa bei „dem Institut der Englischen Fräulein“. Die Einschränkung „offenbar“ bedeutet auch an dieser Stelle, dass es sich um eine wohlfeile Schutzbehauptung ohne Beleg handelt. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall.

Da zum Jahresende 1937 alle mittleren und höheren Klosterschulen samt Internate auf Anordnung des Bayerischen Kultusministerium geschlossen werden sollten, kam unter anderem das Institut der Englischen Fräuleins stark in wirtschaftliche Bedrängnis und verschuldete sich immer weiter. Der Schulbetrieb wurde schrittweise eingestellt, Schülerinnen blieben aus und Anfang 1939 übernahm die Stadt teilweise den Schulbetrieb. Während das zuständige Kultusministerium Anfang 1939 mit Enteignung drohte, verhandelte Herrmann mit dem Schul-Institut über den Aufkauf von zwei Gebäudetrakten. Unter diesen für ihn günstigen Bedingungen drückte Herrmann auch die Preisvorstellungen der Englischen Fräuleins, allerdings „nur“ um zwölf Prozent auf 745.000 Reichsmark. Schottenheim rühmte sich in diesem Zusammenhang Mitte 1939 gegenüber dem Gauleiter „eine wichtige und einschneidende Schwächung des kirchlichen Einflusses in der Stadt herbeigeführt“ zu haben (S. 207) – sein „engster Mitarbeiter“ Herrmann vollzog. Weitere Zwangsaufkäufe von klösterlichen Immobilien waren geplant.

Um mit Blick auf die öffentliche Meinung „den Eindruck eines rücksichtslosen Vorgehens zu vermeiden“, so Herrmann im März 1939, dachte er sich ein Trostpflaster aus. So kam es, dass die Stadt die Englischen Fräuleins bei der Suche nach einem landwirtschaftlichen Grundstück unterstützte. In seinem Entnazifizierungsprozess dankten sie es ihm mit einem „Persilschein“ – seitdem ist diese Legende im Umlauf.

Ausnutzen einer bedrängten Lage

Als letztes Beispiel sei der Zwangsverkauf einer Immobilie in einer begehrten Wohngegend erwähnt, in der übrigens mehrere Nazi-Größen wohnten, darunter der Kreisleiter Weigert und Gauinspektor Ganninger. Als der Zuckerwaren-Fabrikant Albert Levy (geb. 1861) kurz nach der Reichspogromnacht im November 1938 sein Grundstück in bester Lage zwischen Pfaffensteiner Hang und den Winzerer Höhen der Stadt zum Kauf anbot, „ließ sich Herrmann diese Gelegenheit nicht entgehen“ (Halter, S. 488). Als „Arisierungs“-Profi nutze Herrmann „die bedrängte Lage Levys aus und behielt entgegen früherer Zusagen die Wertzuwachssteuer auf dem Grundstückskauf ein“ (S. 489). Herrmann behauptete gegenüber Levy dreist, es handle sich bei dessen Anwesen um einen Inflationsverkauf. Vom städtischen Liegenschaftsamt anders lautend informiert, wusste der Bürgermeister jedoch um die tatsächlichen Verhältnisse. Ebenso war ihm durch dieses Amt bekannt, dass die jüdische Familie Levy in Geldnot war. Im März 1939 kam der Aufkauf zustande. Levy und seine Ehefrau Gertrud zogen daraufhin in die Spiegelgasse, später mussten sie im „jüdischen Altersheim“ in der Weißenburger Straße wohnen. Ende September 1942 wurden die Levys nach Theresienstadt deportiert, wo sie im selben Jahr starben. Ihre Tochter Fanny verübte zuvor Selbstmord. (Wittmer, S. 372)

Resümee

Mit Blick auf die genannten krassen Fehlstellen und eklatanten Beschönigungen bei Chrobak und Löffler kommt man nicht umhin, die Stellungnahme als tendenziöse Parteinahme zu betrachten. Gerade weil die Verfasser betont als seriöse Wissenschaftler auftreten, diskreditieren sie sich mit ihrer Vorgehensweise. Jedenfalls ist der augenscheinlich erinnerungspolitisch motivierte Diskussionsbeitrag von Löffler und Chrobak nicht geeignet für „eine unvoreingenommene, offene Diskussion“, wie OB Wolbergs sie sich angeblich wünscht.

Das Grab von Hans Herrmann auf dem oberen katholischen Friedhof. Foto: Archiv/ Werner

Das Grab von Hans Herrmann auf dem oberen katholischen Friedhof. Foto: Archiv/ Werner

Hans Herrmann als Parteigänger, SS-Unterstützer und höchster Funktionsträger in der Verwaltung einer NS-Rüstungsstadt hat sich immer im Sinne des NS-Regimes eingesetzt. Er war unter anderem an der kommunalen Umsetzung der Ausgrenzung, Entrechtung, Konzentration und Verschleppung der Regensburger Juden beteiligt. Selbst anlässlich der Zerschlagung von Klosterschulen war auf den „engsten Mitarbeiter“ des Nazi-Oberbürgermeisters Schottenheim Verlass. Das außergewöhnliche Duo Schottenheim-Herrmann bewährte sich nicht nur über die gesamte Nazi-Zeit. Herrmanns Treue gegenüber dem SS-General und anderen NS-Verbrechern blieb unerschüttert bis zu seinem Tod.

Als Vorbild und Namenspatron ist er nicht geeignet.

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Kommentare (34)

  • blauäugig

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    Ein OB hackt dem anderen kein Auge aus. Offenbar ist Wolbergs den bisherigen Amtsinhabern noch ähnlicher und verbundener als befürchtet.

  • Richard Heigl

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    Danke, Robert Werner, für die ausführliche Klarstellung.

  • Joey

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    Es wäre nicht das erste Mal, daß man noch Jahrzehnte später die juristischen „Versäumnisse“ der Nachkriegszeit ausbügeln muß, also wo liegt das Problem (der OBs)?

    Übrigens:
    Nur wenige Deutsche von heute haben die Geschichte ihrer eigenen Großeltern erforscht. Hier ein Tip: die „Deutsche Dienststelle (WASt)“ führt Akten über ehem. deutsche Militärangehörige, z.B. Wehrmacht und Waffen SS. Jeder kann die Einheiten seiner (!) Großväter ermitteln und anschließend mit den Kriegstagebüchern (militärgeschichtliches Forschungsamt) der jeweiligen Truppen eine Prognose zur NS Verwicklung aufstellen.

    Falls es jemand interessiert…

  • Mathilde Vietze

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    Dieser Kommentar ist eine Unverschämtheit! Nicht umsonst
    sagt der Volksmund, daß „das – unbegründete – Vorurteil die
    Intelligenz der Dummen“ sei. Man könnte sich dann aufregen,
    wenn Wolbergs sich einer Diskussion verweigern würde, nicht
    aber, wenn er eine solche ausdrücklich fordert.
    Aber, manche legen sich halt ihre Welt nach ihren Vorstellungen
    zurecht.

  • Monika Koch

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    Für uns Heutige ist besonders wichtig, wie die BRD sich all die Jahrzehnte gegenüber einerseits den Tätern und andererseits den Opfern verhielt. Denn DAS ist unser Staat – man kann leider nur schlußfolgern, daß die Deutschen in ihrer überwältigenden Mehrheit auch in der Demokratie die überzeugten oder feigen Mitläufer/innen des Unrechts blieben und bleiben. Und das führt geradewegs zum in der BRD üblichen heutigen Wegschauen, z.B. beim Einsperren von Herrn Gustl Mollath ins Psycho-Gefängnis, und zum selbstbeweihräuchernden „Weiter so“.

    Bsp.: „…Verurteilung Weigerts von 1948/49 – wegen der Hinrichtungen von Johann Maier, Josef Zirkl und Michael Lottner vom 23/24.4.1945 …“
    Typisch BRD. Eifrigstes Engagement, daß die Verantwortlichen für diese Morde später keine Nachteile hatten. „… freiwillige Beihilfe von 300 DM (…) eine Lehrerpension (…) die Stadt musste von 1957 bis zu Weigerts Tod 1974 für Unterhaltsleistungen aufkommen.“
    Die an Richter Freislers Ehefrau gezahlte Witwenpension wurde 1974 gar noch um 400 DM erhöht, weil Richter Feisler „auf Grund seiner fachlichen Qualifikation im Erlebensfall nach dem Krieg vermutlich als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes tätig geworden wäre“. http://de.wikipedia.org/wiki/Marion_Freisler „Entnazifizierung/Prominentenvermögen“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31970772.html

    Dagegen erst ab 1962 und monatlich nur zusätzlich 35 DM für die Ehefrau des u.g. Ermordeten.

    http://www.regensburg.de/rathaus/aktuelles/ansprachen-und-reden/archiv-2010/ob-hans-schaidinger-2010/gedenkveranstaltung-anlaesslich-der-ermordung-von-domprediger-dr-johann-maier-josef-zirkl-und-michael-lottner/33932 Darin wird Herr Johann Igl erwähnt. (Und, das glaubt doch niemand, von „mehr als tausend Menschen“ bei der Demonstration am 23.04.1945 gesprochen – dagegen sind es bei http://www.gdw-berlin.de/de/vertiefung/biographien/biografie/view-bio/maier/ „mehrere hundert Regensburger“.)

    http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/2009-johann-igl-luftschutz-wehrkraftzersetzung-100.html „Seiner Frau, deren Nerven seit der Hinrichtung zerrüttet waren, billigte der Freistaat Bayern nach langem juristischem Hickhack 1962 eine Rente von 220 Mark für – wörtlich – „Schaden am Leben“ ihres Mannes zu, wovon die normale Hinterbliebenenrente von 185 Mark abgezogen wurde. Der SS-Richter, der damals die Hinrichtung geleitet hatte, tat längst wieder Dienst als Amtsgerichtsrat in Nürnberg.“

  • Kommentator

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    Katastrophe. Meine Empfinden ist, dass durch den Namen die Schule herabgewürdigt ist.

  • Keine Ehrung und Bedienung von Nazis

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    Echt trollig!
    Eine Diskussion auf Grundlage von was?

  • blauäugig

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    ‚Die daraus entstandene Stellungnahme liegt seit kurzem vor und „soll uns allen, ganz besonders der Schulfamilie, als Diskussionsgrundlage dienen“, wie sich der jetzige Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ausdrückt.‘
    Wollte Wolbergs sich vom Inhalt der Schönfärberei ansatzweise distanzieren oder gar eine ergebnisoffene Diskussion, hätte er das anders formuliert. Vielmehr zeigt Wolbergs damit überdeutlich, dass er von der Schulfamilie erwartet, sich gegen die Namensänderung zu entscheiden.

    Eine andere Interpretation scheint mir absurd – oder sehen Sie etwa bei der „Diskussionsgrundlage“ einen hinreichenden Grund für eine Namensänderung?

  • Dolittle

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    Da bleibt dem faszinierten Zuschauer eigentlich nur eine Schlussfolgerung:
    Die beiden Historiker lassen ein wesentliches Element wissenschaftlicher Forschung vermissen: Desinteressiertheit (vgl. Robert K. Merton). Stattdessen erliegen sie scheinbar einer Überidentifikation mit Hermann. Daher ihr großes Verständnis für eine Biographie, die so typisch ist für viele erfolgreiche Deutsche des 20. Jh. Immer mit dabei. BVP, NSDAP, CSU.
    Da entsteht der Eindruck, als ob sich die werten Herren Historiker vor ihrem inneren Auge an Stelle Herrmanns zwischen 1933 und 1945 (sowie danach) genauso verhalten hätten wie ihr Studienobjekt. Deshalb: Verschweigen, relativieren, rechtfertigen, entschuldigen, abtun. Der Boden des gewissenlosen Opportunismus, auf dem nationalsozialistische Ideologen ihre Verbrechen planen und begehen konnten, er existiert in den „Eliten“ auch heute noch. Als akzeptiertes Leitbild und als Vorbild für unsere Kinder.

  • Veronika

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    Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu, Frau Vietze!
    Ein OB alleine kann hier (leider) nichts anderes tun, als eine Diskussion anzustossen.

  • Veronika

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    Ganz allgemein: Was die Katholische Kirche vor allem in Bayern, noch mehr in Regensburg einmal gut geheißen hat, kann scheinbar nicht falsch gewesen sein! Auf dieser Ebene macht sich Regensburg zu Lasten seiner Bürgerinnen und Bürger künftig „sehr entbehrlich“.

  • Heinz

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    Hab schon lange nicht mehr so einen Hetz-Artikel gelesen. (Muß das letzte Mal 1979/80 im Bayernkurier gewesen sein …). Nicht dass ich der Meinung wäre, man müsse weiterhin nach Hans Herrmann eine Schule und einen Park benennen – ganz im Gegenteil – aber muß man sich so im Ton vergreifen? Diese unendlich Selbstgefälligkeit …
    Kaum ein Regensburger (außer ein paar Historiker) würden sich um Herrmann und Schottenheim kümmern, wenn es nicht die Siedlung (und die anderen drei aus dieser Zeit) gäbe. Es war nicht nur ein „nationalsozialistisches Vorzeigeprojekt“, sondern es war auch ein gutes Projekt (trotz mancher Mängel) – und wurde PR-Technischhervorragend verkauft. Das ist noch in den Köpfen drinn – auch noch bei der Enkelgeneration (nein, ich stamme nicht aus Regensburg …)
    Als Namensgeber wird man im Normalfall für „seine Lebensleistung“ ausgezeichnet, die Frage ist, ob diese Leistungen nicht durch andere Fehlleistungen konterkariert wurden. Und das muss untersucht werden. Nüchtern & sachlich!

  • Geschichtler

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    @Heinz

    Auch ne Meinung. Dass der Bau solcher Wohlfühlsiedlungen (für regimetreue Volksdeutsche) Bestandteil der Ausgrenzung gegenüber derjenigen war, die man ins Gas geschickt hat, ist unter Historikern Common Sense. Dass es in dem Artikel selbst darum nur am Rande geht, ebenso in der manipulativen Stellungnahme, ignorieren sie oder aber Sie haben ihn nicht gelesen. Na ja, Bayernkurier ist fürs schlichte Gemüt auch verständlicher.

    Inhaltlich gehen Sie auf nichts ein, was in dem Text an handfesten Belegen dafür angeführt wird, dass Chrobak (hängt am Rockzipfel der kath. Kirche) und Löffler (wissenschaftlich bedeutungsloser Gremien-Karrierist) hier eine von Hans Schaidinger wohl so bestellte manipulative Entlastunsschrift für Hans Herrmann abgeliefert haben. Wer die Fakten mit klarem Verstand betrachtet, kann kaum zu keinem anderem Schluss kommen.

  • Heinz

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    Liegt wohl daran, dass ich mir das Halter-Buch mal wieder vornehmen muß und mir den Chrobak-Löfflertext zu Gemüte führen sollte. Denn ich traue der Interpretation des Artikels nicht – genauso wenig wie den Weisheiten des Bayernkuriers. Hetzschriften nehmen es eben mit der Wahrheit gerne nicht so genau! Und wie sie richtig gesagt haben, sind sie auch für schlichte Gemüter verständlicher.
    Übrigens: seit wann wurden die Siedlungen denn für „Volksdeutsche“ gebaut? Die lebten zu der Zeit doch noch glücklich und zufrieden vor allem auf dem Balkan und in Osteuropa.
    Dass die Siedlungen auch ein Mittel war, Gesinnung zu fördern und zu schaffen, dürfte keine Frage sein. Ob aber in den Wohnungen des Wolfgangsbauvereins Atheisten als Mieter in der Überzahl waren, wage ich zu bezweifeln.

  • anna

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    Ja, Schaidinger hat ja bereits die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen ausgerufen … willst du Schlegl … im Amt sehen?

  • Lothgaßler

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    Hans Herrmann war kein Mitläufer, er hat nicht nur das Notwendige getan um im NS-System nicht benachteiligt zu werden, sondern er hat sich in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt. Auch sein Handeln nach dem Krieg hat braune Flecken. Das öffentlich zu machen in der laufenden Diskussion ist richtig und wichtig und gehöhrt zum Abwägungsprozess der nicht alleine die Schulgemeinde oder politische Gremien betrifft. Deshalb Lob jenen, die in mühevoller Arbeit von der bestellten Stellungnahme abweichende Ergebnisse präsentieren.
    Der Entnazifizierungsprozess nach dem Krieg war vielfach eine Posse. An der Aufarbeitung des Unrechts arbeiten wir uns noch heute ab. Die Denkweise nach dem Krieg (von Adenauer in einem zeitlosen Satz auf den Punkt gebracht) lautete „man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat“, und lässt tief auf die Qualität dieser „Entnazifizierung“ blicken. Persilscheine brauchte auch nicht jeder, sondern nur der, der seine braunen Flecken nicht verschwinden lassen konnte.
    Natürlich kann man alles so belassen, wie es damals inszeniert worden ist. Das aber bedeutet, man macht sich noch heute mit dem damaligen Denken gemein.
    Wäre Hans Herrmann nach dem Kriege nicht wieder Bürgermeister geworden, die Schule wäre nie nach ihm benannt worden. Die Namensgebung war als Ehrbezeugung für den Ex-OB gedacht. Wie so häufig galt diese Ehre also nicht den Tugenden des Geehrten, sondern den von ihm erreichten Ämtern.
    Ehre wem Ehre gebührt! In der Gesamtschau seiner Lebensleistung gebührt im nicht die Ehre als Namenspatron einer Schule zu dienen. Hier müssen klar die Tugenden und Taten der Person betont werden und gegen die Ziele einer Bildungseinrichtung gespiegelt werden.
    Die Unsitte Plätze, Straßen, Schulen u.a. nach Oberbürgermeistern zu benennen sollte grundsätzlich überdacht werden. Für ihre Leistungen wurden sie zu Lebzeiten fürstlich bezahlt, das reicht!

  • Dolittle

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    Ich denke, Joachim Wollbergs hat recht: Die Stellungnahme ist tatsächlich hervorragend geeignet, sich eine fundierte Meinung zu Herrmann zu bilden. Genau genommen zwei Meinungen, von denen nur eine mit Ernst vertretbar ist.

    Die eine Meinung lautet offensichtlich, dass opportunistische Handlanger der Nazis, die aus dem katholisch-bayerischen Konservativismus kamen und nach der Niederlage 1945 (wie viele Nazis) wieder dorthin zurückkehrten, auch heute noch ehrbare Vorbilder für uns sind. Jeder „normale“ Deutsche hätte sich so verhalten. Es ging ja nur darum, Schlimmeres zu verhüten.

    Die andere Meinung lautet: Gerade weil das NS-Regime ohne solche Deutschen seine Verbrechen nicht hätte begehen können, und gerade weil die Nachkriegsdemokratie der Bundesrepublik v.a. in der CDU/CSU, den Behörden und der Wirtschaft mit solchen Deutschen durchsetzt war, sollten wir uns ihrer immer wieder erinnern. Als Mahnung. Vielleicht denken wir dann auch an Josef Müller („Ochsensepp“) oder Fritz Schäffer, bei denen ich mich oft frage, wie es ihnen wohl in ihrer CSU angesichts so viel weiterer Widerstandskämpfer vom Schlage eines Herrmann wohl zumute war…

  • Mathilde Vietze

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    Es ist eine Unverschämtheit, diesen Bericht als „Hetz-Artikel“
    zu bezeichnen. Um gehört zu werden, muß man manches
    Mal überzeichnen.

  • wahon

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    Chrobak/Löffler haben in ihrem „Diskussionspapier“ zu Karl Hermann mehrfach gegen die Standards der Geschichtswissenschaften verstoßen. Der schlimmste Verstoß ist die Aussage, ein Historiker müsse „historische Strukturen, Ereignisse und Personen möglichst in ihrer Zeitabhängigkeit … erklären“. Wer so argumentiert, verlässt den Boden der Wissenschaftlichkeit und wird zum „Geschichtserzähler“, der dem Harmoniebedürfnis seiner Zuhörer/Leser entsprechen will. Wer dann auch noch wichtige Fakten aus anderen Untersuchungen ignoriert, um das positive Image einer historischen Person nicht zu gefährden, verliert jeden Anspruch, als professioneller Historiker zu gelten. Chrobak/Löffler sollten diese „Arbeit“ zurückziehen, bevor man ihnen auch ganz offiziell ihren Status als ernsthafte Historiker absprechen wird.

  • Hunz

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    Was sonst sollen sie denn tun, außer historische Tatsachen zeitabhängig zu erklären? Sind Geschichtswissenschaft und Anachronismus für Sie gleichbedeutend?
    Dann muss man auch sämtlichen Herrschern vor dem 20. Jahrhundert ihre Legitimität absprechen. Denn sie wurden nicht auf dem Boden unseres Grundgesetzes gewählt.

  • erik

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    die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen, auf damals bezogen heißt das dann, die Kleinen saßen bei weit unter minus 30 Grad in russischer Kriegsgefangenschaft mussten sich mit Gammelfisch und Pfützenwasser begnügen, die Großen, die die Kleinen losschickten, aßen gleichzeitig Hummerschwänze und Kaviareier und tranken Sekt und steckten sich in einem wohlig geheiztem Zimmer eine dicke Zigarre an.

  • Dolittle

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    Natürlich muss ein Historiker „Strukturen, Ereignisse und Personen in ihrer Zeitabhängigkeit erklären“ dürfen. Das gehört selbstverständlich zu einer historischen Analyse mit dazu. Der Historiker darf eine solche Analyse sogar isoliert stehen und für sich sprechen lassen. Das erfordert jedoch erhebliche Unvoreingenommenheit, Genauigkeit und Differenziertheit, die dem geneigten Leser das Urteil oder die Erklärung überlässt.
    Es dürfen dann eben dann nicht Tatsachen weggelassen oder Quellen unkritisch übernommen werden. Es darf nicht versteckt entschuldigt, gerechtfertigt oder verurteilt werden. Das ist wissenschaftlich unredlich.
    Hier haben die Historiker die Zeitumstände dazu missbraucht, einen Persilschein zu konstruieren: Es war die Zeit, warum eine Person letztlich nicht anders konnte, warum dies in Ordnung war und warum dies ihre späteren Verdienste (?) nicht mindern kann. Das ist genau das ewiggestrige Argumentationsmuster, mit dem in der Nachkriegsrepublik viel zu lange die NS-Untaten relativiert und die handelnden Personen in hohen Ämtern belassen werden konnten.

  • Mathilde Vietze

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    Der Bau der „Schottenheim-Siedlung“ war eines
    der taktischen Manöver, mit dem sich die Nazis
    selbst als gute Menschen darstellten. Ich be-
    zweifle allerdings, ob all die Leute, die dort Woh-
    nung fanden, Nazi-Anhänger waren. Die waren
    froh, ein Dach überm Kopf zu haben.

  • wahon

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    Der Zweck der Geschichtswissenschaft ist es, historische Zusammenhänge zu erklären und zu beurteilen, damit die menschliche Gesellschaft einen Nutzen davon hat, d.h. „geschichtliche Lehren“ daraus ziehen kann . Der Historiker der Gegenwart „analysiert“ also nicht nur, sondern er beurteilt das Verhalten und Denken geschichtlich wirksamer Personen anhand des Wertesystem, das er er im Verlauf seines Lebens/seines Studiums internalisiert hat. Seit über 100 Jahren existiert bei uns das Wertesystem der Menschenrechte als Grundlage nicht nur der Geschichtswissenschaften, sondern der Wissenschaften überhaupt. Das historische Urteil über eine Person von deren subjektivem Bewusstseins- und Wissenstand oder dem „Zeitgeist“ abhängig zu machen, ignoriert den geschichtswissenschaftlichen Anspruch, durch methodisch exakte Forschung einen Erkenntnisfortschritt für die Gegenwart zu erzielen. Mit der Methode der „zeitabhängigen“ Beurteilung, wie Chrobak/Löffler sie anwenden, lassen sich buchstäblich alle historischen Verbrechen als „subjektiv gerechtfertigt“ darstellen. Mit Geschichtswissenschaft hat das nichts zu tun.

  • wahon

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    Geschichtswissenschaft, die der Gesellschaft keinen Erkenntnisfortschritt bietet, ist tatsächlich anachronistisch. Geschichte als Unterhaltungsform ist ja sehr populär, hat aber mit Wissenschaft nichts zu tun.
    Geschichtswissenschaftlich betrachtet ist „Legitimität“ keine Kategorie, anhand der man ein Werturteil über einen „Herrscher“ fällen kann. Napoleon z.B. war kein „legitimer“ Herrscher, wird aber nicht deshalb von der Geschichtswissenschaft kritisch beurteilt. Hitler dagegen kam „legitim“ an die Macht und wurde von der übergroßen Mehrheit der deutschen Bevölkerung wie ein Gott verehrt, und dennoch wehrt sich die Geschichtswissenschaft zurecht dagegen, ihn als positive historische Gestalt zu bezeichnen.

  • Mathilde Vietze

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    Liebe Veronika, vor einigen Jahren fand im hiesigen Diözesan-
    museum eine Ausstellung „Weihnachten in dunkler Zeit“
    statt. Und hier sagte ein angesehner Domkapitular in seiner
    Ansprache u.a. „wir wollen ganz bewußt darauf eingehen, daß
    die katholische Kirche im „3. Reich“ Fehler gemacht hat.

  • Gelmir

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    Vor wie vielen Jahren genau war das denn und wie viele Jahre mögen noch vergehen, bis die RKK mal auch nur ansatzweise mit dem „eingehen auf Fehler“ anfängt?

  • Peter Geigant

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    Nach all den eindrucksvollen Belegen, die Robert Werner, gestützt auf die grundlegende (von den Gutachtern wohlweislich unterschlagene) Arbeit von Helmut Halter, anführt, kann man nur zu einem Schluß kommen: Der BVP-NSDAP-CSU-Politiker Hans Herrmann war ein Nazilump. Wenn man noch alle Tassen im Schrank hat, benennt man nach einem Nazilumpen weder einen Park noch eine Schule. Steht man vor vollendeten Tatsachen, weil die bekloppten Altvorderen vor Jahrzehnten Schule und Park auf den Namen des Nazilumpen getauft haben, dann nimmt man diese Benennungen in aller Stille ganz schnell zurück.
    Daß ein von Schaidinger bestelltes Gutachten dem Nazilumpen (in alter Tradition) die Stange hält, ist keine so wahnsinnige Überraschung. Weder Chrobak noch Löffler haben außerhalb der Stadt eine geschichtswissenschaftliche Reputation zu verlieren, sind aber ihren lokalen Seilschaften verpflichtet, und die geben die alte Parole aus: aussitzen, dichthalten, durchhalten. Daß sich allerdings ein SPD-OB hinter diesem windigen Gutachten versteckt, das so tut, als enthalte es sich jeden Urteils (warum dann überhaupt ein Gutachten?), das in Wahrheit jedoch eine Lanze für den Nazilumpen Hans Herrmann bricht – das wird Joachim Wolbergs seinen Wählern noch erklären müssen. Nicht erst seit seinem triumphalen Wahlsieg tritt Wolbergs gern als Mann mit klarer Linie auf. In der Sache Hans Herrmann hat er sich bislang als Schlappschwanz gezeigt, der sich jederzeit von einem CSU-Kultusminister links überholen läßt. Selbst Ludwig Spaenle, wahrlich keine historische Koryphäe, dafür so gediegen rechts, daß er es bis zum Kultusminister gebracht hat, hat vor über einem Jahr durchblicken lassen, daß man nicht umhin kommt, in Hans Herrmann einen Nazilumpen zu sehen, der als Namenspatron für eine Schule absolut ungeeignet ist.

  • Monika Koch

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    „Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly ist jetzt wieder bei der Bundeszentrale für politische Bilfdung erhältlich http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/193071/hitlers-volksstaat
    Ich hatte den Nationalsozialismus erst kapiert, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte. Denn darin geht es um die Deutschen, wie wir sie auch heute erleben: Zuerst kommt der persönliche Vorteil. Solange man selbst gut leben kann, wird ALLES akzeptiert. Der Eigennutz steht in der Praxis kilometerweit höher als irgendwelche moralischen Erwägungen. Die Deutschen, die Schnäppchenjäger.

    „Sozialen Wohnungsbau“ in Städten gab’s schon vor den Nazis. Die schönen Wohnblocks in Laim und Neuhausen in München, in deren Nachbarschaft ich aufwuchs, wurden seit Ende der Zwanziger Jahre errichtet,

  • Lenzerl

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    Danke, dass Sie an dieser Sache dran bleiben. Ich habe wieder einiges über die Erinnerungskultur in unserer Stadt gelernt und hoffe, dass die Ära Schaidinger, die sich in dem Löffler/Chrobak-Gutachten ja wohl spiegelt, nicht nur in Ihrer Berichterstattung endlich endet!

  • Dieter Baldauf

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    Ein Mann, der in der Weimarer Zeit Mitglied der Bayerischen Volkspartei war, um in der Nazizeit Mitglied der NSDAP (und Ehrenmitglied der SS) zu sein, um nach dem Krieg der CSU beizutreten, ist ein Wendehals. Er ist als Vorbild für die Jugend, wie dies in der Benennung von Schulen zum Ausdruck kommt, denkbar ungeeignet. Um dies zu erkennen, braucht es keinerlei wissenschaftlich aufgemachter Studien.

  • Fr.Streng

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    Bgm. Wolbergs will in der Causa Herrmann weder eine „unvoreingenommene offene Diskussion“ – wie er behauptet – noch hat er es im Kreuz, eine klare politische Position zu beziehen!
    In einer von ihm unterzeichneten PM der SPD vom August 2013 hieß es: „Die SPD hat in der Vergangenheit mehrfach betont, dass die Benennung nach dem NS- Bürgermeister höchst problematisch zu sehen ist. Die Stadt sollte in Sachen Schule die Initiative ergreifen und mit den Verantwortlichen der Schule Gespräche aufnehmen, mit dem Ziel, eine Umbenennung zu erreichen.“
    http://www.margitwild.de/index.php?nr=54438&menu=9

    In einem sehenswerten Beitrag des BR von letzter Woche zeigt OB Wolbergs sich als Fähnchen im Wind, das Stress und eine eigene Initiative vermeiden will. Nun versteckt er sich in der Causa Herrmann hinter der Schulfamilie, was nicht weniger blamabel ist als die „engagierten“ Verdrehungen von Löffler und Chrobak.
    http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/abendschau/hans-herrmann-112.html#&time=&time=

  • Die heiligen braunen Herren » Regensburg Digital

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    […] Ein Nazi-Bürgermeister, Hans Herrmann, der maßgeblich für die „Arisierung“ jüdischen Eigentums verantwortlich und wichtigste Stütze des Nazi-Oberbürgermeisters Otto Schottenheim war, galt bis vor kurzem als hervorragend geeigneter Namenspatron einer Grund- und Mittelschule. Erst vor kurzem wurde die Schule umbenannt. Zwei Historiker, Stadtheimatpfleger Werner Chrobak und Professor Bernhard Löffler, waren sich im Z… […]

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