Entdecke Veranstaltungen in Regensburg Alle Kultur Oekologie Soziales Kino

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus für Regensburg!

Hallo. Schön, dass Sie hier lesen oder kommentieren. Fast noch mehr freuen würden wir uns, wenn Sie die Arbeit von regensburg-digital mit einem kleinen (gern auch größerem) Beitrag unterstützen. Wir finanzieren uns nämlich nur zu etwa einem Drittel über Werbeanzeigen. Und für die gibt es bei uns auch ausdrücklich keine zusätzliche Gegenleistung, etwa in Form von PR-Artikeln oder Native Advertising.

Mehr als zwei Drittel unseres Budgets stammt aus Spenden – regelmäßige Beiträge von etwa 300 Mitgliedern im Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.

Anders ausgedrückt: Wir bauen auf Sie – mündige Leserinnen und Leser, die uns freiwillig unterstützen. Seien Sie dabei – mit einem einmaligen oder regelmäßigen Beitrag. Herzlichen Dank.

Spenden Sie mit
Scientists for Future

Diskussion in Regensburg über kommunale Wärmeplanung: Gas und Öl sind raus.

Bei einer Veranstaltung der Scientists for Future Regensburg Mitte Juni drehte sich alles um die Wärmewende. Die renommierten Experten Dr. Norwin von Malm und Dipl.-Ing. Franz Waldmann präsentierten die teils erschreckenden wissenschaftlichen Fakten, aber auch die existierenden Lösungsansätze. 

Dr. Norwin von Malm und Dipl.-Ing. Franz Waldmann bei ihrem Vortrag.

Von Markus Feilner

WERBUNG

In der folgenden Diskussion mit weiteren Experten stellten sich auch die Stadt Regensburg und die REWAG den Fragen des Publikums, wobei sich Wissenschaftler, Vertreter der Stadt und Bürgerinnen überraschend einig waren.

Unter der Schirmherrschaft von Bürgermeisterin Dr. Helene Sigloch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) beantworteten anschließend Dr. Robert Greb (Vorstand REWAG, Energieversorgung Regensburg), Dipl.-Ing. M.Sc. Michael Bachseitz (Stadt Regensburg, Amt für Stadtentwicklung), Dipl.-Ing. Franz Waldmann (Maschinenbauer, Energiereferent BUND Regensburg), Dipl.-Ing. Ole Renner (Energieeffizienzexperte, MyEnergy.Farm GmbH) und Dipl.-Ing. Ramon Arndt (Stadtökologe, Klimarat München) Fragen des Publikums.

Der Tenor dabei: Das Hauptproblem sei nicht die Technik, sondern die Kommunikation in der Öffentlichkeit. Sowohl Bedrohung als auch Lösungsansätze seien bekannt, die einzusetzenden Technologien bewährt und erprobt.

Die Wärmewende – Was kann ich jetzt tun

Doch zunächst lauschte man dem Vortrag „Die Wärmewende – Was kann ich jetzt tun“ von von Malm und Waldmann. Wie immer derzeit beim Thema Klimawandel sind die nackten Zahlen durchaus bedrückend. In den nächsten 25 Jahren müssen wir – im Jahresmittel – mit 2 bis 3 Grad höheren Temperaturen in Deutschland rechnen.

Weite Teile der Erde rund um den Äquator werden unbewohnbar, weil die Anzahl tödlicher Hitzetage bis 2050 massiv zunehmen wird. In Bayern, und damit auch in Regensburg sind wir gleichzeitig durch massive Dürren und ausufernde Überschwemmungen bedroht, falls die aktuellen CO2-Emmissionen nicht sinken.

Überschwemmt: Breiter Streifen längs der Donau, ganze Ortschaften im Osten

Auf den Folien mit dem Titel „Was bedeuten 3 Grad plus?“ erklären die Referenten eindringlich, was auf die Domstadt zukommt. Aktuelles Kartenmaterial des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt: Regensburg gehört bereits heute zu den „weiten Teilen Bayerns, die unter außergewöhnlichen Dürren leiden“.

Damit nicht genug, bei zukünftigen Extremhochwassern sind Überschwemmungen von Straubinger Straße bis zum Gewerbepark zu erwarten, weite Teile der Altstadt drohen dann unter Wasser zu stehen, von Quadratkilometer großen, überschwemmten Flächen von Barbing bis zum Fuß des Brandlberg. Ganz Tegernheim, Schwabelweis und weite Teile von Donaustauf sind auf dem gezeigten Kartenmaterial nicht mehr zu erkennen, von Winzer, Mariaort und den Donau-nahen Vierteln der Stadt ganz zu schweigen.

Hochwassergefahren für Regensburg laut https://atlas.bayern.de

„Ein erträgliches Maß ist möglich“

Doch soweit, so die Experten, muss es nicht kommen. „Eine schnelle und umfangreiche Transformation hin zu einer fossilfreien Energiewirtschaft ist dringend erforderlich, um die Folgen der globalen Erwärmung auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.“ Regenerative Energien und Wärmepumpen seien der Schlüssel zum Erfolg, die Technologien seien ausgereift und erprobt, selbst in Europas Norden.

Knapp zwanzig europäische Länder sind da schon weiter, Deutschland ist trotz zwei Millionen bereits installierter Wärmepumpen Nachzügler und muss dringend aufholen. Zum Vergleich: Norwegen? Über 70 Prozent heizen hier mit Wärmepumpen, selbst im Atomland Frankreich oder in Italien nutzt fast jeder fünfte Haushalt eine solche. Deutschland liegt mit einer einstelligen Prozentzahl abgeschlagen auf den hinteren Plätzen, neben der Slowakei, Ungarn und Großbritannien.

Gas und Öl werden unerschwinglich

Wer sich mehr mit Solartechnik, CO2-Preisen und Energieversorgung auseinandersetzt, sieht schnell: Dezentral ist das neue Schlagwort. Die Preise für Öl und Gas werden steigen, was die „Biotreppe“ von Wirtschaftsministerin Reiche noch beschleunigen dürfte.

Das sei reine Marktmechanik und heute bereits absehbar, so die Experten: „Haben Sie sich schon mal gefragt, was es für Sie persönlich bedeutet, wenn die monatliche Heizrechnung dreimal höher ist als nötig?“

Vorgeschrieben: Kommunale Wärmeplanung

Die Notwendigkeit einer vorausschauenden Planung hat der Gesetzgeber bereits 2024 erkannt und das Wärmeplanungsgesetz erlassen, ein Teil des umstrittenen Gebäudeeenergiegesetzes. Dementsprechend müssen alle Städte über 100.000 Einwohner bis Juni 2026, alle anderen Gemeinden bis 2028 eine Kommunale Wärmeplanung (KWP) erstellen.

Auch Regensburg hat das getan (hier als PDF), und selbst wenn das Ergebnis nicht bindend ist,muss sich die Gemeinde darum kümmern.

In Regensburg ist mehr als genug Energie vorhanden

In der dabei erstellten Bestandsaufnahme kam für Regensburg eine Summe von 490.000 Tonnen C02-Äquivalent alleine für den Endenergieverbrauch an Wärme heraus, als Mittelwert von 2021 bis 2023.

Gleichzeitig rechnet die Regensburger KWP vor, wie leicht die Potenziale der regenerativen Energien eigentlich ausreichen würden, um den Wärmebedarf zu decken. Von den jährlich benötigten 1.900 GWh könnten alleine Solarthermie oder Geothermie 1.200 GWh abdecken – jeweils für sich, nicht zusammen.

Photovoltaik und Flusswärmepumpen an Donau und Regen könnten zusammen ebenfalls über 1.000 GWh bereitstellen, dazu kommen Biomasse, Abwärme, Wind und Wasserkraft, insgesamt mehr als das Doppelte des jährlichen Bedarfs. Für all das hat die Stadt – gemäß Auftrag – ein Zielszenario entworfen, das auf einer Karte „voraussichtliche Wärmeversorgungsgebiete“ darstellt.

Schwierigkeiten macht dabei im wesentlichen die Altstadt, wie bei vielen Bauvorhaben – für Altstadt, Stadtamhof, oberen und unteren Wöhrd ist die künftige Versorgungsart „noch unsicher“. Neue Leitungen verlegen ist dort eben schwieriger.

Vier unverrückbare Fakten

Die Experten schließen ihre Ausführungen mit der Frage, was man denn heute aus dem Vortrag mitnehmen sollten und geben dafür gleich vier Antworten:

  • Die menschengemachte globale Erwärmung ist eine reale Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation.
  • Die Erzeugung von Wärme bietet großes Potential für Klimaschutz UND Kosteneinsparungen.
  • Wärmepumpen (und erneuerbar betriebene Wärmenetze) ersetzen Öl und Gas.
  • Die Kommunale Wärmeplanung Regensburg bestätigt: Potenziale der erneuerbaren Energiequellen reichen aus, um den Wärmebedarf zu decken.

Praktische Aspekte in der Diskussionsrunde

Die anschließende Diskussion zeigte viele praktische Fragen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt um auf eine Wärmepumpe umzusteigen (Frühe Planung ist das A und O.)? Was muss man beachten, um das Optimum herauszuholen (Gutes Monitoring vor allem im ersten Jahr.)? Welche Haustypen eignen sich (Für Ein- bis Zweifamilien-Häuser sind Wärmepumpen bereits heute überaus ausgereift, bei Mehrfamilienhäusern findet aktuell rasanter Fortschritt statt.)?

Dringender Änderungsbedarf: Auch der Preis für Fernwärme ist an den Gaspreis gekoppelt

In der Diskussion kamen auch weniger bekannte, interessante Aspekte zutage. Fernwärme ist beispielsweise auch deshalb vergleichsweise teuer, weil sie an den Gaspreis gekoppelt ist. Der Energieexperte Renner forderte dabei, die Fernwärmeverordnung müsse angepasst werden – ob Ministerin Reiche das gut findet, ist nicht kolportiert.

Die REWAG testet bereits Niedrigtemperaturfernwärme rund um das Westbad. Was die Allgemeinheit seltener diskutiert, sind effiziente Konzepte wie die Kopplung von Wärmepumpen mit Fernwärme oder der Einsatz von Wärmepumpen als Klimanlage, zur Kühlung.

Das sagt die REWAG

Auf die Frage von Regensburg-Digital, was denn bei all den Planungen dann mit dem Gasnetz in Regensburg passiere, wenn bis 2045 (oder früher) nur noch wenige Kunden mit Gas heizen würden, und was beim Rückbau für Kosten anfallen würden, antwortete die REWAG:

„Grundsätzlich gilt, dass es eine politische Vorgabe gibt, ab wann die Versorgung mit Erdgas eingestellt wird. (…) Die Strategie mit Blick auf unser Gasnetz sieht vor, dieses vorerst uneingeschränkt weiter zu betreiben. Eine Stilllegung, auch einzelner Abschnitte, ist also nicht geplant.

Investitionen finden aber ausschließlich insofern statt, als dass das bestehende Netz so ertüchtigt wird, als dass es ordnungsgemäß und nach den geltenden Standards, Gesetzen und Vorschriften betrieben werden kann. Eine Ausweitung des Netzes findet aber nicht statt. Die Länge unseres Gasnetzes beträgt 1.522 Kilometer und es sind 31.114 Hausanschlüsse angeschlossen.“

Die Frage, ob sich Regensburg mit dem Befolgen der Reiche-Vorgabe „Co2-frei 2045“ quasi freiwillig zu einem „Nachzügler“ mache (Mannheim: 2035, Erlangen: 2040, Nürnberg: 2040, Würzburg: 2040, Oslo :1978 Gas abgestellt, Helsinki: 2029 festgelegt, Kopenhagen: ist heute schon zu 98 Prozent abgestellt, Dänemark: 2035), verneint Martin Gottschalk von der REWAG mit Verweis auf die Regensburger Besonderheiten der Altstadt und ohne Fernwärmeversorgung beispielsweise durch ein Müllkraftwerk:

„Nein, Regensburg ist kein Nachzügler. Konkret heizen in Regensburg rund 75% der Haushalte mit Erdgas. (…) Sofern es einen realistischen Pfad gibt, schon vor 2045 mit der Umstellung zu alternativen Heizarten fertig zu sein, so würden wir uns natürlich darauf einstellen. Wir investieren in den kommenden Jahren intensiv in den Ausbau der dezentralen Wärmenetze, die regenerativ betrieben werden.“

Welche Kosten kommen auf die Bürgerinnen zu?

Bei der Frage, was die unterschiedlichen Varianten (2045, 2035 oder wann auch immer) die (Regensburger) Bürger kosten würden, verweist die REWAG auf das Abschreibungsprogramm KANU2.0 der Bundesnetzagentur, das frei verfügbar sei.

Eine konkrete Gegenüberstellung von Kosten, Kostenexplosion durch die zu erwartenden Gaspreise, mehrere Jahre längere Kosten für den Netzbetrieb und andererseits dem Einsparungspotential durch neue Energiequellen muss vermutlich die Politik erfragen bzw. erarbeiten.

Alle sind sich einig: Gas und Fossil sind teuer und werden immer teuerer

Der Experte für Energieeffizienz Ole Renner beantwortete auch die Frage, wie man denn nun konkret vorgehen könne, wenn man seine alte (fossile) Heizung ersetzen möchte: Im Idealfall holt man sich einen Energieberater ins Haus, der sich die Gegebenheiten vor Ort anschaut und die Potentiale verschiedener (fossilfreier) Szenarien genau durchrechnet.

Klar ist: Bei Gas und klassischen, fossilen Energiequellen zu bleiben, wird zunehmend teuer. Frühe Planung ist nicht nur für die Stadt, sondern auch für alle Bürgerinnen wichtig, um keine Unsummen auszugeben, die man sich bei weitsichtiger Planung sparen hätte können. Auch wenn sich in Details Unklarheiten und Meinungsunterschiede verbergen, waren sich am Ende des abends alle einig: Gas und Öl haben keine Zukunft, auch und gerade nicht in Regensburg.

Trackback von deiner Website.

SUPPORT

Ist dir unabhängiger Journalismus etwas wert?

Dann unterstütze unsere Arbeit!
Einmalig oder mit einer regelmäßigen Spende!

Per PayPal:

Per Überweisung oder Dauerauftrag:

 

Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14 7509 0000 0000 0633 63
BIC: GENODEF1R01

Kommentieren

Ich bestätige, dass die hier von mir eingegebenen persönlichen Daten auf regensburg-digital.de bis auf Widerruf gespeichert werden dürfen.
drin