Podium zum Feminismus

Gespräch ohne Aufschrei

Am Freitagabend sprachen die Linken-Vorsitzende Katja Kipping und die Aktivistin Anne Wizorek zum Feminismus.

Anne Wizorek (l.) und Katja Kipping stellten am Freitagabend ihre feministischen Positionen dar. Fotos: ld.

Anne Wizorek (l.) und Katja Kipping stellten am Freitagabend ihre feministischen Positionen dar. Fotos: ld.

Der Andreasstadel ist voll, als Marina Mühlbauer die Veranstaltung eröffnet. Die Fraktionsassistentin der Linken im Stadtrat freut sich über das rege Interesse an einem Thema, das in den vergangenen Monaten neuen Schwung gewonnen hat: Feminismus, und zwar einer, der ein modernes, erfrischendes und zeitgemäßes Angesicht hat.

Zwei hochkarätige Vertreterinnen dieses modernen Feminismus sitzen neben Mühlbauer und der Sprecherin des Linken-Kreisverbandes, Anna-Lena Schnaudt, auf dem Podium. Dass Katja Kipping, Bundesvorsitzende der Linken, und Anne Wizorek, Netzaktivistin und mittlerweile bundesweit bekannte Feministin, gewonnen werden konnten, ist ein kleiner Coup für die Veranstalter. Wizorek erschloss mit dem Hashtag #aufschrei 2013 den Themen Feminismus und Sexismus eine neue Öffentlichkeit, und das nicht nur in den sozialen Medien.

Keine Diskussion, sondern sachliches Interview

Unter dem Titel „Let’s talk about Sex, Gender & Politics“ sollen Wizorek und die selbstbetitelte „feministische Marxistin oder marxistische Feministin“ Kipping am Freitag über Feminismus, Sexismus, deren politische Implikationen und mögliche Wege in eine „geschlechtergerechte Welt“ , wie es Marina Mühlbauer formuliert, diskutieren. In knapp eineinhalb Stunden geben die beiden Expertinnen nicht nur Beispiele für „strukturell verankerten“ Sexismus und dessen alltägliche Auswüchse. Auch über feministische Konzepte wird mitunter sehr detailliert gesprochen.

Nur zu einer echten Diskussion will es leider nicht kommen. Das ist in Anbetracht der Expertise von Kipping und Wizorek, die sich im Kern in allen theoretischen Überlegungen zum Feminismus einig sind, vielleicht auch gar nicht notwendig. So bekommt der Abend eher den Charakter eines Interviews: Auf vorbereitete Fragen von Schnaudt antworten die beiden geladenen Gäste mal mehr, mal weniger konkret, aber immer ausgesprochen kompetent.

Stellten Kipping und Wizorek die Fragen und moderierten den Abend: Anna-Lena Schnaudt (l.) und Marina Mühlbauer.

Stellten Kipping und Wizorek die Fragen und moderierten den Abend: Anna-Lena Schnaudt (l.) und Marina Mühlbauer.

Netzfeminismus und feministischer Marxismus

So berichtet Anne Wizorek beispielsweise, dass „ihr“ Feminismus „sehr viel mit Internet zu tun hat. Ich habe durch das Internet überhaupt erst gemerkt, dass ich Feministin bin.“ Als bloßen „Netzfeminismus“ möchte sie ihre Aktivität dann aber doch nicht stehen lassen.

Kipping hingegen füttert ihre feministische Einstellung vor allem aus einem politisch-weltanschaulichem Hintergrund. „Patriarchat und Kapitalismus sind ein Machtknoten“, sagt sie. Beide Machtmodelle bedingten sich letzten Endes gegenseitig und müssten daher auch gleichermaßen überwunden werden.

„Da merkt man, wie das Patriarchat durchschlägt.“

Zum Feminismus sei Kipping durch die Verkehrspolitik gekommen: unter anderem bei der Budgetplanung für Verkehrsinfrastruktur, die aus ihrer Sicht die Interessen von – meist berufstätigen, einmal am Tag weitere Strecken fahrenden – Männern durch den Fokus auf den Straßenbau klar bevorteilt. „Da merkt man, wie das Patriarchat durchschlägt.“

Wizorek, die 2013 mit dem von ihr ins Leben gerufenen Hashtag #aufschrei  Frauen dazu aufrief, von ihren Erfahrungen mit Alltagssexismus zu berichten, nennt Sexismus ein „ganz klar strukturelles Problem“. Dennoch seien es vielleicht gerade die „individuellen Erfahrungen“, die diesen Umstand greifbar machen.

Frauenquote: Ein wichtiger Schritt

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung sprechen Kipping und Wizorek auch über die Frauenquote, die beide für einen wichtigen Schritt halten, wenn es auch im Kern auf einen „kulturellen Wandel“ ankäme. Kipping bringt diesbezüglich die „Vier-in-einem-Perspektive“ der Soziologin Frigga Haug ins Gespräch.

Nach diesem Modell solle das Leben in vier Bereiche eingeteilt werden, die allesamt dieselbe Aufmerksamkeit bekämen: Erwerbstätigkeit, Familie, politische Einmischung und Muße. Eine solche Aufteilung führe langfristig unter anderem auch zu einer Neudefinition des Leistungsbegriffes, der Frauen weniger benachteilige und allgemein zu einer höheren Lebensqualität beitrage.

„Machiavelli für Feministinnen“

Am Ende des Abends formulieren Wizorek und Kipping noch einmal, was ihrer Meinung nach notwendig ist, um den Feminismus voranzubringen und sexistische Strukturen abzubauen. Für die Linken-Vorsitzende sind eine „Umverteilung der Tätigkeiten zwischen Mann und Frau, Arbeitszeitverkürzungen, mehr Solidarität und ein Machiavelli für Feministinnen“ vonnöten.

Wizorek ist der Meinung, die Gesellschaft müsse endlich „feststellen, was menschliche Bedürfnisse sind“ und im Sinne der von der feministischen Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker geforderten  „Care-Revolution“ handeln.

Sieht sich als "feministische Marxistin" oder "marxistische Feministin": Katja Kipping.

Sieht sich als „feministische Marxistin“ oder „marxistische Feministin“: Katja Kipping.

Sachliches Gespräch statt Aufschrei

Was die Zuhörerschaft an diesem Abend aus dem Andreasstadel mitnehmen kann, sind sachliche, zukunftsgewandte und manchmal auch utopische Perspektiven zum Feminismus. Dass es zu keiner echten Diskussion mit widerstreitenden Positionen, emotionalen Auseinandersetzungen oder kritischen Hinterfragungen gekommen ist, mag vielleicht der recht einseitigen Besetzung des Podiums geschuldet sein.

Es mag aber auch Ausdruck einer feministischen Gesprächskultur sein, die sich von den „kulturellen Codes“ einer manndominierten, allzu oft nur scheinbar kritischen, aber stets selbstdarstellerischen Debatte unterscheidet. Und schließlich ist ein sachliches Gespräch oftmals auch zielführender als ein „Aufschrei“.

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Kommentare (3)

  • hf

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    Der Artikel ist so dermaßen gefällig, dass es weh tut. Andererseits, wer hat schon interesse an ein Diskussion mit weiblichen Leuten, die eigentlich nur extremen Konformismus propagieren, und den veralteten Begriff des Feminismus als hohle, aber werbewirksame Mostranz vor sich hertragen.
    „Mein“ Feminismus – das sagt schon genug, dass jede eigenständig reflektierende Person einen großen Bogen um solche Diskussionspartner machen muss. es gibt keinen Feminismus, auf den sich ein Possesivpronomen, obendrein wertend, anwenden lässt. Das erzwingt „Konflikte zwischen Alleinerben“ geradezu; Erich Fried hat die Überflüssigkeit von Diskussionen zwischen Diskussionsunfähigen sattsam UND knapp zusammengefasst.
    Ich bin der Ansicht, dass Feministinnen, die alles und jede(n) beleidigen und diffamieren, wer nicht ihre Maximalposition teilt, vielmehr zum Schaden der Interessen beider Geschlechter handeln, als zu deren Nutzen. Sie machen Frauen zu Konter-Sexistinnen, die vor lauter Geschschlechtsspezifika und statistischen Erhebungen das menschliche, transzendent verbindende, längst aus den Augen verloren haben. Kleiner Tipp: Ob es (jungen) Männern gefällt, von Feministen und anderen Sexisten in Rollenstereotype gepresst zu werden, wen oder was interessiert das?

  • Th. G.

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    Leider habe ich die Veranstaltung verpasst. Gerne hätte ich mir von der Expertise, Kompetenz oder gar Hochkarätigkeit einen persönlichen Eindruck gemacht; der Inhalt dieses Artikels lässt nun allerdings einige Zweifel aufkommen.
    Bedauerlich, dass offenbar weder den Besuchern der Veranstaltung, noch dem Autor Schwächen und Widersprüchlichkeiten in den Äusserungen aufgefallen sind.
    Bei Vergabe oben erwähnter „Prädikate“ bitte auch entsprechend aussagekräftige, gehaltvolle Artikel.

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