"1889"

Jahn-Graffiti auf Gedenktafel geschmiert

„1889“ prangt auf der Gedenktafel zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Zeugen Jehovas während des Nationalsozialismus. Ein beliebter Tag in der Fanszene des SSV Jahn Regensburg.

Ein Passant entdeckte am Mittwochmorgen die Schmiererei. Foto: privat

Die Stadt Regensburg verurteilt die Schmiererei „aufs Schärfste“. Ebenso der Vorstand der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN). Der Anlass: Unbekannte haben auf die Gedenkstele für die Zeugen Jehovas am Georgenplatz, unweit des Museums der Bayerischen Geschichte, die Zahl „1889“ gesprüht.

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VVN fordert Reaktion Verein und Fangruppen

Die Stadt hat deshalb die Polizei eingeschaltet. Die VVN fordert in einer aktuellen Presseerklärung, „den SSV Jahn Regensburg, die SSV Jahn Regensburg GmbH & Co. KGaA, das Fanprojekt Regensburg sowie alle Fangruppierungen des SSV Jahn auf, diese Tat ebenfalls zu verurteilen und geeignete Maßnahmen der Sensibilisierung und Aufklärung zu ergreifen, damit sich solche Akte der Verunstaltung des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus nicht wiederholen“.

Der Hintergrund: Bei der Zahl 1889 handelt es sich um keinen Zahlencode von Neonazis (zwar ist 1889 auch das Geburtsjahr von Adolf Hitler, das spielt aber bei rechtsextremen Zahlencodes keine Rolle), sondern um das Gründungsjahr des SSV Jahn Regensburg. Ein beliebtes Motiv in der Fanszene des Zweitligisten, das regelmäßig auf Wände, Schilder oder Stromkästen gesprayt bzw. „getaggt“ wird. Nun hat es auch die erwähnte Gedenkstele erwischt. „Der Schriftzug ist eindeutig dem Fanumfeld des SSV Jahn Regensburg zuzuordnen“, so die VVN.

Stele wurde erst im Januar aufgestellt

Der Gedenkstele wurde am 27. Januar auf dem Georgenplatz aufgestellt, dem Internationalen Tag zum Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Sie erinnert an die Verfolgung und Ermordung der Zeugen Jehovas. Weil die damals so bezeichneten „Bibelforscher“ Hitlergruß und Wehrdienst verweigerten wurden zwischen 1933 und 1945 rund 11.000 von ihnen inhaftiert. 2.000 wurden in Konzentrationslager verschleppt. Knapp 1.500 Mitglieder der Religionsgemeinschaft überlebten den Nazi-Terror nicht.

In Regensburg waren laut städtischen Angaben mindestens 21 Zeugen Jehovas Repressionen ausgesetzt. Drei von ihnen bezahlten ihren religiös motivierten Widerstand mit dem Leben: Wolfgang Waller wurde im KZ Mauthausen ermordet. Albin Relewicz und Hermann Deffner wurden Opfer der NS-Krankenmorde, der sogenannten Aktion T4.

SSV Jahn kündigt Stellungnahme an

„Den Gedenkort am St. Georgenplatz mutwillig zu verunstalten, ist ein in höchstem Maße zu verurteilender Akt“, heißt es in der Erklärung der VVN. „Er zeugt mindestens von Naivität und Geschichtsvergessenheit, im schlimmsten Falle von einer faschistischen Gesinnung der Täter oder des Täters.“

Der SSV Jahn hat nach einer Anfrage unserer Redaktion eine Stellungnahme angekündigt. Noch keine Rückmeldung gab es bislang vom Fanprojekt Regensburg und den Jahn Ultras, die wir ebenfalls angeschrieben haben.

Die Stadt Regensburg will nun prüfen, ob die Tafel ohne weiteres gesäubert werden kann. Andernfalls werde die Gedenkstele, die ohnehin nur als temporäre Lösung bis Ende Januar 2023 gedacht war, abgebaut. „Langfristig soll dort eine feste Stele aufgestellt werden.“

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Kommentare (7)

  • R.G.

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    Die Zahlenkombination zeigt bei den ersten zwei Zahlen die Initialen des Diktators und zusammen gelesen, das Geburtsdatum.
    Sollte die temporäre Gedenkstelle nicht durch ein abwaschbares Glas oder eine Folie gesichert sein?
    Bitte lasst das nicht zu, dass bis irgendwann im nächsten Jahr kein sichtbares Gedenken mehr da ist.

  • onki

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    @R.G. Na, “die Initialen des Diktators” sind daraus zu lesen. Wahrscheinlich aber auch rückwärts gelesen das Haustier des Pharaos… Der rote Schriftzug 1889 (wie er überall in der Stadt zu sehen ist) ist eindeutig dem Jahn und seiner Anhängerschaft zuzuordnen. Da braucht es keinen weiteren hineininterpretierten Hokuspokus.
    Das ist hirnloser Vandalismus wie andernorts auch. Das dies eine Stellungnahme des Vereins erforderlich macht sehe ich mitnichten.

  • Mr. B.

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    Die Blöden sprühen heimlich!
    Die Schäden sind oftmals immens!

  • Lutherer

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    Die Diskussion über die „geheime“ Bedeutung von 1889 und die daraus folgende Zuordnung einer solchen Tat als politisch oder eben nicht politisch erübrigt sich auf Grund des Ortes und dessen was beschmiert wurde. Dass sie trotzdem stattfindet ist eben der Tatsache geschuldet, dass es immer erst um den Täter geht und dann erst um das Opfer. Und mit Ultras, die Gedenkstätten versauen legt sich eh keiner gerne an.

  • R.G.

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    Die Wahrscheinlichkeit, dass es Routine-Schmiererei ist, liegt näher, aber sowie es blutrot auf einem Denk-mal für NS Opfer steht, pilgern erste Ewiggestrige hin.

    Der Jahn kann es sich zur freiwilligen Aufgabe setzen, junge und alte Mitglieder bzw. Spieler zu ermuntern, das Gekritzel von bestimmten Stel(l)en in größeren Abständen zu entfernen.
    Eine vorherige Absprache mit der Polizei ist sinnvoll.

  • SSV Jahn verurteilt Schmiererei auf Gedenktafel » Regensburg Digital

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    […] Wie berichtet, haben Unbekannte die Gedenkstele zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Zeugen Jehovas während des Nationalsozialismus mit der Zahl „1889“ beschmiert. Die Zahl, das Gründungsjahr des SSV Jahn Regensburg, ist ein beliebtes Graffiti in der Fanszene des Zweitligisten und häufig an Wänden, Schildern oder Stromkästen im Stadtgebiet zu sehen. Für Schüssel spricht aus der Schmierei „fehlender Respekt vor demokratischen Werten“. „Unter den Nationalsozialisten wurden Jehovas Zeugen verfolgt und diskriminiert, weil sie für christliche Werte einstanden. Die Schmiererei ist nichts anderes als eine Fortsetzung dieser Diskriminierung.“ […]

  • Jakob Friedl

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    Anlässlich des didaktischen Konzeptes der Gedenkstele für die Zeugen Jehovas am Georgenplatz:

    Damals auf taube Ohren gestoßene Vorschläge für Gedenkkultur mit kombinierten KZ-Winkeln anlässlich der Umgestaltung des Dachauplatzes:
    2015: „Dachau Platz Gestalten“ Namen und Text in den Bushäuschen http://europabrunnendeckel.de/?p=5018
    2016 Rollraseneinweihung zum 23. April “200 Menschen – allein bis zum Juli 1933” http://europabrunnendeckel.de/?p=5365
    2016: Salzsäuregraffitti an den Chlornasen des ehemaligen Dachauplatzbrunnens http://europabrunnendeckel.de/download/Dachauplatz_Preisverleihung/DachauplatzfotoJuni2016gr.jpg

    Ausgangspunkt der notgedrungen eigenmächtig durchgeführten Aktionen war die vom damaligen OB Wolbergs medial angekündigte Ideensuche zur Neugestaltung des Dachauplatzbrunnens: „Kepfˋ in der Dusche“ http://europabrunnendeckel.de/?p=3028#dachauplatzbrunnen

    Was sich seitdem auch im Sinne des von der Stadt bestellten Konzepts zur Gedenk- und Erinnerungskultur am Dachauplatz getan hat, lässt sich vor Ort besichtigen.

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