Kulturpreis für Sachbeschädigung?

Im Auerbräu-Garten wurde am Donnerstag eifrig gesprüht.
MC Wurzlsepp rappt, was das Zeug hält, an die Gäste wird Freibier verteilt und vorne steht Auerbräuwirt Karlheinz Mierswa und verkündet: „Die gesamte abendländische Kultur schaut heute auf Regensburg.“ Einige erinnern sich: 2010 versäumte es die Stadt, ihren Kulturförderpreis zu vergeben – es habe sich niemand gemeldet, hieß es offiziell. Es fällt wohl unter die oberste Maxime der Regensburger Kommunalpolitik, die Mierswa als „leere Versprechen und konsequentes Vergessen“ bezeichnet. Darüber kann man nun lamentieren und sich aufregen oder einfach selbst aktiv werden: Mierswa und Hubert Lankes – vor langer Zeit als Führungsduo der Liste ALZ zu einigem Ruhm gekommen – lobten names der „Josef Alzheimer Kulturanstiftung“ kurzerhand einen eigenen Förderpreis aus, den sie nun alljährlich im November „intransparent aus einer Kultursuppe heraus löffeln“. Eines ist dabei aber offensichtlich: Als Preisträger des „offiziellen“ Regensburg kämen die hier Gewürdigten eher nicht in Frage. 2010 war es Jakob Friedl, Enfant Terrible vom Europabrunnen(deckel), der den Abreißblock mit 150 Zehn-Euro-Scheinen nebst Josef-Alzheimer-Büste erhielt. Die Preisträger in diesem Jahr sind polizeibekannt, heißen Inksulin und haben sich in der Streetart- und Graffiti-Szene schon lange einen Namen gemacht (Facebook-Seite). Europaweit, in den USA, aber auch in Regensburg. Hier vor Ort sind die 13 Street Art-Künstler zwischen 23 und 30 Jahren aber – trotz legaler Sprühflächen am Dultplatz oder dem Bolzplatz in Kumpfmühl, die Inksulin bespielt – weniger der breiten Bevölkerung, denn der Kripo ein Begriff. Die hat eine eigene Sonderkommission, um illegale Sprayereien – Sachbeschädigung oder, wenn Abbruchhäuser verziert werden, Hausfriedensbruch – zu verfolgen. Zwar ist Graffiti nicht gleich Graffiti, aber wenn man Inksulin schon kennt, dann schaut man eben zuerst bei denen vorbei, wenn es was zu ermitteln gibt. „Die machen eben auch nur ihren Job. Das muss man gelassen sehen“, sagt einer der 13, während er im Auerbräu-Biergarten an einem Graffito arbeitet, das künftig das Wirtshaus zieren wird: Biertrinker, Biergarten und eine Bedienung mit Holz vor der Hüttn – Tradition trifft Moderne. Wirklich von seiner Kunst leben kann kaum einer der 13 – trotz der einen oder anderen Auftragsarbeit, für BMW, aber auch für die Stadt Regensburg. Und drei- vierhundert Euro pro Monat muss man schon für Farbdosen ausgeben, wenn man die Sache ernst nimmt. „Andere spielen Golf und wir machen eben Graffiti.“ Ein Hobby eben, eine Kunstform, mit der Inksulin sich nicht zwanghaft anbiedert, um Geld zu verdienen und insofern ein Preisträger, der den Alzheimer-Förderpreis als Kontrast zur städtischen Kulturförderung allemal rechtfertigt.

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Kommentare (10)

  • philbo

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    Ich glaube es wird die lieben Inksuliner erzürnen hier mit der so verhassten „Sreetart“ in Verbindung gebracht zu werden. Graffiti und Streetart bleiben zwei paar Schuhe.
    Ansonsten Herzlichen Glückwunsch!

  • Bernhard

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    Warum verhasst?

  • corazondemelon

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    Wo ist eigentlich stencilove abgeblieben? Long time no see! Hallo, bitte melden, Regensburg vermisst Dich, auch wenn die Trunzergasse wg. Luxussanierung nicht mehr für streetart tauglich ist.

  • NILUSKNI

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    Wen oder was soll der Artikel eigentlich wiederspiegeln? Die Gruppe INKSULIN jedenfalls NICHT! Es wird ein Bild von INksulin aufgebaut, als würde jedes der Mitglieder alle Augenblick Ermittlungsbehörden zu Gast haben wegen Hausfriedensbruch und Schmiereien an Hausfassaden. Völlig falscher Blickwinkel – INKSULIN steht seit Jahren für qualitativ hochwertiges, legales Graffiti und Engagement in der Jugend- und Öffentlichkeitsarbeit und nicht für Schmierereien und Sachbeschädigung, wie bereits in der Überschrift dargestellt wird. Da hat der Autor wohl schlecht recherchiert bzw. hat sich seine eigene Sicht auf die Dinge zusammen gereimt! Das nächste mal bitte etwas mehr nachfragen und weniger Klischeejournalismus!!!

  • Jochen

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    So etwas ähnliches wollte ich auch gerade schreiben! Dieser Artikel hat Bild-Zeitungsniveau!

  • Hans

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    Ich les da nicht, dass die Fassaden beschmieren, aber dass die Polizei manchmal auf die Idee kommt, sie würden das machen. Die Überschrift – na ja. Das braucht’s nicht.

  • Tommy

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    Das steht da wirklich nicht.

    Im Artikel steht z.B.:
    „Zwar ist Graffiti nicht gleich Graffiti, aber wenn man Inksulin schon kennt, dann schaut man eben zuerst bei denen vorbei, wenn es was zu ermitteln gibt.“

    Die Überschrift scheint, in meiner Lesart, auf das gesellschaftliche Ressentiment „Grafitti = Sachbeschädigung und Schmiererei“ anzuspielen. Ich lese da das Gegenteil von „Bild-Zeitung“.

    Und „wiederspiegeln“ muss ein Journalist in seinen Artikeln nun wirklich niemanden.

  • frage

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    „Und “wiederspiegeln” muss ein Journalist in seinen Artikeln nun wirklich niemanden.“

    doch – die wahrheit. das hier ist aber ein blog und da kann man seine meinung schreiben. und wenn herr aigner die meinung hat, dass es ein „kulturpreis für sachbeschädigung ist“ dann spiegelt das halt seine meinung wieder. man muss ja nicht der gleichen meinung sein.

  • Hans Scheiblinger

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    Mei, wenn man’s halt ned besser versteht! Der Europabrunnen-Künstler war ja schon grenzwertig (o mei, o mei) und jezad de Schmieranten. Bitte nennt’s den Schmarrn hoit dann Subkultur-Förderpreis. Weil’s wahr is‘!
    MC Haderlump, ausg’schamter

  • Radlertölpel

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    „Demnächst pittorteske Ruinen“ …“Believe in the Ruins!“ und heute ?
    Schön war der Abend und welch glücklicher Zufall, dass der AushilfsDJ vom Wurzl_E von Beruf Modeleur ist und eine Gipserei in Bogen betreibt. Da werd ich wahrscheinlich die Weltkultursterbehalbkugelformen fertig bauen, weils draussen zu kalt ist.
    http://jakob-friedl.de/?p=2138
    Ich finds wirklich schön, dass es endlich einen Preis aus der Gast-Wirtschaft gibt! Und auch dass er diesmal, wie auch der städtische, an eine „subkulturelle“ Gruppe vergeben wurde. Zusammen kann man so ein Erfolgserlebnis besser verkraften.

    Mehr nicht, denn ich hab ein Schweigegelübte abgelegt.

    gez:Maulwurf
    Übrigens: Die 32 auf eine Dachlatte gespießten Tüten der Joseph Alzheimer Kulturanstiftungs JAHRESGABE wurden noch garnicht erwähnt, dabei hab ich mir beim Transport auf dem Radl fast das Schultergelenk ausgekugelt, so schwer waren die!

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