SOZIALES SCHAUFENSTER

Internationale Kurzfilmwoche Regensburg

Kurze Filme, langer Atem

Beim mittlerweile 25. Jubiläum hieß es diesmal: 332 Filme aus 51 Ländern, 160 Einzelveranstaltungen. In fünf Wettbewerben und mit den Schwerpunkten Japan und Selbstoptimierung bot die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg 2019 abermals ein sehenswertes Kulturprogramm, das in Umfang und Dichte in Stadt und Region seinesgleichen sucht. Noch bis Sonntag können die Publikumslieblinge angesehen werden.

Singer/Songwriterin Lena Dobler sang am Eröffnungsabend auch japanisch. Bild: om

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn sich am Mittwochabend die gerade eben ausgezeichnete Filmemacherin Steffi Sixdorf bei der Stadt Regensburg dafür bedankt, dass ihr Film „Im Fluss“ im Rahmen eines Filmworkshops des Kulturamts entstehen konnte. Der Protagonist des Dokumentarfilms, Adrian Knott, ist auf die Stadt nämlich weniger gut zu sprechen.

Im Filmgespräch zum Regionalfenster am Dienstag beklagt der Hausbootbesitzer, dass die Behörden ihm „Knüppel zwischen die Beine“ werfen würden. So ging die Stadt erst kürzlich gegen ihn vor, als er es während sehr stürmischer Tage „gewagt“ hatte, sein Boot zusätzlich zum Anker an einem abgesägten Baumstamm zu befestigen. Eine Ordnungswidrigkeit. Auch sonst gebe es immer wieder Probleme mit der Bürokratie. Die Stadt fürchte wohl Nachahmer.

Knott lebt zeitweise an Bord der „Papillon“ auf der Donau. Steffi Sixdorf und Catharina Hamerle haben dieses ungewöhnliche Leben und Wohnen mit seinen Vor- und Nachteilen sympathisch in einem Kurzfilm eingefangen, der am Mittwoch einen der beiden Mittelbayerische.de-Regionalfensterpreise gewinnen konnte.

Vielseitiges Regionalfensterprogramm

Den zweiten Award konnte sich Stefan Hahn mit seinem Animationsfilm „Sehnsucht“ sichern. Seine in achtmonatiger Arbeit entstandene Collage verschiedener Trickfilmtechniken überzeugte die aus DJ Markus Güntner, Abteilungsleiterin im städtischen Kulturamt Kristina Hödl und Softwarearchitekt und „Kreativtechnologe“ Markus Wolf bestehende Jury. Die eingesetzten Techniken „spiegeln liebevoll, ausdrucksstark und mit viel Charme und Witz die Situationen und Gedanken wider“, die ein Mann „in Sehnsucht nach seiner Frau verlebt“.

Das Regionalfensterprogramm präsentierte in diesem Jahr insgesamt eine vielseitige Auswahl kleiner Filmproduktionen. Von experimentellen Studien- und Schülerprojekten über freie Dokumentararbeiten bis hin zu bitterbösen Satiren, wie beispielsweise Oliver Gilchs Verspottung des bayerischen Religionskitsches auf dem Lande im Dieter-Wieland-Stil, „Topographie einer heiligen Welt“.

Japan: Mehr als Anime?

Als diesjährigen Länderschwerpunkt hatte das Kurzfilmwochenteam um Insa Wiese und Philipp Weber Japan auserkoren. Dazu wurden nicht nur drei Programme gezeigt, Japan zog sich thematisch durch das gesamte Festival. Japanische Songs von Singer/Songwriterin Lena Dobler am Eröffnungsabend, eine Teezeremonie, eine Werksschau des Experimentalfilmers Makino Takashi oder ein Vortragsabend zu westlichen Konstruktionen japanischer Kunst und Popkultur komplettierten die Beschäftigung mit dem Land.

Eine japonisierte und sehrsehrsehr böse Darstellung der Kawaii-Verniedlichung: CuteCuteCute des Österreichers Clemes Kogler. Bild: Kurzfilmwoche/Filmstill

Beim Vortragsabend stellte Medienwissenschaftler Herbert Schwaab (Universität Regesburg) anhand ausgewählter Filmbeispiele (vermeintliche) japanische Eigentümlichkeiten und ihre westliche Rezeption vor und hob dabei limitierte Animation als charakteristische und für transmediale Verwendung und Vermarktung besonders geeignete Technik hervor. An Beispielen des japanischen Animationsphänomens mangelt es nicht: Astro Boy, Yu-Gi-Oh!, Pokémon oder Hello Kitty.

Bemerkenswert und überraschend ist daher, dass das eineinhalbstündige Animationsprogramm im Länderschwerpunkt sich von der im Westen als klassisch japanisch geltenden Ästhetik gänzlich emanzipieren konnte. Von Astro Boy oder den hierzulande populären Trickfilmserien „Heidi“, „Die tollen Fußballstars“ oder „Dragon Ball“ ist stilistisch alles sehr weit weg und nicht ohne weiteres in Japan verortbar. Im Gegenteil zeigt beispielsweise der Vorkriegszeichentrick Kon Ichikawas „Yowamushi Chinsengumi“ (1935) eine verblüffend deutliche zeichnerische Nähe zum westlichen Trickfilmuniversum schlechthin: Walt Disney.

Bester internationaler Film: The Migrating Image

„Neko No Hi“ (Cat Days, Regie: Jon Frickey), ein als deutsch-japanische Koproduktion sowohl im Animationsprogramm als auch im Deutschen Wettbewerb gezeigte Film, machte besonders auf sich aufmerksam. Er gewann als „brillante und absurde Auseinandersetzung mit Autorität, Erziehung und Identität“ mit dem Candis-Preis den Hauptaward des Wettbewerbs.

Als bester Film im Internationalen Wettbewerb wurde „The Migrating Image“ von Stefan Kruse gekürt. Der Film spiegele laut Jury „die brutale Realität des Einwanderungsprozesses“ wider. „Mit Bildern über und von den Einwanderern. Aus verschiedenen Quellen kombiniert, lassen die Bilder den Betrachter über die Realität hinter dem Bild und das Bild hinter der Realität nachdenken.“

Gewinnerfilm im Architekturfenster: Fair Grounds von Minhye Chu. Bild: Kurzfilmwoche/Filmstill.

Die weiteren Preisträger der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg hier eingesehen werden. Noch bis Sonntag werden in der Filmgalerie im Leeren Beutel Publikumslieblinge aus den Wettbewerben gezeigt, von Montag bis Mittwoch läuft dort ein Best-of-Programm aus 25 Jahren Kurzfilmwoche.

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