Wir machen Urlaub

Oskar lebt! Eine Weihnachtsgeschichte

Christbaum2Liebe Leserinnen und Leser. Unsere Redaktion verabschiedet sich bis 6. Januar in den Weihnachtsurlaub. Während dieser Zeit werden allenfalls vereinzelt Berichte erscheinen und auch das Forum wird unregelmäßig betreut.

Wir bedanken uns für das Interesse und die Unterstützung 2014, wünschen erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Ab dem 25. Dezember erscheint ein dreiteiliger Rückblick auf das vergangene Jahr. 

Doch zur Einstimmung auf Heiligabend gibt es ein Foto des wunderschönen städtischen Christbaums am Arnulfsplatz und eine Weihnachtsgeschichte von Marco Häusler.

Oskar lebt!

Von Marco Häusler

Wir haben uns angewöhnt morgens gemeinsam spazieren zu gehen. Wir stehen auf, treffen uns im Hausflur und gehen vor die Tür – egal bei welchem Wetter, auch jetzt im Dezember, kurz vor der Wintersonnenwende oder dem sogenannten Weihnachtsfest – je nach Perspektive, Religion und Kulturstandard – Ansichtssache eben.

Anke schlüpft in ihre schwere Winterjacke und zieht die verdreckten Moonboots aus dem Schuhschrank. Ich bin wie immer längst startbereit und freue mich tierisch an die frische Luft zu kommen. Wir gehen wie üblicherweise über die Kreuzgasse und Nonnenplatz Richtung Herzogspark. Anke schlurft neben mir dahin, den Kopf in Ihrer dicken Winterjacke versenkt, den Blick gemäß ihrer hängenden Schultern in Richtung Trottoir. Sie baut in letzter Zeit merklich ab – verliert immer mehr an Lebensfreude. Das kindliche Lachen von früher ist längst dem erwachsenen Ernst gewichen. Sie wird sukzessive ängstlicher und depressiver.

Gerade kann ich aber nur schwerlich auf ihr angeschlagenes Gemüt eingehen, ich bin bedeutend agiler unterwegs und genieße bereits in den frühen Morgenstunden die Anwesenheit ziemlich heißer Feger in den schneematschigen Straßen der dunklen Stadt. Ich komme gerade so richtig in Fahrt, da nuschelt Anke schon in ihren roten Wollschal: „Komm schon Oskar, drehen wir um. Heute ist Jahresabschluss und ich muss unbedingt noch einige Zahlen überprüfen, bevor Herr Bohrmann aufkreuzt.“ Ich kann darauf nichts erwidern und trabe etwas deprimiert, aber ergeben entlang des Donauufers mit ihr zurück. Zu Hause angekommen legt sie sofort gestresstes Treiben an den Tag. Ich lege mich nach dem Frühstück lieber nochmal hin. „Tschüss. Bis heute Abend“, schreit sie mir noch hinterher. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben, wie eine Getriebene rennt sie zur Wohnungstür und schlägt diese viel zu heftig hinter sich zu.

Seit Anke mit dem Studium fertig ist und ehrlich gesagt, eigentlich schon früher, hat sie sich nie gefragt, wieso sie bestimmte Dinge tut. Sie fühlt sich zu fett, zu langsam, zu hässlich, zu klein und zu wenig kompetent. Zeit Ihres Lebens versucht sie den Ansprüchen anderer zu genügen und kommt dabei immer wieder zum Entschluss, dass sie wenig taugt und nichts richtig kann. Das hat ihr bereits ihr Vater gebetsmühlenartig eingetrichtert. Er wollte nie eine Tochter und das ließ er sie spüren.

Ich verplempere den Tag. Es macht mir nichts aus, die Stunden einfach verstreichen zu lassen. Ich schlafe, hänge ein bisschen rum und bin ehrlich gesagt rundum zufrieden. Ich kann mich ungeniert so richtig gehen lassen. Es sind durchaus friedliche Stunden alleine zu Hause.

Abends kommt Anke dann wieder. Heute sieht sie noch schlechter aus als sonst. In der linken Hand hält sie einen Paketabholzettel für die Weihnachtsgeschenke ihrer Eltern – ich konnte dem Paketboten aus verschiedenen Gründen die Türe nicht öffnen. In der rechten Hand hält sie C71, Hühnchen in Cashew-Curry-Soße vom Chinesen am Kohlenmarkt. Ihre Gestalt sieht aus, wie die eines greisen Zombies – dies ist bei Menschen in der Dauerdunkelheit kurz vorm heiligen Fest nicht gerade ungewöhnlich – fast alle sehen aus, als würden sie bald sterben. Doch bei Anke scheint es heute besonders schlimm zu sein. Eine kleine Träne kullert über ihren Wangen und tropft auf den von mir leicht zerkratzten Teppichboden. Ich starre ihr in die Augen. Ich weiß nicht was passiert ist. Mit meinem kulturellen Hintergrund werde ich es wahrscheinlich sowieso nicht begreifen, trotzdem schießt Anke ungefragt los: „Ach, lieber Oskar, Bohrmann, der Arsch, hat mich vor allen anderen zur Sau gemacht, weil einige Buchungen nicht mehr aufgetaucht sind. Mein Vertrag wird nicht verlängert – sie wollen mich ausstellen.“ Anke fällt mir um den Hals. Ihr nasses Gesicht reibt sich an mir.

Traditionell müssen wir übermorgen an Heiligabend zu Ankes Eltern und der Druck, den sie dabei verspürt, lässt sie fast zerbrechen. Ihr Vater hat stets vom Ernst des Lebens gefaselt, von guter Ausbildung, Absicherung im Alter und Versicherung des Eigentums. Ich verstehe nichts von diesen Dingen, aber die Menschen versuchen ihre tiefsitzenden, kollektiven Existenzängste durch irgendwelche Papiere zu minimieren: Sie tauschen Sicherheit für Arbeit, Policen für Lebenszeit. Anke ist an diese tradierten Verhaltensweisen gebunden. Unser Geld geht nicht für gutes Essen oder schöne Momente drauf, sondern für die Lebensversicherung, Riester, Bausparen und die Leasingraten. Anke hat davon alles – sie wird pleite sein, sollte sie ihren Job verlieren. Sie hat das bürgerlich-konservative Spiel der Gesellschaft mitgespielt, scheint es aber irgendwie zu verlieren. Sie ist nicht so stark und ausdauernd, sie hat nicht so viel Willen und Durchsetzungskraft wie ihr dominanter Erzeuger, der den selbstzerstörenden Lebensentwurf eines eindimensionalen Pietisten führt.

Die Menschen leben meiner Meinung nach sowieso kein natürliches Leben mehr, sie können weder den Moment genießen noch wirkliche Liebe empfinden. Sie sind einfach nur stumpfe, haltlose Individuen geworden. Sie tun Dinge, die ihnen das Leben zu einer einzigen Problemmüllkippe werden lassen – schüren Ängste, wo keine sind und wissen meistens nicht mal mehr, dass ihr Leben bereits jeglicher Menschlichkeit entbehrt. Doch die Welt ist Wille und Vorstellung – je nach Ansicht des Betrachters tauscht sie ihre Farben.

Ich versuche Anke aufzuheitern – das ist schließlich mein Job. Ich gebe ihr ein Zeichen, dass wir raus gehen sollen – nur durch Bewegung kommt man auf neue Gedanken.

Wir verlassen die Wohnung in Richtung Neupfarrplatz. Draußen herrscht reges Weihnachtstreiben. Anke schlurft. Eine Mutter brüllt ihr Kind an, dass das Christkind Weihnachten ausfallen lasse und es somit keine PS4 erhalte, sollte es nicht sofort mit der Quengelei aufhören. Die Leute in ihren Autos hupen, stressen, schimpfen.

Wir biegen in den Emmeramspark ein. Ich bin trotz Ankes schlechter Laune ganz der Alte. Schon sehe ich die erste Bekannte. Es ist die Pudeldame von nebenan. Sie ist richtig heiß, deshalb laufe ich sofort zu ihr rüber, mir läuft der Sabber aus den Lefzen, ich spüre das pralle Leben. Es dauert nicht lange, dann sind wir hinter einem Busch verschwunden. Ich liebe den Geruch der Pudelin und ich glaube, sie mag auch meinen. In inniger Zweisamkeit scharren wir eine schneefreie Zone in den Morast. Anke brüllt, ich solle sofort damit aufhören– sie schämt sich mal wieder und entschuldigt sich beim Herrchen der Pudeldame. Mir ist das egal, ich habe meine Triebe, ich lebe mein Leben, ich tue einfach das, was die Natur von mir verlangt!

Die Leine schnürt mir den Hals zu. Anke zieht mich in Richtung Wohnung, aus einem Parfümladen dröhnt „Tschinglebells“. Menschen hetzen an mir vorbei; durch meine feine Nase kann ich ihren von Neurosen ausgeschütteten Schweiß riechen. Ich muss noch mein Revier markieren, doch auf diesem Fleckchen Erde hat der Spießer eines seiner tausend Verbotsschilder installiert – ich bin hier nicht willkommen.

Anke zieht und zerrt. Ihr Hass und ihre Enttäuschung über die Welt entladen sich an meinem Halsband. „Oskar, verdammt nochmal, hör auf immer das zu tun, was Du willst. Kannst Du nicht einfach mal wie jeder Normale neben mir herlaufen und das einfach tun, was man dir sagt?“

Die Ampel ist rot, am Boden liegt ein Penner. Er schaut mir lachend in die Augen und lallt: „Frohe Weihnachten, mein Hündchen!“ Fröhlich schwenkt er eine große Flasche Portwein und streckt mir seine Hand entgegen, während Anke neurasthenisch auf ihren in der Jacke vergessenen Paketabholzettel starrt. Der Habenichts hat intensiven Körpergeruch, aber er riecht anders als die anderen – irgendwie natürlicher. In diesem Moment habe ich den Eindruck, er sei der einzig freie Mensch im deprimierten Gewühl der konsumierenden Zweibeiner.

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Kommentare (5)

  • Resch

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    Euch allen auch ein frohes Fest und einen guten Rutsch in,s neue Jahr 2015.
    Vielen vielen Dank auch für Euere sehr gute Arbeit mit Regensburg – Digital.
    cu

  • Dick Gerd-Bodo

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    Regensburg – Digital
    Hält auch reife Leser jung. Öffent die Scheuklappen mit interssanten Artikeln.
    Ohne politische Polarisation.
    Besten Dank an die Redaktion und Alles Gute für die Zukunft.
    Bis 2015.
    Gerd-Bodo Dick
    Querdenker

  • Mathilde Vietze

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    Lieber Stefan, ich danke Dir für die gute und mutige Arbeit das Jahr
    über. Für das Jahr 2015 würde ich mir wünschen, daß Du bei der
    Freischaltung der Kommentare etwas wählerischer wärst und nicht
    jeden Schrott, den einer verzapft, abdruckst. Das würde das An-
    sehen von RD sehr positiv beeinflussen.

  • Jeanette Kamrowski

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    Vielen Dank für die „besondere Sichtweise“ in der Weihnachtsgeschichte.
    Werde auch im Jahr 2015 folgen und bedanke mich für Eure Arbeit und das Teilen der Informationen.
    Eure umfangreichen Artikel/Komentare laden zum Austausch und Nachdenken an.
    Eine gute, erholsame Zeit für Euer Redaktionsteam.

  • Hias

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    Viel Erholung und einen guten Rutsch. Macht nächstes Jahr weiter so.

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