Reichspogromnacht in Regensburg: Spucken, plündern und vergessen…

Der 9. November ist ein Datum, das viele Geschichten hat: 1918 verkündete Reichskanzler Maximilian von Baaden die Abdankung Kaiser Wilhelms II. Und damit das Ende der Monarchie, 1923 wurde der Hitler-Ludendorff-Putsch von der Bayerischen Landespolizei niedergeschlagen, 1989 fiel an diesem Tag die Berliner Mauer. Ein „hoher Feiertag“ also, so Dr. Andreas Angerstorfer. Geschichtsbewußte Personen sollten sich dieses Datum daher lieber einmal zu viel als zu wenig im Kalender anstreichen. Das Datum, um das es dem Dozenten der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg am Mittwoch an der Kerschensteiner Berufsschule geht, ist der 9. November 1938, die Reichspogromnacht. Regensburg hat dabei eine besondere Geschichte.

In Regensburg schritt man schnell zur Tat…

Am 8. November 1938 kam über Rundfunk und Presse die Nachricht, dass der in Paris lebende deutsche Diplomat Ernst vom Rath den Verletzungen eines Attentates durch einen jüdischen Jugendlichen erlegen sei. Umgehend rief Reichsminister Joseph Goebbels Parteianhänger dazu auf, weitere „Ausschreitungen“ gegen Juden nicht zu unterstützen, sie aber auch nicht zu verhindern. Im Klartext also: Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen Ja, aber bitte sehr nicht in Uniform. In Regensburg schritt man sofort zur Tat. Von Gauleiter Fritz Wächtler kam der Befehl, die jüdische Synagoge in der Schäffnerstraße niederzubrennen. Zusammen mit der Feuerwehr und dem nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) wurde die Synagoge kurze Zeit später in Brand gesteckt. Die Reaktion des hiesigen Oberbürgermeisters Otto Schottenheim klang sichtlich zufrieden: In dieser Nacht wäre der „letzte Schandfleck von Regensburg“ zerstört worden. Und er ging noch weiter: Die Synagoge durfte nicht wieder erbaut werden. Doch nicht nur Bauten wurden zerstört, auch das Leben der jüdischen Gemeinde sollte sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Grund auf verändern. SS und SA verhafteten massenhaft Juden und verwüsteten jüdische Geschäfte. Angerstorfer betont am Dienstag, dass Regensburg dabei sogar noch aus dem Rahmen fällt.

Schandmarsch quer durch die Stadt

Viele der Juden wurden nicht „nur“ verhaftet, sondern darüber hinaus Schikanen der NSKK ausgeliefert. Zahlreiche jüdische Männer mussten – unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand – auf dem Gelände der Motorsportschule des NSKK an der Irler Höhe ein „Sportprogramm“ sondergleichen absolvieren. Vor allem ältere und kranke Männer konnten dem nicht stand halten, woraufhin sie aber nur noch mehr gequält wurden. Es folgte ein fast drei Kilometer langer „Auszug der Juden“ durch Regensburg, angefangen beim Arnulfsplatz, über die Ludwigstraße bis zur Maxstraße. Unter jenen, die durch die Stadt getrieben wurden, befand sich auch Julius Lilienthal, ein Regensburger Jude, der an einer schweren Nierenerkrankung litt. Er starb wenig später an den Folgen des „Schandmarsches“.
Andreas Angerstorfer fand trotz jahrzehntelanger Forschung nur drei Zeitzeuginnen. Foto: Präger
Vor diesem Hintergrund sei es „purer Schwachsinn“ zu behaupten, dass das in Regensburg niemand gewusst oder mitbekommen habe, betont Angerstorfer. Als es um das Plündern und mutwillige Zerstören jüdischer Geschäft ging, beteiligten sich zahlreiche Regensburger daran. Passanten schlugen und bespuckten die Juden, während sie durch die Stadt getrieben wurden. „Interessant ist es deshalb umso mehr, weil sich auch nach rund 30 Jahren intensiverer Beschäftigung mit diesem Thema lediglich drei Frauen finden lassen, die sich an dieses Geschehen erinnern“, sagt Angerstorfer.

Über 200 ermordete Juden

Kurze Zeit später setzten die massenhaften Deportationen ein. Jüdische Regensburger wurden nach Dachau gebracht. Weil dieses Lager aber nach kurzer Zeit überfüllt war, wurden die meisten Häftlinge nach einigen Monaten zunächst wieder frei gelassen – unter anderem mit der Auflage, mit keinem über die Erlebnisse im Lager zu sprechen. Tatsächlich hat keiner der Regensburger darüber gesprochen. Im April 1942, nach der Wannsee-Konferenz, bei der die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, wurden 106 jüdische Bewohner aus Regensburg in Arbeits- und Vernichtungslager im Osten deportiert. Insgesamt fielen zwischen 200 und 250 Regensburger Juden dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer. Lediglich elf überlebten die Lager und konnten im Mai 1945 durch die Alliierten befreit werden. Regensburg selbst hat in der Kriegszeit sehr viel Glück gehabt. Lediglich sieben Prozent der Stadt trugen Kriegsschäden davon.

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Kommentare (2)

  • Immanuel K. Anti

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    Etwa Anfang der Achziger sah ich das oben abgebildete Photo (oder ein anderes) in der Regensburger Stadtbücherei in einer Ausstellung. Es löste in mir einiges aus, denn im Geschichtsunterricht war fast nur von Orten in Polen (Warschau, Auschwitz) die Rede, dass der Irrsinn auch vor der eigenen Haustür stattfand, ohne dass jemand einschritt, konnte ich nicht recht begreifen. (Ich fand damals übrigens in einem Buch auch eine Liste der KZ-Aussenlager, da war Regensburg selbstverständlich auch verzeichnet).

    Ich sprach das dann mal bei einer Abendgesellschaft an, die sehr gemischt war, es waren Teenager wie ich bis Alte anwesend.

    Frau NN, die Mutter der Gastgeberin, erzählte dann, wie sie es in Regensburg erlebte: Man sah aus dem Fenster, was da auf der Straße geschah. Augenblicke später hing die gesamte Familie am brüllenden und tobenden Vater und hielt ihn fest, weil er runterlaufen und eingreifen wollte.

    Sie machte allen Zuhörern klar, dass sie den Vater noch brauchten und letztlich wussten, was die Konsequenzen für ihn gewesen wären: Verprügeln, Verhaften, Gefängnis, KZ.

    Jeder Kommentar und jede moralische Bewertung hierzu von mir oder anderen ist naseweises Gewäsch, nichts anderes. (Diese Diskussion folgte selbstverständlich!)

    Ich möchte aber ermutigen, Zeitzeugen und ihre Nachkommen zur NS-Zeit zu befragen, solange sie noch leben. Die Geschichten, die zum Vorschein kommen, sind meist eindeutig – in welcher Richtung auch immer.
    Ich bin Frau NN immer noch dankbar dafür, dass sie uns davon erzählt hat und respektiere sie aus ganzem Herzen.

    „Nichts gewusst“ glaube ich nun wirklich niemandem mehr.

    Die Stadtoberen, allen voran den OB, überziehe ich in Gedanken für ihre Vorstellungen von Gedenkkultur mit allen Schmähungen, welche die Sprache hergibt, mache mein Kreuz in der geheimen Wahlkabine schon lange nicht neben ihren mit Peinlichkeit überzogenen Namen und sage öffentlich was ich von ihnen halte: Nix.

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