Amtsgericht Regensburg

Schlussstrich unter wilde Verfolgungsjagd durch Wutzlhofen

Anfang des Jahres verurteilte das Regensburger Amtsgericht einen 37-Jährigen wegen Diebstahls mit Waffen in drei Fällen sowie Sachbeschädigung. Die verhängten zwei Jahre, sieben Monate wollte der Mann aber dann doch nicht akzeptieren und legte Berufung ein. Am Freitag nun die Kehrtwende.

Der Angeklagte mit seiner Rechtsanwältin Narine Schulz. Foto: Bothner

Eine Spur aus Tabakwaren säumt im Frühjahr 2021 die Straßen von Wutzlhofen. Es ist die Nacht des 5. Mai. Die Polizei hat sich eine Verfolgungsjagd mit Ismail K. (Name geändert) geliefert. Mit „halsbrecherischen 80 km/h“, wie es im Polizeibericht heißt, ist vor den Beamten davongejagt. Dabei springt der Kofferraum auf und Zigaretten und Tabak im Wert von mehreren tausend Euro fliegen durch die Gegend.

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Mehrere Einbrüche im selben Tabakladen

Geklaut hat K. das alles zuvor im TabaPress in der Berliner Straße. Mit einem Brecheisen bricht er gegen 3 Uhr Nachts in den Laden ein, packt Waren im Gesamtwert von 7.500 Euro in sein Auto. Die Polizei überrascht den Einbrecher beim Verladen und kann ihn schließlich in der Brennbergstraße festnehmen. Dank der Videoaufnahmen aus dem Tabakgeschäft ist der Mann auch bald zweier vorangegangener Einbrüche in dasselbe Geschäft überführt – Beute im Wert von knapp 10.000 Euro ließ er dabei mitgehen.

Beide Einbrüche verfolgt auch die Ladeninhaberin Gerda S. (Name geändert) live mit. Über ihr Handy wird sie Nachts vom Sicherheitssystem im Geschäft alarmiert. „Ich habe dann sofort am Computer auf die Kamera zugegriffen und den Täter zugesehen.“ Doch beide Male ist Ismael K. schneller als die Polizei.

Beide Eltern im Krieg verloren

Die Beute will er in Drogen umtauschen. Laut einem psychiatrischen Gutachten leidet der Mann an einer Alkohol- und Drogensucht. Vor allem mit Kokain und Crystal hatte er die letzten Jahre viel zu tun gehabt. Hintergrund seien nicht zuletzt die Erlebnisse aus Kindheit und Jugend, heißt es im Gutachten.

Den Jugoslawienkrieg erlebte der gebürtige Serbe als Kind hautnah mit, verlor damals beide Eltern. In zahlreichen Asylheimen, unter anderem in Italien, wuchs er anschließend heran. Dort sei er nach immer wieder an die falschen Freunde, wie er erzählt. Er habe sein Leben nie dauerhaft auf die Reihe bekommen.

Auch nicht als er Anfang der 2000er Jahre nach Regensburg kam. Drogenkonsum und ein Leben deutlich über den eigenen Verhältnissen häuften mit der Zeit Schulden von um die 94.000 Euro an. Hinzu kommen mehrere einschlägige Vorstrafen sowie vier stationäre Behandlungen, die erfolglos blieben. Bereits 2009 kam es zu mehreren Diebstahldelikten. 2015 folgten Einbrüche etwa in ein Regensburger Blumengeschäft und einen Imbiss. Im Gewerbepark erbeutete er mit weiteren Personen Tabakwaren für rund 8.500 Euro.

Tabakladen stand kurz vor dem Aus

Auch das Tabakgeschäft TabaPress in der Berliner Straße suchte Ismail K. im September (Tabakwaren im Wert von 3.670 Euro) und Dezember (rund 4.900 Euro) 2015 schon einmal auf. 2018 kam es deshalb zu einer Verurteilung und einer längeren Haftstrafe. Allzu beeindruckt zeigte sich der Mann davon allerdings nicht. Wenige Wochen nach seiner Entlassung Ende 2020 taucht er wie erwähnt wieder in der Berliner Straße auf.

Insgesamt 20 Filialen gehören zur Kette TabaPress. Den bei den drei verhandelten Diebstählen verursachten Sachschaden habe die Versicherung übernommen, so die Geschädigte. Auf dem Warenverlust von fast 10.000 Euro blieben die Inhaber hingegen sitzen. Eine entsprechende Versicherung sei kaum finanzierbar, erklärt die Geschädigte im Januar vor Gericht. „Hätten wir im dritten Fall die Waren nicht zurückbekommen, hätten wir vermutlich die Filiale schließen müssen.“

Gericht gab die Chance zur Therapie

Vom Amtsgericht Regensburg wird Ismail K. am 25. Januar dieses Jahres letztlich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten wegen des Diebstahls mit Waffen in drei Fällen sowie Sachbeschädigung verurteilt. Doch die Strafe muss Ismail A. damals nicht sofort antreten.

Er hatte sich zuvor intensiv um einen Therapieplatz bemüht und kurz vor dem Verfahren dann eine Zusage in einer Einrichtung erhalten. Antrittstermin: Wenige Tage später. „Wir haben nach langem Überlegen beschlossen, Ihnen diese Möglichkeit noch einmal zu geben“, sagt Amtsrichterin Andrea Costa damals. Unter mehreren Auflagen wird die Haft für den Verlauf der Therapie ausgesetzt.

Der Mann reagierte damals sichtlich erleichtert und konnte es zunächst kaum fassen. Er wolle mit seiner Familie einen Neustart schaffen. „Ich möchte weg aus meinem alten Leben, weg von den falschen Freunden und weg von den Drogen.“ Dass er vergangenes Jahr kurz nach dem Geburtstag seiner Tochter verhaftet worden sei, habe viel in ihm bewegt.

Angeklagter verschleißt mehrere Anwälte

Doch das Urteil sollte nicht rechtskräftig werden. Nur wenige Tage später legt der Angeklagte Berufung ein. Ismail K. zielt damit offenbar auf eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach §64 StGB ab. Eine solche stationäre Therapie würde im Rahmen der Haft vollzogen und eins zu eins auf das Strafmaß angerechnet werden.

Der zuständige psychiatrische Gutachter sieht dafür vor dem Amtsgericht Regensburg Anfang des Jahres aber kaum Erfolgsaussichten. Auch, weil der Angeklagte laut dem Experten widersprüchliche Angaben zur Sucht gemacht und eine „teils fragwürdige Selbstwahrnehmung“ habe.

In der Folge sucht sich Ismail K. einen neuen Anwalt. Bei einem ersten Berufungstermin im Frühsommer lässt sich der Jurist nach Unstimmigkeiten mit dem Angeklagten im Gerichtssaal von seinem Mandat entbinden. Auch weitere Juristen sollen Ismail K. in der Folge den Laufpass gegeben haben.

Berufung zurückgezogen

Diesen Freitag nun kommt es dann zu einem neuen Berufungstermin am Landgericht Regensburg. Der ist nach einer Dreiviertelstunde bereits vorbei. Rechtsanwältin Narine Schulz, Staatsanwaltschaft und die Kammer besprechen sich zunächst intern. Dann heißt es nur noch, beide Seiten würde ihre Berufungen zurückziehen. Über die genauen Hintergründe dieser etwas überraschenden Wende wird vor Gericht nichts näheres bekannt.

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Kommentare (2)

  • Mr. B.

    |

    Drogen sind doch immer so harmlos (Ironie aus)!
    Therapien sind teuer!

  • Beamter

    |

    Wutzlhofen

Kommentare sind deaktiviert

drin