Buchbesprechung und Anmerkungen zu Roman Smolorz

Auftragsarbeit zu Domspatzen weist gravierende Mängel auf

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Domspatzen

Eine schonungslose und offene Aufarbeitung der Geschichte der Domspatzen in der NS-Zeit wurde mit dem heute erschienenen Buch „Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus – Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat“ von Roman Smolorz angekündigt. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. 

Die Bewertungen des Verhaltens von Domkapellmeister Theobald Schrems und des Domchors in der NS-Zeit gehen weit auseinander. Während ein Großteil des Regensburger Klerus‘ gleich nach Kriegsende in Schrems einen braunen Parteigenossen gesehen haben soll, meinen heutzutage vor allem ehemalige Domspatzen, es habe zwar Versuche der Nationalsozialisten gegeben, den Chor zu vereinnahmen, aber keine aktive Zusammenarbeit. Ebenso klaffen die Äußerungen von Schrems selbst völlig auseinander: Während er es 1937 als hohe Ehre und als eine Verpflichtung betrachtete, „am kulturellen Aufbauwerk unseres Führers mit aller Kraft mitzuarbeiten“ und sich zusammen mit seinem Chor „in den Dienst von Volk und Vaterland zu stellen“, sprach er nach der militärischen Zerschlagung des NS-Regimes nur noch von seiner erlittenen Gängelei und angeblicher Verfolgung durch die Nazis.

Nachdem Theobald Schrems ab 2010 als brutaler Gewalttäter bzw. Schützer von Missbrauchstätern in die Kritik geriet und vermehrt Bilder von Domspatzen in brauner HJ-Uniform beim „Führer“ im Internet auftauchten, beschloss der Domchor-Verein 2013, die NS-Zeit der Domspatzen unter Schrems wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Schon Monate vor der Veröffentlichung der nun vorliegenden Studie kündigte der Verein im Domspatzen-Magazin eine schonungslose und offene Aufarbeitung der NS-Geschichte der Regensburger Domspatzen „auf der Grundlage sämtlicher verfügbarer Zeitdokumente“ durch den ausgewiesenen Fachhistoriker Roman Smolorz an. Dass die heute im PUSTET-VERLAG erschienene und vom Domchor-Verein bezahlte Arbeit von Smolorz („Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus – Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat“) kaum etwas von den Erwartungen erfüllt, sei für die nachfolgende Besprechung schon vorweggenommen.

Kurzer geschichtlicher Abriss

Vergleichsweise ausführlich schildert Roman Smolorz in seinem Werk die Entwicklung des Domchors bis 1933 und vermeidet es dabei, auf dessen angeblich tausendjährige Geschichte einzugehen. Für ihn gilt Regensburg erst „seit 1868 als Ort besonderer Pflege der Kirchenmusik, der Palestrina, und der Erhaltung des als Musikideal angesehenen A-cappella-Chorsatzes“ (S. 28).

Als Theobald Schrems 1924 von seiner Stelle als Präfekt und Musikpädagoge am Bischöflichen Knabenseminar Obermünster zum Domkapellmeister berufen wurde, war das Repertoire des Chors fast ausschließlich auf liturgische Werke und seine Bedeutung auf den Regensburger Dom beschränkt. Nicht zuletzt, um die damals desolaten finanziellen Verhältnisse im Domchor zu verbessern, gründete Schrems im Jahr 1925 zusammen mit ehemaligen Chormitgliedern den Domchor-Verein (exakt: „Freunde des Regensburger Domchores e.V.“).

Unverkennbare Nähe: Theobald Schrems 1938 auf dem Obersalzberg im Gespräch mit Adolf Hitler. Foto im "Illustrierten Beobachter" 1938.

Unverkennbare Nähe: Theobald Schrems 1938 auf dem Obersalzberg im Gespräch mit Adolf Hitler. Foto im „Illustrierten Beobachter“ 1938.

Das Dominternat bzw. der Domkapellmeister konnte schon damals nicht ohne Zuschüsse aus öffentlichen Kassen existieren. So gab im Jahr 1927 das Reichsinnenministerium 4.000 RM, der Bayerische Staat etwa 3.000 RM, die Stadt Regensburg 1.000 RM – hauptsächlich für die Unterbringung der Domsänger und das Gehalt des Domkapellmeisters. Ebenso wurden die rund 4.450 RM, die im gleichen Jahr vom rechtlich gesehen für den Domchor verantwortlichen Domkapitel kamen, dafür aufgezehrt.

Schrems hatte mit dem Domchor von Beginn an ambitionierte Pläne und wollte auch verstärkt nicht-liturgische Konzerte inner- und außerhalb der Stadt geben – was beim weisungsbefugten Domkapitel nicht immer auf Gefallen stieß. Im April 1933 fand die erste (schon länger geplante) Italienreise statt, inklusive Papstbesuch und Konzerten bei „Auslandsdeutschen“. Diese endete in einem finanziellen Fiasko, obwohl das Auswärtige Amt, der bayerische Gesandte beim Vatikan und der Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima in Rom und Prälat Alois Hudal (der nach dem Krieg über die berüchtigte Rattenlinie Nazis nach Südamerika schleuste) Schrems unterstützten.

Laut Smolorz führte das Schrems´Konzept, „Konzerte auf Kosten des Staates zugunsten der Auslandsdeutschen“ (S. 50), zu persönlicher Abhängigkeit des Domkapellmeisters von staatlichen Stellen.  Kaum aus Italien zurück, gaben Schrems und die Sängerknaben im Juni auf dem NSDAP-Gautag im Regensburger Stadtpark ihre Gesangskunst zum Besten, was mit ausdrücklicher Duldung von Bischof Michael Buchberger über die Bühne ging und die Abhängigkeit weiter verstärkte. Für die festen Zuschüsse von 12.000 RM an die Dompräbende, die seit 1937 im Auftrag von Adolf Hitler Jahr für Jahr aus seiner Berliner Reichskanzlei an den Domchor-Verein überwiesen wurden, bedankte sich Buchberger jeweils mit einem Schreiben, das die Grußformel „Heil Hitler, Ihr sehr ergebener + Michael“ trug. Teilweise schrieb Buchberger Hitler auch mit der Anrede „Hochverehrter Herr Führer und Reichskanzler“ (S. 77 f.) an.

Smolorz schildert im weiteren Verlauf den Aufstieg des Domchors und eine kaum überschaubare Anzahl von Konzerten, die für verschiedene Stellen (unter anderem staatliche und parteiliche) gegeben wurden: das NS-Außenministerium, die Reichsmusikkammer, das NS-Propagandaministerium, den Reichskanzler Hitler, den NSDAP-Reichsparteitag, die Wehrmacht, den Generalfeldmarschall Göring, das NS-Winterhilfswerk, das Rote Kreuz, etc. Nicht zuletzt wurden die Sängerknaben für die Kasse und zugunsten des Domchor-Vereins auf Tour geschickt. Nahezu alle außerkirchlichen Konzerte genehmigte Bischof Buchberger persönlich.

Doch der Ehrgeiz von Schrems wurde im Laufe der Zeit auch Bischof Buchberger zu viel, so dass er diesen 1944 mit deutlichen Worten ermahnte:

„Zurück zur Kirche und zum Gottesdienst! Dort ist Ihre Aufgabe, dort Ihre Kraft, dort sei Ihre Seele und Ihre ganze Liebe! Sonst wird die Hauptsache zur Nebensache und der Chor wird vielmehr verlieren als gewinnen!“ (S. 167)

Schrems machte jedoch unbeirrt weiter.

Unterteilung der Studie

Roman Smolorz hat seine Studie in fünf Hauptteile untergliedert und chronologisch aufgebaut. Nach einem Kapitel „vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten“ folgt eines, das von der „Gleichschaltung des Vereins der Freunde des Regensburger Domchores“ bis 1935 reicht. In den letzten drei Kapiteln werden die Zeiten von 1936 bis 1940, sowie 1940 bis 1944 und der „Untergang des ‚Dritten Reiches‘ inklusive dem Kauf des Hauses Etterzhausen durch Schrems“ untersucht.

Für alle Phasen werden für Interessierte erstmals auch die finanziellen Verhältnisse des Domchores dargestellt. Da Smolorz dies allerdings in unterschiedlichen Kategorien tut (wie beispielsweise in Form des Bankvermögens des Domchor-Vereins oder der festen bzw. einmaligen Zuschüsse diverser staatlicher Stellen für die Institution), bleiben die Finanzen trotz tabellarischer Darstellungen oftmals unübersichtlich.

Roman Smolorz bei der Vorstellung seiner Studie, Foto: R. Werner

Roman Smolorz bei der Vorstellung seiner Studie. Foto: R. Werner, 2017

Hinzu kommt nämlich, was in der Bilanz von Smolorz untergeht, dass Theobald Schrems neben den laufenden Einnahmen und Geldern für den Domchor-Verein zusätzlich die ihm aus Konzertreisen erwachsenen Unkosten geltend machen konnte und diese nach Aufstellung von der Kanzlei des Führers beglichen wurden. Oder dass Schrems am Obersalzberg vom „Führer“ persönlich einen ansehnlichen Bargeldbetrag zugesteckt bekam. Vermutlich konnte sich Theobald Schrems nur durch solcherlei Nebeneinkünfte so ein außergewöhnliches Statussymbol wie die Opel-Limousine Olympia leisten („im Wert von immerhin 2.500,00 RM“), deren Betrieb das Domkapitel im Jahr 1937 eigens genehmigen musste (S. 88).

Da bei Smolorz abschließend auch eine zusammenfassende Darstellung des finanziellen Aspektes fehlt, bleibt es den geneigten Lesenden überlassen, aus den sich über die Jahre wandelnden und schwer vergleichbaren Finanzverhältnissen der Institution Domspatzen Schlüsse zu ziehen.

Eine Stärke der Studie besteht aber beispielsweise in der sehr detaillierten Schilderung der Entwicklungen im Domchor bzw. Domchor-Verein bis etwa 1935/36. Hierfür hat Smolorz eine große Menge von Akten angeführt und teils ausführlich eingearbeitet. Indes, je weiter der Zeitenlauf im NS-Regime vorangeschritten ist, desto weniger Tiefe und Analyse zeigt die Studie von Smolorz. Konkret: Den ersten sechs Jahren des NS-Regimes (1933 bis 1939) schenkt der Autor doppelt so viel Aufmerksamkeit wie den letzten sechs.

Was Smolorz generell viel zu wenig liefert, sind wörtliche Zitate aus den vielen Briefen, Berichten und Selbstdarstellungen von Theobald Schrems, die einen unverstellten Einblick auf seine Handlungsweisen in der NS- und Nachkriegszeit gegeben hätten. Um Beispiele zu geben: In einer Zeitschrift für Kirchenmusik, die sicherlich keine NS-Propaganda hätte betreiben müssen, schwärmte Schrems 1941 über den „gemeinsamen Einzug des Chores und der deutschen Truppen“ in die rumänischen Hauptstadt Bukarest von 1940, sowie von dem anschließenden Festabend mit den „faschistischen Abordnungen und Falangevertreter(n)“, der für jeden Teilnehmer „ein unvergeßliches Erlebnis“, gewesen sei.

Oder als zweites Beispiel: Als Theobald Schrems 1937 von Reichskanzler Hitler einen Professoren-Titel zugeschanzt bekam, schrieb er zum Dank an das Propaganda-Ministerium von Josef Goebbels folgende bezeichnende Worte:

„Sowohl ich wie mein Chor betrachten diese hohe Ehre als neue Verpflichtung am kulturellen Aufbauwerk unseres Führers mit aller Kraft mitzuarbeiten und uns in den Dienst von Volk und Vaterland zu stellen.“ (S. 89)

Smolorz wirbt in diesem Zusammenhang um Verständnis für Schrems, indem er die tendenziöse Frage aufwirft:

„Hätte aber damals irgendein promovierter Deutscher einen solchen Titel vom amtierenden Staatschef abgelehnt?“ (S. 15)

Der Domchor als Wirtschaftsunternehmen

Die Domspatzen 1936 vor dem Hermann-Denkmal im Teutoburger Wald. Foto: privat

Die Domspatzen 1936 vor dem Hermann-Denkmal im Teutoburger Wald. Foto: privat

Um das vielfältige Geflecht aus unterschiedlichen Interessen und wechselnden Entscheidungsträgern in der Institution Domchor darstellen zu können, wählt Smolorz eine Untersuchungsmethode, die außer in „der Ökonomie auch in der Politikwissenschaft“ (S. 17) angewendet werde: die Prinzipal-Agent-Theorie (PAT). Die PAT gehe, so Smolorz, „von einem vertraglich geregelten Verhältnis zwischen einem Auftraggeber, den man als Prinzipal bezeichnet, und einem von ihm beauftragten Agenten aus.“ Der wegweisenden Entscheidung, die PAT als Untersuchungsmethode heranzuziehen, liegt also die Annahme zugrunde, dass der Regensburger Domchor in der NS-Zeit „als ein Geschäftsunternehmen“ fungierte.

Der Domchor hätte demnach in der Zeit des Nationalsozialismus zwei Prinzipale gehabt: Den Bischof, der die kirchliche Behörde verkörpert habe, und den nationalsozialistischen Staat, der 1934 in den Domchor-Verein eingedrungen sei. Smolorz bezeichnet hierbei den Vorstandsvorsitzenden des Domchor-Vereins, den NSDAP-Funktionär und seit 1933 bei der oberpfälzer Regierung als Assessor tätigen Dr. Martin Miederer, als Agenten des NS-Staates. Als Agenten des Bischofs bzw. des Domkapitels sieht er den Domkapellmeister Theodor Schrems. Den Zugriff der Nationalsozialisten von 1934 auf die Institution Domchor, sprich die sogenannte Gleichschaltung des von Schrems 1925 gegründeten Domchor-Vereins durch Dr. Miederer, interpretiert Smolorz als „exogenen Schock“ im Sinne der der PA-Theorie. Als Vertragszweck des Geschäfts kommt für Smolorz neben einem „finanzielle(n) Vorteil“ des Auftraggebers auch die „Wohlfahrt des Prinzipals“ (S. 16) in Frage. Nach dem Ausscheiden Martin Miederers aus dem Vorstand des Domchor-Vereins sei Schrems von 1939 bis Kriegsende, vereinfacht gesagt, der alleinige Agent der beiden Prinzipale geworden.

Zusammenfassend sieht Smolorz Theobald Schrems als unermüdlichen Eiferer, der immerzu nach einem hervorragenden Kirchenchor strebte und auch im nicht-kirchlichen Bereich Berühmtheit erlangen wollte. Ohne Zweifel sei Schrems „ein opportuner Spieler seiner Zeit“ gewesen, der „sich in letzter Konsequenz – aber auch nur dann, als man ihm diese Entscheidungen abverlangte – zugunsten der Kirche“ entschieden und so die „hartnäckigen Ideologen des Nationalsozialismus in der Gauhauptstadt Bayreuth enttäuscht“ habe. Anscheinend leicht irritiert resümiert Smolorz, dass Schrems jedoch „erstaunlicherweise“ (S. 184) mit seinem Chor viel Unterstützung zunächst vonseiten der bayerischen NS-Verwaltung und später von der Wehrmacht erfahren habe.

Prinzipal-Agent-Theorie – eine fragwürdige Methode

Wer die Tauglichkeit der PA-Theorie für diese Thematik in Frage stellt, tut es zu Recht. Fast jedes Mal wenn Smolorz auf die PAT zurückgreift, fragt sich der Rezensent, ob und wenn ja welche Erkenntnis aus dieser Theorie überhaupt gewonnen werden konnte oder sollte. Da eine sinnvolle Anwendung der PAT eigentlich einen Untersuchungsgegenstand mit rationalem, vertragsgemäßem Geschäftsgebaren und entsprechende Verträge voraussetzt, ist die Zuhilfenahme dieser Theorie, gerade für die NS-Zeit, mehr als fragwürdig. Sie wird verwirrend, wenn Schrems oder andere Funktionäre zwischendurch wechselnd als „Hilfsagenten“, „echte Agenten“ oder „de facto Agent“ eingestuft und behandelt werden.

Die Grenzen der Prinzipal-Agent-Theorie erörtert Smolorz nicht. Insbesondere vernachlässigt er in diesem Zusammenhang die „Polykratie“ des NS-Regimes, die Dr. Mark Spoerer, der Inhaber des Lehrstuhls an dem Smolorz tätig ist, so beschreibt: Der nationalsozialistische Staat war kein „monolithisches Gebilde mit einheitlicher Zielsetzung, sondern vielmehr eine äußerst komplexe Organisation, innerhalb derer Kompetenzüberschneidungen, Informationsasymmetrien und Zielkonflikte zwischen den Entscheidungsträgern der verschiedenen Ministerien, Behörden und Parteiapparate zu vielfältigen Prinzipal-Agenten-Beziehungen führten.“ (Mark Spoerer, Neue deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhundert, 2013, S. 168).

Mit Blick auf das Regensburg der NS-Zeit kann man konstatieren, dass die hiesigen Nazifiguren sich in ihrer Einschätzung des Domchors bzw. des Domkapellmeister kaum einig oder treu waren, was eine PAT aber voraussetzen würde. Hinzu kommt, dass die Interessen und Ziele, die Bischof Buchberger und das Domkapitel verfolgten, nicht immer deckungsgleich, teils aber im Sinne des NS-Regimes waren.

All diese diversen Interessenskonflikte und Kämpfe zwischen NS-Staat, NSDAP und Domchor bzw. Domkapellmeister reduziert Smolorz über weite Strecken auf eine, zugespitzt gesagt, persönliche Gegnerschaft zwischen dem bösen NS-Funktionär Martin Miederer einerseits und dem opportunistisch handelnden bzw. von Nazis gegängelten Domkapellmeister Schrems anderseits. Dies geht so weit, dass sich Miederers Handlungen und Nazi-Interessen wie eine rote Linie durch die Arbeit ziehen und gleichsam geschichtsmächtig wirken. Was Smolorz dabei aber ausblendet, ist die einvernehmliche, von weitreichender Interessengleichheit getragene Zusammenarbeit der beiden, die erst um 1938 zur feindseligen Beziehung wurde.

Insgesamt führt die Anwendung der PAT dazu, dass Smolorz den Domchor im weiteren Verlauf im Wesentlichen auf ein „Geschäftsunternehmen“ reduziert, was der historischen Realität und auch den Ansprüchen des Priesters Theobald Schrems nicht gerecht wird.

Die ursprünglichen kirchlichen Ziele, wie etwa der liturgische Dienst des Domchors, die Pflege der angeblichen Regensburger Chortradition, oder die Erziehung der Domspatzen-Zöglinge nach katholischen Grundsätzen geraten mit dem von Smolorz verfolgten Ansatz völlig aus dem Blick. Ebenso wenig kann man mit einer PAT erfassen, dass Theobald Schrems die Umsetzung des bedeutsamen Schreibens zur Kirchenmusik von Papst Pius X (Muto Propio Tra le sollecitudini, 1903) als sein Alleinstellungsmerkmal in der ganzen katholischen Welt betrachtete. Diese päpstliche Anordnung definierte nämlich den von Knaben und Männern gesungenen gregorianischen Choral in der katholischen Messe als einzig „wahrhaftig heilige und wahre Kunst“, und sowohl der weltliche Erfolg als auch die geistliche Legitimation von Schrems speisen sich daraus. Bei Smolorz erfährt man über diese Zusammenhänge überhaupt nichts.

Was Smolorz in seiner PAT-Analyse und der Untersuchung der Handlungen von Theobald Schrems sträflich vernachlässigt hat (indes erst gegen Schluss, nebenbei und folgenlos erwähnt), ist ein handfestes persönliches finanzielles Interesse. Als Domkapellmeister konnte er nämlich gemäß einer Regelung aus den 1920er Jahren „zehn Prozent der Erträge aus außerkirchlichen Konzerten, die der Domchor-Verein organisierte“, einfordern. Aufgrund dieser Vereinbarung beanspruchte Domkapellmeister Schrems 1938 vom Domchor-Verein fast 29.000 Reichsmark und bekam daraufhin 1941 tatsächlich 20.000 RM erstattet, so Smolorz (S. 164).

Lücken der Studie

Welche Tätigkeiten der Geistliche Theobald Schrems in seiner Funktion als „Führer der Reichsmusiker-Organisation für Regensburg“ in der NSDAP-Organisation Reichsmusikkammer (S.80) ausgeübt hat, wäre sehr von Interesse gewesen. Ebenso der Inhalt der von Schrems für diese NS-Standesorganisation gehaltenen Vorträge zur Hausmusik oder die Konzertreisen des Domchors, die die Reichsmusikkammer finanzierte.

Was Smolorz nicht geleistet hat, ist eine (zumindest) kurze Abhandlung der politischen Haltung von Bischof Buchberger und des Domkapitels im Nationalsozialismus. Stattdessen referiert er etwa über Kardinal Faulhaber, die politische Situation in Bayern, die Christenverfolgung durch das bolschewistische Sowjetrussland . Smolorz zeigt sich in diesem Zusammenhang als ein Wissenschaftler, der sich weder mit aktuellen lokalen kirchengeschichtlichen Darstellungen noch mit längst etablierten kritischen Arbeiten, in denen auch Buchbergers Nähe zur NS-Ideologie behandelt wird, beschäftigt hat. (Siehe etwa die 2014 im Reclam-Verlag erschienene Arbeit von Olaf Blaschke: Die Kirchen im Nationalsozialismus)

Bezüglich Buchberger wäre etwa von Interesse gewesen, dass dieser in seiner Schrift Gibt es noch eine Rettung (1931) und in seinem Lexikon für Theologie und Kirche zur Bekämpfung der angeblich schädlichen Wirkung des Judentums auf das deutsche Volk einen „christlichen Antisemitismus“ propagierte. Ebenso, dass Buchberger 1933 den nationalen Aufbruch des Nationalsozialismus befürwortete, die antisemitischen Übergriffe im Zuge des „Aprilboykotts“ 1933 nicht verurteilte, sondern begrüßen ließ, und er 1939 glaubte, mit der pseudoreligiösen Parole „Mit Gott für Deutschland“ für die Angriffs- und Vernichtungskriege mobilisieren zu müssen. All das dürfte eine Arbeit zur NS-Zeit und Bischof Buchberger nicht übergehen, da andernfalls Legenden und Gefälligkeiten für die katholische Kirche vorprogrammiert sind.

NS-Geistlicher Engert als „Erneuerung“?

Was der Autor bezeichnenderweise nicht bearbeitet hat, ist der Umgang der Verantwortungsträger in Domchor, Domkapitel und Internat mit ihrer NS-Geschichte nach dem Krieg. In diesem Zusammenhang ist es völlig unverständlich, dass Smolorz die Wahl des nationalsozialistisch belasteten Geistlichen und Schrems-Spezi Josef Engert in die Vorstandschaft des Domchorvereins unter dem Stichwort politische „Erneuerung“ des Vereins von 1946 anführt (S. 170), wo doch Engert als vormaliges Mitglied im NS-Lehrerbund und Professor der Philosophisch-theologischen Hochschule die nationalsozialistischen Rassengesetze begrüßte und Nazipropaganda unter Geistlichen betrieb.

Nach Recherchen von regensburg-digital umbenannt: die Josef-Engert-Straße. Foto: Werner

Nach Recherchen von regensburg-digital umbenannt: die Josef-Engert-Straße. Foto: Werner, 2016

Nach enthüllenden Recherchen von regensburg-digital wurde 2014 in Regensburg sogar eine nach Engert benannte Straße umbenannt. Smolorz müsste nach seiner Rezension der Publikation Braune Flecken auf dem Priesterrock (Robert Werner, 2015), in der es auch um Engerts Nazi-Vergangenheit geht, über diese Zusammenhänge Bescheid wissen.

In der Arbeit von Roman Smolorz, die unter dem ursprünglichen Titel „Die Regensburger Domspatzen und ihr Dirigent Theobald Schrems im Spannungsfeld zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat“ abgeschlossen wurde, vermisst man eine aussagekräftige (über einen Lexikoneintrag hinausgehende) biographische Skizze von Theobald Schrems, sogar den Geburts- (17.2.1893) und Sterbetag (17.11.1963). Ebenso einen zumindest kursorischen Abriss der politischen Entwicklung Regensburgs zum NS-Rüstungsstandort, zur rassenhygienischen Musterstadt, wie sie dem SS-General Otto Schottenheim vorschwebte und vom SS-Förderer Hans Herrmann organisiert werden sollte. Darüber hinaus mangelt es an Mindestangaben zu den in Berlin und Bayern tätigen NS-Verwaltungsbeamten, mit denen Schrems regelmäßig in wichtigen Fragen zu tun hatte und auf die der Autor mehrfach zu sprechen kommt, ohne irgendeine Einordnung vorzunehmen.

Bezeichnenderweise hat Smolorz die vom MZ-Redakteur Helmut Wanner 2012 verbreitete (Entlastungs-)Legende, Domkapellmeister Schrems habe einen „jüdischen Domspatzen“ vor Hitler geschützt, nicht aufgegriffen. Eine Überprüfung dieser Legende hätte ergeben, dass der MZ-Autor den Knaben nachträglich, also erst 2012 und offenbar auf der Basis der Nürnberger Rassegesetze, als einen „jüdischen“ eingestuft hat, und der Rest der Geschichte auf Spekulationen beruht. Dass Smolorz diese Schutzlegende nicht untersucht hat, verwundert umso mehr, da er den damaligen Knaben als fast neunzigjährigen Zeitzeugen mehrfach bei wesentlichen Fragestellungen ohne ersichtliche Quellenkritik zu Wort kommen lässt und der besagte MZ-Artikel von 2012 (übrigens mit falschem Erscheinungsjahr) in der Fußnote als Quelle angeführt wird (S. 163).

Wichtige Fragen und Aspekte hat Smolorz in seiner Arbeit nicht einmal ansatzweise bearbeitet. Dem Autor scheint nach den aufwendigen Archivrecherchen die Zeit für eine tiefergehende und unvoreingenommene Darstellung ausgegangen zu sein.

Smolorz ignoriert und deutet Akten willkürlich

Hochproblematisch und abwegig werden die Darstellungen von Roman Smolorz, wenn es etwa um die Planungen von 1936 zur Gründung eines Regensburger Musikgymnasiums geht. In diesem Zusammenhang meint Smolorz, entgegen der Akten- und Forschungslage, von Plänen sprechen zu müssen, „den Regensburger Domchor nach Frankfurt am Main zu überführen“ (S. 117). Tatsächlich sahen die Pläne des Reichserziehungsministeriums vor, den Domspatzen-Chor, ohne seinen liturgischen Dienst im Dom zu unterbinden, ins geplante Regensburg Musikgymnasium zu verlagern, ihn umzubenennen und unter staatliche Aufsicht bzw. die künstlerische Leitung von Prof. Schrems zu stellen. Das Ziel: Als Spitzenchor mit den allerbesten auserlesenen Knabenstimmen wäre er nach den positiven Erfahrungen der letzten Jahre dazu ausersehen gewesen, „die Kulturbelange des nationalsozialistischen Staates im In- und Ausland zu vertreten“. So eine detaillierte Gedenkschrift von Martin Miederer von 1937.

Ebenso abwegig sind seine Ausführungen zur Verlagerung des Dominternats in die Almrausch-Hütte von Etterzhausen vom Herbst 1944. Auch hier verdreht Smolorz die Sachlage, ignoriert die anderslautenden Darstellungen der Domspatzen-Institution (unter anderem die von Georg Ratzinger), wenn er den Kauf der Hütte auf 1941 verlegt, oder eine „Wasserversorgung des Hauses“ von NS-Behörden bedroht sieht, obwohl es eine Trinkwasserleitung noch gar nicht gab. Smolorz macht hierbei den von höchsten NS-Stellen geschützten und begünstigten Domkapellmeister zum Verfolgten, insbesondere wenn er behauptet, nur die Amerikanischen Truppen hätten den NS-Regierungspräsidenten 1945 daran gehindert, das „Privateigentum von Schrems in Etterzhausen zu beschlagnahmen“ (S. 168). Hätte Smolorz die einschlägige Literatur und den ergiebigen Akt des Bayerischen Hauptstaatsarchivs mit der Signatur MK 51323 und dem Betreff Regensburger Domchor (Domspatzen) ausgewertet, hätte er ein anderes Bild zeichnen müssen: Schrems stand bis zuletzt unterm Schutz höchster Nazi-Funktionäre und Hitlers.

Um ein drittes hochproblematisches Beispiel anzuführen, sei auf seinen „Exkurs: Der Paragraf 175“ hingewiesen. Smolorz versucht darin, den Domkapellmeister Schrems als potentielles Opfer der sogenannten Sittlichkeitskampagne der Nationalsozialisten zwischen 1935 und 1936 abzuhandeln, welche in der Donaustadt „nicht ohne Erfolge“ (S.141 f) abgelaufen wäre. Smolorz ohne Beleg: „(…) äußerte mancher doch auf Regensburgs Straßen unverhohlen, dass der Paragraf 175 auf Schrems zutreffe.“ Die Sache wird bei Smolorz gänzlich unübersichtlich, weil er auf knapp zweieinhalb Seiten auch noch die ruchbar gewordenen sexuellen Übergriffe eines Betreuers während einer Konzertreise um 1940 und die eines pädophilen Hitlerjungen im Domchor andeutet, ohne die Zusammenhänge verständlich darstellen zu können oder selber genau zu wissen, ob es nun um „Pädophilie oder Homosexualität“ geht.

Es verwundert nicht, wenn Smolorz nicht alles klären konnte: „Über Schrems selbst ist nicht bekannt, dass er homosexuelle Neigungen hatte.“ Zuletzt kommt Smolorz leider (Schrems schützend und Missbrauch verharmlosend) auch noch auf den aktuellen Missbrauchsskandal bei den Domspatzen zu sprechen und, nach welchen Erkenntnissen auch immer, zur freischwebenden Spekulation, „dass die massiven moralischen Probleme in der Dompräbende, die nach 1945 auftraten, sich zwar während des ,Dritten Reiches‘ anbahnten, damals allerdings noch nicht das Hauptproblem des Chores und Schrems’“ gewesen wären.

Regensburg-digital wird auf die Hintergründe und Zusammenhänge dieser drei Beispiele in einem späteren Beitrag ausführlich eingehen.

Der Domchor und die HJ

Das Verhältnis des Domchors zur Hitlerjugend (HJ) spielt in der Erinnerung von Ehemaligen und den Selbstdarstellung der Institution eine besondere Rolle. Fotoaufnahmen, die die Chorknaben in HJ-Uniform beim „Führer“ zeigen, kursierten seinerzeit in Nazi-Blättern oder wurden als Postkarten versandt. Da die öffentlich präsentierte HJ-Mitgliedschaft seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen nicht mehr opportun ist, bedarf sie seither einer nachträglichen Rechtfertigung und erzeugt teilweise abwegige Erklärungen. Smolorz weicht an dieser Stelle nicht vom dominanten Diskurs ab, wenn er zwischen HJ und Domchor allein von einem feindlichen Verhältnis ausgeht. So meint er, dass die HJ in Regensburg besonders bemüht gewesen wäre, „ein Gegengewicht zu den Domspatzen zu etablieren“ (S. 130). Theobald Schrems wäre gegen diese antikirchlich motivierten Attacken vorgegangen.

die Chorknaben in HJ-Uniform beim „Führer“ zeigen, kursierten seinerzeit in Nazi-Blättern und oder wurden als Postkarten versandt. Foto: privat

Fotos, die Chorknaben in HJ-Uniform beim „Führer“ zeigen, kursierten seinerzeit in Nazi-Blättern und oder wurden als Postkarten versandt. Foto: privat

In dieser Abwehrschlacht wäre der Domkapellmeister, so er sie geführt hätte, allerdings auf verlorenem Posten gestanden. Denn, so das bemerkenswerte Ergebnis der Arbeit von Smolorz, schon seit Anfang 1934 seien „neun von zehn der damals aufgenommenen Jungen“ bereits Mitglieder des Jungvolkes gewesen (S. 119). Dieser extrem hohe HJ-Anteil dürfte für ein katholisches Jungeninternat in ganz Nazi-Deutschland herausragend gewesen sein, was Smolorz aber nicht weiter thematisiert. Zum Vergleich: 1934 waren „nur“ 3,6 Millionen Jungen und Mädchen in HJ und BDM organisiert und erst nach der Einführung der Beitrittspflicht 1939 stiegen die Mitgliedszahlen auf das fast zweieinhalbfache, auf knapp neun Millionen an. In die von Smolorz skizzierte feindliche Gegnerschaft passt gar nicht, dass die Domspatzen unter Schrems beispielsweise noch im Jahre 1943 auf der Abschlussveranstaltung der Berliner Chorkonzerte der HJ zusammen mit dem Mozart-Chor der Reichshauptstadt-HJ aufgetreten sind.

Was Smolorz bezüglich der HJ nicht einmal erwähnt, ist ein von Helmut Halter, dem Spezialisten für die NS-Geschichte Regensburgs, herausgearbeiteter Befund, der auf einem von ihm ausgewerteten Schriftverkehr zwischen Schrems und dem Domkapitel von 1935 beruht (Helmut Halter: Die „Regensburger Domspatzen“ (1924-1945), in: Winfried Becker, Werner Chrobak (Hg.): Staat, Kultur, Politik…, 1992). Demnach gab sich Schrems ob der Frage der HJ-Mitgliedschaft seiner Sängerknaben indifferent. Schrems sei nur an einem störungsfreien Ablauf seiner Chorarbeit und Konzerte interessiert gewesen und die seit 1933 existierende eigene Domspatzen-HJ-Einheit (ein sog. Fähnlein) habe einen solchen eher gewährleistet. Das Domspatzen-Fähnlein habe organisatorisch gesehen für Schrems sogar praktische Vorteile gehabt, da der Dienst in der HJ mit dem für den Domchor leichter zu koordinieren gewesen sei.

Die Domchor-HJ in Familienhand

Wahrscheinlich ist Theobald Schrems die 1933 aufkommende HJ-Problematik pragmatisch angegangen und hat seinen Neffen, den 1914 in Mitterteich als Sohn des Domkapellmeister-Bruders Johann Schrems geborenen Hans Schrems, vorgeschickt. Aus den Entnazifizierungsunterlagen geht nämlich hervor, dass es sein Neffe Hans Schrems war, der im Fähnlein der Domsängerknaben von 1933 bis 1935 zunächst als HJ-Jungzugführer und später als stellvertretender Fähnleinführer agierte. Smolorz führt in seinen Quellenangaben den Entnazifizierungsakt von Hans Schrems zwar an, entlässt diesen aber bereits 1934 aus der HJ und verschweigt dessen Mitgliedschaft in NS-Studentenbund (1935 bis 1939). Zudem unterschlägt er, dass der Neffe Hans die Domspatzen-HJ persönlich anführte (S. 105).

Theobald Schrems und die "Domchor-HJ" in der Berliner Akademie November 1933. Foto: Privat

Theobald Schrems und die „Domchor-HJ“ in der Berliner Akademie November 1933. Foto: Privat

Seinen spärlichen Ausführungen, die Smolorz in einer Fußnote versteckt hat, kann man nicht entnehmen, dass Hans Schrems laut offiziellen Akten seit 1. Dezember 1937 reguläres NSDAP-Mitglied (Nr. 6052237) der Ortsgruppe Grunewald gewesen ist. Bei Smolorz  hingegen heißt es eigenartigerweise nur, dass Hans Schrems „seit Dezember 1937 bei der NSDAP als Anwärter“ (S. 105) geführt worden sei. Die unübliche und durchaus irreführende Klassifizierung Anwärter übernahm Smolorz offenbar aus einem von Hans Schrems in der Nachkriegszeit angefertigten Lebenslauf.

Der Vollständigkeit halber noch ein Detail, das Smolorz nicht anführt, aber in einer Abhandlung zur NS-Geschichte nicht fehlen darf: Da Hans Schrems im Sinne der Entnazifizierungsgesetze als „belastet“ (Gruppe III) galt, konnte er erst im Oktober 1947, nach der Zustimmung der amerikanischen Behörden und im Zuge bzw. dank der Weihnachtsamnestie, als „Mitläufer“ entnazifiziert werden. Eine vernachlässigbare Kleinigkeit? Mitnichten, denn auch Smolorz hält es in seiner Arbeit an anderer Stelle für nötig, belanglose Details aus Entnazifizierungsverfahren anzugeben, etwa beim in Regensburg eher unbekannten ehemaligen Regierungspräsident Gerhard Bommel (S. 167). Insgesamt zeigt sich am Beispiel Hans Schrems unverkennbar, dass Smolorz eine selektive Auswahl und interessensgeleitete Ausdeutung von Quellen vorgenommen hat und sich dabei kaum von verklärenden Schriften ehemaliger Domspatzen (wie etwa Alexander Metz: Hans Schrems, Leben und Wirken 1914-1969, 2014) unterscheidet.

Da Hans Schrems für die Institution Domspatzen von eminenter Bedeutung und sogar als Nachfolger seines Onkels als Domkapellmeister im Gespräch war, folgen hier wichtige biographische Eckdaten, die Smolorz nur teilweise bringt: Hans Schrems legte sein Abitur 1934 als Zögling des Dom-Internats am Neuen Gymnasium ab, studierte daraufhin von 1935 bis 1938 an der Münchner Hochschule für Musik, später in Berlin. Nach der Kriegsgefangenschaft arbeitete er ab 1945 als Musikerzieher bei den Domspatzen, bis er 1951 in den Staatsdienst ging, als Studienassessor an der hiesigen Oberrealschule wirkte, von dieser ans Domspatzen-Gymnasium zurückkehrte („beurlaubt zur Dienstleistung“) und dort bis zuletzt als beurlaubter bayerischer Beamter (auf Lebenszeit seit 1956) als Musik- und Chorlehrer arbeitete. Als erfolgreicher Domspatzen-Chorleiter wurde er durch seine nationalen und internationalen Konzertreisen weithin bekannt und zog sich im November 1969 nach dem Sturz von der Nibelungenbrücke tödliche Verletzungen zu. Akkurat zu Füßen des damals noch auf der Brücke thronenden Nazi-Adlers, der bis 1945 auch die vormalige Adolf-Hitler-Brücke geziert hatte.

Smolorz wiederholt Schutzbehauptungen

Indes stellt Smolorz auch im ausführlicheren Teil seiner Arbeit (etwa bis 1939) längst nicht alles offen und schonungslos dar. Dies zeigt sich etwa auch am Verhalten des Domkapellmeisters Schrems anlässlich des ersten Besuchs von Reichskanzler Adolf Hitler in Regensburg vom Oktober 1933. In diesem Zusammenhang (und nicht nur hier) ist es Smolorz offenbar wichtiger eine besserwisserische Korrektur an der bereits erwähnten, immer noch erhellenden Arbeit von Helmut Halter von 1992, die man im Literaturverzeichnis von Smolorz vermisst, vorzunehmen, als die damaligen anbiedernden Äußerungen von Schrems sauber anhand der längst bekannten Quellen darzustellen.

Während Halter bereits 1992 die Eigeninitiative von Domkapellmeister Theobald Schrems 1933 als ein Wesensmerkmal herausarbeitete, etwa, „um dem Führer ein Ständchen“ darbringen zu dürfen, referiert Smolorz die von einem Dritten niedergeschrieben Nachkriegserinnerungen des Nazi-Bürgermeisters Otto Schottenheim. Demnach habe Schottenheim „den Domchor vor Hitler auftreten lassen, weil dessen Besuch unerwartet und deswegen kaum vorbereitet gewesen sei“ und man deshalb nichts anderes zu bieten gehabt habe (S. 50 f). Weiter meint Smolorz, offenbar (und nicht das einzige Mal) mit dem Ziel Schrems in ein besseres Licht zu stellen, es lasse sich heute kaum entscheiden, ob Schrems mit der eifrigen Zurverfügungstellung des Domchors für den Nationalsozialismus tatsächlich erwartete, „durch vorauseilenden Gehorsam höchste Protektion zu erhalten“ oder ob er nur den politischen Ansprüchen des NS-Regimes folgte.

Bürgermeister Hans Herrmann mit Domkapellmeister Theobald Schrems. Foto: privat

Bürgermeister Hans Herrmann mit Domkapellmeister Theobald Schrems. Foto: privat

Die unvoreingenommene Aktenanalyse, wie sie etwa Halter angestellt hat, ergibt aber eindeutig einen anderen Befund. Schrems drängte nämlich von sich aus und mehrfach bei den NS-Bürgermeistern Otto Schottenheim und Hans Hermann auf das „Ständchen für den Führer“ und lies auch nach den ersten abschlägigen Antworten nicht locker. Da eine Begegnung mit Hitler, so Schrems im Brief an Schottenheim vom 6. Oktober 1933 als weitsichtige Begründung, „sicher auch für die Zukunft des Domchors von großer Bedeutung“ sein würde. In seinem Brief, den er mit „Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister“ begann und mit „Heil Hitler“ schloss, bat Schrems darum, dass die Hoffnungen der Domspatzen, die sich schon so riesig gefreut hätten, „vor dem Führer singen zu dürfen“, nicht enttäuscht würden. regensburg-digital hat diese Vorgänge bereits 2012 dargestellt. 

In der aktuellen Studie Smolorz‘ sucht man meist vergeblich nach solchen (oder ähnlichen) unverkennbaren Äußerungen des Domkapellmeisters von 1933, ebenso wie nach einer historischen Analyse der vielen Schutzbehauptungen von Schrems aus der Nachkriegszeit. Beispielsweise jener, wonach ein eventueller Nichtauftritt vor Hitler 1933 eine Gefährdung des Chors bedeutet hätte. Indem Smolorz diese und andere ähnlich lautende Schutzbehauptungen von Theobald Schrems nicht unvoreingenommen analysiert hat, verharrt seine Studie diesbezüglich im geschichtsklitternden Diskurs der unhistorischen Festschriften, die seit Jahrzehnten im Umfeld der Institution Domchor und von Schremssianern aller Couleur verbreitet werden. So kommt auch Smolorz zu der ahistorischen Spekulation: „Den Domchor als Propagandainstrument dem ‚Dritten Reich‘ völlig zu entziehen wäre nur über den Weg seiner Auflösung gegangen.“ (S. 183)

Vorgeschichte und Hintergründe des Auftrags

Abschließend noch einige Anmerkungen zum Hintergrund der vorliegenden Domspatzen-Arbeit, die als sogenanntes Drittmittelprojekt am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Regensburg von Dr. Mark Spoerer abgewickelt und betreut wurde.

Die Auftragsverhandlungen dafür fanden im Sommer 2014 zwischen dem Lehrstuhl und dem Vorstand der „Freunde des Regensburger Domchores e.V.“, der sich in den Zielen des Projekts mit dem Regensburger Bischof abstimmte. Anfang 2015 wechselte Roman Smolorz vom Regensburger Institut für Ost- und Südosteuropaforschung an den Lehrstuhl von Spoerer und erstellte in der Folge ein Konzept. Demzufolge soll seiner auf umfassender Archivrecherche basierenden Studie „eine empirisch-analytische Vorgehensweise zugrunde gelegt“ werden, „während ein normativ-wertender Ansatz in den Hintergrund“ trete. Das „Normativ-Wertende“, die Bewertung von Theobald Schrems, wollten die Auftraggeber offenbar nicht aus der Hand gegeben, was eine bemerkenswerte Beschränkung für den Forschenden darstellt.

Zu den Beweggründen des Auftrags befragt, erklärte ein Vorstandsmitglied des Domchor-Vereins Ende 2015 gegenüber unserer Redaktion, dass die Vorstandshaft 2013 entschieden habe, die NS-Geschichte des Domchors wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, da Medien wie regensburg-digital dieses Thema ansonsten immer wieder aufwärmen und präsentieren würden.

Kostenpunkt des Auftrags?

Nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Marcus Weigl habe der Domchor-Verein die Kosten der Studie in der Höhe von gut 57.000 Euro übernommen und außer der Erarbeitung nach wissenschaftlichen Grundsätzen keine weiteren Vorgaben auferlegt. Dr. Spoerer erklärte auf Anfrage, dass sein Lehrstuhl keinerlei finanzielle Lasten übernommen habe, es üblich und selbstverständlich sei, dass der Drittmittelgeber die vollen Kosten trage.

Da der auf osteuropäische Geschichte spezialisierte Historiker Roman Smolorz bislang weder zum Domchor noch zu den Verwicklungen der katholischen Kirche im NS-Regime geforscht und publiziert hatte, musste er sich, wie er in der Danksagung bekennt, „in der sehr kurzen Zeit zwischen 2015 und 2016“ erst „mit zahlreichen Personen über dieses Thema“ austauschen, „um den Gegenstand in seinem ganzen Umfang zu erfassen, ohne sich darüber ins Uferlose zu verlieren“ (S. 7). Im Oktober 2015 stellte Smolorz sein Projekt am Lehrstuhl forschenden Kollegen vor und betonte dabei, dass die regelmäßig im Internet auftauchenden Bilder mit dem Chor und Adolf Hitler „viele Fragen zur Rolle des Domkapellmeisters provozieren“ würden.

Die Grenzen der Drittmittel-Forschung

Unterm Strich dürfte Smolorz für die eigentliche Recherche und Ausfertigung des Manuskripts, das bereits im Mai 2016 fertiggestellt wurde, bestenfalls ein Jahr zur Verfügung gestanden haben. Einen Teil seiner Studienergebnisse hat er noch 2016 als Aufsatz (Der Regensburger Domchor im oberschlesischen Grenzgebiet und in Polen 1936 und 1940) in einer polnischen Zeitschrift publiziert, der unter anderem wegen seiner unsäglichen Vereinnahmung des Auschwitz-Überlebenden und Autors Primo Levi von regensburg-digital kritisch besprochen wurde. 

Um es positiv zu formulieren: Angesichts der für Recherche und Verfassen des Manuskripts sicherlich viel zu kurzen Zeitspanne hat Roman Smolorz eine beachtliche Arbeit abgeliefert, die es zumindest den Verantwortlichen in der Institution Domchor und vielen Ehemaligen schwer machen dürfte, die dominanten Legenden und Schutzbehauptungen über die angebliche Ferne oder Gegnerschaft des Domkapellmeisters Theobald Schrems zum NS-Regime so weiter aufrechtzuerhalten.

Die Arbeit von Roman Smolorz über die Domspatzen im Nationalsozialismus kann es nicht verbergen, dass sie abgeschlossen wurde, ohne dass wesentlichen Quellen und andere Arbeiten ab- und eingearbeitet worden wären. Foto: Archiv

R. Smolorz kündigt eine 250.000 € teure Studie zum Kriegsende in Regensburg 1945 an. Foto: Werner, 2015

Andererseits ist es offensichtlich, dass Roman Smolorz seine Arbeit unter enormen Zeitdruck beenden musste, obwohl bestimmte Quellen nicht ausgewertet und wichtige Aspekte nicht hinreichend analysiert wurden. Wieder einmal. Denn bereits 2010 löste er mit seiner damals für das Stadtarchiv erstellten Publikation zu Displaced persons in der Regensburger Nachkriegszeit (mit dem unsäglichen Titel „Juden auf der Durchreise“) bei Fachkollegen große Irritationen aus, vor allem ob des hastigen Abschlusses und seiner mangelhaften Quellen- bzw. Archivarbeit. 

Der enorme Zeitdruck und der Zwang zum verfrühten Abschluss der Domchor-Arbeit entstand dieses mal vor allem, als der Regensburger Stadtrat Ende Oktober 2014 ein ungleich größeres Drittelmittelforschungsprojekt beschloss: die 250.000 Euro teure Erforschung des Kriegsendes in Regensburg, die der ehemalige Stadtarchivar Heinrich Wanderwitz wiederum seinem ehemaligen Mitarbeiter Roman Smolorz zuschanzte. Der Drittmittel-Forscher Smolorz musste also das kleinere Projekt abschließen, um das größere beginnen zu können. Das eigentlich auf zwei Jahre angelegte Projekt zur Erforschung des Kriegsendes konnte dadurch erst verspätet begonnen werden und wird voraussichtlich erst im Jahre 2018 abgeschlossen.

Keine umfassende und schonungslose Untersuchung

Aufs Ganze gesehen werden durch die Arbeit von Smolorz erstmals viele bedeutsame Details und wichtige interne Zusammenhänge dargestellt und öffentlich bekannt. Unverständlicherweise hat der Autor Schutzbehauptungen, die Theobald Schrems nach dem Krieg bemühte, nicht untersucht teilweise sogar neue hinzugefügt. Die Arbeit von Roman Smolorz über die Domspatzen im Nationalsozialismus kann es nicht verbergen, dass sie abgeschlossen wurde, ohne dass wesentlichen Quellen und andere Arbeiten ab- und eingearbeitet worden wären. Beendet wurde, ohne dass die Komplexität der unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Interessen und die daraus resultierenden Auseinandersetzungen umfassend, überzeugend und vor allem vorbehaltlos dargestellt worden wären.

Mit Wertungen gegen Theobald Schrems (nicht gegen Martin Miederer oder andere Nazis) hat sich der Autor fast gänzlich zurück gehalten. Nur ausnahmsweise, eigenartigerweise allein anlässlich des mehrfachen öffentlichen Vorsingens des Horst-Wessel-Liedes durch den Domchor unter der Leitung von Schrems von 1933, lässt sich Roman Smolorz zu einer Bewertung hinreißen:

„Offenkundig waren solche Auftritte ein kalkuliertes Entgegenkommen gegenüber der politischen Obrigkeit, aus historischem Rückblick jedenfalls ein peinlicher Opportunismus“. (S. 96)

Ob die Auftraggeber der Studie, der Vereinsvorstand der Freunde des Regensburger Domchores, diesen Opportunismus ebenso „peinlich“ finden und gegebenenfalls Konsequenzen daraus ableiten werden, bleibt abzuwarten. Der vom Domchor-Verein gewählte Weg über ein Drittmittelprojekt hat eine umfassende Erforschung des Domchors und seines Leiter Theobald Schrems nicht ermöglicht. Das vorliegende Buch von Roman Smolorz hat das bereits vor Monaten in Form von Eigenwerbung angekündigte Ziel einer schonungslosen und offenen Aufarbeitung der Geschichte der Domspatzen im Nationalsozialismus nicht erreicht.

Roman Smolorz: Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus. Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat. Heute im Pustet-Verlag mit 256 Seiten für 22 Euro erschienen. ISBN: 3791729306

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Kommentare (17)

  • R.B.

    |

    Dass sich diese Institution Domspatzen heute im 21. Jahrhundert so derart ins Zeug legt diese derartige NS Zeit der Regensburger Domspatzen aufzuarbeiten. Da beißt die Maus keinen faden mehr ab. Der angebliche gut und hochgelobte Abschlußbericht der Regensburger Domspatzen, geschrieben und verfasst von RA Weber, weißt dermaßen viele Lücken zu einer Vielzahl von Themen auf. Wem wundert,s…?
    Für mich nur ein derartiges Ablenkungsmanöver…..
    Siehe auch Bericht zum Thema von Reg Digi

    http://www.regensburg-digital.de/anmerkungen-zum-domspatzen-abschlussbericht/04082017/

  • Ronald McDonald

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    „Teilweise schrieb Buchberger Hitler auch mit der Anrede ‚Hochverehrter Herr Führer und Reichskanzler‘ … an.“

    Ja, so was aber auch.
    Der damals regierende Bischof der Kirche von Regensburg Monseigneur Michael [morgen hätte er Namenstag] Buchberger hielt sich damals eben „teilweise“ schlicht und einfach an Recht und Gesetz hinsichtlich der Anrede des damaligen Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches.
    Schauen wir ins Reichsgesetzblatt Nr. 89 aus 1934 vom 02.08.1934; dort auf Seite 747 finden wir das „Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches“ vom 01.08.1934.
    In dessen § 1 Satz 2 heißt es:
    „Infolgedessen gehen die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler über“.
    Dies ist/war die Legaldefinition der Amtsbezeichnung des Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches ab dem 02.08.1934.

    Als Nichtparteimitglied wählte Monseigneur Buchberger damals aus Gründen reiner formaler Höflichkeit als Anredezusatz zur gesetzlich vorgegebenen Amtsbezeichnung „Führer und Reichskanzler“ die Formel „Hochverehrter Herr“, mit genau der er auch andere x-beliebige männliche nichtklerikale Prominenzen angeschrieben hätte.
    Beliebt hat er sich in Parteikreisen mit dieser Adresse sicher nicht gemacht.

    Die gesetzliche Amtsbezeichnung „Führer und Reichskanzler“ hat übrigens der „Führer und Reichskanzler A. Hitler“ qua „Führerbefehl“ eingangs 1939 in „Der Führer“ geändert.

    Zeitgeschichtliche Knappheiten zu diesem Thema sind zu finden in „Der Neue Brockhaus“ (1938) Eintrag „Führer, Der …“.

    Wie unsere derzeitige Regierungsführerin Angela Merkel „Die Raute“ zu adressieren ist, wird hier anempfohlen http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/150142/publicationFile/54722/Anschriften.pdf

  • joey

    |

    256 Seiten! Na, da könnte man dann einen Test machen, wer denn das Werk überhaupt gelesen hat. Vermutlich ist es den meisten Menschen heute völlig wurscht, was die Domspatzen zum NS gemacht haben. Die Thematik gilt wohl für alle Arten von „Begleitmusik“.
    Hie und da ein paar Entschuldigungen und Bekenntnisse, damit das dann geregelt ist und (dicker Aktendeckel+Staub) abgeschlossen werden kann. So machen es die Verbände, die Unternehmen, die Vereine, die… ein Standard Verfahren.

  • hutzelwutzel

    |

    @joey:
    Richtig! Aber es geht doch nur darum, dass die Kirche was in Auftrag hat schreiben lassen, was in publizierter Buchform Jahrhunderte überdauern soll, während alle anderen Äußerungen dann nicht mehr zählen. Es gilt „Rein sein, beinander bleiben!“ ;-)

    Besten Dank an Herrn Werner für diese wirklich notwendige Klärung.
    —————
    In den Archiven der Diözese Regensburg zu forschen dürfte vielleicht sogar mehr bringen als eine Forschung im Vatikanischen Geheimarchiv.

  • Angelika Oetken

    |

    „Nicht zuletzt, um die damals desolaten finanziellen Verhältnisse im Domchor zu verbessern, gründete Schrems im Jahr 1925 zusammen mit ehemaligen Chormitgliedern den Domchor-Verein (exakt: „Freunde des Regensburger Domchores e.V.“).“

    Warum sollten die Domspatzenfunktionäre und die Anhänger der Hitlerei und deren Zentralfigur nicht mehr miteinander verbunden haben, als ökonomische Interessen und die vorgeschützte Freude an einer bestimmten Art von Musik?
    Dass man von offensiver und aggressiver Homophobie nicht automatisch darauf schließen darf, deren Betreiber hätten selbst kein Interesse an gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, veranschaulicht der Umgang bestimmter Kreise des römisch-katholischen Klerus mit der von ihr zu verantworteten systematischen sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen am besten. Wenn ein Mann mit einer anderen männlichen Person sexuell verkehrt, bedeutet das nämlich noch lange nicht, beide seien homosexuell veranlagt. Es können sich in dem Verhalten z.B. Vorlieben für bestimmte Sexualpraktiken abzeichnen, die man(n) im sexuellen Kontakt zu einer Frau oder einem Mädchen nicht so ohne Weiteres umsetzen kann. Gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern, dieses trotz aller scheinbaren Toleranz immer noch hoch tabuisiertes sexuelles Agieren, kann aber auch Folge einer beschädigten sexuellen Identität sein. Oder es äußert sich darin Gewohnheit. Es wird wiederholt, ob phasenweise, gelegentlich oder exzessiv, was in jungen Jahren von Älteren gelernt wurde. Sexualität setzt viel Energie frei. Neben positiver und konstruktiver auch solche, die buchstäblich aus dem höllischen Untergrund der menschlichen Existenz zu stammen scheint. Bei aller vorgeblichen Aufgeschlossenheit, mit der unsere Gesellschaft dem Bereich des Sexuellen begegnet, findet das meiste davon im Verborgenen statt. Die Wirklichkeit sieht deshalb bei sachlich-kritischer Betrachtung ganz anders aus als die konsensuale gesellschafliche Vorstellung, die darum besser der Mythologie zugeordnet werden sollte.
    „Obwohl wir denken, sehr aufgeklärt zu sein, leben wir dennoch in einer höchst unaufgeklärten Zeit, in der Fragen oft nicht erlaubt sind und in der eine extreme Anzahl an Fehlinformationen und „Sexualmythen“ kursieren“
    http://www.sexmedpedia.com/alkoholkonsum-und-seine-auswirkungen-auf-die-sexualitaet/
    Die Berichterstattung zur Internetplattform „Elysisum“gewährten einer breiten Öffentlichkeit einen Einblick, was sich dort tut. Pornomedien zeigen uns das bisher gut Kaschierte: was sich in den Köpfen von vielen Männern bei sexuellen Aktivitäten abspielt. Jede achte in Deutschland aufgerufene Internetseite gilt Pornografie. Das Angebot richtet sich in erster Linie an männliche Konsumenten, auch wenn der Anteil der Frauen und Mädchen wächst, die sich so etwas ansehen.
    Ich persönlich betrachte dieses Sichtbarwerden des bisher sorgfältig Verdeckten durch das Netz, gerade wegen der mehrheitlich abstoßenden Darstellungen, als Gewinn für die Sache einer wirksamen Aufklärung über die Schattenseiten der sexuellen Realitäten als notwendigem Teil wirksamer Prävention. Wer etwas verändern will, muss sich mit dem auseinander setzen was ist. „Gefühlte Wahrheit“ reicht nicht.

  • Angelika Oetken

    |

    Hier wurde zusammen getragen, wie Adolf Hitler, Projektionsfigur und Initiator einer rechtsradialen Ersatzreligion, die Millionen von Menschen das Leben kostete und deren zerstörerische Folgen bis heute nachwirken, aufgewachsen ist http://kriegsursachen.blogspot.de/search?q=Hitler

    Man möge sich angesichts des Geschilderten vorstellen, wie wohl das sexuelle Selbstverständnis und das praktische intime Agieren eines solchen Mannes ausgesehen haben wird. Und daraus könnte sich viel von dem Terror erklären, mit dem Deutschland während der Zeit der Diktatur der Nationalsozialisten weite Teile Europas überzogen hat und der sich anfangs vor allem gegen die eigene Bevölkerung richtete, was bis heute nachwirkt. Auch mentale und psychoemotionale Indoktrination ist eine Form der Misshandlung und Ausbeutung.

    Die Kindheit und Jugend Adolf Hitlers und seine mentale Befindlichkeit war damals nicht etwa eine Ausnahme, sondern ein Teil der Regel. Auch unter Priestern der Katholischen Kirche. Der sadistische Prügelvater und die scheinbar liebevoll-defensiv-fürsorgliche Mami bilden ein Gespann der Dysfunktionalität, das in deren Nachkommen ganz beiläufige Monströsitäten erzeugen kann.

    „Psychodynamisch ist der Pädophile mit einer idealisierten Mutter-Imago identifiziert, die den Inzest zulässt“
    Hier beschreibt ein Fachmann, was passieren kann, wenn Mütter ihre Söhne „zu sehr lieben“:
    https://www.karger.com/Article/Pdf/46756

  • aucheinehemaliger

    |

    Noch so ein lausiger Versuch, die dunkle Vergangenheit aufzuhübschen.
    Fehlt nur noch Christoph Hartmann, der davon labert, dass heute alles ganz anders ist.

  • Mathilde Vietze

    |

    Da ich keine Fachfrau bin, weiß ich auch nicht,
    wie Pädophilie entsteht. Mit Sicherheit nicht
    durch eine aufrichtige christliche Erziehung,
    sondern eher durch eine bigott-verklemmte
    Erziehung, die den Kindern einredet, daß die
    Sexualität „etwas Schmutziges“ und daher
    „sündhaft“ ist. So züchtet man dann solche
    Tanzbären, die ihre verdrängten Gelüste dort
    austoben, wo sie den geringsten Widerstand
    wähnen.

  • Angelika Oetken

    |

    @aucheinehemaliger,

    von wegen „heute-alles-ganz-anders“: wie erklärt sich dieses Wahlergebnis?http://www.regensburg-digital.de/afd-wird-zweitstaerkste-kraft-im-landkreis-regensburg/25092017/

    Und wo sind eigentlich all die Fördergelder hingesickert, die die vergangenen Jahrzehnte über in die Oberpfalz, die bis zum Fall der Mauer immerhin von ihrem Status der „Zonenrandlage“ profitierte, geschwemmt wurden?

    Wer hat überhaupt Alexander Gauland angestiftet, dazu aufzurufen, fast 100 Jahre der Geschichte Deutschlands umzudichten? Haben sich schon irgendwelche HistorikerInnen zu dieser dreisten, die Millionen von Opfer, die die Naziherrschaft, dieser einzigartige Todeskult erzeugt hat, verhöhnenden Provokation eines rasant alternden, verlebt wirkenden Mannes geäußert?

    VG
    Angelika Oetken

  • R.G.

    |

    @Angelika Oetken

    Als Fachfrau der …. mit vielen Fortbildungen zu allerhand im Umgang mit Patienten brauchbaren Umgangsweisen wissen Sie, dass die besten ersten Experten für das erlebte Leid vor allem die Betroffenen selbst sind.

    Ihr Ziel sollte es sein, da Sie angeben, außerdem klientenzentrierte Arbeit gelernt zu haben, die Kompetenz der Opfer zu betonen.
    Das erfordert Respekt vor dem Drehbuch ihrer erlittenen und aktuell noch zu erleidenden Wirklichkeit.

    Melden sich endlich mal Verletzte einer kirchlichen(oder weltlichen) Einrichtung zu Wort, heißt es, sich kurz zurückzunehmen, damit deren Botschaft erst einmal verstanden werden kann.

    Keinesfalls erscheint es mir professionell, die Aussagen der in der Causa persönlich BETROFFENEN jedes Mal durch sofort folgendes Zusammentragen und Posten jedweder anderer und allgemeinerer Infos aus dem Netz, (von Hitlers Kindheit bis zum Reichtum der Regensburger Kirche, meist in x-facher Länge im Vergleich zum vom Kafflern Berichteten dargebracht) zu überschreiben.

    Ich bin glühender Verfechter der Fachidiotie, das will heißen, ich bin bereit jede Fachperson auf ihrem Gebiet ihrer erworbenen Kompetenz wegen betont zu achten, und erwarte, dass sie das Wissen um die enorme Menge an Wissensinhalten, die man zur Erreichen der Position im eigenen Berufsgebiet benötigt, davon abhält, sich durch bloße Begeisterung oder Eigenerhöhung als Fachmensch einer anderen, nicht studierten oder vom Meister gelernten Richtung, darzustellen.

    Bei jeder Ihrer fachlichen Ausbildung entspringenden Äußerung glaube ich Ihnen, dass sie mehr zu sagen haben werden als der einfache Rest hier, aber bei allen anderen Themen sind Sie – zwar begeisterter – Laie, wie beinahe alle in dem Portal.

    Glaubhaft geben Sie an, selbst ein Opfer gewesen zu sein, das schafft zweifellos eine theoretische Affinität zu Betroffenen aus den Internaten der Domspatzen, gleich macht es sie ihnen nicht, ihr Wort ersetzt daher das dieser Menschen nicht.

    Da liegt für mich der Kern der Sache. Dem aus seiner eigenen Missbrauchsbiographie vorverletzten Menschen mag die Geschichte anderer Entrechteter eine willkommene Bestätigung der für sich selbst hilfreichen gewordenen Theorien sein, so wie ihnen das Gefühl, eine Expertin geworden zu sein helfen kann, zu ihrem eigenen Leid Distanz zu halten.

    Ich bitte Sie jetzt aber, wie schon in anderen Webseiten, da ich derzeit Ihre erworbenen Fähigkeiten zur klientenzentrierten Betrachtungsweise erleben will, den Stimmen, der Ausdrucksweise, dem TEMPO, und den persönlichen Theorien der konkret im Domspatzenumfeld von Missbrauch körperlicher, seelischer oder sexueller Art Betroffenen, mehr zu Kraft und Raum zu verhelfen.

    Konkret: Bei dem verweilen, was die Opfer selbst als Themen und Theorien einbringen!

  • Angelika Oetken

    |

    @R.G.,

    Danke, dass Sie auf diesen Punkt aufmerksam machen.

    Ich kommentiere hier und an anderen Orten aus meiner Perspektive als Missbrauchsbetroffene, die sich im Verbund mit anderen Betroffenen und Mitbetroffenen ehrenamtlich engagiert heraus. Wir bezeichnen uns in Abgrenzung zu Fachleuten als ErfahrungsexpertInnen. D.h. unsere Agenda fußt auf dem Abgleichen der eigenen subjektiven Sichtweise mit anderen Blickrichtungen auf das Missbrauchsthema.

    Unserer Ansicht nach gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Aufarbeitung der individuellen Missbrauchsbiografie, die in der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Opfers liegt und dem Engagement für allgemeinere Interessen von Missbrauchsbetroffenen. Bei deren Umsetzung die privaten Anliegen in den Hintergrund treten sollten. Jeder Missbrauchsbetroffene trägt die Verantwortung für die Entscheidung, ob, wie und in welchem Ausmaß er sich der Aufarbeitung der eigenen Biografie widmen sollte selbst.

    Wer sich öffentlich als Opfer zu erkennen gibt oder beschließt, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, sollte versuchen, diese beiden Bereiche so gut es geht voneinander zu trennen. Auch für ehrenamtlich arbeitende Funktionäre bietet sich deshalb eine Supervision an. Das muss nicht gleich durch Fachleute für Überschau geschehen, sondern kann auch im Bereich der Selbsthilfe unter Nutzung der Prinzipien der Kollegialen Beratung oder ähnlichen Methoden passieren.
    Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich individuelle (emotionale) Bedürfnisse mit kollektiven Opferinteressen vermischen. Enttäuschungen, Missverständnisse und Kraft zehrende Auseinandersetzungen sind dann vorprogrammiert. Sie bieten ideale Ansatzpunkte für die verantwortlichen Institutionen, um die einzelnen Gruppen der Opfer und Mitbetroffenen, die sich für ihre eigenen Anliegen und die anderer einsetzen, zu unterwandern, zu korrumpieren, zu manipulieren, zu spalten und zu schwächen.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • aucheinehemaliger

    |

    @ Angelika Oetken
    Für Regensburg und Umgebung gilt: „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“.

    @R.G.
    Die Zeit bei den Domspatzen lässt sich konzentrieren auf einen einzigen Ausspruch, den ich täglich mehrfach von Mitschülern hörte und selbst unzähligemale aus tiefstem Herzen ausgesprochen habe: „Scheiß Kaff“!

  • Angelika Oetken

    |

    Wie viele Absolventen hatte die Domchor-HJ?

  • R.G.

    |

    @Angelika Oetken schrieb,
    „Ich kommentiere hier und an anderen Orten aus meiner Perspektive als Missbrauchsbetroffene, die sich im Verbund mit anderen Betroffenen und Mitbetroffenen ehrenamtlich engagiert heraus. Wir bezeichnen uns in Abgrenzung zu Fachleuten als ErfahrungsexpertInnen. D.h. unsere Agenda fußt auf dem Abgleichen der eigenen subjektiven Sichtweise mit anderen Blickrichtungen auf das Missbrauchsthema.“

    Werte Frau Oetken, Sie können sich gerne im persönlichen Umgang mit anderen Betroffenen als gemeinsame Erfahrungsexpertinnen fühlen, betreffend das Allgemeine an Ihrer je eigenen Erfahrung.

    Ihren Schritt, sich deshalb in der Öffentlichkeit als Expertin des Leids der anderen Betroffenen zu zeigen, explizit der Domspatzen-Opfer, sehe ich damit nicht begründet.

    „Unserer Ansicht nach gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Aufarbeitung der individuellen Missbrauchsbiografie, die in der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen Opfers liegt und dem Engagement für allgemeinere Interessen von Missbrauchsbetroffenen.“

    Wie gesagt, hier stehen nur Sie und kein „IHR“ oder „UNS“, auch kein „WIR“ wie beim Papst.

    Ich belasse die Stimme eines jeden Opfer bei ihm selbst, wo andere von diesen beauftragt werden für sie zu sprechen, geschieht das durch Vollmacht und begrenzt für bestimmte Belange.

    Jeder bemerkt, Ihnen geht es in allen Portalen um den Beweis einer großen Verschwörung zwischen Politik und Kirche, um Aufdeckung einer kriminellen Organisation. Zur Bekräftigung der Theorie wird von Ihnen quer durch das www zitiert.
    Das mag Ihnen helfen. Den Preis zahlen die anderen Opfer, deren persönliches Schicksal dadurch keinen Raum bekommt.

    Mir ist bei jedem Artikel über die Domspatzen das kleinste Wort eines direkt von Missbrauch in dem Umkreis Betroffenen, und ihr Schicksal, meine konzentrierte Aufmerksameit wert.

    Sie nämlich sind die einzigen Experten für das als Schüler und/oder als Internatskind der Domspatzen erlebte Leid.
    Die Zeit, sie zu hören, ist knapp, deshalb sollte man sie schleunigst wenigstens hier nutzen.

    Vereinnahmung ihres Schicksals, Verallgemeinerungen, verdecken – das wissen Sie aufgrund ihrer Zusatzausbildungen sehr genau – den Blick auf die Opfer.

    Statt deren Anliegen zu stärken, holt ein Verallgemeinern die Aufmerksamkeit vom konkreten Leid weg.

    @aucheinehemaliger
    Ihr „Scheiß Kaff“! vermittelt unzweifelhaft, wie schlecht es ihnen gegangen sein muss.
    Ich fände es sehr wünschenswert, wenn sich die Kaffler hier wieder einbrächten.
    Sei es mit noch so kurzen Sätzen, Hauptsache, sie verteidigen ihren von der Redaktion eigentlich hier zugestandenen Platz.

  • Haimo

    |

    R.G.
    2. Oktober 2017 um 02:08 | #
    Ihr Kommentar offenbart hier ein Grundproblem. Seit ich mich den Opfern angschlossen habe, wurde von uns allen RD als ideales Kommunikationsmedium akzeptiert. Leider verlor der Blog enorm an Informationswert durch die ewigen, seitenlangen Kommentare
    von Fr. Oetken, die in meinen Augen nur als gefühllos zu bezeichnen sind. Zumindest was die Vorgänge bei den Regensburger Domspatzen betrifft.
    Aus diesem Grunde wurden von uns Wege gefunden sich auf anderem Wege auszutauschen. Das geht schon Jahre so.
    Ich habe mich mit diese Kritik lange zurückgehalten, fühle mich aber
    jetzt durch Ihren Beitrag gedrängt, Ihnen voll zuzustimmen.

  • R.G.

    |

    @Haimo
    @aucheinehemaliger

    Wie schön, dass sie wieder hergefunden haben!

    Persönliche Nachbemerkung:
    An sich möchte ich nichts zensuriert sehen.
    Eigentlich müsste sich alles durch Positiv-Postings ausgleichen.

    Ich habe aber Foren erlebt, wo viele User aufhörten zu schreiben, weil sie sich schlicht vom Ton und der Vehemenz der Beiträge einer einzigen Person verletzt fühlten.

    In einem Portal bat ich die Foristen inständig,
    nicht zu gehen, sondern mit mir zu warten, ob die neu hinzugekommene, alles dominierende Gestalt irgendwann die Opfer, um die es eigentlich gehen sollte, vermissen würde. Zuvor hatten sie sich geäußert.

    Der Zeitpunkt, wo der Lichtgestalt als Alleinposter/in wenigstens langweilig geworden wäre so allein mit der ganzen Überlegenheit, traf nie ein.

    Bitte verteidigt euren Platz, Ihr Betroffenen!

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