Archiv für 2. Februar 2011

Die öffentlichen Proteste am Goethe-Gymnasium zeigen Wirkung. Am Mittwoch sperrte die Stadt "vorsorglich" die Turnhalle. Zuvor übte sich die Stadt in Beschwichtigung.

Eine nachträgliche Korrektur vorneweg: Bei den Messergebnissen war in diesem Artikel von „Nanogramm“ die Rede, tatsächlich geht es um Mikrogramm. Die Relationen bleiben ungeachtet dessen dieselben. Die Redaktion Die Diskussion um Formaldehyd in der neuen Turnhalle des Regensburger Goethe-Gymnasiums zieht immer weitere Kreise. Immer mehr Medien fragen bei der Stadt nach. Bislang lehnte es die Stadt ab, sich zu äußern. Am Mittwochabend fand ein nun internes Treffen der Stadtverwaltung inklusive Oberbürgermeister Hans Schaidinger statt. Ergebnis: Die Halle wird per Anordnung des Oberbürgermeisters ab sofort gesperrt. Es bestehe aber kein Grund zur Panik, heißt es. Man werde den Beschwerden nachgehen. Nun sollen zunächst Schulleitung und Eltern über Details informiert werden, anschließend die breite Öffentlichkeit. Die Beschwerden gibt es bereits seit Monaten. Man sei davon „regelrecht überflutet“ worden, sagt die Elternbeiratsvorsitzende Elfi Esser unserer Redaktion. Von Hysterie könne dabei keine Rede sein. „Es gibt sehr viele Schüler, die Probleme haben“, so die Elternvertreterin.

Messwerte wurden beschönigt!

Mit den bisherigen Lösungsansätzen der Stadt für diese Probleme zeigte sich die Schulfamilie aber offenbar nicht zufrieden und ging in den letzten Tagen immer mehr an die Öffentlichkeit. Wie regensburg-digital.de bereits am Dienstag berichtete, klagen Schülerinnen und Lehrkräfte seit längerem über gesundheitliche Beschwerden beim Sportunterricht. Mittlerweile berichtet die Mittelbayerische Zeitung von der kurzfristig angeordneten Sperrung. Die Stadt hatte bislang zuletzt Anfang Januar beschwichtigt und via Pressemitteilung auf aktuelle Messungen verwiesen, die, so hieß es, unter dem Grenzwert lägen. Eine beschönigende Darstellung, wie sich zunehmend herausstellt (Auszug aus einem städtischen Schreiben an die Schulfamilie). Das hatten bereits Bedenken des Regensburger Gesundheitsamts zu den Messungen angedeutet. Und das belegen nun Berechnungen, die mittlerweile unserer Redaktion vorliegen. Wäre nach den vorgeschriebenen Regularien gemessen worden – dazu gehört insbesondere eine Raumtemperatur von 23 Grad – wäre der zulässige „Leitwert“ von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft klar überschritten worden. Gemessen wurde dagegen bei 14 Grad und so kam das schließlich veröffentlichte Ergebnis von 87 Mikrogramm zustande.
„Wenn in der Halle jemand Kopfweh hat oder kotzen muss, kommt das nicht von Formaldehyd, sondern vielleicht davon, weil er am Vortag gesoffen hat.“ Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung am Dienstag zu regensburg-digital.de

Lüftung von Anfang an unzureichend

Völlige Untätigkeit kann man der Stadt nicht vorwerfen. Das Lüftungssystem des rund vier Millionen Euro teuren Neubaus (Gesamtkosten der Goethe-Sanierung: rund 26 Millionen) wurde durch das Amt für Hochbau und Gebäudeservice ersetzt – vorgeblich wegen des „unangenehmen Geruchs“. Ob dadurch die erhoffte Besserung eintritt, müssen weitere Messungen ergeben. Fest steht aber auf jeden Fall: Das zunächst eingebaute Lüftungssystem war – unabhängig von einer Schadstoffbelastung – unzureichend. Es sind weitere Arbeiten notwendig, wie am Mittwoch ebenfalls bekannt wurde.

Elternbeirat: Abitur verlegen, Gesundheitsamt einbeziehen

Die Elternbeiratsvorsitzende Elfi Esser, hat nun Konsequenzen gefordert. „Wir verlangen, dass alle Materialien in der Turnhalle auf Formaldehyd untersucht werden und dass das Gesundheitsamt bei allen Messungen miteinbezogen wird“, sagt sie zu unserer Redaktion. In der Vergangenheit war die Fachbehörde von der Stadt außen vor gelassen worden. „Wenn dabei erhöhte Werte festgestellt werden, müssen auch die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.“ Ein Sachverständiger habe dem Elternbeirat erst vor wenigen Tagen bestätigt, dass der „Leitwert“ für Formaldehyd bei realistischen Messbedingungen deutlich überschritten gewesen wäre. „Wenn die Stadt das wusste, kann ich nicht verstehen, wie man einfach zur Tagesordnung übergehen konnte.“ Immerhin habe die Stadt als Sachaufwandsträgerin eine Fürsorgepflicht.
Mit Blick darauf, dass 160 Schülerinnen und Schüler ab 18. März ihre Abiturprüfungen in der Turnhalle schreiben sollen, fordert die Elternbeiratsvorsitzende, die Prüfungen an einem anderen Ort durchzuführen. „Grundsätzlich muss auch garantiert sein, dass unsere Kinder ihr Abitur in gesunder Luft schreiben.“ Angesichts der häufig beschriebenen Beschwerden von Schülern und Lehrkräften – wie Kopfschmerz oder Konzentrationsstörungen – gibt Elfi Esser darüber hinaus zu bedenken, dass es im Nachhinein auch zu Klagen gegen die Prüfungsbedingungen kommen könne. „Das muss jetzt alles ordentlich, sorgfältig und in Ruhe aufgearbeitet werden.“ Ein entsprechendes Schreiben des Elternbeirats an Bürgermeister Gerhard Weber ist bereits in Arbeit. Den Vorwurf der Hysterie oder Übertreibung weist Esser zurück.

Wer zahlt das alles?

Bei der Aufarbeitung dürfte es auch eine Rolle spielen, wer die entstandenen und noch entstehenden Kosten übernehmen wird. Die belasteten Prallschutzwände baute zwar die zuständige Firma im vergangenen Jahr auf eigene Kosten aus. Allerdings waren damals schon „längere Verhandlungen“ notwendig. Doch wer bezahlt nun die kürzlich abgeschlossenen Arbeiten an der Lüftung? Wer übernimmt die Kosten für eine Verlegung der Abiturprüfungen? Wer bezahlt die notwendigen Messungen und Untersuchungen? Und wer übernimmt Kosten für eventuell noch notwendige weitere Arbeiten? Oder, um es kurz zu fassen: Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass sich eine eigentlich nagelneue, 24 Millionen teure Turnhalle seit ihrer Eröffnung im Mai nichts als Probleme verursacht? Fortsetzung folgt

Gastbeitrag: „Selbst eingeräumtes Geheimhaltungsrecht“

Eine Informationsfreiheitssatzung für Regensburg steht offenbar kurz bevor. Wird damit alles transparenter? Wird dadurch Korruption verhindert? Werden dadurch tatsächlich die Rechte der Bürger gestärkt? Mitnichten, sagt Hermann Striedl. In seinem Gastbeitrag für regensburg-digital.de rechnet der pensionierte Richter mit der Informationspolitik in Deutschland im Allgemeinen und Regensburg im Speziellen ab. Striedl, Jahrgang 1938, ist Mitglied der […]

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