Archiv für 3. Februar 2011

OB Schaidinger: „Das wird ein Nachspiel haben.“ Doch welches?
„Heute gibt es keine Chronologie, sondern ein Ergebnis“, beginnt Hans Schaidinger seine Ausführungen bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Donnerstag im Alten Rathaus. Vorneweg: Die gestern von ihm angeordnete Sperrung der Turnhalle am Goethe-Gymnasium bleibt bestehen. Eine massive Beschwerdeflut von Schülerinnen, Schülern und Eltern war es, die diese Reaktion letztlich ausgelöst hat (unser Bericht vom Dienstag). „Wir können das, was heute in dieser Halle ist hinsichtlich Formaldehydbelastung nicht sicher sagen“, begründet der Regensburger Oberbürgermeister seine Anordnung, Ergebnis einer internen Verwaltungsbesprechung am Mittwochabend.

„Das wird natürlich ein Nachspiel haben“

Es sei „wohl nicht so“, dass in der kaum zwei Jahre jungen Halle keine „akzeptablen Zustände“ herrschen würden. „Nicht jede Beschwernis ist darauf zurückzuführen, dass keine ordentlichen Verhältnisse herrschen“, meint Schaidinger, der aber auch sagt: „Sicherheit und seriöse Diskussion sind wichtiger als Turnunterricht.“ Eines steht jetzt schon fest: Für die von der Stadt beauftragten Planer wird die Sache „natürlich ein Nachspiel haben“. Insbesondere wegen der „unzureichenden Lüftung“, die bei der Stadt als Hauptgrund für die schlechte Luftqualität ausgemacht wird. „Schadstoffe gibt es immer, aber eine vernünftige Lüftung löst das Problem eigentlich“, so Schaidinger. Vernünftig aber ist das Lüftungssystem in der Turnhalle nicht, wie er mehrfach betonte. Derzeit rüstet die Stadt es zum wiederholten Mal um. Künftig soll es vollautomatisch laufen. Die Kosten für die Umbaumaßnahmen beziffert Schaidinger auf 25.000 Euro.

„Wir müssen jetzt die Fehler anderer ausbaden“

„Wenn unser Hochbauamt so etwas plant, passieren solche Dinge nicht. Wir müssen jetzt die Fehler anderer ausbaden“, so seine Ansage. Bei den „anderen“ hat man die mit der Gesamtplanung betraute Dömges Architekten AG im Auge. Eine Regensburger Vorzeigefirma. „Die sind für die korrekte Abnahme des Baus verantwortlich“, so Schaidinger. Aber auch das mit dem Lüftungskonzept beauftragte Sinzinger Ingenieurbüro Dickert wird am Donnerstag genannt. Von letzterem war bis kurz vor 20 Uhr keine Stellungnahme zu erhalten. Der Chef sei auf Baustelle und schwer erreichbar.

Dömges weiß von nichts und ist überrascht

Dömges-Vorstand Thomas Eckert zeigt sich auf Nachfrage unserer Redaktion von der Ankündigung des Oberbürgermeisters „überrascht“. In der Vergangenheit habe die Stadt „sachlich, ruhig und besonnen“ reagiert. Dafür sei man auch dankbar. „Uns wurde immer bescheinigt, sauber und korrekt gearbeitet zu haben“, sagt Eckert. Das war insbesondere der Fall, als die Halle im September 2009 zum ersten Mal gesperrt werden musste. Die stark formaldehydbelasteten Prallschutzwände wurden damals durch die zuständige Baufirma ersetzt – nach längeren Verhandlungen. Ein Subunternehmer der von Dömges beauftragten Baufirma hatte seinerzeit Mist gebaut und nach außen zertifizierte Platten geliefert, die sich als Giftschleudern entpuppten. Nun gibt es, das am Rande, neue Wände – auch mit Anteilen von Formaldehyd, allerdings weit unterhalb der vorgeschrieben Grenzwerte, wie städtische Messungen ergaben. Auch damals wurde ein juristisches Nachspiel angekündigt. Details sind bislang nicht bekannt.

„Nachspiele“ werden nicht öffentlich ausgetragen

Zur neuerlichen Ankündigung des Oberbürgermeisters könne man nun noch nichts sagen, so Thomas Eckert weiter „Wir wissen bisher nur das, was in der Zeitung steht.“ Das Lüftungsproblem sei aber mehr eine „Frage des Gebäudemanagements, denn des Baus“. Bisher habe die Stadt noch keinen Kontakt zu Dömges aufgenommen. Nun warte man die weiteren Entwicklungen ab. „So etwas wird nicht öffentlich ausgetragen“, erklärt Schaidinger auf Nachfragen zum angekündigten, aber auch zum zurückliegenden Nachspiel bei der Pressekonferenz. Bleibt also, das Ergebnis abzuwarten. Was die Stadt an der Schule unternehmen wird, ist dagegen seit heute bekannt. Man habe sich mit Elternbeirat, Schulleitung und Gesundheitsamt kurzgeschlossen. Und diese hätten den vereinbarten Maßnahmen zugestimmt.

Jetzt: Neue Messungen, neue Lüftung, Ersatzräume

Klare Worte, erwartete Ankündigungen und deutliches Lavieren: Oberbürgermeister Hans Schaidinger mit der versammelten Verwaltungskompetenz. Im Bild v.l.: Gerhard Schwabl (Leiter des Amts für Schulen), Schulbürgermeister Gerhard Weber, Schaidinger, Michael Hermann (Leiter des Amts für Hochbau und Gebaüdeservice), Sicherheitsingenieur Ralph Schweiger und Pressechefin Elisabeth Knott. Foto: as
Demnach soll es nun neue Messungen geben, auch unter „worst case“-Bedingungen und zusammen mit dem Gesundheitsamt. Unter anderem Beton und Klebstoffe in der Halle sollen dabei (zum Teil erneut) auf Formaldehyd untersucht werden. Und ehe es hier keine Ergebnisse gebe und ehe das neue Lüftungssystem nicht laufe, bleibe die Halle vorsorglich gesperrt. Ausweichräume für den Sportunterricht – und bei Bedarf auf für die Abiturprüfungen – seien kein Problem, sagt Schulbürgermeister Gerhard Weber, der zitierfähig seiner „Stinkwut“ Ausdruck verleiht. „Da baut man eine neue Halle und statt dass sich alle darüber freuen, hat man nichts als Probleme.“

„Keine Versäumnisse bei der Stadt“

In Schutz nimmt Schaidinger die Verwaltung. Diese habe sich keine Versäumnisse vorzuwerfen. Die Schulleitung habe sich am 30. November an die Stadt gewandt, bereits am 2. Dezember sei mit dem Einbau von Lüftungsschlitzen begonnen worden. „Und das Gesundheitsamt hat entgegen anderslautender Berichte auch unsere Messergebnisse bekommen“, ergänzt der Leiter des Amts für Hochbau und Gebäudeservice, Michael Hermann. Insgesamt habe man in der Halle bislang elf Messungen vorgenommen und nun messe man eben weiter. „Wir sind froh, wenn wir endlich wissen, wo die Belastung herkommt.“ Ins Lavieren kommen der Oberbürgermeister und die versammelte Verwaltungskompetenz lediglich bei Nachfragen zu den bisher veröffentlichten Formaldehyd-Messwerten. Am 10. Januar hatte die Stadt via Pressemitteilung die Konzentration des Giftstoffs für unbedenklich erklärt. Zurecht?

Städtische Erklärungsnöte

Laut den üblichen Vorgaben müssten derartige Messungen eigentlich bei einer Raumtemperatur von 23 Grad vorgenommen werden, in der Halle herrschen im Schnitt 18,5 Grad und gemessen wurde bei 14,3 Grad. Ein entscheidender Unterschied: Entsprechend der Temperatur steigt auch die Formaldehyd-Konzentration. Im Klartext: Die offiziellen verkündeten 87 Mikrogramm Messergebnis sind ein absolut unrealistischer Wert. „Bei 23 Grad zu messen, wäre unrealistischer Unfug“, sagt Schaidinger. „Wir werden die neuen Messungen bei 18,5 Grad vornehmen.“ Weshalb man zuvor den „Unfug“ unternommen hatte, bei gleichfalls unrealistischen 14,3 Grad zu messen, wussten weder Schaidinger noch der städtische Sicherheitsingenieur Ralph Schweiger überzeugend zu begründen. Da ist von der Ferienzeit, in der grundsätzlich die Heizung herunter gefahren wird, die Rede. Von Terminschwierigkeiten mit dem Messinstitut. Davon, dass eine Messung nur eine „Momentaufnahme“ sei. Irgendwie ist es einfach so gelaufen. Irgendwie wurde es in der offiziellen Presseverlautbarung vergessen, zu erklären, dass das Messergebnis – auf realistische Bedingungen hochgerechnet – dem zulässigen Grenzwert zumindest sehr, sehr nahe gekommen wäre. Ganz zu schweigen vom Ergebnis bei 23 Grad. Und irgendwie dauerte es dann noch drei Wochen, bis die nun ausgesprochene „vorsorgliche Maßnahme“ angeordnet wurde.

Sportlehrer: „Wir dürfen keine Auskunft geben“

Aber was soll so böswilliges Nachtaroken.
Bürgermeister Weber: „Ein Haufen Probleme statt toller Halle.“ Foto: Archiv
„Wir schauen in die Zukunft“, sagt Schaidinger. „Wir werden unter realistischen Bedingungen messen. Nicht rumrechnen. Das ist das, was Eltern und Schüler wollen.“ Da hat er definitiv recht. Und der am Donnerstag ansonsten recht schweigsame Schulbürgermeister Weber sekundiert: „Es war immer unsere Devise: Sicherheit zuerst. Wir gehen null Risiko ein. Und deshalb hat der Oberbürgermeister gestern die Sperrung verfügt. Weil es eben nicht auszuschließen ist, dass die Messwerte auch anderes ergeben. Und in dieses Risiko hinein schicken wir keine Schüler und Lehrer in die Turnhalle.“ Das ist das Ergebnis. Die Chronologie war eine etwas andere. P.S.: Wir hätten uns gerne mit Sportlehrerinnen und Sportlehrern des Goethe-Gymnasiums über die Probleme in ihrer Turnhalle unterhalten. Doch durch die Bank gab es Absagen. „Wir dürfen keine Auskunft geben. Anordnung des Schulleiters“, heißt es immer wieder. Fortsetzung folgt

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