SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für Oktober, 2011

„Es wird Erfreute und Enttäuschte geben.“ Hans Schaidinger über den Kulturentwicklungsplan.
Wo werden in der Regensburger Kultur in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Prioritäten gesetzt? Was verdient Unterstützung und besondere Förderung? Und vor allem: Wer bekommt wie viel Geld aus dem städtischen Haushalt? Solche Fragen soll er beantworten: Der „Kulturentwicklungsplan“ (KEP). Bis Ende 2012 soll der KEP fertig sein – als Ergebnis eines demokratischen Prozesses, einer offenen, gleichberechtigten Diskussion aller Kunst- und Kultursparten. So lautet die offizielle Zielsetzung, doch mit der Realität hat das nur wenig zu tun. Wie schon mehrfach berichtet, erfährt der Bereich Musik – als eine von insgesamt acht Arbeitsgruppen – seit Anfang des von der Stadt ins Werk gesetzten Diskussionsprozesses ein klare Bevorzugung. Allein dass die AG Musik sich schon lange vor Beginn des eigentlichen KEP-Prozesses gegründet hat – auf Initiative von Kulturreferent Unger – und stets separat, ohne die für alle anderen AGs gültigen strengen Moderationskriterien, tagen durfte, spricht Bände.

Gemeinsame Forderungen

Wozu das führt, zeigte sich am Donnerstag. Im Thon-Dittmer-Palais durften die einzelnen Arbeitsgruppen – von Literatur über Bildende Kunst bis hin zu Film – ihre Vorstellungen und Forderungen den Stadträten im Kulturausschuss präsentieren. Die Veranstaltung – die auf eine Initiative von Jürgen Huber (Grüne) zurückgeht – war eine Reaktion auf eine weitgehend unverständliche und wirre Dokumentation, die das Kulturreferat den Stadträten dazu vorgelegt hatte.
Jürgen Huber: „Die freie Szene wird eingeseift.“ Foto: Archiv
Die jeweils 15minütigen Statements zeigen, dass es durchaus einige gemeinsame Forderungen quer durch alle Arbeitsgruppen gibt: Immer wieder war von mehr Freiräumen für kulturelle (Zwischen)nutzung die Rede, von mehr Transparenz bei der Förderung oder davon, dass ein stärkeres Augenmerk auf die „freie Szene“ gelegt werden müsse. In einem gemeinsamen Papier, das alle Arbeitsgruppen – mit Ausnahme der AG Musik – unterzeichnet haben, wird zudem eine stärkere Beteiligung der Kulturschaffenden bei der Erarbeitung des KEP eingefordert (das Papier ist hier abrufbar). Einen Kontrast dazu bot die AG Musik. Mit Leinwand und Beamer ausgerüstet, zeigte deren Sprecher Wolfgang Graef-Fograscher eine professionelle Power-Point-Präsentation mit dem offiziellen Layout und Logo der Stadt Regensburg.

Musik: Freie Szene ausgebootet?

Von gemeinsamen, spartenübergreifenden Vorstellungen ist bei der AG Musik nicht die Rede. Auch nicht von mehr Transparenz. Das verwundert kaum: Die Umstände, unter denen sich die AG Musik zusammengefunden hat, sind selbst undurchsichtig. Die drei zentralen Forderungen: Regensburg soll Hauptstadt der Musik werden. Analog zur Kulturverwaltung müsse eine Musikverwaltung installiert werden, die unter anderem bei Werbung und Vermarktung helfen soll. Analog zum Kulturbeirat braucht es einen Musikbeirat. Dass er Leiter der Sing- und Musikschule ist (und damit Kulturreferent Unger unterstellt) sei hier nicht von Belang, so Graef-Fograscher. „Ich bin hier ausdrücklich nur Sprecher der Arbeitsgruppe.“

„Die Elefanten der Szene“

Die „freie Szene“ scheint bei der AG Musik keine Rolle zu spielen. Das spiegelt sich auch bei den Vertretern der Arbeitsgruppe wider, die Graef-Fograscher selbst als „die Elefanten der Szene“ bezeichnet, die man endlich alle an einen Tisch gebracht habe. Tatsächlich ist hier – im stillen Kämmerlein – ein starker Lobbyverband der arrivierten Musikszene entstanden. Der scheidende Theaterintendant Ernö Weil gehört zu den 16 Mitgliedern, ebenso Graef-Fograscher als Leiter der Sing- und Musikschule. Graham Buckland, Musikdirektor an der Universität, soll für die „Neue Musik“ stehen. Insgesamt sitzen sechs Vertreter von katholischer und evangelischer Kirchenmusik in der Gruppe, die aber auch als Fürsprecher von Chören und Alter Musik fungieren sollen. Rock und Pop wird allein durch Günther Conrad vom Music College repräsentiert. Dass dieser Lobbyverband nun seine Interessen durchsetzen will und entsprechend formuliert, ist natürlich und legitim. Die eingeräumten Privilegien – de facto besitzen die vorgegebenen Regeln bei der Erarbeitung des KEP für die AG Musik keine Gültigkeit – sind es nicht. So degradiert man den KEP zum pseudodemokratischen Deckmantel, unter dem eine städtische Kulturverwaltung ihre bereits feststehenden Vorstellungen legitimieren will.

Ein Name verschwindet…

Klemens Unger: Starker Fürsprecher der AG Musik.
Und dass Kulturreferent Klemens Unger, der bei diesem Prozess eigentlich neutral agieren soll, ein starker Fürsprecher der AG Musik ist, ist bekannt. Er hat nicht zuletzt die frühe Gründung mit angestoßen. Noch im Juni wurde er – in einem Protokoll der KEP-Lenkungsgruppe – als offizielles Mitglied der AG Musik geführt. Mittlerweile wurde ein abgeändertes Protokoll auf den städtischen Internetseiten veröffentlicht, in dem Ungers Name nicht mehr auftaucht. So oder so: Er hat sich stets rege an den Sitzungen der Arbeitsgruppe beteiligt. Nun wird unter Federführung des Kulturreferats ein erstes Konzept für den KEP erstellt, über das anschließend der Stadtrat diskutieren soll. Im Anschluss folgt eine – bislang nicht weiter definierte – Bürgerbeteiligung. Ende 2012 soll der KEP stehen. „Dann wird es Erfreute und Enttäuschte geben“, lautet dazu eine Aussage von Oberbürgermeister Hans Schaidinger. Bei der AG Musik besteht in jedem Fall berechtigter Grund zur Vorfreude.

„Besondere Sorgfalt“

Bahnbrechende Erkenntnisse. Solche zeitigt die Diskussion um die Bodenplatte vor dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof. In einer Vorlage von Kulturreferent Klemens Unger, über die der Regensburger Kulturausschuss am Donnerstag (17 Uhr, Altes Rathaus) berät, wird festgestellt, dass in Regensburg „neuerlich eine Diskussion zum Umgang mit der Gedenkkultur bezüglich der Opfer des Nationalsozialismus entstanden“ sei. […]

Brisantes im Naturkundemuseum

„Isotopen-Signaturen von Jagd- und Kriegsmunition in der Umwelt“. Wirklich spannend hört sich der Titel des Vortrags nicht an, der am Donnerstag (19.30 Uhr) im Naturkundemuseum in Regensburg stattfindet. Dabei birgt der Abend Einiges an Brisanz. Der Geochemiker Professor Peter Horn widmet sich dabei nämlich insbesondere dem Thema Uranmunition.

CSU-Streit: „Geistige Fußfessel“ bleibt

Verstößt die Geschäftsordnung der Regensburger CSU-Fraktion gegen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung? Enthält sie einen unzulässigen Fraktionszwang? Verletzt sie den Grundsatz des freien Mandats? Das Verwaltungsgericht Regensburg hat es am Mittwoch abgelehnt, sich mit dieser Frage zu befassen. Die Kammer unter Vorsitz von Dr. Hans Korber wies stattdessen die Klage der beiden Stadträte Franz Rieger und Hermann Vanino als unzulässig ab. Eine Berufung wurde nicht zugelassen.

„Oh Du, mein Ackermann!“

Was waren das noch für Zeiten, als Kasperlhausen den Nabel der Welt und König Hans das Maß aller Dinge darstellten – doch das ist nun vorbei. In seinem neuen Kasperlstück für Erwachsene („Kasperl stoppt die Finanzkrise“) lässt Larifari-Macher Christoph Maltz Regensburg hinter sich und seine Puppen auf der großen Bühne der Landes-, Bundes- und Weltpolitik tanzen.

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