Klagen die Naturschützer?

Biotop-Bebauung bleibt weiter auf Kurs

Das „Quartier West“ des „Immobilien Zentrum Regensburg“ geht weiter seinen gewohnten Gang. Am Gelände gibt es Proteste, im Stadtrat eine Mehrheit für die Bebauung.

Ernst Seidemann und Raimund Schoberer bleiben bei ihrer ablehnenden Haltung – doch jetzt kann nur noch eine Klage das Projekt bremsen. Foto: Bothner

„Jeder spielt seine Rolle, so wie es von ihm erwartet wird“, merkt SPD-Stadtrat Klaus Rappert an. Und so tue er das eben auch. Er sei sehr erfreut mit der Vorlage, er sei sehr zufrieden, dass nun noch mehr Grün erhalten bleibe. Und in Richtung der Grünen und Benedikt Suttner von der ÖDP meint Rappert noch: „Wir sind doch gar nicht so weit auseinander.“

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Dem Planungsausschuss des Regensburger Stadtrats liegt der überarbeitete Entwurf für die Bebauung der Grünfläche an der Ecke Lilienthalstraße („Quartier West“) durch das „Immobilien Zentrum Regensburg“ (IZ) vor. Ein Kenntnisnahmebeschluss (die komplette Vorlage als PDF). „Das wird jetzt so gemacht und wenn ich mich auf den Kopf stelle“, so Benedikt Suttner (ÖDP).

Ablehnung trotz positiver Veränderungen

Ebenso wie Suttner lehnen auch Irmgard Freihoffer (Linke) und Grünen die Bebauung ab.

Für letztere nimmt Michael Achmann aber doch „positiv zur Kenntnis“, dass durch die Überarbeitung mehr Grün erhalten bleiben soll.

Im Vergleich zum ersten Entwurf des Münchner Büros Auer und Weber ist ein Gebäude im Nordwesten des Areals weggefallen, um eine zusammenhängende Grünfläche von mindestens 5.000 Quadratmetern zu ermöglichen. Diese darf, so sieht es der Beschluss vor, weder über- noch unterbaut werden – beispielsweise mit einer Tiefgarage.

Der aktuelle Entwurf der Architekten Auer und Weber.

Die weggefallene Geschossfläche dürfe das IZ „durch punktuelle Erhöhung einiger Baukörper“ teilweise ausgleichen, heißt es in der Verwaltungsvorlage. Bis zu acht Geschosse hoch dürfen die insgesamt zehn Gebäude nun werden. 9.200 der rund 20.000 Quadratmeter großen Fläche werden laut den aktuell vorliegenden Plänen bebaut.

Versprochen wird auch, möglichst viele Bestandsbäume zu erhalten – ob dies am Ende auch der Fall sein wird, steht aber unter Vorbehalt.

„Ein weiteres Biotop geopfert“

Doch trotz dieser Verbesserungen werde, das merkt nicht nur Freihoffer an, „ein weiteres Biotop geopfert“. Gegen diese Darstellung wiederum wendet sich die Oberbürgermeisterin. „Es ist kein Biotop geopfert worden, dass wir hätten erhalten können“, so Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Auf der Fläche habe es Baurecht für Gewerbe gegeben. Die nun vorgelegten Pläne brächten nur Verbesserungen.

Und so spielt jeder seine Rolle – und das Projekt bleibt – mit den Stimmen von Brücke und Koalition – weiter auf Kurs.

BN-Vorsitzender spricht von „Betonplänen“

Während die Stadträte am Dachauplatz zusammentreten, finden sich etwa 50 Personen in der Lilienthalstraße direkt vor dem derzeit nicht ganz so grünen Areal ein. „Die Natur am Lilienthal, der Stadt wieder mal alles egal“, hat eine Frau auf ihr Schild geschrieben. Greenpeace fordert per Banner „Rettet diesen Wald“.

Raimund Schoberer, Vorsitzender der Ortsgruppe des Bund Naturschutz setzt den „Betonplänen“ von Politik und IZ das Areal als wichtigen Ökoraum in der Stadt entgegen. Gerade im Sommer würden solche Orte Kühle spenden und Schutzraum für Lebewesen bieten.

Ein mittlerweile vertrautes Bild: An der Ecke Lilienthalstraße wird protestiert. Foto: Bothner

Seitdem die Pläne des IZ über eine voreilige Werbung der Bauträger-Gruppe bekannt geworden sind, gibt es massive Kritik an dem Vorhaben. Nicht nur diesen Dienstag kommt die Frage auf: Warum ausgerechnet hier? Gibt es nicht genügend weniger wertvolle Flächen?

Flächenverschwendung kritisiert

Ernst Seidemann, früher lange Jahre Kreisvorsitzender beim Landesbund für Vogelschutz, kommt dabei auf die neugebaute Kreuzschule zu sprechen. Während in München derzeit überlegt werde, eine zentrale Straße in der Innenstadt in eine Art „Central Park“ zu verwandeln, mit viel Grün, habe Regensburg bei dem Schulneubau auf der Fläche das alten Jahnstadions Fläche großzügig verschwendet. „Die Schule hätte man auf der Hälfte der Fläche bauen können.“

Statt eines weiträumigen vor allem eingeschossigen Baus hätte Platz etwa für Wohnbebauung geschaffen werden können. Stattdessen werde in der ganzen Stadt „scheibchenweise (…) hier ein Stück, da ein Stück“ preisgegeben.

„Wer wie Joachim Wolbergs meint“, greift Seidemann die Worte des Brücke-Stadtrats direkt auf, „das sei hier nicht schützenswert, der muss nur mal schauen was so ein Wald alles leisten kann“. Als Alternative nennt der Naturschützer eine Überbauung bereits versiegelter Flächen, wie den Parkplätzen des nahegelegenen Standortes von Infineon oder von Supermärkten. „Zerstört nicht die letzten Grünflächen. Das Biotop hier muss erhalten bleiben.“

„Wir kämpfen zur Not auch vor Gericht.“

Schoberer hält der Stadt dann noch ihren eigenen „Regensburg-Plan 2040“ vor. Darin stehe klipp und klar: „Solche Biotope müssen erhalten werden.“ Aber schon bei der ersten Möglichkeit rede die Stadt dem IZ und dem Beton das Wort. „Wir kämpfen zur Not auch vor Gericht“, sagt Schoberer unter Beifall.

Schon vergangenen April zeigte sich Schoberer zuversichtlich, „dass die Bäume hier auch noch in zehn Jahren stehen“. Planungsreferentin Christine Schimpfermann sah für eine Klage damals hingegen wenig Chancen.

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Kommentare (12)

  • Hannes Eberhardt (ÖDP)

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    Die ÖDP-Fraktion wie auch wir vom ÖDP-Kreisverband lehnen diese Bebauung von Grund auf entschieden ab. Ob echtes oder unechtes Biotop spielt überhaupt keine Rolle mehr, denn es ist ja bereits 5 nach 12, äh .. oha, nee halb eins

    Aber aufgeben dürfen wir auf keinen Fall, allein schon der zukünftigen Generationen wegen. Daher müssen erst recht ab sofort alle Böden geschützt und dürfen nicht versiegelt werden. Ich bete jetzt nicht nochmal alle ökologischen Vorteile bei einem Erhalt der Grünfläche herunter. Diese sind hinlänglich bekannt, nur nicht denen, die das Gelände nun umpflügen und versiegeln wollen.

    Alle, und seien es noch so “kleine” Maßnahmen für Klima-, Luft-, Umwelt- und damit Menschenschutz, müssen umgesetzt werden wie die Stadt ja im Leitbild und im Green Deal beschlossen hat. Nur hält sie sich einfach nicht daran.

    ***KABBOOOOOOM******

    War der Schuss jetzt laut genug? Der Blitz wird wohl in Zukunft in Form von den kommenden Katastrophen noch viel stärker einschlagen müssen am besten mit nem krachenden Donnerschlag dazu. Scheinbar ist das für das ausschließlich am Profit interessierte Immobilienzentrum wie auch für die politischen Entscheidungsträger*innen wohl immer noch nicht laut genug.

    Was muss eigentlich noch passieren, damit alle ihn hören?

    Mich würde nicht wundern, wenn nach Hambi, Lützi und Fechi auch hier die Letzte Generation ihr Protestcamp aufschlägt. Einer evtl. Klage des BN drücke ich zumindest alle Daumen.

  • Mr. T.

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    Ich hoffe, Schoberer und seine Mitstreiter*innen haben dabei Erfolg, die unwiederbringliche Zerstörung dieses letzten Stückchens Grün in dieser Ecke zu verhindern. Das ist Gold wert für das Mikroklima im direkten Umfeld. Und es ist auch dann verloren wenn ein paar Bäume im Beton stehen bleiben dürfen.

  • Burgweintinger

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    Herr Eberhardt, wo und wie wohnen Sie eigentlich? Im Zelt? oder in einem Eigenheim? Haben Sie ein Einfamilienhaus, selbst gebaut mit versiegelter, zugepflasterter Einfahrt?

  • joey

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    @Hannes Eberhardt
    wäre der frühere Eigentümer rechtlich gut beraten, hätte er regelmäßig alle Pflanzen gerodet. Es gibt nämlich schon lange Gerichtsurteile, wo städtebaulichen Satzungen im Widerstreit mit materiellen Biotopen etwa 7 Jahre Bestandsgarantie gegeben werden. Somit hätte eine Klage der NGOs vielleicht Erfolg.

    Die Logik für jeden Grundstücksbesitzer (und z.B. seine Kreditwürdigkeit): meine es nicht gut. Mit solchen Fundi Aktionen vernichten die “Ökos” (an anderen Stellen) mehr Natur, als Sie vermutlich denken.

  • Aucheinregensburger

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    Die Oberbürgermeisterin irrt, da das Baurecht lange nicht ausgeübt wurde, hätte die Stadt Regensburg bei der Ausübung ihrer Planungshoheit die Fläche in Grünfläche umwandeln und dafür eine geringe Entschädigung leisten müssen. Der Wille hätte vorhanden sein müssen, es zu tun und evtl die Bayernwerk AG, die an der REWAG beteiligt ist zu verärgern.
    Möglich wäre es aber gewesen.

  • JJ

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    Die Fläche ist furchtbar. Sperrmüll, Dreck, Exkremente (Nicht nur von Tieren). Auf dem Parkplatzgelände der Berufsschule kann man mehr Biodiversität erkennen. Vom Donaupark ganz zu schweigen. Aufgeblasene Diskussion um eine brache Industriefläche. Liegt aber in Mode aus einer Maus einen Elefanten zu machen.

  • Luchs

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    Das Ansinnen der naturschützenden Protestler (dem Bild nach, ist das noch die Erste und nicht die Letzte Generation) in allen Ehren – aber für diese Fläche? Richtet man den Blick vom Regensburger Westen in alle anderen Himmelsrichtungen, findet man neue Baugebiete mit Flächenfraß, Versiegelung und Beton in gigantischen Ausmaßen. An Protestierende mit niedlichen, bunten Schildchen kann ich mich nicht erinnern. Könnte es auch daran liegen, dass das zu schützende Areal im heimeligen Regensburger Westen liegt und man nach getanem Protest schnell wieder zurück kann, in sein bildungsbürgerliches Wohlstandsnest?

  • Radler33

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    @Luchs lässt sich ganz einfach Kategorisieren in “anderen die Legitimation auf Protest absprechen”. Das war schon vor Langstrecken-Luisa langweilig.

    Etwas komplizierter und interessanter wird es beim Objekt: Hier hat sich ein für das Mikroklima erhaltenswerter Baumbestand entwickelt. Bei anderen Projekten im Westen war zuvor Feld/Wiese/Brachland (ohne Bäume). Direkt daneben gibt es eine riessige Flächenverschwendung in Form eines kaum genutzten Infineon-Parkplatzes, der durch jede Art der Bebauung eigentlich nur aufgewertet werden kann. Lässt man Grundbesitz-Fragen außer acht, ist es die einzige Fläche im Westen, die man *nicht* bebauen bzw. roden sollte.

    Und natürlich, @JJ, sieht’s da so aus, wenn sich niemand kümmert, es offiziell gar keinen richtigen Weg durch gibt. Da kann der Mini-Wald aber nichts dafür und schmälert seinen Wert auch nicht, es ist eher eine verpasste Chance, diesen Fleck Natur ohne große Eingriffe als Park nutzbar zu machen. Das steht ja sogar im Klimagutachten *der Stadt*: „Parkklima; ganztägig sehr hohe Ausgleichleistung“.

    Eigentlich schreibe ich hier nur, was in den Artikeln und auf den BUND-Seiten verlinkten Dokumenten steht; manche Komentatoren wollen halt lieber einfach nur kommentieren statt sich erstmal zu informieren, z.B. hier https://cutt.ly/x9oyhgF

    Über Hrn. Schoberer darf ich hier glaube ich öffentlich verraten, dass er nicht im “heimeligen Westen”, auch nicht ‘um die Ecke’ wohnt.

  • JJ

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    @Radler33:
    Die „verpasste Chance“ ist meiner Meinung nach, dass die Stadt dort mit der Stadtbau bezahlbaren Wohnraum bauen hätte können. Da gehen aber die Meinungen dann stark auseinander was die Nutzung von städtischen Flächen sind. Prinz-Leopold kaserne kommt viel zu spät!

  • alphaville

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    Mich würde mal interessieren, wie viele Quadratmerter Grundstücksfläche hier pro Quadratmeter Wohnfläche in diesem Bebaungsplan versiegelt werden sollen.

    Um diese Zahl dann einordnen zu können wäre Herr Schoberer zu bitten für seine eigenen Wohnverhältnisse diese Zahlen qm Grundstücksfläche pro qm Wohnfläche offen zu legen.

    Sollte die Spitze des Bund Naturschutz in Regensburg und der Gegner der Wohnbebauung an der Lilienthal-/Hermann-Köhl-Straße nicht gerade flächenschonend im Geschosswohnungsbau leben, so wäre wünschenswert auch damit transparent umzugehen.

    Wer eine Wohnung oder ein Haus hat sollte die nicht vergessen, die dringend eine Wohnung brauchen.

  • Mr. T.

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    alphaville, bitte die Diskussion hier nich derailen. Vielleicht hat Herr Schoberer auch noch ein Auto, dann braucht er schon gleich gar nix von Umweltschutz sagen, oder?
    Gleich ums Eck ist eine riesige rote Brachfläche, auf die man Wohnungen bauen könnte. Der kleine Wald ist das letzte Stück zusammenhängende Biomasse (kein Park), die das Mikroklima vor Ort maßgeblich beeinflusst. Ist sie weg, ist sie weg und mit ihr sämtliche positiven Einflüsse. Und es bringt auch nix, wenn bei einer Bebauung etwas Grün stehen bleiben darf oder wieder hingepflanzt wird.

  • Burgweintinger

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    Mr.T., nein, nein, nein

    Ist denn die rote Brachfläche bebaubar? gibt es dafür einen Bebauubgsplan? Das Quartier West hat einen Bebauubgsplan und regensburg braucht Wohnungen. Der Stadtbeamte Schoberer sollte sich mal mehr stark machen, dass mehr Wohnungen zur Verfügung stehen, als zu verhindern… Er hat ja ein Dach über dem Kopf und mit Sicherheit mehr als 42 m²…, wahrscheinlich noch eine gepflasterte Auffahrt für sein Auto…

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drin