Lesung: Thorsten Nagelschmidt im Ostentorkino

Der Müllwerker

Am Dienstag las Thorsten Nagelschmidt auf Einladung der Alten Mälzerei im Ostentorkino aus seinem neuen Roman „Der Abfall der Herzen“ und ging der Frage nach, wie ein Jugendabschnitt im Sommer 1999 sechzehn Jahre später aus den brüchigsten Erinnerungen, längst vergessenen Tagebucheintägen und späten Unterhaltungen mit damals Beteiligten rekonstruiert werden kann. Eine kurzweilige und unterhaltsame Lesung.

Lesung im Ostentorkino. Bild: om

„Ich interessiere mich sehr für Abfall, seit mein Buch raus ist,“ schmunzelt Thorsten Nagelschmidt während er Bilder von öffentlichen Abfalleimern auf die Kinoleinwand projiziert. Ein Regensburger Abfalleimer mit dem charmanten Aufkleber des Jugendbeirats mit der Aufschrift „Sei kein Schwein – steck’s mir rein!“ findet sich auch in der Auswahl. Nagelschmidt findet das amüsant, nicht nur weil es als Anekdote gut zum Titel seines aktuellen Romans passt, mit dem er gerade deutschlandweit auf Lesereise ist.

Ex-Fans über Punkverrat

Das Buch heißt „Der Abfall der Herzen“ und weil Nagelschmidt weniger eine Lesung im klassischen Sinne, als vielmehr eine Live-Unterhaltungsshow darbieten möchte, liest er nicht nur, sondern zeigt und kommentiert allerlei Kuriositäten, die ihm beim Schreiben des Buches und in den Städten seiner Lesetour begegnet sind. Dazu gehören die erwähnten öffentlichen Mülleimer, Glascontainer, Hotelzimmer und Kirmessen und sogar Amazon-Kundenrezensionen und erboste Mails von Ex-Fans.

Ex-Fans? Nun ist Thorsten Nagelschmidt eben nicht irgendwer. Seine vorherigen Bücher hatte er noch unter seinem Künstler- respektive Punknamen Nagel veröffentlicht und ist vielen primär nicht als Romanautor, sondern immer noch als Texter, Sänger und Gitarrist der fantastischen Band Muff Potter bekannt, die sich Ende des Jahres 2009 aufgelöst hatte. Manchen missfällt diese vermeintliche Verbürgerlichung als Ausverkauf des Punk. So heißt es zum Beispiel in einer Mail aus München, die Nagel(schmidt) vergnügt zeigt und vorliest: „I wollt mal grad fragen, warum der Nagel jetzt gern anders heissen würde -hat ihm wer in sein (wenn er es auch nie zugeben wollte) kleinbürgerliches & eher spärlich ausgestattetes Spatzenhirn reingeschissen?“ (Fehler im Original).

Thorsten Nagelschmidt, Der Abfall der Herzen, Bild: S. Fischer Verlag.

Eine Punkjugend in der Kleinstadt

So eine Punkvergangenheit streift man eben nicht einfach so ab. Das weiß auch Nagelschmidt und hat nun nicht umsonst einen autobiografisch zumindest gefärbten (dazu später mehr) Roman veröffentlicht, der sich einer endenden Jugend im Sommer 1999 widmet. Der Ich-Erzähler, Nagel, verbringt sie in Rheine im Münsterland, spielt in einer Punkband, geht Gelegenheitsjobs nach, ist (unglücklich) verliebt und befindet sich in einem kleinstädtischen Beziehungsgeflecht, das allerlei erbauliche, enttäuschende, tragische und lustige Erlebnisse und Geschichten bereithält.

Der Roman spielt jedoch nicht nur kurz vor der symbolträchtigen Jahrtausendwende, sondern auch 2015, als sich das spätere Ich Nagels anhand von Tagebucheinträgen und den Erzählungen anderer Beteiligter auf Spurensuche in die Vergangenheit begibt. Der Protagonist hat dabei ein großes Problem: Er kann sich selbst nicht mehr an viel erinnern. Die eigene Biographie erscheint lückenhaft, die Tagebucheinträge, die vorgeben einschneidende Momente festzuhalten, wirken fremd. Erlebnisse, die damals als gravierend empfunden wurden, sind der Erinnerung komplett entschwunden.

Zwischen Realtität und Fiktion

Dieses besonderes Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion deutet Nagelschmidt immer wieder zwischen dem Vorlesen einiger Buchpassagen an. Es ist gleichsam das Metathema seines Romans. Wo beginnt eigentlich die Fiktionalisierung der eigenen Person und Geschichte? Bereits beim Abfassen eines Tagebucheintrags, der doch noch ganz im Zeichen des unmittelbaren subjektiven Eindrucks des Erlebten steht? Oder ergibt sich Realität erst viel später durch die Objektivierung von Geschehnissen aus der Gemengelage unterschiedlich berichteter und verschieden erlebter Eindrücke anderer Personen? Was an Nagelschmidts Erzählung ist eigentlich autobiografisch, ja was ist überhaupt biografisch?

Kramt in vergessenen Erinnerungen: Thorsten Nagelschmidt. Bild: om.

Beatles oder Stones?

Um auf seiner Tour nicht dauernd das Gleiche zu lesen, wählt Nagelschmidt die vorzutragenden Auszüge nach thematischen Schwerpunkten aus. In Regensburg sind das Musik und Geburtstage. Durchzechte Nächte, verkaterte Morgen, nervige Gespräche mit den Eltern bei Geburtstagsessen, missglückte Konzerte und so weiter. Viele werden sich dabei an ihre ganz eigenen Sommer 1999 erinnern.

Am Schluss stellt sich der Autor noch den Fragen aus dem Publikum, die während der Lesung anonym auf Zettel geschrieben werden. Die letzte Frage ist eine musikalische und lautet: Beatles oder Stones? Halten wir an dieser Stelle für die Nachwelt wahrheitsgemäß fest: Für Nagelschmidt können die Stones auf den Müll! Ob Nagel es genauso gesehen hätte?

Zum Buch: Thorsten Nagelschmidt, Der Abfall der Herzen, erschienen am 22.02.2018 im S. Fischer Verlag, 448 Seiten.

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Kommentare (2)

  • David

    |

    „Lesung: Thorsten Nagelschmidt im Ostertorkino“
    Frohes Eier bemalen ;P

    Beste Grüße!

  • Martin Oswald

    |

    Oh, ein peinlicher Fauxpas. Ist korrigiert, danke.

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