SOZIALES SCHAUFENSTER

Interview

„Die russisch-orthodoxe Kirche beteiligt sich aktiv am Krieg gegen die Ukraine.“

Herr M. ist studierter Religionswissenschaftler und Experte für orthodoxe Theologie. Er lebt seit über zehn Jahren in Regensburg. Wir haben uns dazu entschieden, seinen Namen nicht zu nennen und seine Herkunft zu verschleiern, um seine Familie, Verwandten und Freunde zu schützen, die nach wie vor im russischen Einflussbereich leben. Im Interview macht er die russisch-orthodoxe Kirche mitverantwortlich für den Krieg in der Ukraine und warnt vor deren Ideologie.

Wladmir Putin und Patriarch Kyrill I. im November 2021. Damals wurde dem Patriarchen der Andreas-Orden verliehen, die höchste Auszeichnung des russischen Staates. Foto: kremlin.ru

Sind Sie selbst gläubig, Herr M.?

Ich selbst bin orthodox getauft. Ich besuche Gottesdienste und ich bin lange in die russisch-orthodoxe Kirche gegangen, auch hier in Regensburg. Bis ich diese Predigten nicht mehr ausgehalten habe. Da war meine Toleranzgrenze überschritten. Mit einer Kirche, die sich auf den Moskauer Patriarch Kyrill bezieht, will ich nichts zu schaffen haben.

Welche Bedeutung hat Kyrill I. für die orthodoxe Kirche?

Kyrill I., eigentlich Wladimir Michailowitsch Gundjajew, ist seit 2009 Moskauer Patriarch und damit Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Diese russisch-orthodoxe Kirche versucht schon seit längerem die ganze Macht innerhalb der orthodoxen Kirche weltweit zu übernehmen. Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche gibt es kein gemeinsames Oberhaupt. Es gibt aktuell 15 orthodoxe Kirchen weltweit, die sich gegenseitig anerkennen bzw. noch bis 2018 anerkannt haben. Meist sind sie national geprägt: serbisch-orthodox, rumänisch-orthodox, griechisch-orthodox und so weiter. Aber obwohl es kein gemeinsames Oberhaupt gibt, gibt es doch eine gewisse Rangfolge der kirchlichen Autoritäten. Und bis 2018 stand der russische Patriarch auf Rang fünf. An erster Stelle stand der Patriarch von Konstantinopel, also von Istanbul – der Mutterkirche. Von dort haben alle orthodoxen Kirchen irgendwann ihre Unabhängigkeit bekommen.

Was hat sich 2018 geändert?

Damals hat Konstantinopel entschieden, auch der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Unabhängigkeit zu gewähren. Es gab schon seit Jahren Bestrebungen, sich von Moskau zu trennen. Und seit dem Krieg 2014 hat sich die Bestrebungen nach einer von Moskau unabhängiger Kirche verstärkt – und Konstantinopel stimmte schließlich 2018 zu. Ein großer Teil deren, die gestern noch als Schismatiker beschimpft wurden, sind eine autokephale (unabhängige) Kirche geworden.

Der Moskauer Patriarch hat daraufhin erklärt, dass man weder mit der orthodoxen Kirche in Konstantinopel noch mit irgendeiner anderen Kirche, die diese Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche anerkennt, weiter Kontakt haben wolle. Die russisch-orthodoxe Kirche hat sich damit von der orthodoxen Welt de facto abgespalten und erhebt seitdem den Anspruch, die einzig wahre orthodoxe Kirche zu sein, die die Kanones (kirchliche Rechtsordnung) wahrt.

Alle anderen, die es wagen, die Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine anzuerkennen, sind in deren Augen Schismatiker. Als Opfer dieser Einstellung sind bereits nicht nur die Mutterkirche von Konstantinopel, sondern auch die Kirche von Griechenland, Kirche von Zypern und Kirche von Alexandrien gefallen. In der letzteren, auf dem Afrikanischen Kontinent, begann die russisch-orthodoxe Kirche aggressive Mission unter den getauften orthodoxen Christen, damit sie in die russische Orthodoxie übertreten.

Welche Folgen hatte das für russisch-orthodoxe Gläubige in der Ukraine?

Bis zum aktuellen Krieg war die überwiegende Mehrheit nach wie vor russisch-orthodox – zumindest offiziell. Der russisch-orthodoxe Metropolit von Kiew (etwa vergleichbar mit einem Erzbischof in der katholischen Kirche, Anm. d. Red.) hat zu Beginn des Krieges dann eine eindringliche Botschaft an den Patriarchen in Moskau gesandt und ihn gebeten, auf Putin einzuwirken und ihn zu bitten, diesen Krieg zu stoppen. Doch Kyrill hat nichts unternommen. Daraufhin gab es eine Welle von Erklärungen von Bischöfen in der Ukraine, die bis dahin noch in Kontakt mit dem Moskauer Patriarchen standen und sich nun von diesem losgesagt haben. Sein Name kommt in der Liturgie seitdem bei mehreren russisch-orthodoxen Bischöfen in der Ukraine nicht mehr vor.

Wie hat der Patriarch reagiert?

Er hat am 2. März ein Antwortschreiben an den Bischof von Sumy (die Stadt, die in den ersten Kriegstagen bombardiert wurde) veröffentlicht. Darin vergleicht er die Situation der russisch-orthodoxen Geistlichen in der Ukraine mit derjenigen von Geistlichen in Berlin 1942, der trotz Naziherrschaft der Kirche in Moskau die Treue gehalten hatte.

(Wörtlich, Übersetzung aus den Russischen: „Ich bedauere Ihre Entscheidung, den Patriarchen von Moskau und ganz Russland nicht mehr in den Gottesdiensten zu gedenken. Ich möchte das Beispiel von Erzpriester Gregory Prozorov anführen, der nicht aufhörte, des Namens von Metropolit Sergius zu gedenken und während des Krieges bis 1942, also bis zu seiner Verhaftung und seinem Tod, Gottesdienste in der einzigen MP-Kirche in Berlin hielt.“).

Bischöfe, die den Patriarchen in den Gottesdiensten nicht mehr gedenken, wollen sich auf einer Synode versammeln und weitere Schritte überlegen. Mal schauen, was für eine Antwort sie dann aus Moskau bekommen.

Das erinnert sehr an die Erzählung von Wladimir Putin zur „Entnazifizierung“ der Ukraine…

Ganz genau. Das ist eine klare Parallele, anders kann man das nicht verstehen. Außerdem droht der Patriarch den Bischöfen wegen dieses „Schismas“, dieser Sünde der Abspaltung, mit Konsequenzen – und zwar nicht nur im Jenseits, sondern bereits jetzt in der Gegenwart.

Wie würden Sie das deuten?

Na ja, die „Entnazifizierung“ der Ukraine ist ja das ausgegebene Ziel dieses Krieges. Und wenn das einmal geschieht, dann wird der Patriarch mit diesen Schismatikern abrechnen – nicht nur kanonisch, sondern womöglich auch hin bis zu Verhaftung. Und wer weiß, ob der Tod in diesem Kontext auch zu den Konsequenzen in der Gegenwart gehört.

Welchen Stellenwert hat Religion in der Ukraine?

Die Ukrainer waren und sind sehr religiös. Daran konnte auch das sowjetische Regime nichts ändern. Es herrscht aber religiöser Pluralismus. Bedeutung hat zum Beispiel auch die griechisch-katholische Kirche, zwar eine Ostkirche, aber eben in Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche. Und diese Kirche galt dem Moskauer Patriarchat immer als Feind. Nach dem Untergang der Sowjetunion gab es da Probleme. 1946 wurde diese Kirche in der Westukraine verboten, aber in den 90ern wieder erlaubt. Seitdem gibt es einen Streit um die 1946 enteigneten Kirchengebäude mit der russisch-orthodoxen Kirche.

Es geht als um ganz handfeste finanzielle Interessen – kann man das so sagen?

Ja. Aber nicht nur. Die griechisch-katholische Kirche hat sich dem Papst in Rom zugewandt, eine Union mit ihm geschlossen und befindet sich seitdem auf dem „falschen Weg“. Sie ist der russisch-orthodoxen Kirche ein Dorn im Auge, weil sie das gesunde Nationalselbstbewusstsein und eine westliche Entwicklung der Ukraine fördert. Ich gehe davon aus, dass die griechisch–katholische Kirche in der Ukraine nach einem russischen Sieg wieder verboten werden kann bzw. dann wird von ihrer „freiwilligen Auflösung“ die Rede sein. Nach dem Motto: Die entnazifizierten verlorenen Söhne und Töchter können jetzt wieder, wie 1946, in die wahre Ostkirche zurückkehren.

Wird die Rolle von Patriarch Kyrill in der Öffentlichkeit falsch wahrgenommen? Man liest auf der einen Seite, dass er die ukrainischen Soldaten als „Kräfte des Bösen“ bezeichnet hat, auf der anderen Seite soll er zum Frieden aufgerufen haben.

Der Moskauer Patriarch hat eine klare Linie. Ja, er hat gesagt, dass er beide Seiten zum Frieden aufruft. Aber was versteht er darunter? Die Wiederherstellung des Friedens geschieht nach Kyrill dann, wenn die „Kräfte des Bösen“ die Waffen niederlegen. Dann werden ja auch die Zivilisten nicht mehr sterben. Kurz gefasst: Er versteht damit eine Kapitulation der Ukraine. Diese gehört nach seiner Ideologie zum „heiligen Rus“. Und wenn die ukrainischen Bischöfe sich gegen diese Ideologie wenden, dann droht er mit „Schisma“ und damit, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Die Botschaft ist klar: Unter diesen Umständen werden russisch-orthodoxe Bischöfe in Russland, Belarus oder in anderen ihm untergeordneten Ländern sich kaum trauen, irgendetwas dagegen zu sagen, und die ukrainischen sollten es sich mehrmals überlegen, bevor sie den Patriarchennamen in der Liturgie auslassen.

Die russisch-orthodoxe Kirche war schon immer staatsnah, oder?

Da muss man in der Geschichte etwas zurückgehen. Nach der Revolution 1917 wurde die Kirche in Russland und der Sowjetunion verboten. Erst 1943 hat Stalin die Metropoliten gesammelt und aufgefordert, einen neuen Patriarchen zu wählen. Seitdem war und ist die russisch-orthodoxe Kirche an der kurzen Leine – sowohl bei der sowjetischen wie auch jetzt bei der russischen Regierung. Es wird das gemacht, was von dort vorgegeben wird. Im Thronsaal von Kyrill stehen die Nationalflaggen der Staaten, in denen die russische Kirche vertreten ist. Er beansprucht die kirchliche Macht nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland. Die dahinterstehende Ideologie der russisch-orthodoxen Kirche deckt sich mit der staatlichen Politik: das Konzept „Russkij Mir“, russische Welt.

Können Sie das näher erläutern?

Das Konzept „Russkij Mir“ kann man in meinen Augen zu einem gewissen Grad durchaus mit dem Islamischen Staat vergleichen. Diese Ideologie ist nicht von heute auf morgen entstanden. Dieses Konzept haben Russland und die russisch-orthodoxe Kirche schon seit Jahrhunderten entwickelt und verfolgt. Es war immer der Grund für Angriffe auf die westlichen Länder – Belarus, Ukraine, sogar Moldau. Patriarch Kyrill zitiert ständig ein Sprichwort: „Russland, Ukraine, Belarus – das alles ist heilige Rus.“ Zum „Heiligen Rus“ gehören alle Gebiete, die geschichtlich irgendwann einmal in politischer Abhängigkeit von Russland standen und am besten noch überwiegend orthodox sind oder waren. Und all diese Gebiete müssen demgemäß sowohl ein religiöser als auch ein staatlicher Monolith sein.

Staatliche und kirchliche Ziele gehen als Hand in Hand?

Putin hat 2007 eine Stiftung mit dem Namen „Russkij Mir“ gegründet. Vordergründig geht es um die Förderung und Verbreitung der russischen Sprache und Kultur. Das klingt erst einmal nicht schlimm – Deutschland hat ja zum Beispiel auch das Goethe-Institut. Aber mit der Propaganda für die russische Kultur wird auch Propaganda für russische Machtbestrebungen betrieben. Das beinhaltet Hetze gegen die, wie es in Russland heißt, „sogenannten westlichen Werte“. Unter solchen Werten verstehen die Adepten von Russkij Mir z.B. die liberale Demokratie, die Akzeptanz von Homosexualität, religiöse und gesellschaftliche Pluralität – das lehnen sowohl der Staat wie auch die russisch-orthodoxe Kirche ab. Und sie betreiben gemeinsame Propaganda.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

2020 hat Russland das 75. Jubiläum des „Großen Vaterländischen Krieges“ gefeiert, den Begriff II. Weltkrieg gibt es in Russland nicht. Zu diesem Jubiläum hat die russische Regierung die „Hauptkirche der Streitkräfte Russlands“ in der Nähe von Moskau bauen lassen. Es ist die größte Kirche Russlands und diesem 75. Jubiläum gewidmet. In dieser Kirche gab es zunächst sogar Ikonen mit Darstellungen von Stalin, Putin oder Walentina Iwanowna Matwijenko, Vorsitzende des Föderationsrates, des dritthöchsten Staatsamtes in Russland. Es gibt auch ein Museum, das den Kriegen gewidmet ist, die Russland jemals geführt hat. Das geht zurück bis ins 13. Jahrhundert.

Patriarch Kyrill hat diese Kirche am 9. Mai 2020 geweiht und in der Rede, die er gehalten hat, hat er auch erklärt, dass alles, wo Russland in der Vergangenheit war, zum „Heiligen Rus“ gehört und dass man diese Gebiete irgendwann wiedergewinnen sollte.

Für Mai ist auch ein Konzil der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau geplant, um die angeblich entdeckten Gebeine des Zaren als Reliquien zu weihen. Darauf besteht Putin. Ohnehin hat die russisch-orthodoxe Kirche den Zaren heiliggesprochen.

Was ich mit alledem sagen will: Die russisch-orthodoxe Kirche beteiligt sich mit dem Konzept von Russkij Mir, dieser Propaganda und mit der Drohung gegenüber den ukrainischen Bischöfen aktiv an diesem Krieg. Die russisch-orthodoxe Kirche und der Moskauer Patriarch tragen eine direkte Verantwortung – für diesen Krieg, aber auch für die expansive Politik Russlands. Und sollte es darüber tatsächlich einmal eine Gerichtsverhandlung geben, dann muss die Kirche dort auch zur Verantwortung gezogen werden.

Wie nehmen Sie die Stimmung innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland wahr?

Ich will das nicht pauschalisieren. Aber ich habe mich immer gefragt, warum es einerseits die Forderung gibt, dass türkische Imame auf deutsch predigen müssen, bei russisch-orthodoxen Priestern aber nicht. Dort wird russisch gepredigt. Und natürlich gibt es Predigten, bei denen gehetzt wird, bei denen Propaganda und Angst verbreitet wird und bei denen von „Russkij Mir“ gepredigt wird. Warum achtet da kein Mensch darauf?

Man kann sich auch einfach die Erklärung der russisch-orthodoxen Bischöfe von Berlin, London, Stuttgart und Vevey vom 25. Februar anschauen. Darin wird der russische Angriff mit keinem Wort verurteilt. Stattdessen wird von einer „äußerst einseitigen Darstellung der Ereignisse“ in den „westlichen Informationsquellen“ gesprochen. Das sagen die russisch-orthodoxen Bischöfe hier in Deutschland und Europa. Das ist sowieso schon abgemildert. Und mir ist kein russisch-orthodoxer Bischof in Deutschland oder Europa bekannt, der sich klar gegen diesen Krieg positioniert hat. Eine Länder und Kontinente übergreifende Symphonie vom russischen Staat und von der russisch-orthodoxen Kirche kann man kaum besser veranschaulichen. Bleibt die Frage, ob diese Symphonie auch klar und deutlich sichtbar wird, wenn es gilt, Verantwortung für Gräueltaten in der Ukraine zu übernehmen.

Letzten Samstag und Sonntag habe ich wieder einmal zu russisch-orthodoxen Gottesdiensten hier in Regensburg geschaut und zugehört, weil es mich interessiert hat. Ich will dem Priester nichts unterstellen, aber es ist schon auffällig, dass zum Krieg in der Ukraine kein Wort gesagt wurde.

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Kommentare (22)

  • joey

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    Konstantinopel 2018?
    Da mußte ich kurz nachdenken, ob sich jemand im Jahrhundert geirrt hat. Ach ja, weiter oben stehts ja, das ist Istanbul.

  • Ulrich Lechte

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    Vielen Dank für dieses hervorragende Interview! Ein weiteres Puzzlestück im großen Ganzen der derzeitigen irrealen Lage…

  • R.G.

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    Das Projekt heißt Russki Mir – Russischer Frieden bzw. Russische Eintracht.

    Das wird gerade mit Waffengewalt wiederhergestellt.
    Wenn man das weiterdenkt, wäre dem Volk im Grunde mit Putin ein Mann von der Größe eines Zaren aus Gottes Gnaden, bestätigt durch den einen einzigen Patriarchen der Orthodoxen, geboren.

  • RegensburgerIn

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    Die sind ja nicht blöd: wenn sie mit einem Wort etwas dagegen sagen,werden sie verbannt und keine Finanzierung mehr erhalten.
    Wir wollen,dass Moscheen und andere Kirchen unsere Demokratie übernehmen,wollen aber kein Geld dafür zahlen.
    Das Geld fließt aus der Türkei, Russland und anderen Ländern. Sie bestimmen dann auch,was gepredigt werden darf.
    Schade nur, dass Menschen hier einerseits im Frieden leben, anderseits unterstützen die Diktaturen dort.

  • R.G.

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    Wiki hilft mir im Moment nicht weiter. Vielleicht findet jemand eine kompakte Liste für Berlin.
    Ich wollte optisch aufzeigen, was es bedeutete, wenn die orthodoxen Kirchen der europäischen Metropolen sich der Russisch Orthodoxen Kirchen unterordneten.
    Hier sieht man eine Aufzählung der orthodoxen Bistümer Deutschlands, sie fielen beinahe alle weg, später wahrscheinlich einschließlich der Altorientalischen, z.B. der Tewahedo, durch die man Zugang zu Aethiopien und Eritrea und in den Lateinamerikanischen Raum erhielte.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bist%C3%BCmer_in_Deutschland

    Wer findet eine Liste wie die folgende aus Wien, auch für Berlin?
    https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Orthodoxe_Kirchen#1._Bezirk

    In einer Stadt wie Wien, die nach dem Krieg unter den vier Befreiermächten aufgeteilt war, wäre die im Artikel erwähnte Definition, die Besitzansprüche erstreckten sich auf ehemalig russisches Gebiet, durchaus in diese österreichischen Besatzungsgebiete ausdehnbar.
    Mit der Unterwerfung der Orthodoxen Kirchen säße man außerdem
    in ehemalig von den Alliierten besetzt gewesenen Bezirken Wiens und in dem Bau, der so häufig mit der dem Opus Dei überantworteten Karlskirche verwechselt wird.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_Maria_vom_Siege_(Wien)
    Ein sich auf die Schlacht am weißen Berg, die Niederlage der Protestantischen im Jahr 1620, beziehender Bau, und drei orthodoxe Kirchen im teuersten Wohnbezirk, im Ersten, wären bei Erfolg schließlich Russisch.
    Das Toleranzpatent des Kaisers gestattete nichtkatholischen Kirchen keine Straßenportale, Türme oder Glocken, aber die Griechisch Orthodoxe Kirche am Fleischmarkt erhielt knapp vor 1800 eine Ausnahme. Man kann, wenn man das Gefühl erzeugen will, dass man sich schon lange im Land befand und alte Werte tradiert, das mit der Einnahme der am ältesten aussehenden Gebäude, sehr einfach bewerkstelligen.

    Man könnte sagen, diese Kirchen “-umwidmungen” wäre eine optische Verkündigung von Russischer Macht.

  • joey

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    @Regensburgerin
    “wollen aber kein Geld dafür zahlen”. Nein, ich will dafür auch kein Geld zahlen.
    Man kann sowieso nicht verhindern, daß Russen in die “wahre russische Kirche” gehen. Das ist eben das Original – deswegen heißt es ja orthodox. Deswegen haben Frauen da nicht die gleichen Rechte, deswegen ist der ganze Bereich völlig homophob. Völlig von gestern und auch noch stolz drauf…

  • Martina Czech

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    Hervorragender Artikel! Danke

  • Christoph Ecklinger

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    Lasst bitte die Religon außen vor. Immer wenn sich Religonen in einen Krieg eingemischt haben, wurde es nur noch schlimmer. Und viele Kriege waren nur Religionskriege und wurden nur um des “richtigen” Glaubens Willen geführt. Und das was Putin vorschwebt ist auch einer Religion sehr ähnlich.

  • Mr. T.

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    Christoph Ecklinger, die Religion aus einem Krieg rauszuhalten ist noch deutlich schwierieger, als Waffen aus einem Krieg rauszuhalteln.

  • Holger

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    Sehr erhellend – vielen Dank. Immer wieder schrecklich, wenn Religion menschenverachtende Ideologien stützt. Allerdings gibt es hier auch andere Beispiele (wie z.B. die Montagsdemonstrationen 1989 und die Rolle von Bischof D. Tutu beim Umbau der Gesellschaft in RSA). Religion kann die besten Kräfte im Menschen fördern und hervorbringen – und die schlechteste. Leider ist die Lage so ambivalent. Zudem wurden die zwei schrecklichsten Diktaturen in Europa der jüngeren Zeit dezidiert mit areligiösen bzw. feindlichen Ideologien getragen (Kommunismus/Stalinismus, Nationalsozialismus)- was mich nicht unbedingt dazu bringt, Religion aus dem Pool der wertvollen menschlichen Handlungs- und Denkhintergründe zu verabschieden – im Gegenteil.

  • Eva Sassen

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    Danke für das aktuelle Interview!
    Vielseitige Hintergründe zur russischen Entwicklung fand ich im Buch von Golineh Atai: Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist. Die ZDF-Reporterin Atai war jahrelang in Moskau und Kiew und trug 2019 ihre Infos zusammen, u.a. die Verflechtung von Kirche und Putin auf der Krim und in Moskau… mit Interviewpassagen, Twittertexten, die wieder verschwanden etc.
    Diese Buch half mir die Lage lange vor dem offensichtlichen Krieg zu erkennen.

  • Alexander F.

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    Es ist traurig, was für ein formbarer Ton der Glaube in den Händen von Tyrannen sein kann. Die russisch-orthodoxe Kirche gibt dafür das beste, oder sollen wir sagen schlimmste Beispiel ab.
    Danke für dieses Interview. Mir war nicht klar, wie tief diese Verflechtungen sind und wie weit der Einfluss der ROK reicht.

  • Mathilde Vietze

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    Und ich dachte immer, die Kirchen sollten das W o r t G o t t e s verkünden und
    nicht Teufelszeug wie Krieg und Rache!

  • Andreas

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    @ Mathilde Vietze:

    Warum glauben Sie hat wohl der Heilige Augustinus (ein wie praktisch alle Kirchenväter der Antike ein “notorischer theologischer Antisemit” – Prof. Dr. Norbert Mecklenburg, Köln) für das Christentum die Idee von einem “Gerechten Krieg” entwickelt? Nur Christen führen gerechte Kriege – die anderen nicht! Nur christliche Kriege sind Verteidigungskriege …

    “Macht euch die Erde untertan” – haben christliche Theologen, Herrscher inkl. der Päpste, immer sehr gerne wörtlich genommen. Der einzig wahre (christliche) Glaube stellte den Rechtsanspruch dar, warum die Welt und andere Völker unterworfen werden durften – zur größeren Ehre des Christengottes. Die islamische Welt (die es nicht anders machte) hielt ihrerseits dem gottgewollten christlichen Krieg stand (wie umgekehrt die Christen den Moslems) – nicht so, nach Einführung der Feuerwaffen, die Bewohner Afrikas und Amerikas! Peter Milger in “Die Kreuzzüge: Krieg im Namens Gottes”: Folge 4: Die christliche Landnahme: https://www.youtube.com/watch?v=GDUiSy7ju5o&list=PLIbxbLRZS3R7MGd0tK05xz1L1u9I2NDLu&index=5 (die bedeutendste TV-Doku zu den Kreuzzügen mit ihren Auswirkungen bis zum 1. Weltkrieg in Folge 13: Macht euch die Erde untertan).

    https://www.amazon.de/Heiliger-Krieg-Gewalt-Namen-Christentums/dp/3805349270 (siehe dort auch die Rezension von Andreas Edmüller: “Gewalt und Christentum sind untrennbar miteinander verwoben”).

    Prof. Dr. Gerd Althoff: “Selig sind, die Verfolgung ausüben”: Päpste und Gewalt im Hochmittelalter (https://www.amazon.de/%C2%BBSelig-sind-Verfolgung-aus%C3%BCben%C2%AB-Hochmittelalter/dp/3534247116/ref=sr_1_12?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=2OJ2WR8839HES&keywords=Gerd+Althoff&qid=1646655699&s=books&sprefix=gerd+althof%2Cstripbooks%2C157&sr=1-12)

  • Alexander_F

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    Tut er doch. Sie scheinen nur das Wort Gottes etwas schlecht zu kennen:

    “Ich öffne meine Waffenkammer und hole die Waffen heraus, mit denen ich dich in meinem Zorn angreifen werde. Ja, für mich, den allmächtigen HERRN und Gott, gibt es in diesem Land viel zu tun! Nehmt es von allen Seiten ein, brecht seine Kornspeicher auf und schüttet die Beute auf einen Haufen! Dann vernichtet alles und zerstört das ganze Land – lasst nichts mehr übrig! Stecht alle seine Soldaten nieder, schlachtet sie ab wie Vieh! Wehe ihnen! Denn nun ist der Tag gekommen, an dem ihre Strafe sie trifft.”

    Jeremia 50, 25- 27

  • R.G.

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    Professor Stefan Karner hatte zu einigen russischen Archiven in seiner Rolle als Leiter des Instituts für Kriegsfolgenforschung als einziger Westlicher Zugang.

    Er erklärt den Konflikt in seinen Politisch-Religiösen Wurzeln.

  • R.G.

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    In Youtube zu finden:
    Russland-Experte: „Dieser Krieg kennt nur Verlierer“ | krone.tv Club3

  • Chr. Wiedermann

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    @ Christoph Ecklinger, 5. März 2022 um 21:11 | #
    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Religion wurde stets missbraucht um die Emotionen der Unbedarften für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Ich kenne keinen einzigen “Religionskrieg”, also Krieg wegen der “richtigen” Religion, der nicht in Wirklichkeit ein Macht-Krieg war.

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