SOZIALES SCHAUFENSTER

Unter städtischer Ägide

Ein Lobby-Tag für Flussriesen

Die „Regensburg Tourismus GmbH“, 100prozentige Tochter der Stadt, lädt im Verbund mit mehreren Reedereien zum „Tag des offenen Kreuzfahrtschiffes“. Die Stadt spricht von „Aufklärung und der Vermittlung von Informationen“. Doch nicht nur die Namen der Veranstalter nähren den Verdacht, dass hier unter städtischer Ägide Lobbyarbeit für Kreuzfahrten betrieben werden soll.

Am 10. November soll es Stadtführungen „auf den Spuren der Flusskreuzfahrer“ geben. Foto: Peter Burkes

Zumindest ins Kommunalwahlprogramm der Grünen hat es die anhaltende Kritik am wachsenden Kreuzfahrttourismus in Regensburg geschafft. Dort heißt es unter anderem:

„Der boomende Flusskreuzfahrttourismus hat (…) auch Schattenseiten und sorgt insbesondere für die Einheimischen in den Anlegeorten der Schiffe nicht selten für Unmut. Einerseits belasten die Kreuzfahrtschiffe die Hafenorte mit erheblichen Emissionen (…). Zum anderen sind nicht nur die Attraktionen der Hafenstädte, sondern auch die Stadtzentren durch Touristinnen und Touristen häufig überlaufen.“

Die Partei will deshalb zusätzliche Anlegestellen kritisch unter die Lupe nehmen, die Abnahme von Landstrom verpflichtend festschreiben, mit eigenen Messstationen die Emissionen der Flussriesen genauer kontrollieren und die Umweltzone auch auf die bereits bestehenden Anlegestellen ausweiten.

Tourismus-Tochter wirbt unter Welterbe-Logo

Von derlei Kritik ist beim „Tag des offenen Kreuzfahrtschiffs“ nichts zu lesen. Die Regensburg Tourismus GmbH (RTG), eine 100prozentige Tochter der Stadt Regensburg, bewirbt diese Veranstaltung derzeit auf der von ihr betriebenen Facebook-Seite „Regensburg – Unesco Welterbe“. Am 10. November soll es demnach den ganzen Tag um das Thema Flusskreuzfahrten gehen. Mit einer einstündigen Auftaktveranstaltung im Salzstadel, mit Schiffsrundgängen und mit Stadtführungen „auf den Spuren der Flusskreuzfahrer“. Im Vorfeld werden als Zuckerl 50 Mini-Kreuzfahrten von Passau nach Regensburg verlost, gesponsert von einer mitveranstaltenden Reederei.

Die Stadt Regensburg betont auf Nachfrage, dass es bei der Veranstaltung um „Aufklärung und die Vermittlung von Informationen“ gehe. „Es werden auch Kritiker der Kreuzfahrt in Regensburg zu Wort kommen. Das Ziel ist es, in der Sache miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Doch bereits die Informationen, die von der RTG dazu im Vorfeld auf ihrer Internetseite veröffentlicht werden, sind teils irreführend. Dort heißt es beispielsweise:

„Gut zu wissen: Die Anlandungen pro Jahr sind auf ein Maximum von 1.400 beschränkt.“

Doch diese Zahl ist falsch. Tatsächlich handelt es sich um eine „freiwillige Obergrenze“ von 1.500 Anlandungen, auf die sich die Stadt Regensburg, deren Tochter Stadtwerk.Logistik, welche die Anleger betreibt, und die Reedereien 2016 verständigt haben. Dies hat die städtische Pressestelle zuletzt im August gegenüber unserer Redaktion bestätigt und ausdrücklich erklärt, dass es dafür keinen verbindlichen Stadtratsbeschluss oder dergleichen gebe. Zudem liegt diese Obergrenze um 350 Anlandungen über dem, was mit den Kapazitäten der vorhandenen Anlegestellen in Regensburg derzeit überhaupt möglich ist – eine reine Schaufensterzahl also, ohne jeden Wert.

„Studie zum Nachweis positiver Wertschöpfungseffekte“

Außerdem erwähnt die RTG, dass durch den Aufenthalt von Kreuzfahrttouristen in Regensburg „Einzelhandel, Gastronomie und Stadtführungsanbieter“ profitieren würden – ohne weitere Zahlen zu nennen.

Gut zu wissen: Es gibt eine Untersuchung, die ein paar Zahlen nennt. 2018 wurde dem Stadtrat eine „Studie zum Nachweis positiver Wertschöpfungseffekte der Kabinenschifffahrt im Donauraum“ präsentiert. In Auftrag gegeben haben diese Studie, welche das im Vorfeld erwünschte Ergebnis bereits im Namen trägt, die jeweiligen Wirtschaftsfördereinrichtungen der Städte Regensburg, Straubing, Deggendorf, Passau und Linz beim „Centrum für marktorientierte Tourismusforschung der Universität Passau“.

Dürftige Daten

Die Zahlen, welche die Studie für Regensburg liefert, sind eher kryptisch und basieren vielfach mehr auf Annahmen denn auf harten Fakten. Demnach unternähmen „beinahe alle Passagiere“ eine geführte Tour. Dabei bleibe „etwa die Hälfte der Landgänger“ zwei Stunden in der Stadt, also etwas länger als die Führung durch Regensburg dauert, die andere Hälfte verweile etwa sechs Stunden. „Knapp jeder zweite Passagier“ schließlich habe während des Landgangs „Zusatzausgaben“ getätigt, die nicht im Ausflugspaket enthalten seien, und zwar in Höhe von 29 Euro. Anders und etwas weniger kompliziert ausgedrückt: Pro Passagier blieben demnach etwa 14 Euro an „Zusatzausgaben“ in Regensburg.

Rechnet man die Ausflugspakete und Hafengebühren hinzu, so würden – laut der Studie – Nettoumsätze von drei Millionen Euro in Regensburg getätigt. Eine durchaus überschaubare Summe für eine Stadt mit der Wirtschaftsleistung Regensburgs.

Auch die zugrundeliegende Datenbasis der Studie klingt eher dürftig: 1.355 Passagiere wurden dafür auf der Strecke zwischen Regensburg und Wien per standardisiertem Fragebogen befragt – 200 davon in Regensburg. Das dürfte denn auch die Datenbasis sein, aufgrund derer sich die Besucher am 10. November laut städtischer Pressestelle informieren können über „die Impulse, die die Kreuzfahrt für die Wirtschaftskraft der Stadt Regensburg bringt und die dadurch geschaffenen Arbeitsplätze“.

Veranstalter sind ausschließlich Profiteure

Doch nicht nur das nährt den Verdacht, dass es sich beim „Tag des offenen Kreuzfahrtschiffs“ weniger um „Aufklärung und Informationen“, sondern um schlichte PR handelt.

In der Liste der Veranstalter finden sich weder Umweltverbände noch Anwohner noch Bürgerinitiativen, welche den Kreuzfahrttourismus kritisch sehen, dafür aber durchweg Organisationen, die davon profitieren. Neben der Regensburg Tourismus GmbH nennt die städtische Pressestelle die Stadtwerk Regensburg GmbH, von der die Anleger betrieben werden, den Bayernhafen, die ARS Incoming Service GmbH, ein Reisebüro, Stadtmaus und KultTouren e.V., die von Stadtführungen profitieren, das städtische Amt für Wirtschaft und Wissenschaft, sowie die Kreuzfahrtunternehmen Avalon, nicko cruises Schiffsreisen GmbH und Scenic Tours Europe AG.

Bereits Anfang August hatte die „IG River Cruise“, nach eigenen Angaben ein Zusammenschluss von 239 Flusskreuzfahrtschiffen, die 70 Prozent des europäischen Marktes abdecken, eine „Image-Tour“ nach Nürnberg, Passau und Regensburg angekündigt, um in diesen hochfrequentierten Häfen um mehr Akzeptanz für die Flussriesen zu werben. Diese Lobby-Veranstaltung scheint nun in Regensburg unter dem Label „Tag des offenen Kreuzfahrtschiffes“ zu laufen – Daniel Thiriet, Vizepräsident von IG River Cruise, sitzt denn auch im Salzstadel mit auf dem Podium der Auftaktveranstaltung.

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Kommentare (29)

  • R.G.

    |

    Wenn man den Argumentationen zuhört, scheinen Mitentscheider Geldausgaben der Touristen mit Wertschöpfung in der Region zu verwechseln.
    Es könnten theoretisch der Großteil der Euro 29 zurück an einen Schiffsunternehmer gehen, der bei Landausflügen eigene, sonst auswärts geparkte Busse unterhält, das Essen mitbringt, die Mannschaft im Land der billigsten Löhne entlang der Donaustrecke anheuert .
    Ich finde den niedlichen Artikel nicht mehr, in der Stadt Grein in Oberösterreich hieß es, man verstünde die Aufregung der anderen Donauorte nicht, die Touristengruppen besichtigten die Stadt, und jemand musiziere nun sogar auf den angelegten Schiffen (mit der Ziehharmonika). So rechnen eben gut verdienende Experten.

    Vollzeitarbeitsplätze ergibt das i m investierenden Ort welche Zahl? : ……

    Wie bewertet man in Regensburg Fahren mit schadstoffbelastenden Dieselautos in der Innenstadt? Gleichzeitig will man mehr stinkende Schiffe.
    Damit der Gast mehr Geld am Ort lassen soll, werden bessere, teurere Hotels geplant. Vor der Wahl wird man das wahrscheinlich „Umgestaltung“ nennen. Vollzeitarbeitsplätze, deren Entlohnung hoch genug ist, um eine Wohnung in Regensburg zu mieten, wird das welche Zahl geben? Bekanntlich schaffen Mehrsternhotels eher Minijobs und niedrig entlohnte Posten. Wenn der Hotelbetreiber mehre Häuser hat und das in Regensburg als Filiale geführt wird? Was bleibt der Region dann?

  • R.G.

    |

    @Andreas
    Köstlich Ihr Beitrag:
    „Kreuzfahrttouristen-Bashing ist inzwischen anscheinend Volkssport Nummer 1. Wie mit jedem Tourismus sind auch mit den Kreuzfahrten negative Aspekte verbunden. Aber …“

    Ich schlage vor, wir einigen uns auf einen neuen Dialekt für Diktaturen, der sich nur wenige Begriffe gestattet.
    Jede Meinung eines Bürger zur Politik bzw. Politikern wird als „Hass und Häme“ bezeichnet.
    Ein Nachrechnen, ob eine Rechnung aufgeht, als Volkssport Nummer 1= Bashing.
    Buchhalter heißen BuBasher und Steuerberater Stebasher.
    Politiker, Chefs von Immobilienfirmen und Bauträgern müssen als „Santa“ bezeichnet werden.
    Bürger nennt man Wahltagstrotteln, Kreuzerlmacher oder Stumme Proleten.

  • CK

    |

    @gscheidhaferl
    ich weiß nicht ob Sie sich jemals bei einer persönlichen Diskussion mit unserem ehe. OB Scheidinger, der wohl für die meisten Besetzung der Geschäftsführer der städtischen GmbHs verantwortlich war, oder einem seiner Referatsleiter bzw. Geschäftsführer auf Art. 20 GG berufen haben um einen Ihrer Standpunkte durchzusetzen. Wäre sicher eine interessante Diskussion geworden.
    Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass es unter einem Bürgerentscheid nicht zu machen ist eine einmal getroffene Entscheidung, wie das überdimensionierte Rampenbauwerk für die Kreuzfahrtschiffe zu verhindern.

  • gustl

    |

    „Dieselgestank und Schiffslärm verdreifacht“ ist scheinbar die einzige Leistung von dem Bürgermeister Jürgen Huber in seiner Dienstzeit, der bei seiner Nominierung Mitglied der Grünen war.

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