Vorwürfe gegen "Regensburg Haber"

„Ergebnis erfolgreicher Integration“ oder „Wolf im Schafspelz“?

Regensburg Haber Jubiläumsausgabe: „Für Dialog und Zusammenleben“?

Regensburg Haber Jubiläumsausgabe: „Für Dialog und Zusammenleben“?

Deutsche und türkische Texte, prominente Autoren aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft und der Anspruch, Völkerverständigung fördern zu wollen – die Zeitschrift „Regensburg Haber“ wird gern als Beispiel für gelungene Integration hervorgehoben. Veröffentlichungen der Redaktion im Internet wecken daran erhebliche Zweifel. Dort wird unter anderem der Geschäftsmann Haritun Sarik attackiert und vom „angeblichen Völkermord an den Armeniern“ geschrieben.

„Für Dialog und Zusammenleben“. So lautet der Titel der Jubiläumsausgabe von Regensburg Haber. Seit 2012 gibt es die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, die in einer Auflage von 4.000 Stück kostenlos verteilt wird. Wegen seiner Mischung von deutsch- und türkischsprachigen Beiträgen gilt Regensburg Haber (Haber steht für Nachrichten) nicht nur Oberbürgermeister Joachim Wolbergs als „das stolze Ergebnis erfolgreicher Integration“. In der aktuellen Ausgabe – es ist die zehnte – gratulieren fast 20 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Gründer von Regensburg Haber, Salih Altuner, wurde kürzlich in den Integrationsbeirat der Stadt Regensburg gewählt berufen. 2011 bekam er über die Konrad-Adenauer-Stiftung den Auftrag, türkische Imame in Deutschland mit dem hiesigen Mediensystem vertraut zu machen.

„Vieles zur Integration und Völkerverständigung beitragen“

Er wolle „Vorbilder in den Vordergrund stellen und damit die Motivation der türkischen Gesellschaft fördern“, so der 39jährige damals gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung. Medien – deutsche wie auch türkische – könnten „vieles zur Integration und Völkerverständigung beitragen“, sagt der 39jährige, der sich seine Sporen unter anderem als freier Autor für die türkische Zeitung Zaman verdient hat. „Mit provokativen Berichterstattungen kann man zwar bessere Geschäfte machen und die Auflage erhöhen, aber für das friedliche Zusammenleben bringt es nichts.“

Chefredakteur Salih Alturner: „...die Motivation der türkischen Gesellschaft fördern.“ Foto: Stadt Regensburg/ Peter ferstl

Chefredakteur Salih Altuner: „…die Motivation der türkischen Gesellschaft fördern.“ Foto: Stadt Regensburg/ Peter Ferstl

Gemäß diesem Credo gibt es denn auch regelmäßig – ausschließlich in deutscher Sprache verfasste – Gastbeiträge prominenter Persönlichkeiten in Regensburg Haber. Der Regensburger OB Wolbergs schreibt über die Integrationsbemühungen der Stadt Regensburg, Landrätin Tanja Schweiger anlog über Selbiges im Landkreis. Der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung Martin Neumeyer berichtet von den Wohltaten ebenjener Staatsregierung. Bischof Rudolf Voderholzer schreibt über die Segnungen der katholischen Kirche. Aber auch Abgeordnete, Vertreter von Polizei und lokaler Wirtschaft kommen zu Wort, um ihre Arbeit ins rechte Licht zu rücken. Der Redaktionsleiter des Regensburger Wochenblatts, Dr. Christian Eckl, hat eine eigene Kolumne. Und auch der Herausgeber der Mittelbayerischen Zeitung, Peter Esser, bedachte Regensburg Haber schon mit einem Gastbeitrag. Jeder, der Namen und vor allem Rang hat, darf eben mal oder mehrfach ran.

Kaum Überschneidung zwischen deutschen und türkischen Texten

Zur Präsidentschaftswahl: eine Seite für Erdoğan in Regensburg Haber.

Zur Präsidentschaftswahl: eine Seite für Erdoğan in Regensburg Haber.

Daneben gibt es dann die größtenteils von der Redaktion verfassten türkischssprachigen Beiträge zu anderen Themen aus Regensburg, gelegentlich aber auch zur Türkei. Recep Tayyip Erdoğan widmete Regensburg Haber anlässlich von dessen Wahl zum Staatspräsidenten 2014 eine ganze Seite mit großem Foto und Gratulation. Auch Erdoğans Besuch in Deutschland im Mai 2015 wird auf der Internetseite von Regensburg Haber bejubelt.

Eine Übersetzung der einzelnen Artikel in die jeweils andere Sprache findet eher selten statt. Es gibt Texte für türkischsprachige Leser und welche für deutschsprachige – meist ohne Überschneidungen. Sowohl für die Zeitschrift, wie die Internetseite und den Facebook-Auftritt von Regensburg Haber gilt: Jedem das Seine. Und so dürften insbesondere die deutschen Muttersprachler – auch jene prominenten Gastautoren, die dort ihre Botschaften verbreiten können – nur in Ausnahmefällen wissen, was da in seiner Gesamtheit von Regensburg Haber veröffentlicht wird.

„Ein Wolf im Schafspelz“

Der Internationale Kultur- und Soldaritätsverein (IKS) Regensburg hat nun einige Texte auf Facebook unter die Lupe genommen und übersetzt und erhebt jetzt heftige Vorwürfe gegen das „erfolgreiche Integrationsprojekt“. Dieses sei „ein Wolf im Schafspelz“.

„Auf Facebook schreibt Regensburg Haber oft auf türkisch rassistische und hetzerische Artikel und Kommentare“, heißt es in einer aktuellen Presseerklärung des IKS. Regensburg Haber betreibe „gezielt eine menschenverachtende Facebookseite, die sich nicht mit Völkerverständigung vereinbaren lässt und nichts mit Presse- und Meinungsfreiheit zu tun hat“. Man habe die Seite und ihre affirmativ-nationalistische Haltung zur türkischen Regierung schon länger verfolgt, sagt uns der IKS-Vorsitzende Necati Güler am Telefon. „Aber jetzt reicht es.“

Vorwürfe gegen IKS, HDP, Alevitische Jugend

Anlass dafür, dass Güler der Kragen geplatzt ist, sind insbesondere zwei Texte, die Regensburg Haber auf seiner Facebookseite veröffentlicht hat. In einem bezichtigt die Redaktion den IKS, sich als „PKK-Lobbyist“ zu betätigen. Ähnliche Vorwürfe werden gegen die HDP erhoben, eine Partei, die für die Rechte von Minderheiten, insbesondere der kurdischen, in der Türkei eintritt und die kürzlich mit etwas mehr als 13 Prozent ins türkische Parlament gewählt wurde. Aber auch die Alevitische Jugend, immerhin Mitglied beim Stadtjugendring, wird von Regensburg Haber in diesem Zusammenhang genannt.

Die Nachrichtenseite setze Vermutungen und Behauptungen in den Raum, um Menschen aufzuhetzen, schreibt der IKS dazu. Man habe „niemals Türk_innen oder die Türkei beleidigt und betreibt auch keine Lobbyarbeit“. „Wir setzen uns für ein friedliches Zusammenleben von Völkern ohne Unterdrückung ein – nicht nur in der Türkei, sondern auf ganzen Welt“, sagt Güler.

Auch Ex-Stadtrat im Visier

In einem weiteren Beitrag gerät aber auch eine Einzelperson ins Visier von Regensburg Haber: der Regensburger Geschäftsmann und frühere CSU-Stadtrat Haritun Sarik.

Sarik, von dem vielfach angenommen wird, er sei Türke, hatte anlässlich des Gedenktages zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren der Mittelbayerischen Zeitung am 30. April ein Interview gegeben und sich dabei als Armenier und Christ „geoutet“. Er fordert vom türkischen Staat, diesen Völkermord auch als solchen anzuerkennen. Auf einem Foto ist er bei einer entsprechenden Demonstration vor dem Brandenburger Tor zu sehen.

„Angeblicher Völkermord“ an den Armeniern

Regensburg Haber nahm den MZ-Artikel zum Anlass, Sarik in einem längeren Text auf Facebook zu attackieren. Ohnehin ist auf der Seite von Regensburg Haber immer wieder – ganz gemäß der Staatsdoktrin von Präsident Erdoğan – vom „angeblichen Völkermord“ an den Armeniern die Rede. Sarik persönlich wird denn auch eine „größtmögliche Ausnutzung von Gefühlen“ und ein „nicht endender Hass“ unterstellt, weil er der MZ seine Familiengeschichte schildert. Er schaffe mit seinen Aussagen zum Völkermord an den Armeniern „auf vorsätzliche Art und Weise ein negatives Image der Türken“. Denen gehe es ähnlich wie den Juden. Diese seien früher als die Quelle alles Bösen hingestellt worden, „jetzt sind es die Türken“, wird resümiert.

„Größtmögliche Ausnutzung von Gefühlen“: Regensburg Haber über Haritun Sarik. Screenshot: Facebook

„Größtmögliche Ausnutzung von Gefühlen“: Regensburg Haber über Haritun Sarik. Screenshot: Facebook

Wird das dem formulierten Anspruch von Regensburg Haber gerecht, „Dialog und Zusammenleben“ zu fördern? Die Kommentare auf Facebook zeichnen ein anderes Bild. Unter anderem wird dazu aufgerufen, Sariks Geschäft zu boykottieren. Er sei undankbar, verbreite Propaganda und Lügen.

Sprengstoff für den Integrationsbeirat

Die Redaktion von Regensburg Haber hat auf eine Anfrage von Regensburg Digital bislang nicht reagiert.

Ganz ohne weiteres werden sich die Vorwürfe des IKS, der sich mit Sarik solidarisch erklärt, aber nicht vom Tisch wischen lassen. Zum einen hat der Verein Parteien und politische Gruppierungen in Regensburg aufgefordert, „Position zu beziehen“. Zum anderen sitzt neben Regensburg Haber-Chefredakteur Salih Altuner auch ein Mitglied des IKS im Integrationsbeirat der Stadt Regensburg. Insofern wird spätestens dort ein Diskussion über „das stolze Ergebnis erfolgreicher Integration“ stattfinden.

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Kommentare (16)

  • Heinz

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    Gut gemacht. Sowas ist untragbar und auch noch unter dem Deckmantel der sog. Integration.

  • Naomi

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    Es wird Zeit das OB Wolbergs zu diesen Vorgängen Stellung nimmt.

  • Roland Hornung

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    Danke für den guten Artikel!

    Wir erklären uns – ebenso wie der IKS (den ich sehr schätze) – ebenfalls mit unserem Ehrenmitglied Haritun Sarik solidarisch.

  • Ronald McDonald

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    Und warum hat Stefan Aigner im Alturnerschen Kittel-Imitationsblättchen keine eigene Spalte, wie z. B. Herr Doktor Chr. E. vom wochenblättlichen BILDungsträger für unsere weltoffene Stadt?
    Mangelndes Verständnis für die Kulturwelt unserer türkischen Mitbürger?
    Falsche Sicht der – damals – von Deutschland (wer sonst soll’s denn gewesen sein) geduldeten unschönen Vorgänge beim und im Achsenpartner Türkei?
    Keine Sympathie für den großen türkischen Staatsmann Erdoğan, der vieles deutlich für seinen Staat und sein Volk ausspricht, was seine deutschen Entsprechungen schon längst noch nicht einmal mehr zu denken wagen?
    Oder hat sich hier schlicht pressekollegialer Neid artikuliert?
    Chefredakteur, laß‘ lesen!

  • OB Wolbergs: „Wir nehmen die Vorwürfe durchaus ernst“ » Regensburg Digital

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    […] Wie berichtet, fuhr die deutsch-türkische Zeitschrift, die vielen als Erfolgsprojekt in Sachen Inte… Der hatte sich in einem Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung zu seiner armenischen Herkunft bekannt und eine Anerkennung des Völkermords 1915 an den Armeniern durch die türkische Regierung gefordert. […]

  • Franz Mahler

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    betr. Ronald McDonald, 7. August 2015 um 11:50 | #

    Im Gegensatz zu vielen anderen aufgeklärten und fortschrittlichen Bürgern hegt Ronald McD. offenkundig eine gewisse Sympathie für den „großen türkischen Staatsmann Erdoğan, der vieles deutlich für seinen Staat und sein Volk ausspricht, was seine deutschen Entsprechungen schon längst noch nicht einmal mehr zu denken wagen“.

    Äh, hm, was wäre das denn zum Beispiel? Die Errichtung eines korrupten Ein-Parteien-Staates? Die mediale Gleichschaltung? Das Niederknüppeln unliebsamer Demonstranten? Letzteres macht die DEUTSCHE Polizei in unserem DEUTSCHEN Rechtsstaat zwar auch hin und wieder, aber noch lange nicht so „professionell“ wie in der Türkei. Manche sagen auch, dass sich die Medien bei uns schon längst selbst gleichgeschaltet hätten.

    Oder meint Ronald etwa das rückwärts gerichtete Frauenbild dieses „großen türkischen Staatsmannes? Warum fällt mir jetzt das Wort Neandertaler ein?

    Frauen und Männer sind nämlich nach Ansicht des türkischen Präsidenten Erdogan nicht für die gleiche Art von Arbeit geeignet. „Sie können eine Frau nicht in die gleiche Position wie einen Mann bringen. Das widerspricht der Natur.“ … Die Priorität der Frau solle die „Mutterschaft“ sein, das entspreche der richtigen islamischen Lebensweise. (Quelle: BZ)

    Bei uns gehören solche biologistischen und sozialdarwinistischen Vorstellungen auch noch nicht so lange der Vergangenheit an. In den 50er Jahren konnte der WESTDEUTSCHE Mann z. B. darüber entscheiden, ob seine Frau außer Haus arbeiten durfte oder nicht. Vermutlich möchten das einige Konservative, Nationalisten und Rechtspopulisten wieder in ganz DEUTSCHLAND einführen.

  • Augustus Johannes

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    Wie können Sie Herr Altuner, einen Mann wie Herrn Sarik – in so einer Art und Weise schlecht stellen!?

    Sarik war über ca. 13 Jahre für die Stadt Regensburg als Stadtrat tätig. Vor allem für Integration als einer der ersten Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

    Dazu war er regelrecht an erfolgreichen Integrationen vieler türkischer Mitbürger beteiligt, denen er Arbeitsplätze, sowie eine Chance sich reibunglos integrieren zu können, geschaffen hat.

    Von einem Mitbürger wie Herr Sarik, dessen Laden „Sarik Feinkost“ längst eine Institution und eine Bereicherung für Regensburg ist, kann man sich gern eine Scheibe abschneiden.

    Auch komunalpolitischen Fragen stand Herr Sarik mit der CSU Fraktion sicherlich auf einer Ebene.

  • Murat D.

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    „erfolgreiches Integrationsprojekt“???

    Regensburg Haber? Altuner?

    Nein! Also mit so einer provokanten Ideologie hat dieser Mann nichts beim Integrationsbeirat verloren!

  • Ziander

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    Eine bunte ,multikulturelle Bereicherung ist das,genauso wie die Döner-Buden an jeder Ecke!

  • mal schauen

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    Zu Franz Mahler: „In den 50er Jahren konnte der WESTDEUTSCHE Mann z. B. darüber entscheiden, ob seine Frau außer Haus arbeiten durfte oder nicht. Vermutlich möchten das einige Konservative, Nationalisten und Rechtspopulisten wieder in ganz DEUTSCHLAND einführen.“

    Oje, die 50er Jahre sind seit vielen Jahrzehnten vorbei. Dein seltsamer Mist „der WESTDEUTSCHE Mann“ lässt schon einiges auf deine extremistische linke Einstellung schließen.
    Wenn Konservative schon zu deinem Feindbild gehören, dann stimmt mit dir was nicht. Dann bist du ein Extremist einer anderen ekelhaften Seite!!
    Ich HASSE Extremisten, egal, aus welcher Richtung!

    Nun gut:
    Erdogan ist auf jeden Fall der letzte Dreck, da stimme ich zu. Kurden bombardieren, die sich verzweifelt gegen den irren IS wehren. Geht nicht. Dir Kurden sollten endlich ihr eigenes Land haben.

    Murat D.
    bitte ausführen, warum „dieser Mann nichts beim Integrationsbeirat verloren“ hat? Würde mich interessieren.

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