Enttäuschend: 1984 am Jungen Theater Regensburg

Es lebe der große Bruder

1984 - ein Albtraum: nicht nur für Winston Smith (Felix Steinhardt), sondern auch für die Zuschauer. Fotos: Jochen Quast

1984 – ein Albtraum: nicht nur für Winston Smith (Felix Steinhardt), sondern auch für die Zuschauer. Fotos: Jochen Quast

Die Inszenierung von 1984 am Theater Regensburg ist eine ärgerliche Qual.

Es gibt kaum einen Stoff, der gesellschaftspolitisch aktueller wäre als 1984, geschrieben von einem, der gesehen hatte, wie Macht und Herrschaft der Briten in Indien funktionierten: George Orwell. Denn die Gesellschaftsdystopie aus Zwang, Kontrolle, Brainwashing und Isolation, die Orwell kurz vor seinem Tod in 1950 mit angstvollem Schrecken beschreibt, ist uns in 2015 kaum noch ein müdes Lächeln wert.

Ein Stoff, der ans Theater gehört

Anlasslose Vollüberwachung aller Bürger und Bürgerinnen? Wir nennen es Vorratsdatenspeicherung – und die wird interessanterweise immer dann wieder aufs politische Tapet gehoben, wenn irgendwo irgendwer wieder irgendwas verbricht. Und was ist mit Fernsehern – Orwell nannte sie Televisoren – die einen nicht nur beschallen, sondern auch überwachen können? Hat Samsung gerade auf den Markt gebracht. Oder Maschinen, die für uns entscheiden, was wir sehen und welche Informationen wir bekommen? Laptophersteller Lenovo liefert seine Geräte mit einer vorinstallierten Software namens „Superfish“ aus, die Suchergebnisse und Werbeeinblendungen ändert und die gleichzeitig dafür sorgt, dass man von außen jegliche Onlinekommunikation mitschneiden kann. Wovor Orwell damals mahnte, ist längst eingetreten. 1984 war vielleicht nicht als Betriebsanleitung gedacht, ist aber offenbar so verstanden worden. Es lebe der große Bruder.

Von daher ist es mutig und entspricht genau dem gesellschaftlichen Auftrag von Theater, eine Dramatisierung des Romans ins neueröffnete Junge Theater des Theaters Regensburg aufzunehmen. Grade für die jungen Digital Natives, die zu Privatsphäre und Datenschutz oft ein ganz anderes Verhältnis haben als diejenigen, die ohne soziale Netzwerke, dauernde Erreichbarkeit und die öffentliche Nachaußenkehrung des Privaten aufgewachsen sind, kann eine Beschäftigung mit ebenjenen Themen eine interessante Reflektion des eigenen Verhaltens im Überwachungsstaat sein.

Eine Lesart, die banaler nicht sein könnte

Kann. Oder könnte. Denn diese Inszenierung ist mitnichten dafür geeignet, irgendwas hervorzurufen. Stattdessen muss man sich zwei Stunden (mit Pause!) durch einen Stoff quälen, dessen Aktualität die Regisseurin Eva Veiders offenbar derart überforderte, dass sie sich auf eine Lesart konzentriert hat, die banaler nicht sein könnte. Die (in der Inszenierung im Übrigen völlig überflüssigen) Kinder tragen brave blaue FDJ-Hemden, auch die Uniformen der erwachsenen Figuren drängen einem durch den Farbton den DDR-Hintergrund auf. Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, den das jugendliche Zielpublikum bestenfalls aus Geschichtsbüchern kennt, und dass die Problematik, die Orwell verhandelt, auch in unserem demokratischen Gesellschaftssystem vorhanden ist – und zwar dergestalt, dass dieser Umstand in der öffentlichen Debatte kaum zur Kritik kommt – wird hier geflissentlich ignoriert. Wie auch sonst grundlegende Aspekte des Theaterhandwerks.

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Da tragen die Kinderdarsteller Popcorn in Papiertüten ins Publikum, und kurz danach haben Winston (Felix Steinhardt, der sich tapfer durch den Quark spielt) und seine Geliebte Julia (Franziska Plüschke) das erste Rendezvous unter Bäumen. In einem eigentlich intimen, unüberwachten Moment der tatsächlichen menschlichen Begegnung sagt sie: „Da, hörst du den Vogel singen?“ Woraufhin man lachen möchte, weil alles was man hört, das penetrante Rascheln des popcornessenden Publikums ist.

Die Ankunft im Folterkeller ist fast eine Freude

Ansonsten ist die Einfallslosigkeit, wie man mit den oft sperrigen Texten dieses nicht unbedingt als Handlungsdrama ausgelegten Stückes umzugehen hat, in jeder Szene greifbar. Das Licht geht aus, die Darsteller trampeln wie angewiesen von Punkt A nach Punkt B, dann geht das Licht wieder an und die verschwurbelten Sätze einer Romandramatisierung, die immer auch ein Risiko des Erzählens statt des Handelns auf der Bühne birgt, werden runtergeleiert. Dann geht das Licht wieder aus, neue Szene. Und das zwei Stunden lang.

Da freut man sich fast auf den Moment, als Winston endlich, nach einer langen Odyssee runtergeleierter Sätze, im Folterkeller bei O’Brian ankommt – und zwar nicht nur, weil Benno Schulz einer der wenigen Lichtblicke der Inszenierung ist: Endlich passiert mal was! Die Folter ist dann aber mehr auf Zuschauerseite zu finden. Licht an, drei Sätze, Licht aus. Man ist geneigt, mit Winston im Folterkeller zu tauschen – es ist zu diesem Zeitpunkt ja fast alles besser als diese blutleere, die Zuschauer völlig unterfordernde Inszenierung.

 Abarbeiten am geschichtlich bequemen Unrechtsstaat

Irgendwann ist es dann glücklicherweise zu Ende. Wobei der eigentliche Kracher ja noch kommt. Nicht nur, dass man das Stück aus allen aktuellen und realpolitischen Zusammenhängen gerissen hat um sich lieber an einem vergangenen und damit geschichtlich bequemen Unrechtsstaat abzuarbeiten; die Inszenierung ist auch noch eingebettet in einen völlig schwachsinnigen Vorspann („Liebe Kinder, ihr dürft hier weder essen noch trinken, aber postet das Ganze ruhig auf Facebook“), und einen Epilog, der die vorher gesehene Handlung in den Kontext einer Gameshow zerrt. Das drängt einem zwar Assoziationen der „Hunger Games“-Filmreihe auf, aber auch die Frage, warum man die Handlung dringend mit anderen, aktuelleren Dystopien aufplustern muss.

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Die Einbettung in eine Rahmenhandlung mit einem gewollt flapsigen Moderator zeigt, wie wenig hier dem eigentlichen Stoff vertraut worden ist. Nur, weil man davon ausgehen kann, dass die Kids im Zuschauerraum eher Katniss Everdeen als Winston Smith kennen, heißt das nicht, dass Orwells Geschichte alleine nicht tragen würde. Sie trägt. Heute mehr denn je. Man hätte sich halt auf das Thema einlassen müssen, eine furchtlose und genau hinsehende Inszenierung wagen können und Dinge, die verschüchtert am Rande anklingen, fett und breit in die Mitte stellen sollen.

Frustrierend und enttäuschend

Denn wir sind durch unser Verhalten durchaus nicht unschuldig daran, dass wir so leicht überwachbar sind. Unser Privatleben findet heutzutage online statt. Wir kontrollieren schon längst nicht mehr die Technologie, die wir täglich bedienen und der wir unser Innerstes anvertrauen. Wir verändern uns, als Gesellschaft, in unseren Beziehungen und auch individuell. Privatsphäre und Freiheit sind kein inhärenten Werte mehr, denen wir uns unverhandelbar verpflichtet fühlen. Sie sind zu konditionalen Gütern im Kuhhandel mit der eigenen Bevölkerung geworden. Kriege, Terror und Bedrohungen lassen uns unsere Freiheit stückchenweise ebenso aufgeben wie unser generelles Unwissen über das, was wir on- und offline über uns preisgeben und wie wir damit umgehen, in einer Welt ohne wirkliche Privatheit zu leben.

Das wäre es doch eigentlich mal wert, auf dem Theater verhandelt zu werden, oder? Es ist deshalb unendlich schade, frustrierend und enttäuschend zu sehen, was den Regensburgern stattdessen vorgesetzt wird. Mit einem feigen Theater machen wir keine Revolution. Es lebe der große Bruder.

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Kommentare (11)

  • Abonnent

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    Überzeugende Kritik, Fr. Auberger!

  • Felix

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    Eine derartige Kritik klingt für mich nach einer „leicht“ frustrierten Persönlichkeit, die hier mal richtig die Luft raus lassen kann ;)

  • Abonnent

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    RD greift keine Persönlichkeit an, sondern argumentiert sachlich scharf und konstruktiv: „Das wäre es doch eigentlich mal wert, im Theater verhandelt zu werden, oder?“
    Sowas löst leider weniger Resonanz aus als die kleine RD-Satire zum Haus der Musik (bisher 31 Kommentare).
    Mit „Revolution“ allerdings schießt RD über das Sachthema hinaus; denn feiges Theater dient nicht einmal der Bewahrung alter Freiheitsrechte des Einzelnen, wo dieses Kennzeichen unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung gefährdet ist.

  • Christian Muggenthaler

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    Liebe Frau Auberger. Ich arbeite seit vielen Jahren als Theaterrezensent. Bisweilen bin ich durchaus nicht einer Meinung mit den Deutungen von Kollegen. Noch nie aber habe ich erlebt, dass mit einer solchen Gehässigkeit gearbeitet wird. Es ist grundsätzlich ganz schlechter Stil zu behaupten, Deutungshoheit über einen theatralen Stoff zu besitzen. Darüber hinaus auch noch den Verantwortlichen für die kritisierte Produktion, so sie nicht konveniert, gleich grundsätzlich die Fähigkeit zu „grundlegenden Aspekten des Theaterhandwerks“ abzusprechen, ist so daneben, dass ich mich ernsthaft frage, wer oder was Sie zu einer solchen Äußerung überhaupt qualifiziert?

  • Felix

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    Danke Christian!
    Du hast es sicher noch in viel bessere Worte fassen können!
    Das ist wirklich reinste Gehässigkeit…das ist sehr deutlich spürbar…..

  • Magda

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    Lieber Herr Muggenthaler. Ich schätze Ihre Kritiken sehr. Auch ihre Verrisse. Die im Übrigen, wenn man Ihre Standards an meine Arbeit anlegt, auch nach dem klingen, was Sie „gehässig“ nennen. Ich darf aus der Kritik zitieren, die Sie über den „Woyzeck“ am Theater Regensburg geschrieben haben:

    „Ansonsten ist Plötner nicht viel eingefallen. Und das, was ihr eingefallen ist, verfehlt jeglichen Zweck.“

    „Stattdessen geht es um ein selbstverliebtes, albern-verkrampftes Stückzertrümmerungswerk, das viel zerstört und nichts erklärt. Man muss sowas nämlich schon können, wenn man Traditionen umzupflügen trachtet.“

    „Lieblos werden Szene für Szene unverbunden mit draufgepappten Schrillbildern bis zur Unkenntlichkeit umstellt […]“

    „Pina Kühr ist eine Marie, die ihre Verzweiflung brav aufsagen muss“

    http://www.christian-muggenthaler.de/index.php?article_id=323

    Theaterkritiken sind subjektive Eindrücke von hinreichend informierten Theatergängern. Das müssen sie auch sein, denn eine objektive Berichterstattung über einen Theaterbesuch ist eine Nacherzählung. Das wissen Sie so gut wie ich. Mir hat der Woyzeck zum Beispiel gefallen, ich würde aber nicht darauf kommen, Ihnen die Validität Ihrer Beobachtungen abzusprechen.

    Da Sie die Premiere von 1984 auch nicht gesehen haben, müssen Sie wohl zu ihren eigenen Schlußfolgerungen in einer nachfolgendenen Vorstellungen gelangen, da Sie meinen nicht folgen. Und das ist wunderbar, eine streitbare Inszenierung ist immer besser als eine langweilige. Ich freue mich darauf, die von Ihnen wahrgenommenen Eindrücke zu lesen und mit Ihnen informierter weiterzudiskutieren.

  • Christian Muggenthaler

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    Kritik kann und darf auch herb sein. Insofern danke für das Rekapitulieren mancher meiner Behauptungen hinsichtlich der „Woyzeck“-Besprechung, wenngleich Sätze außerhalb ihres Argumentationzusammenhangs immer frieren wie der Sensenmann im Wind. Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich Regisseurin Katrin Plötner damals mit keinem Wort die Fähigkeit abgesprochen habe, gehaltvolle Theaterarbeit zu leisten. Eher im Gegenteil. Genau dies jedoch ist der zentrale Punkt. Ihr Vorwurf gegenüber der Inszenierung von „1984“ nämlich ist ein sehr persönlicher, in Worten ein ziemlich krasser Vorwurf der Feigheit und der Unfähigkeit der Regisseurin. Und das nenne ich gehässig.

  • max

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    Vielleicht sind Sie einfach zu alt, um mit dieser Inszenierung von 1984 etwas anfangen zu können! Ich fand es sehr interessant und auch die schauspielerischen Leistungen überzeugend…

  • abonnent

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    Muggenthalers Kritik „Man muss sowas nämlich schon können, wenn man Traditionen umzupflügen trachtet.“ war nicht weit entfernt von einem Unfähigkeitsvorwurf an die Regiseurin, sie könne Theatertraditionen eben nicht theatergerecht umpflügen.
    Muggenthalers Selbstbild hierzu , „dass ich Regisseurin Katrin Plötner damals mit keinem Wort die Fähigkeit abgesprochen habe, gehaltvolle Theaterarbeit zu leisten. Eher im Gegenteil.“ ist göttlich.
    Was hindert übrigens Muggenthaler, bei Missfallen nur eine Kurzkritik zu schreiben – etwa unflexible Seitenplanung des Chefredakteurs?

    Auch Auberger wahrte noch die Grenzen zu persönlichen Vorwürfen und blieb in ihrer Inszenierungskritik im Einzelnen nachvollziehbar. Doch korrigiere ich meine frühere Kommentierung: Aubergers Verriss war viel zu breit angelegt. Hätte Auberger sich etwa einige „grundlegende Aspekte des Theaterhandwerks“ verkniffen, wäre ihr eigentliches Anliegen deutlicher geblieben, nämlich die vertane Chance, „1984“ zu aktualisieren.

  • Christian Muggenthaler

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    Ja. Die Formulierung „Man muss sowas nämlich schon können…“ war echt daneben. Dafür erbitte ich Entschuldigung.

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