Gespräch über ein "Hustkonzert"

„Nur auf den Diesel zu gucken ist Unfug.“

Mit einem „Hustkonzert“ haben am Samstag rund 30 Aktivisten vor dem Alten Rathaus für saubere Luft demonstriert. Sie fordern eine Ausweitung der Umweltzone und Verbesserungen beim ÖPNV. Ein Gespräch mit Harald Klimenta, der die Aktion mit organisiert hat.

„We will rock you“ wurde am Samstag unter anderem vor dem Rathaus – gehustet.

Hallo Harry, ich hab von dir eine Presseeinladung zu einem Hustkonzert bekommen. Willst du jetzt Komiker werden?

Ja, vielleicht. Wenn die Autoindustrie mit „Vorsprung durch Technik“ wirbt und dies mit Betrugssoftware zu erreichen meint, dann ist Komik eine angemessene Antwort.

Aber der Hintergrund war doch die Feinstaubbelastung in Regensburg, das ist ernster. Ihr schreibt, allein in Regensburg hat das über hundert vorzeitige Todesfälle zur Folge. Ist ein Hustkonzert da angemessen?

Vielleicht machen wir auch noch einen Trauermarsch. Das Hustkonzert war einfach eine Idee, die vielen gefiel. Eine Aktion, die uns Spaß machte und gleichzeitig einen tödlichen Hintergrund hat. Ja, es ist so, dass an Feinstaub aus dem Straßenverkehr und Holzheizungen plus Stickoxide plus Ozonbelastung allein in Regensburg rund 150 Menschen vorzeitig sterben, wahrscheinlich 200.

Wie kommst du auf diese Zahlen?

Zum Beispiel über die Europäischen Umweltagentur, die Zahlen hab ich dann mittels Dreisatz auf die Regensburger Bevölkerung runtergerechnet. Das ist dann ein Durchschnittswert – und weil die Luft in Regensburg schlechter ist als etwa im Allgäu, sind 150 Tote eher zu niedrig. Interessant ist auch die Studie von dem US-Institut Environmental Health Analytics (hier ein Fact-Sheet zu der Studie), die die durch die Betrugssoftware verursachten zusätzlichen Toten quantifizierten – in der EU 11.000. Man kann nicht beweisen, dass ein bestimmter Mensch durch Luftschadstoffe gestorben ist, aber statistisch sind die Toten leider vorhanden.

Hört man diese Zahlen, wirkt eure Aktion noch absurder.

Ziel der Aktion war es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und wir liefen sogar im BR. Ein Flugblatt mit ein paar Zahlen interessiert doch keinen. So erzeugten wir ein wenig Aufmerksamkeit für den Fakt, dass viel mehr Menschen durch Verkehrsemissionen sterben als durch Verkehrsunfälle. Der gesunde Erwachsene kann viel wegschnaufen, aber Säuglinge, über 80jährige oder Asthmatiker haben das Nachsehen. Ein Blick auf die Veränderung der Stickoxidbelastung in den vergangenen zehn Jahren in Regensburg zeigt: So gut wie keinerlei Verbesserung. Es interessiert halt keinen, weil keiner sich beschwert.

Also Aufmerksamkeit herrscht in dem Bereich zurzeit schon – schließlich entscheidet morgen das Bundesverwaltungsgericht über Diesel-Fahrverbote.

Ja, das war auch ein Aufhänger für die Aktion: Selbst höchste Gerichte befassen sich inzwischen mit den notwendigen Reaktionen auf die Luftverschmutzung, aber in Regensburg tut sich faktisch nichts.

Die Stadt hat doch gehandelt – sie hat eine Umweltzone eingerichtet.

Na ja. 1,8 Prozent des Stadtgebietes, Fußgängerzone und Gloria-Park. Ein Blick auf die Karte zeigt doch, was die Stadtverwaltung zu der Grenzziehung motivierte: Möglichst niemandem wehtun. Sonst wären Landshuter Straße, Arcaden oder DEZ auch dabei. Außerdem erfüllen inzwischen über 90 Prozent der Diesel Euro-Norm 5 oder 6. Im Jahr 2007 hätte das tatsächlich noch zu was geführt, aber jetzt: Weniger als Peanuts. Symoblismus. Ich glaube, das hatte eher damit zu tun, dass die Stadt die Brennstoffverordnung gekippt hat und jetzt irgendwie handeln musste, so wie das der Bund Naturschutz auf seiner Webseite unter „Warum die Umweltzone wirklich eingerichtet wurde“ erklärt.

Wieso fordert ihr dann eine Ausweitung der Umweltzone?

Gleichzeitig wollen wir, dass sich die Stadt für eine Einführung der blauen Plakette stark macht. Diese bekämen nur tatsächlich schadstoffarme Autos. Auch sehr viele Benziner sind Direkteinspritzer, die ohne Partikelfilter verkauft werden und Feinstaubschleudern sind – sie wären dann ebenfalls betroffen. Nur auf den Diesel zu gucken ist Unfug.

Harald Klimenta gehört zum wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland und ist unter anderem Autor des Buchs „Die Freihandelsfalle“. Foto: privat

War das eine einmalige Aktion, wie geht es weiter?

Am 17. März gibt es unsere nächste Aktion, diesmal eine Art Straßentheater. Es geht dann im Monatstakt weiter. Wir wollen in Regensburg als breites Bündnis bekannt werden, das die Verkehrswende und eine moderne Straßenbahn nicht nur theoretisch will – so kommt mir das beim Stadtrat vor. Außerdem wollen wir in Regensburg eine Stimmung erzeugen, dass diese Verkehrswende nicht nur notwendig ist, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität für die Menschen sein wird: Statt Autofixierung breit gefächerte Mobilitätsangebote für alle.

Wer ist „wir“?

Wir sind ein loses Bündnis aus Umwelt- und anderen Organisationen und aktiven Einzelbürgern. Bisher sind Aktive und manchmal auch die Vorsitzenden von 24 Ortsgruppen und Parteien dabei – von Bund Naturschutz, VCD, ADFC, Greenpeace, Büfa über Grüne, ÖDP und Linke bis zu Critical Maß, Transition Town oder Altstadtfreunden. Sorry an die, die ich jetzt gerade vergessen habe. Es sind vor allem auch viele Umlandbewohner dabei, die auf eine deutliche Verbesserung des ÖPNV angewiesen sind, wenn sie ihr Auto stehen lassen wollen. Wie unattraktiv der RVB in vielen Gegenden ist, kann man sich als Regensburger kaum vorstellen.

Ich habe den Eindruck, das Thema Verkehrspolitik hat dich jetzt so vereinnahmt wie ehemals Attac und der Freihandel?

Kreative Aktionen zu sperrigen Themen sind eine Herausforderung, der ich mich anscheinend gern stelle. Aber Aktionen zum Verkehr hab ich schon vor über 30 Jahren gemacht, als wir im Allgäu massenweise Holzkreuze am Straßenrand aufstellten um so die Verkehrstoten zu symbolisieren.

Na dann bin ich mal gespannt, was wir von euch noch zu hören und sehen bekommen. Vielen Dank für das Gespräch.

Gern geschehen.

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Kommentare (14)

  • Joachim Datko

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    Das Umweltbewusstsein ist tatsächlich unterentwickelt. Ich hatte einmal den RVV darauf aufmerksam gemacht, dass Busse unnütz eingesetzt wurden. Das interessierte dort nicht, da dafür von einem externen Kostenträger bezahlt wurde. Die Busse waren fast leer unterwegs.
    Siehe:
    http://www.monopole.de/allgemeines-50/unnoetige-busfahrten

  • joey

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    „Man kann nicht beweisen, dass ein bestimmter Mensch durch Luftschadstoffe gestorben ist, aber statistisch…“

    Es gibt Risikofaktoren, die man naturwissenschaftlich mit Tier- und Menschenversuchen unter kontrollierten Bedingungen quantifiziert. Aus diesen praktischen Versuchen werden medizinische Maximalwerte ermittelt. In Büros sind diese höher zulässig als an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung.
    Daß eben keine Kleinkinder und Pflegebedürftigen in Büros 24h verbringen, ist klar. Wenn aber Kleinkinder 24h direkt an der Landshuter Straße gehalten werden, stimmt etwas anderes nicht.

    Achtung Satireteil:
    Ja, macht endlich die Umweltzone in ganz Regensburg. Zeit wird’s, daß endlich mehr Leute da wegziehen. Bereits jetzt stapeln sich die Toten, grad wie in der Pest… Einkaufen auf der grünen Wiese ist gesünder!
    Und legt mir endlich eine Lorenbahn auf die Baustelle.

  • mkv

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    „Eine andere Mobilität ist möglich“

    Doch gegen die Autoindustrie und ihre mächtige Lobby in Parlament und Regierung ist eine Verkehrswende derzeit nicht durchsetzbar.
    Auch wenn feststeht: Der Ausstieg aus dem Autowahn ist aus Sicht der Menschen, der Natur und der Gesamtwirtschaft ein Win-win-Projekt. Es lohnt sich dafür zu kämpfen – und die Macht der Lobbyisten endlich zu brechen, wie nachfolgend ausführlich beschrieben.

    Eine umfassende Verkehrswende beruht auf 10 Elementen, wie hier nachzulesen ist
    https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2017/dezember/mobilitaet-ohne-auto

    Für Regensburg ist das 1×2 km große/kleine Altstadt-Zentrum fußläufig zu schaffen; ansonsten wird es insoweit emissionsfreie Taxis, auto-nome Selbstfahrer geben müssen … etwa moderne, emissionfreie, öffentliche „Jeepneys“ wie jene in Manila, die feste innerstädtische Routen haben und auf Anforderung überall halten, so dass auch Gesetze verändert werden müssen.

  • El

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    Ich reiche mal der Umwelt „one“ in den einleitenden Worten ein „z“ .

  • joey

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    @mkv
    selbstfahrende Taxis (ohne Lohnkosten) sind eine gute Perspektive, die etwa in 30 Jahren Realität sein könnte (da ist noch viel zu entwickeln…).

    Die Realität wird aber sein (wie bereits in London, Singapur etc): Mobilitätskapitalismus. Den Leuten wird Individualmobilität verboten, damit die Straßen frei für Bonzen und deren Tussis sind. Gesundheit als Ausrede.

    Viele möchtegrün Muttis schimpfen jetzt schon, wenn sie mit ihrem I3 im Stau stehen, wenn sie die Kinder immer persönlich in die Schule fahren. Zeit wird’s, daß die unteren Schichten lernen, wie man Moral und Ablaß kaufen kann!

  • Joachim Datko

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    Hans 12:45 „@Joachim: Das eigene Parteiprogramm zu der Thematik nicht gelesen?
    https://www.afd.de/energie-klima/

    Ich bin noch nie bei einer Partei Mitglied gewesen. Dazu bin ich nicht geeignet. Bei der AfD bin ich aktiver Sympathisant.

  • Da´Jochen

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    „Nur auf den Diesel zu gucken ist Unfug.“
    Richtig! Vollkommener Unfug!

    Alle Verbrennungsmotoren aus der Stadt verbannen. Sofort, und ohne Ausnahmen wie, Paketdienste, Polizei, Rettungswagen, Müllabfuhr, Feuerwehr, Lebensmitteltransporte,Kleinst Schulbusse,Besorgte Muttis die ihre fetten Schreihälse bis vor die Kita/Schule kutschieren müssen.
    Einfach mehr ESEL einsetzen. Scheißt zwar alles voll, lässt sich aber zu 1a Tomatendünger verwenden und später zu Salami ;-)
    Und die E-Kutschen braucht auch keiner. Der Batteriewahnsinn ist ohnehin Gift genug für die Umwelt!
    Brennstoffzellen,Kernfusion etc….auch Unfug! Fossile Brennstoffe reichen doch noch für 50 Jahre…
    Alles andere ist gezielte Desinformation und Lügenpresse. Die armen Dieselfahrer tun mir leid. Haben auf „deutsche Wertarbeit gesetzt“ und dürfen nun mal wieder mit Steuern für die Kfz-gesteuerten Atom-Politbonzen bluten.
    Heute der Diesel, morgen der Benziner.
    Ich schau mir an wie einige Deutschland ruinieren.
    Hier ist alles besser. Alles ;-)
    (nur Arbeiten muss man halt. Wer rumfault kriegt goar nix! Soziale Gerechtigkeit eben)
    Grüße aus Hungary!

  • Hans

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    Joachim Datko:
    > Hans 12:45 „@Joachim: Das eigene Parteiprogramm zu der Thematik nicht gelesen?
    > https://www.afd.de/energie-klima/“
    > Ich bin noch nie bei einer Partei Mitglied gewesen. Dazu bin ich nicht geeignet. Bei der
    > AfD bin ich aktiver Sympathisant.

    Womit sich ja jegliche Sympathien allerspätestens nach pseudowissenschaftlichen Bogusbetrachtungen des Klimaproblems erledigen müssten.

  • Robert

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    Ich will aber mit meinem SUV in einer Stadt in der man überall in 20 Minuten zu Fuß ist rumkurven!

  • Barnie Geröllheimer

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    Zweitakt-Roller, der macht kein NOx und einen schönen Duft. Verbraucht nur 3l und knattert dafür auch noch super.
    Das Beste: Der darf einfahren!

  • Tobias

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    Die Feinstaub“belastungen“ werden auch garantiert nicht besser, wenn man weiter Bäume abholzt oder Luftschneisen zubaut (Stobäusplatz). Die wenigen Luftschneisen in unserer verwinkelten Innenstadt werden gleich mit Ausflugsschiff-Dieselabgasen zugedröhnt.

    Aber sind wir ganz ehrlich: Feinstaubbelastung in der Stadt, das ist doch eher lächerlich. Die Messstation befindet sich ja vor der Wohn- und Geschäftsscheibe* in der D-Martin-Luther-Straße, so viel ich weiß, früher mal beim Kolpinghaus.
    Wer, außer Ärzte, oder ein Archiv, befindet sich denn an dieser Stelle? Größtenteils Leute, die sowieso nur kurzfristig verweilen. Die Anwohner in der direkten Innenstadt haben wohl andere Sorgen, wie etwa Lärmbelästigung durch Feiernde als irgendwelche sich hoch- und herunterkorrigierenden Umweltbelastungen, die bisher keine Sau gejuckt haben.

    Als ich 1993 oder 1994 in Dresden eingefahren bin (vom Ländlichen) fiel mir sofort dieser eklige Geruch von Zweitaktern auf. Diesen Geruch habe ich heute noch in der Nase. Aber reihenweise verreckt ist da niemand. Nun haben wir nun eine nicht von der Hand zu weisende Verbesserung, was dies angeht, und gleichzeitig sollen wir nun Diesel verbieten? Häh? Ich habe dann von 1994 bis 2007 in der Donaustauferstraße in Schwabelweis gewohnt – Hauptstraße. Das war easy peasy. Klar, Feinstaub riecht oder sieht man nicht, aber gleichzeitig lassen wir uns von Handystrahlen und E-Stoffen, Glyphosat und Kunststoffen vergiften. Sorry, aber der ganze Kack um Feinstaub ist übertrieben.

    Ich hatte eine andere, aber im Kern ähnliche Diskussion mit einer Arbeitskollegin zum Atomausstieg: Es sei ja so tol!! Die ganze Endlagerung! Ja, nun braucht man halt Stromtrassen und jede Menge Batterien, um die natürlichen Energien zu speichern. „Egal, alles besser als Kohle und Uran!“. Im Zweifel werden wir von den Nachbarn mit Fallout überzogen, aber man konnte sich ja vorher noch ein bisschen besser fühlen.

    * So nennt man hohe, aber schmale Gebäude; Gegenstück dazu ist das Punkthochhaus.

  • Altstadtfreund

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    Mehr Todesopfer in Regensburg durch tückisch verschmutzte Luft als durch Verkehrsunfälle. Dazu kommen viele Leidensjahre an vermeidbaren Krankheiten. Zur Koordinierung von Gegenmaßnahmen wären die Kosten einer Fachstelle im Gesundheitsamt sicher vertretbar.

    Bedauerlich ist, dass die Nutzen-Kosten-Schätzung für ein Tram- oder Schnellbussystem bei jährlichen Zusatzkosten von 6-8 Millionen Euro nur einen winzigen Nutzen (etwa 1% der Kosten) durch Reduktion der Schadstoffemissionen errechnet hat (der Gesamtnutzen allerdings sei beim Schnellbussystem weit höher als die Kosten https://www.regensburg.de/fm/121/oepnv-kurzbericht-ergebnis-nutze-kosten-untersuchung-systemempfehlung.pdf Kapitel 5 Abschnitt 5). Das würde ich gerne nachrechnen, wenn die Verwaltung mehr über die (teils bereits erkennbar schräge) Schätzung veröffentlicht.

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