SOZIALES SCHAUFENSTER

Kommentar

Schlossfestspiele mit Anna Netrebko: Zwischen Kunst und Bekenntnis

Die Bayerische Staatsoper hat ihr Engagement wegen „fehlender ausreichender Distanzierung“ vom Angriffskrieg Russlands annulliert, alle übrigen Auftritte hat die österreichisch-russische Opernsängerin Anna Netrebko daraufhin erst einmal abgesagt. Ihr Engagement bei den fürstlichen Schlossfestspielen allerdings steht. Ist das in Ordnung?

Anna Netrebko bei der Verleihung des Titels Volkskünstlerin Russlands (2008). Foto: Wikimedia Commons

Man könnte es als die Beibehaltung einer gewissen Tradition betrachten. Die jährlichen Festspiele im Hof des fürstlichen Schloss St. Emmeram waren immer für das eine oder andere Skandälchen gut. Seien es Auftritte und Äußerungen von Hausherrin Gloria von Thurn & Taxis. Sei es ihre Gäste-Auswahl – man denke nur an den 2012 geladenen ungarischen Autokraten Victor Orban. Oder sei es das Line-up auf der Bühne – die (stattgefundenen und geplanten) Auftritte des Verschwörungsbarden Xavier Naidoo.

Insofern erscheint es nur konsequent, wenn Veranstalter Ludwig Söll am gestrigen Dienstag gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung verkündet, dass dem Gastspiel der russisch-österreichischen Opernsängerin Anna Netrebko bei den diesjährigen Schlossfestspielen am 22. Juli nichts im Wege stehe. Das habe ihm die Agentur der 50-Jährigen noch am selben Tag versichert. Ungeachtet der Tatsache, dass die Künstlerin all ihre anderen Auftritte fürs erste abgesagt hat. Und ungeachtet der Tatsache, dass zuvor schon die Bayerische Staatsoper das Engagement von Netrebko annulliert hatte – und die Opernsängerin damit wohl nur weiteren ähnlichen Reaktionen zuvorkam. Hintergrund sei, so hieß es in der entsprechenden Pressemitteilung der Staatsoper, eine „fehlende ausreichende Distanzierung“ Netrebkos vom Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Damit teilt Netrebko das Schicksal von Stardirigent Valery Gergiev, den nicht nur München wegen seines Schweigens zu Putin und dem Krieg den Stuhl vor die Tür stellte. Ist ein Festhalten am Engagement Netrebkos in Regensburg damit nur der übliche (kalkulierte) Skandal, der zu den fürstlichen Schlossfestspielen irgendwie dazu gehört?

Ganz so einfach ist es wahrscheinlich nicht. Man kann es auch durchaus mit einem gewissen Bauchgrimmen betrachten, was derzeit passiert. Bis zum 24. Februar, dem russischen Angriff auf die Ukraine, war es – zumindest, was die Mehrheitsmeinung betrifft – völlig in Ordnung, sich als Fußballverein von einem russischen Staatskonzern finanzieren zu lassen. Und es war ebenso völlig in Ordnung, als Künstler eine besondere Nähe zu Wladimir Putin zu pflegen oder sogar für dessen politische Ziele zu werben.

Dabei hätte man schon lange Konsequenzen daraus ziehen können, dass Stars wie Valery Gergiev oder Anna Netrebko einem Staatschef etwas Glamour und damit Legitimität verleihen, der Oppositionelle unterdrückt, homophobe Gesetze erlässt, Medien verbietet und Kritiker vergiften lässt.

Aber offenbar stellte man sich bis vor kurzem auf den Standpunkt, dass für den Sport und für Künstler andere Gesetze gelten, eine gewisse Narrenfreiheit eben, die bis vor kurzem auch für Gaslobbyist und Altbundeskanzler Gerhard Schröder, „Putins Laufburschen“ (Alexej Nawalny), gegolten zu haben scheint, der sich sowohl vom russischen wie auch vom deutschen Staat aushalten ließ und lässt. Vielleicht fand man Putin bis zu diesem Zeitpunkt auch selbst einfach nicht so schlimm.

Man kann auch die Frage stellen, ob es sich nicht um eine hypermoralische Überreaktion handelt. Aus schlechtem Gewissen, weil es einem doch zuvor egal war, dass die Opernsängerin als prominente Unterstützerin Putins bekannt war („Es gibt keine Alternative.“). Und weil es ebenfalls egal war, zumindest hinsichtlich ihrer Engagements, dass Netrebko 2014 zusammen mit einem Separatistenführer nebst entsprechender Flagge in der Ostukraine posierte. Noch vergangenes Jahr feierte sie ihren 50. Geburtstag im Kreml.

Demgegenüber wirken ihre aktuellen Äußerungen und Reaktionen ehrlich, verzweifelt und irgendwie hilflos.

„Ich habe bereits gesagt, dass ich gegen diesen sinnlosen Krieg bin“, schrieb die Sängerin zunächst auf Instagram. „Ich fordere Russland auf, diesen Krieg jetzt zu beenden, um uns alle zu retten! Wir brauchen Frieden!“ Später verschwand dieses Posting.

Auf ihrer Facebook-Seite heißt es seit gestern (Übersetzung aus dem Englischen):

„Ich bin eine Russin und liebe mein Land, aber ich habe viele Freunde in der Ukraine, und der Schmerz und das Leid brechen mir das Herz. Ich möchte, dass dieser Krieg aufhört und die Menschen in Frieden leben können. Das erhoffe ich mir und dafür bete ich.“

Natürlich klingt es angesichts der offenkundig politischen Auftritte Netrebkos in der Vergangenheit etwas heuchlerisch, wenn die Diva (übersetzt aus dem Englischen) zudem erklärt, dass sie „keine politische Person“ sei und „keine politische Expertin“. Ihre künstlerische Unabhängigkeit hätte sie schon früher für sich entdecken können. Es ist ein Unterschied, ob ein Künstler die Nähe zum autokratischen Regierungschef sucht oder schlicht aus demselben Land kommt und einfach seiner Profession nachgeht – Gustaf Gründgens lässt grüßen.

Allerdings hat es etwas für sich, wenn Netrebko ebenso schreibt, dass sie es nicht für richtig halte, Künstler oder andere Personen des öffentlichen Lebens „zu zwingen, ihre politische Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern und ihr Heimatland anzuprangern“. Vor allem dann nicht, wenn zumindest manche, die das jetzt in heiliger Empörung von Netrebko fordern, ihre moralischen Maßstäbe erst jetzt, vor dem Hintergrund eines Angriffskriegs entdecken.

Man wird sehen, wie eine Bewertung von Netrebkos Verhalten am 22. Juli, Termin bei den Schlossfestspielen, und vor dem Hintergrund der dann herrschenden Lage ausfällt – und welche mehrheitlichen moralischen Maßstäbe für Künstler dann gelten.

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Kommentare (28)

  • Spartakus

    |

    Die Schlossfestspiele waren, sind und werden immer ein Grund zum schämen für Regensburg sein!
    Leider war nichts anderes von den Veranstalter*innen zu erwarten.
    Wer da noch hingeht hat echt den Schuss nicht gehört!

  • joey

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    in der sz hat Detlev esslinger kommentiert, man hätte 2018 den Vertrag mit Gergiev auslaufen lassen können. Es war ja alles bekannt.

    Netrebko hat alle Konzerte abgesagt, Regensburg hat sie vermutlich einfach vergessen. Sie hat sich mit ihrem 50er im Kreml auf die falsche Seite der Geschichte gestellt.
    Nein, Künstler sind nicht die besseren Politiker, ob Köche, Sänger oder Dichter (Handtke)… deswegen sollte man sie auf ihre künstlerische Rolle reduzieren.

    Von einem Politiker, der nach wie vor gut aus deutschem Steuergeld versorgt wird, kann man indes Klarheit verlangen. OB Reiter hätte erst den Rauswurf von Schröder aus der SPD fordern müssen, statt populistisch ein Scheinultimatum an Gergiev zu verkünden.

  • Meier mit „ei“

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    Wenn das nicht mal zu Protestaktionen führt! Ein Konzert der Schande und jeder, der als Gast hingeht wird von der Yellow- Press abgelichtet!
    Da käme es zur Erklärungsnot!

  • lenariess

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    Ja, da ist viel, sehr viel Heuchlerisches in den Debatten und ultimativen Forderungen dieser Tage zu hören und zu lesen. Die Beleuchtung aus verschieden Blinkwinkeln, wie in diesem Artikel geschehen, tut not. Welcher deutsche Manager hätte dem Putin bis vor wenigen Tagen für ein gutes Geschäft nicht die Hände geschüttelt?

  • Mr. T.

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    Hervorragender Kommentar!

    Nichts und niemand ist unpolitisch! Es ist zum Kotzen, wenn alles und jedem das Politische abgesprochen wird, um es kritiklos zu stellen.

  • R.G.

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    Vorsichtig ausgedrückt, es genügt mir von der Netrebko, wenn sie den Krieg nicht bejaht.
    Der schließlich geschriebene Text ist herzlich und nachvollziehbar.

    Sie hat aber auch immer noch Freunde und Verwandte in der Heimat, wenn sie sich zu laut ausdrücklich gegen Putin äußerte, wer weiß wie es ihnen dann erginge.

  • Rudi Ratlos

    |

    „Netrebkos sei unpolitisch“
    Netrebkos ist eine schamlose Lügnerin.

    Geburtstagsfeier im Kreml und Presse Auftritt
    2014 mit einem Anführer der russischen „Aufständischen“
    in der Ukraine.

    Wer das dann immer noch glaubt,
    glaubt bestimmt auch an den Weihnachtsmann
    und den Osterhasen!

  • mutter

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    Naja, wer wiriklich was von Musik versteht, der weiss schon seit über 15 Jahren, dass die Netrebko eine völlig überschätzte Sängerin ist. es gab und es gibt wesentlich bessere…
    Dass sie weiter zu Putin hält, zeigt ja nebenbei ihren beschränkten Horizont auf.
    Von musikalischer Intelligenz zeugt das leider nicht,

  • Markus Panzer

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    Mal sehen, ob die REWAG für das fürstliche Theater weiterhin als Sponsor auftritt?
    Wäre spätestens jetzt an der Zeit, dies zu überdenken.

  • Gscheidhaferl

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    Vielen Dank für den Kommentar, der es sich zum Glück nicht einfach macht.

    Für mich persönlich ist es undenkbar, mich auf die Seite eines autokratischen Regimes zu stellen. Aber ich kann auch das vielfach undifferenzierte und plakative ‘Anklagen’ von Leuten, die sich jetzt nicht laut von den Kriegstreibern distanzieren nicht gut heißen. Speziell das Vorgehen von Münchens OB irritiert mich.

    Er engagiert zunächst einen offen homophoben Putin-Fan als Dirigenten in einem Arbeitsbereich (‘Hochkultur’), der viele prägende, offen homosexuelle Persönlichkeiten kennt. Fußballstadien will er dann in Regenbogenfarben anleuchten lassen. Jetzt feuert er besagten Dirigenten, weil der nicht von sich aus verkündet, dass er den Überfall auf die Ukraine verurteilt. Und Reiter ist zu allem Überfluss Sozialdemokrat, gehört also einem Lager an, dass in der Geschichte selbst vielfach Opfer von ‘Gesinnungsschnüffelei’ geworden ist und sich in aktuellen Debatten gerne als Kritiker kirchlichen Arbeitsrechts aufspielt, dass den Mitarbeiter*Innen bis in die letzten Winkel der Lebensführung hineinzudirigieren versucht.

    Hätte der Dirigent seine Position missbraucht, um Kriegspropaganda zu betreiben, hätte ich mit seiner Entlassung kein Problem (würde mich aber immer noch fragen, wie der homophobe Mensch überhaupt einen entsprechenden Vertrag bekommen konnte).

    Ja, es entsteht für mich schon der Eindruck, dass hier plakativ exponierte Leute nicht zuletzt deshalb sehr selbstgerecht abgestraft werden, um über die eigenen Fragwürdigkeiten hinwegzutäuschen.

    Das lässt bei mir die Frage aufkommen, ob wir die unverzichtbaren demokratischen / liberalen Grundlagen unserer Gesellschaft wirklich im nötigen Maß verinnerlicht haben, oder ob wir (bzw. in dem Fall Herr Reiter) diese bloß behaupten?

  • Mathilde Vietze

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    Und unsere Frau Gloria ist ja soooo c h r i s t l i c h ?????

  • R.G.

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    @mutter
    Man muss nicht den Krieg zu uns tragen und alle russischen Menschen oder ehemals von Putin Belobten persönlich erlegen. Alle verlieren durch diesen Krieg, die Russen wirtschaftlich sehr stark.
    Ich bitte alle, redet der Rachejustiz nicht das Wort.

    Die Abkehr irgendeines kleinen Bürgers von einem Mächtigen wie Putin ist vielleicht straflos möglich, aber wenn sich jemand öffentlich gegen ihn äußert, der ihm aus seiner Sicht teuer war, können die Folgen für die Angehörigen sehr schlimm sein.
    Eine Restauration von Ideen wie Großrussland oder Panslawismus bedient sich alter Erzählformen zur Vermittlung von Inhalten- und typischer Methoden, Abtrünnige zu bestrafen, über Landesgrenzen hinweg.

    Frau Netrebko ist außer Sängerin auch Mutter eines Jungen mit besonderen Bedürfnissen, man darf ihr die Möglichkeit lassen, privat dort zu singen, wo sie als ganze Familie sehr nett behandelt wurden.
    Niemand zwingt einen, eine Karte zu kaufen.

    Während wir uns hier an Künstlern abarbeiten, sind die Alt-Spitzenpolitiker Europas immer noch in russischen Staatskonzernen, und von einigen Parteien rechts der Mitte wird die Befreiung der Ukraine durch die Russen gefeiert. Wer zahlt, schafft an.

  • joey

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    @Gscheidhaferl 3. März 2022 um 08:12
    mein voller Applaus. Wir sind hier voll einer Meinung.

    Hier kläre ich nochmal mein post 2. März 2022 um 20:21
    Künstler auf Kunst reduzieren soll nicht heißen, daß Künstler Narrenfreiheit haben. Damit ist gemeint, daß Künstler nicht per se politisch intelligenter sind als andere. Manche spielen sich aber so auf und sind dann auch für ihre Haltung entsprechend haftbar.
    Man muß aber irgendwie doch jedem Menschen die Freiheit erlauben, Sch. zu denken. Die Gedanken sind nämlich frei, “erwünschtes” Massen Hurra ist hingegen ein Zeichen, daß Freiheit und Vielfalt ein Problem haben.

  • Gscheidhaferl

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    @joey
    …kann ja mal passieren ;-)

  • Annalena

    |

    Ich folge dem Autor hier aufs dünne des NS-Bezugs, den er mit „Gustaf Gründgens lässt grüßen“ aufmachte.
    Nicht das ich meine (oder ihm unterstelle), die Russische Föderation würde wie Nazi-Deutschland agieren, oder Putin sei der neue Hitler, diese und ähnliche unsägliche Gleichsetzungen lehne ich ab.

    Es geht mir um das Verhältnis einer Künstlerin zu ihrem Staat. Um die besagten moralischen Maßstäben, um die Frage wie eine Künstlerin zu beurteilen ist, die „die Nähe zum autokratischen Regierungschef sucht oder schlicht aus demselben Land kommt und einfach seiner Profession nachgeht“.

    Angenommen Netrebkos Antikriegs-Statement ist nicht bloß taktisch: zu solchen Aussagen hätte sich ein Gustaf Gründgens niemals hinreißen lassen. Oder mit Blick auf die in der NS-Zeit berühmt gewordenen Regensburger Domspatzen und den Hitler Günstling Theobald Schrems: Schrems hat sich öffentlich weder vom dt. Vernichtungskrieg noch vom nazistischen Völkermord distanziert, auch nicht danach. Im Gegenteil, er hat für die deutschen Vernichtungskrieger Konzerte gegeben, und sich hinterher als Opfer des Regimes dargestellt. Nach Mai 1945 haben ihn die Amerikaner dafür gedisst. Die Deutschen und insbesondere die Regensburger haben dem Priester und Chorleiter Schrems aber weiter gehuldigt.

    Bei Frau Netrebko scheint der Eine oder Andere irgendetwas nachholen zu wollen, was die deutsche (Kriegs- bzw. Nachkriegs-) Gesellschaft selber nicht geleistet hat.

  • Paul

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    Servus

    Also gehts no….

    Bitte nehmen sie u.a. zu Kenntnis.

    Lesen & Verstehen

    Und dann bin ich gespannt.

    Jedem Krieg auf den Strassen geht ein Krieg in den Köpfen voraus. Der russische Staatspräsident Wladimir Putin hätte den Befehl, die Ukraine zu überfallen, vermutlich nicht erteilt, wäre er zuvor nicht gefangen gewesen in Feindbildern der übelsten Art. Seinem Traum vom Imperium steht eine unabhängige Ukraine entgegen. Die Brutalität, die seine Truppen an den Tag legen, verdient Abscheu. Wer jetzt nicht auf der Seite der Ukraine steht, hat sich gegen die Freiheit und für die Gewalt entschieden.
    Wahr ist aber auch: Der Krieg in den Köpfen kann den Krieg auf den Strassen überdauern. Deshalb wäre es fatal, wenn die russische Invasion dazu führte, dass das Zerrbild vom prinzipiell bösen Russen zurückkehrt.
    Niemandem und am allerwenigsten der Ukraine ist geholfen, wenn ein Restaurant bekanntgibt, keine russischen Gäste mehr bedienen zu wollen. So geschah es nun in Baden-Württemberg. Wenngleich der Wirt nach einer Welle der Entrüstung seine Aussage zurückzog, verdeutlicht sie eine bedenkliche Tendenz: Jeder Russe soll in Haftung genommen werden für den Angriffskrieg der russischen Armee. Sippenhaftung aber steht ihrerseits dem Frieden im Weg.
    Eine Kaskade des Misstrauens
    Gleiches gilt für den Bekenntniszwang, dem sich russische und russischstämmige Staatsbürger im Westen vermehrt ausgesetzt sehen. «Sag mir, wo du stehst», lautete eine gesungene Parole der DDR, «zurück oder vorwärts, du musst dich entschliessen.» Die DDR war eine Diktatur. Sie konnte ihren Bürgern den öffentlichen Treueschwur abfordern und Konsequenzen androhen. Der liberale Rechtsstaat aber darf die Wahrnehmung von Freiheitsrechten nicht an weltanschauliche Gelöbnisse knüpfen.
    Der Westen verstösst gegen seine Prinzipien, wenn er russische Künstler unter Generalverdacht stellt, Berufsverbote verhängt und von jedem Einzelnen wissen will: Wie hältst du’s mit Putin? Die Befragung, der sich der Dirigent Gergiev und die Sopranistin Netrebko aus nachvollziehbaren Gründen ausgesetzt sahen, wird an den Landestheatern und in den Musikschulen nicht enden und zu einer Kaskade des Misstrauens anschwellen.
    Symbolpolitik zugunsten des eigenen guten Gefühls ist es auch, wenn Lebensmittelgeschäfte russischen Wodka aus dem Regal nehmen oder Bäckereien «Russischen Zupfkuchen» in «Zupfkuchen» umbenennen. Ein ehemaliger deutscher FDP-Politiker berichtet von Russen, die sich laut eigener Aussage nicht mehr trauten, ihre Muttersprache in der Öffentlichkeit zu verwenden. Es sind bis jetzt Einzelfälle, die sich im Gang der kriegerischen Ereignisse zum Trend auswachsen könnten. Kein einziger Ukrainer wird aber durch solche Aktionen vor dem Beschuss seiner Wohnung geschützt, keine Minute eher endet der Angriffskrieg in Kiew, Charkiw, Mariupol.
    Der Widerstand wächst – auch in Russland
    Auch beeindruckt es den Moskauer Kriegsherrn gewiss nicht, wenn seinen Landsleuten im Ausland grundsätzlich mit Argwohn begegnet wird. Im Gegenteil: Diese Ablehnung bekräftigt Putin in der propagandistisch verwertbaren Erzählung vom antirussischen Westen, der seinem Land böse gesinnt sei.
    Als das Coronavirus noch als «chinesisches Virus» galt, sahen sich Chinesen weltweit Anfeindungen ausgesetzt. Die Versuchung zum ethnischen Vorurteil ist nicht auf Europa beschränkt. Ein Abgeordneter im Repräsentantenhaus der USA, Mitglied der Demokraten, regte an, russischen Studenten die Erlaubnis zum Studium an amerikanischen Universitäten zu entziehen. Damit schlägt er alle Russen über einen Leisten und übersieht, dass Russland und Putin nicht identisch sind.
    Der Widerstand wächst – auch in der Heimat des Aggressors. Mit Andrei Kosyrew hat nun sogar ein ehemaliger Aussenminister den «blutigen Bruderkrieg» verurteilt und alle russischen Diplomaten aufgefordert, ihre Posten aus Protest niederzulegen.
    Die Frage, was den Westen ausmacht, stellt sich besonders in Kriegszeiten. Man kann darüber streiten, auf welchen Wegen die Ukraine am besten unterstützt werden kann, ohne einen globalen Flächenbrand auszulösen. Es gilt, Putin in die Speichen zu greifen. Ebenso unstrittig hat jeder Mensch das Recht, nach seinen tatsächlichen Handlungen und konkreten Äusserungen beurteilt zu werden und nicht nach seiner Herkunft. Kontaktschuld, Generalverdacht und Sippenhaftung sind mit den westlichen Werten nicht vereinbar.

  • Mr. T.

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    Paul, nachdem Sie ihren süßen Senf 1:1 aus einem anderen Artikel hier her kopiert haben, muss ich meine Replik darauf auch hier her kopieren? Ich glaube, besser nicht. Ist mir zu blöd.

  • Karl Straube

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    @Paul
    Herzlichen Dank für Ihre Positionierung. Was gegenüber Herrn Gergiev (die SZ hat hierzu schon kommentiert) und Frau Netrebko passiert, ist unter McCarthyismus einzuordnen. Wie kann ich von einem Menschen, der in R. Freunde und Verwandte hat verlangen, dass er sich in der Öffentlichkeit gegen die dortige Regierung in Szene setzt und damit riskiert, Freunde und Verwandte der in R. zu besorgenden Sippenhaft auszusetzen? An die Sympathisanten Schröder (siehe @joey) und Bach kommt man nicht ran, also macht man Jagd auf Prügelknaben und -frauen und das noch mit persönlichen Diffamierungen (überschätzte Sängerin, beschränkter Horizont, fehlende musikalische Intelligenz – @mutter).

  • Paul

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    Es ist schon erstaunlich, zu welchem Russenbashing sich so mancher nun berufen fühlt, der sich zuvor zu den guten, toleranten und moralisch überlegenen Weltbürgern zählte.
    Als Islamisten hier im Lande oder anderswo Anschläge verübten, kam sofort der Ruf, dies nicht zu verallgemeinern, dies habe Nichts mit dem Islam zu tun.
    Als Erdogan die Kurdengebiete bombardierte, kam auch nur verhaltenes Schweigen aus der selben Ecke.
    Nun aber sollen alle Russen für die Verbrechen ihres Präsidenten verantwortlich gemacht werden, die sich nicht wagen, ihn öffentlich zu kritisieren.
    Ist das Gesinnungsterror, der einer demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft würdig ist?

  • R.G.

    |

    Ehe wir anderen eine Frage stellen, gegen wen sie sich bekennen, mit Folgen für ihre berufliche und private Zukunft, wenn sie die falsche Antwort geben, wäre notwendig, dass ein jeder sich selbst positioniert:
    Stellt man sich angesichts der Ereignisse auf die Seite eines Volksführers, einer Interpretation von Nationalismus, einer Nation?
    Übernehmen wir die Strategien einer Kriegspartei, der Angreifer oder der Angegriffenen?
    Sprechen wir uns für junge Russen als Kanonenfutter oder gleich alte Ukrainer aus, die im Kampf zu sterben haben? Weil wir, die wir nicht ganz verwickelt sind, unserer Vermittlerrolle nicht nachkommen?

    Es gibt so viele Menschen mit verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Bindungen in beide betroffenen Länder, dass die Netrebko diese Gefühle ansprach, dafür danke ich ihr.

  • Gscheidhaferl

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    @Paul
    Sie haben die Kommentare hier unter diesem Kommentar aber schon gelesen, oder? Auch der Kommentar von Herrn Aigner setzt sich ja wohltuend differenziert mit der Thematik auseinander und stellt ja eher Fragen, als das er abschließend bewerten würde. Das, was sie mit Russenbashing bezeichnen, hält sich demnach hier doch in ziemlich überschaubaren Grenzen. Irritierend, dass Ihnen das offenbar entgangen ist. Und auch seltsam, dass Sie scheinbar Kommentar-Recycling betreiben. Da könnte fast der Eindruck entstehen, dass sie ein ‘Lohnschreiber’/Propagandist sind, der eher auf Effizienz und weniger auf Sorgfalt bedacht ist…

  • alphaville69

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    Also Leute, Einiges hier liest sich wie frisch aus Putins Trollfabrik gepostet.

    Wer jemanden wie Putin zum Freund hat, der hat halt sonst keine Freunde mehr. So einfach ist das Leben.

    Es lebe die Ukraine!

  • Günther Herzig

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    R.G.
    2. März 2022 um 21:34 | #

    “Vorsichtig ausgedrückt, es genügt mir von der Netrebko, wenn sie den Krieg nicht bejaht. Der schließlich geschriebene Text ist herzlich und nachvollziehbar.”
    Sie haben so Recht. Vieles, was wir derzeit sehen, hören und lesen ist verlogen. Der Hinweis auf McCarthyismus durch Karl Straube trifft es voll. Mit dem Radikalenerlass in der Vergangenheit waren wir auf dem gleichen Weg. Die Beschränkung der Meinungsfreiheit und der Druck, den Politiker und selbsternannte Meinungsführer ausüben, führt uns in die Nähe des Handelns der Herrschenden in Russland und weg von demokratischen Errungenschaften. Wollen wir mit denen verglichen und verwechselt werden?
    Das Schießen muss aufhören!

  • auch_ein_regensburger

    |

    In der Tat sollten wir bei aller Sympathie mit den Ukrainern und allem Abscheu gegenüber Putins Krieg nicht so tun, als wären wir Kriegspartei, und jeden sofort verurteilen, der nicht umgehend öffentlich mit Putin bricht. Gleichzeitig halte ich den Vergleich mit McCarthy oder dem Radikalenerlass für genauso überzogen.

    Wir müssen jetzt seit etwas mehr als einer Woche diesen Krieg in unserer Nachbarschaft beobachten, und das ist wohl etwas, mit dem niemand hier gerechnet hätte. Dass da so manche spontane Reaktion etwas übertrieben ist, ist ja wohl verständlich. Schlimm wäre es allerdings, wenn sich diese spontane Überreaktion als Regierungshandeln verfestigen würde. Dann könnte man Parallelen ziehen zu McCarthy oder dem Radikalenerlass.

  • Alfred

    |

    @Spartakus

    Warum müssen wir uns für die Schloss Festspiele schämen? Das verstehe ich nicht.

  • Ursula

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    Was für ein beispielloser Zynismus! Wir liefern veralterte Waffen die nicht mehr funktiostüchtig sind an die Ukraine, ziehen sich als NATO aus jeder Verantwortung zurück , unterstützen Friedensnobelpreise an Staatsmänner , die anschließend mehr Kriegsmaterial an ihren Kriegen verbrauchen als in Vietnamkrieg je verbraucht wurden und stellen ausländische Künstler an den Pranger – weil sie was? Fassen wir uns doch einmal an die eigene Nase und hören endlich auf wie kleine Kinder mit dem Finger auf andere zu zeigen!

  • R.G.

    |

    in youtube:
    OPERA PLANET Anna Netrebko Elīna Garanča “Bella figlia dell’amore”

  • Kraus

    |

    Ich weiß, etwas off topic, aber doch interessant: In Hannover wollte Gerhard Schröder, Putin-Spezl, Fenster für eine Kirche stiften. Den Auftrag bekam ein anderer Spezl von Schröder, Markus Lüpertz.
    Die Pfarrei will die Fenster aber jetzt nicht mehr einbauen, was dem Lüpertz natürlich stinkt (so sinngemäß: Wir können doch alle nichts dafür, was passiert). Dass Schröder das System “Putin” seit vielen Jahren unterstützt und daran gut verdient, ist ja bekannt. Von einer Distanzierung, die hier wirklich angebracht wäre, hört man von ihm nichts. Und dass die Pfarrei kein Geschenk annehmen möchte, das durch diese Sympathie finanziert wird, kann ich gut verstehen. Auch wenn es dem Lüpertz nicht passt. Aber immerhin verdient er ja an den Fenstern, die er fürs Bistum Regensburg macht, sicher ganz gut. (Wer finanziert die eigentlich?…)

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