Würdigung für Luise Gutmann

Strahlendes Beispiel für gelebte Zivilcourage

„Auf dass kommende Generationen die Nazi-Zeit nie vergessen.“ Ein Versprechen, das sich Luise Gutmann seit vielen Jahrzehnten zur Aufgabe macht. pax christi Regensburg ehrte sie nun mit dem „Preis für Zivilcourage“.

Verdiente Auszeichnung für Luise Gutmann (re.) Foto: Bothner

Ehrungen sind nicht unbedingt etwas, das Luise Gutmann gerne entgegennimmt. Und doch hat sie mittlerweile schon so manche Laudatio auf sich hören dürfen. Als Ehrenbürgerin der vietnamesischen Provinz Bang Khen oder zur Verleihung des „Freigeistes“ vom Bund für Geistesfreiheit 2010. Vergangene Woche ist es der Regensburger Ableger der katholischen Friedensbewegung pax christi, der Gutmanns langes Wirken mit einer Auszeichnung würdigt.

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Auf die Demokratie aufgepasst

Weil sie sich, so sagt es pax-christi-Vorsitzende Elisabeth Reinwald, „jahrzehntelang dafür eingesetzt hat, dass kommende Generationen die Nazi-Zeit nie vergessen“. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen die Regierenden im Regensburger Rathaus, vornehmlich jene von der CSU, Gutmanns Engagement – beispielsweise für den Gedenkweg für die Opfer des Faschismus – eher skeptisch beäugt und stellenweise sogar diffamiert haben.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Burger nennt sie am vergangenen Mittwoch ein „strahlendes Beispiel“ für gelebte Zivilcourage. „Wir müssen auf unsere Demokratie aufpassen“, „aktiv hinschauen“ und den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft fördern, so Burger. Genau das habe Gutmann immer getan.

Die Frage, warum sich so viele nicht zuständig fühlen

Die Tochter des einstigen Freisinger Bürgermeisters Max Lehner spielte in ihrer Kindheit auf den Ruinen der zerbombten Steinecker-Fabrik. Sie wuchs in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf und erlebte, wie stark die Nazi-Jahre in den Köpfen der Menschen noch nachwirkte, aber niemand so recht darüber sprechen wollte.

„Die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war noch nicht Geschichte“, schreibt Gutmann selbst im Buch „Begegnungen mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen“ von pax christi Regensburg. Darin fragt sie, „wieso sich so viele für die Zustände nicht zuständig fühlten“.

Eine Frage, die sie in ihren jungen Jahren mehr und mehr umtreiben sollte. Auch geprägt durch die eigene Familiengeschichte. Ihr Vater Max wurde während der Reichspogromnacht am 10. November 1938 festgenommen. Der Rechtsanwalt hatte im Dritten Reich jüdischen Familien Beistand geleistet, darunter auch Menschen aus Dachau. Der „Judenknecht“ wurde von einem wütenden Mob aus seinem Haus gezerrt und mit einem Schild „Juda verrecke“ bedacht.

Unangenehme Fragen zur Regensburger Vergangenheit

1968 verschlug es Gutmann zum Studieren nach Regensburg. Die 68er-Bewegung sollte sie weiter politisieren und in Regensburg unangenehme Fragen stellen lassen – über die damals noch nahe Vergangenheit der Stadt. Dass mittlerweile Jahr um Jahr am 23. April in Regensburg dem Ende des Zweiten Weltkrieges und den vielen Opfern der NS-Zeit gedacht wird, dass die Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht in Vergessenheit geraten konnte, das ist (neben vielen anderen) vor allem auch Luise Gutmann zu verdanken.

Bis heute setzt sich die 75-Jährige gegen Rechtsradikalismus und Faschismus ein. Sie ist nach wie vor in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) aktiv.

„Dümmliche und diffamierende Sprache der Behörden“

Von einer „dümmlichen, hohlen und diffamierenden Sprache“ der staatlichen Behörden, spricht in Bezug auf die VVN die Historikerin für deutsch-tschechische Beziehungen, Eva Hahn. Für die Ehrung ihrer langjährigen Freundin ist sie extra aus Oldenburg angereist.

Dass die einst von den NS-Opfern gegründete VVN, bis vor kurzem (nur noch) in Bayern im jährlichen Verfassungsschutzbericht aufgelistet wurde, sieht Hahn als Ausdruck eines „inhaltsleeren Antikommunismus“, wie er für die 1950er Jahre prägend gewesen sei. Statt einer „Orientierung in der realen Welt“ gehe es darum, Angst zu erzeugen.

„Verfassungsschutz“ in die Schranken gewiesen

Auch Gutmann fand sich bereits im bayerischen Verfassungsschutzbericht erwähnt. Das sorgte 2016 für einen handfesten Skandal. Sie zog dagegen vor Gericht. In der Verhandlung sollte sich herausstellen, dass der Inlandsgeheimdienst mit falschen Behauptungen und vagen Vermutungen hantiert, aber keine Belege hatte. Gutmann bekam recht. Die entsprechende Passage musste gestrichen werden.

„Während ich am Schreibtisch über die Ungereimtheit unserer Geschichte grübelte, forschte und schrieb, handelte sie und half mit, unsere Umwelt zu verändern“, dankt Hahn. Gutmann habe stets den Mut gehabt, „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“ und kritisch gegenüber „staatlicher Gewalt“ zu sein. Eine ständige Mahnerin der Vergangenheit, Kämpferin gegen das Vergessen und wichtige Persönlichkeit mit viel Courage.

„Mühsames Handeln fleißiger und mutiger Aktivisten“

Am Ende seien es solche Menschen, die den entscheidenden Unterschied machen würden, ist Hahn überzeugt:

„Die Lehre, die ich aus dem Vergleich von Luises und meiner Biographie ziehe, ließe sich am Ende in der Schlussfolgerung zusammenfassen, dass ein Fortschritt in der Verbesserung realer Lebensbedingungen kaum von der großen Politik oder genialen Denkern, Historikern, Schriftstellern oder Publizisten zu erwarten ist, sondern ausschließlich vom mühsamen Handeln fleißiger und mutiger Aktivisten abhängt.“

Die Auszeichnung von pax christi – dotiert mit 1.000 Euro – hätte Gutmann bereits 2020 entgegen nehmen sollen. Es kam Corona. Und so findet die feierliche Ehrung zwei Jahre später statt. Auf Vorschlag und Auswahl einer Jury vergibt pax christi den Preis für Zivilcourage alle zwei bis drei Jahre.

Neben Gutmann würdigt die katholische Friedensbewegung dieses Jahr zudem zwei Filmprojekte. Ehemalige Schüler der Willi-Ulfig-Mittelschule hatten sich in Regensburg auf Spuren und Überreste des Nazi-Regimes gemacht. Drittklässler der Grundschule am Sallerner Berg hatten sich mit dem Schicksal der Regensburger Geschwister Höllenreiner auseinandergesetzt, für die Stolpersteine in unmittelbarer Nähe zur Schule gelegt wurden.

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Kommentare (5)

  • Mr. B.

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    Zu: “Wir müssen auf unsere Demokratie aufpassen“, „aktiv hinschauen“ und den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft fördern, so Burger. Genau das habe Gutman…..”

    Ja genau, dass müssen wir mehr denn je, nachdem sich die Gesellschaft seit vielen Jahren dummerweise spaltet und spalten läßt!

  • R.G.

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    Herr Bothner genau so sollten Bildberichte aus einer lebendigen Stadt aussehen. Herzlich einander diesen Augenblick gönnende, zugewandte Menschen!
    (Kein Photo mit sich wie ein Model darstellenden Eitlen!)

    Frau Gutmann wünsche ich nur Gutes!

  • John

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    Was bitte soll das heißen: „jahrzehntelang dafür eingesetzt hat, dass kommende Generationen die Nazi-Zeit nie vergessen“.
    Was soll, warum nicht vergessen werden, was wurde längst vergessen, oder eh nie erinnert. Viele inhaltlich Fragen…

  • Hans-Peter Dantscher

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    Als ich vor gut 20 Jahren nach Regensburg kam, sprachen AntifaschistInnen aller möglichen Fraktionen – und diejenigen welche sich dafür halten – von “der Luise”, als ich diese bescheidene, freundliche und entschlossene Genossin dann persönlich kennenlernen durfte, wusste ich warum es nur eine Luise gab und gibt – tut mir leid für alle Luisen der Oberpfalz, aber die Messlatte ist halt schon sehr hoch.
    Der Preis ist seit mindestens 20 Jahren überfällig.

    @John
    So gut wie jedes Schulbuch zum Thema ab Jahrgang 1995 sollte ihre Fragen beantworten können – auch bayrische. Die Fleißaufgaben zur Eigenrecherche nicht vergessen.

    Falls nicht, ist das ihr Problem.

  • Roland Hornung

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    Herzlichen Glückwunsch für Luise !

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