SOZIALES SCHAUFENSTER

Tot oder nur umgezogen?

Streit um verschwundene Zauneidechsen: Stadt weist Kritik von Naturschützern zurück

Die Stadt reagiert auf die Kritik des Bund Naturschutz und weist einige Vorwürfe zurück. Doch auch die Naturschützer legen nach.

Immer wieder gerät die Zauneidechse zwischen die Fronten. Das Tier glit als Bioindikator. Foto: Marek Szczepanek

„Nicht belegt“ und „stark verkürzt“, so lautet die Reaktionen der Stadtverwaltung zu den Vorwürfen, die der Bund Naturschutz (BN) vergangene Woche erhoben hatte. Wie berichtet hatten die Naturschützer der Stadt eklatantes Versagen beim Arten- und Umweltschutz attestiert. So sollen seit 2007 mehrere Hektar Biotopfläche im Stadtgebiet etwa im Zuge von Bauvorhaben verschwunden sein – und mit ihnen ganze Populationen von Zauneidechsen.

Das bis zu 24 Zentimeter große Reptil ist ein sogenanntes Zeigertier und gilt als Indikator für die Beschaffenheit der Umwelt. Die Zauneidechse steht damit stellvertretend für zahlreiche andere Arten. Dort wo die eher anspruchsvollen Tiere vorkommen, herrsche ein artenreicher Lebensraum vor, erklärten die Mitglieder des Bund Naturschutz beim Pressegespräch letzte Woche.

BN sieht Biotope in Gefahr

Per Bundesnaturschutzgesetz ist das Kriechtier entsprechend geschützt. Für Bauvorhaben gibt es hohe Anforderungen. Doch in Regensburg hätten sich im Zuge von Recherchen „Abgründe aufgetan“, hieß es. In einer Anzeige nach dem Umweltschadensgesetz (USchadG) – mittlerweile auf der Homepage der BN-Kreisgruppe öffentlich zugänglich – wird die Stadt aufgefordert, der Kompensationspflicht gemäß §8 USchadG nachzukommen. Wörtlich heißt es darin:

„Durch getroffene Bau-Maßnahmen wurden die Brut-, Fortpflanzungs- und Nahrungsfläche geschädigt bzw. keine entsprechend funktionstüchtigen Brut-, Fortpflanzungs- und Nahrungsflächen geschaffen, was zur Schädigung der Population führte. Diese Tatsache stellt einen Umweltschaden nach dem Umweltschadensgesetz dar.“

Konkret beziehen sich die Naturschützer mit ihrer Kritik auf das Dörnberg-Viertel sowie die vorgesehene Erschließung am Gleisdreieck, das Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik und das Areal des früheren Jahnstadions an der Prüfeninger Straße. Es gehe aber auch um ein generelles Umdenken beim Umgang mit vorhandenen Biotopflächen.

Dass solche Biotopflächen in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen sein sollen, bezeichnet die städtische Pressestelle in einer Mail an unsere Redaktion als „in dieser Form zumindest stark verkürzt“. Ja, Biotope würden „im Rahmen der Bauleitplanung überplant werden“. Es müsse aber stets ein Ausgleich geschaffen werden. Die Berechnung dieser Ausgleichsflächen regle das Bayerische Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr und diese könne im Leitfaden „Eingriffsregelung in der Bauleitplanung“ nachvollzogen werden.

Beispiel Dörnberg

Der Bebauungsplans Nr. 151 Ladehofstraße sieht die Schaffung einer Ausgleichsfläche im Umfang von 16.560 Quadratmeter im Gleisdreieck vor. Das Gelände gehört dem Bauunternehmer Martin Schmack, der es vertraglich geregelt als Ausgleichsfläche für das Dörnberg zur Verfügung gestellt hat. Der Bund Naturschutz hatte allerdings darauf hingewiesen, dass auf dem Areal bislang größtenteils Schutt vorzufinden ist, von einer Biotop-Ausgleichsfläche also nicht die Rede sein könne.

Von der städtischen Pressestelle heißt es dazu, die betreffende Fläche befinde sich „im Umgriff des Bebauungsplans Nr. 161 – Gleisdreieck – Ostheim – (Aufstellungsbeschluss vom 8. April 2014)“ und solle in diese Planungen integriert werden. „Allerdings ist die Realisierung bisher wegen des noch offenen Bebauungsplanverfahrens und der auf der Fläche durchgeführten Aufschüttungen und Ablagerungen vorerst noch nicht möglich.“ Allerdings seien die Flächen bereits an das Ökoflächenkataster gemeldet, „um diese als Ausgleichsfläche zu sichern“.

Allerdings räumt die Stadt auch ein: Rein rechtlich sind Kommunen nicht dazu verpflichtet, versiegelte Flächen eins zu eins zu ersetzen. „Nach Abwägung aller öffentlichen und privaten Belange“ habe die Stadt beim Dörnberg den Verlust von ca. 1,5 Hektar Biotopfläche „hingenommen“. Als Gründe nennt die Pressestelle beispielhaft „die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum, die Stärkung des innerstädtischen Gewerbestandortes und die Nachnutzung einer funktionslos gewordenen Brachfläche in zentraler, altstadtnaher Lage“.

Naturschützer sprechen von „Willkür“

Dass weiterhin gebaut werden müsse, dem will sich auch der Bund Naturschutz nicht verweigern. Allerdings müsse genau darauf geachtet werden, wo und wie. Bei einem riesigen Projekt wie dem Dörnberg müsse eben entsprechend Geld für den Artenschutz in die Hand genommen werden, hatte beispielsweise Dr. Albrecht Muscholl-Silberhorn vom Bund Naturschutz anlässlich des erwähnten Pressetermins gefordert.

Diese Woche legt er noch einmal nach. Die Größe von Ausgleichsflächen werde „unter Ausnutzung aller selbstverständlich legalen Möglichkeiten kleingerechnet und gestückelt“, kritisiert Muscholl-Silberhorn auf Nachfrage. Der Naturschützer spricht von „Willkür“ mancher Behörden. Dass die Ausgleichsfläche im Gleisdreieck bis heute nicht nach dem vertraglich vereinbarten Plan realisiert wurde, sei nur ein weiteres Beispiel dafür, wie die Stadt mit dem Umweltschutz verfahre. Die Fläche sei aktuell verlorener Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen.

Hat die Stadt den Überblick verloren?

Muscholl-Silberhorn geht aber noch einen Schritt weiter. Er vermutet, dass die Stadt derzeit gar keinen Überblick mehr über die bestehenden Biotope habe. Zuletzt 2007 wurden diese Flächen neu kartiert. Seitdem hätten sich bestehende Biotope „bzgl. Flächenausdehnung und Qualität verändert“, erklärt auch die Stadt. Der Stand der Biotopkartierung stelle somit nicht mehr den aktuellen Zustand vor Ort dar. Manche Biotope seien mittlerweile nicht mehr vorhanden, andere hätten sich wie im Aubachpark in Burgweinting flächenmäßig ausgedehnt oder verkleinert.
 Noch in diesem Jahr soll deshalb eine neue Bestandsaufnahme gestartet werden, so die städtische Pressestelle.

Die Eidechsen: Tot oder nur abgewandert?

Neben der Biotop-Frage treibt den Bund Naturschutz auch weiter das Problem mit der Umsiedlung der Zauneidechsen aus dem Stadtwesten um. Ein Teil sollte 2014 auf dem Gleisdreieck eine neue Heimat finden. Eine Nachschau hatte ergeben, dass ein Jahr später kein einziges Tier mehr zu finden war. „Überlebensrate Null“, mutmaßt der BN und geht davon aus, dass die sensiblen Tiere den Umzug nicht überstanden haben.

Etwas anders deutet man die Entwicklungen bei der Stadt. Die Annahme des Bund Naturschutz, alle Zauneidechsen seien im Nachgang der Umsiedlung verstorben, sei nicht belegt. „Da die Abzäunung des Geländes nicht durchgängig war, ist der größte Teil der Zauneidechsen vermutlich in andere Lebensräume entlang der Bahn abgewandert“, lautet die Annahme der Verwaltung.

Keine „perfekten Lebensbedingungen“

Dass die umgesiedelte Population – ob nun abgewandert oder verstorben – nicht mehr vor Ort ist, hat aber offenbar auch bei den zuständigen städtischen Stellen zu Nachforschungen geführt. So erklärt die Pressestelle weiter: Trotz einer speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (saP) und „vielfältiger Bemühungen und Umsetzung der gutachterlich vorgeschlagenen Maßnahmen“ sei es nicht gelungen, „perfekte Lebensbedingungen für die Zauneidechsen“ herzustellen. Dem sei man durch Nachbesserungen zwischenzeitlich nachgekommen. 2019 seien dann wieder Individuen vorgefunden worden.

Für die Naturschützer ist das nur ein schwacher Trost. Wie Muscholl-Silberhorn anmerkt, habe die Nachbesserung vor allem darin bestanden, die Umzäunung zu entfernen. „Das führte glücklicherweise zum Wiedereinwandern von Eidechsen aus dem Gleisbereich, was aber nicht als Erfolg der Maßnahmen gewertet werden kann.” Es handle sich schließlicht nicht „um wiedergeborene Individuen aus der Umsiedlungsmaßnahme”.

Anstatt Ausgleichsflächen zu schaffen, bei denen nicht gesichert sei, ob diese auch intakt seien, müssten die ursprünglichen Biotope möglichst erhalten bleiben, fordert der BN. „Deren Funktionsfähigkeit ist ja schon bewiesen“, sagt Muscholl-Silberhorn. Es müssten bessere Kompromisse bei geplanten Vorhaben wie etwa in der Lilienthalstraße gefunden werden.

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Kommentare (10)

  • joey

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    Die Eingriffsregelung gibt es seit 1998. Das Ökokonto hat viele Vorteile, weil es eben flexibler ist als ein starrer Erhalt z.B. irgendwelcher obsoleter Bahnflächen.
    Die Eingriffsregelung wird (für viel Geld) von externen Prüfern (Biologen, Geografen) kontrolliert: “Monitoring”. Die zählen die Eidechsen und die Bienen und die Ameisen… Da gibt es sicherlich Berichte, die man vielleicht journalistisch darstellen könnte.

    Nach wie vor bringen immer wieder “ökologisch orientierte” Politiker den “Flächenverbrauch” in die Medien – hier in Verschärfung “Biotop”. Da wird vorsätzlich und wider besseres Wissen Angst geschürt – brachte ja Stimmen, Mitglieder und Spenden. Ja, das war erfolgreich. Mit Hysterisierung haben nun die Querdenker ebenso Erfolg – und deren Klientel kommt hier bei uns (lt. Heinrich Böll Stiftung) aus dem selben Pool.

  • xy

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    “…müssten die ursprünglichen Biotope möglichst erhalten bleiben, fordert der BN.”

    In einer Stadt wie Regensburg mit einer Wohnungsnot wie in Regensburg haben auch die Menschen Anspruch auf ihr Biotop und nicht nur die Zauneidechsen.

  • Helmut Kangler

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    @xy
    Sie haben vollkommen recht! Eidechsen und Menschen haben Anspruch aus jeweils passende Biotope. In manchen Fällen verhindern allerdings Beutegreifer deren Eignung.
    Die Eidechsen werden von Elstern verspeist; die Menschen werden vom Pleitegeier bedroht und den Schulden gefressen. Und so bleiben theoretisch mögliche Neubaubiotope in der Praxis unbewohnbar. Beispiele dazu kann man in Regensburg besichtigen.

  • Hans L

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    @joey: Den immer wieder beklagten Flächenverbrauch als “Hysterisierung” zu bezeichnen ist ganz schön ignorant. Unverschämt ist es es, ökologisch orientierte Politiker in die Nähe von Querdenkern zu rücken.

    Wenn die Stadtverwaltung nun versucht, die Vorwürfe des BN abzuwiegeln oder zu relativieren, so übergeht sie offenbar bewusst die Tatsache, dass der BN aufgrund der Akteneinsicht eben aus diesen städtischen Akten zitiert.
    Dass Umsiedelungen von geschützten Arten, Schutzmaßnahmen etc. häufig nicht funktionieren, ist bis in die zuständigen -auch höchsten- Behörden hinein bekannt. Aber man nimmt das einfach hin. Wie das Artensterben und die Zerstörung ökologischer Zusammenspiele wie ein Bumerang auf uns Menschen zurückschlägt, haben wir in den vergangenen Jahren zur Genüge erfahren. Aber man kann sich auch blind stellen …

  • joey

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    @Hans L
    die Flächen werden ja ersetzt, aber nicht nach Quadratmetern, sondern nach ökologischen Werten. Es gibt keinen Flächenverbrauch. Es hilft nichts, die Eingriffsregelung zu leugnen.

  • Hans L

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    Aha joey, es gibt also keinen Flächenverbrauch. Jetzt wüsste ich noch gerne, wie die wundersame Flächenvermehrung funktioniert.

  • joey

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    @Hans L
    muß ich es genauer erklären? Lesen Sie doch einfach das verlinkte Dokument… aber gut…
    Flächen werden nicht verbraucht, sie sind auch nach Bebauung noch da. Die Natur (!) wurde an anderem Ort kompensiert. So kann man zusammenhängende Großflächen schaffen und nicht nur zu jedem Baugebiet direkt dort Grünstreifen, wie das vor 1998 üblich war.

    Beispiel: ein Acker wird aufgeforstet oder zur Feuchtwiese und gewinnt dadurch ökologischen Wert. Sowas wird nach Punkten auf das Ökokonto angerechnet, von dem wieder die jeweilige Baumaßnahme abgezogen wird. Es geht nicht um Quadratmeter Fläche, sondern um Naturwert netto.

    Oder noch anders erklärt: Wenn in der Lilienthalstraße ein paar dünne Bäume gefällt werden, kommt anderswo ein schön großer Froschteich raus. Der Froschteich ist kleiner als das Grundstück Lilienthalstraße, hat aber mehr öko Wert. Er ist auch nicht isoliert, sondern in einer größeren Landschaft integriert, wo andere Ausgleichsmaßnahmen zusammenwirken. Eidechsen müssen nicht zentrumsnah wohnen, denen gefällt es am Stadtrand meistens besser, weil da nicht ständig wer Gassi geht.

    Das Ökokonto ist effizienter als “Aug um Aug”.

  • Mr. T.

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    joey, genau das, was Sie hier erklärt haben, ist aber auch das Problem. Biotope, wie zum Beispiel das an der Lilienthalstraße, wirken eben vor Ort. Das Biotop beeinflußt das Mikroklima vor Ort, da hilft es den Anwohnern, egal ob Westenviertler*innen oder Zauneidechs*innen nicht viel, wenn es dafür woanders besser wird.

  • Hans L

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    @joey
    seit ca. 25 Jahren im Naturschutz aktiv und immer wieder mit Flächennutzungsplänen, Bebauungsplänen etc. beschäftigt, kenne ich die “Eingriffs-“, “Ausgleichsregeln” oder wie die schönfärberischen Begriffe heißen. Und ich kenne deren Augenwischereipotential.
    Natürlich verschwinden Flächen nicht durch Bebauung oder Versiegelung, aber sie sind für Tiere und Pflanzen in der Regel für lange Zeit VERLOREN.
    Ich bin froh, dass sich wenigstens Naturschutzverbände und “ökologisch orientierte” Menschen dafür einsetzen, dass zumindest die Regeln eingehalten werden. Und die wurden offensichtlich im Bereich des “Dörnberg” verletzt oder missachtet.
    Was das Biotop an der Lilienthalstraße betrifft, hat die Stadt in ihrem Klimagutachten den Bereich “BBP Lilienthalstraße” eigenständig als “Parkklima (ganztägig sehr hohe Ausgleichsleistung)” dargestellt, nachzulesen hier: https://www.regensburg.de/fm/121/4-klimabestandskarte-regensburg-2014.pdf. Als Ziel wurde definiert: “keine weitere Bebauung zulassen”.

  • joey

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    @Mr. T.
    für das Bioklima vor Ort braucht man einen Park.
    Der größte Feind jedes Tieres ist der Mensch, der die Brut stört. Artenschutz funktioniert außerhalb der Stadt besser – und für die Erhaltung regionaler Arten ist es wurscht, ob das hier oder 3 Kilometer weiter weg ist.

    @Hans L
    Es ist richtig und wichtig, daß sich Menschen dafür einsetzen, daß Regeln eingehalten werden.

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