Bedeutende "Nekropole"

„Tausende Römergräber“ unterm künftigen Dörnberg-Quartier?

Dort, wo unter dem Namen „Das Dörnberg“ ein neues Stadtquartiere entstehen soll, wurden zahlreiche Römergräber entdeckt. Das an sich ist nicht überraschend – mit einer solchen Dimension scheinen die Archäologen aber nicht gerechnet zu haben. Die Grabungen werden noch mehrere Monate dauern. 

Noch mehrere Monate werden die Grabungen rund um den Schenkerturm in Anspruch nehmen.

Noch mehrere Monate werden die Grabungen rund um den Schenkerturm in Anspruch nehmen.

Dort, wo einst die Schenker-Hallen standen, unterhalb der Kumpfmühler Brücke, dröhnen bereits seit geraumer Zeit Bagger und Kräne, um abzureißen und das Areal – wie man so schön sagt – baureif zu machen. Hier soll entlang der Bahngleise ein neues Stadtquartier – „Das Dörnberg“ genannt – entstehen. Etwa 1.250 Wohnungen sind dabei laut Angaben der Grünwalder Projekt-GmbH geplant, unter deren Regie die Arbeiten laufen. Einige Meter dahinter, direkt unterhalb des Schenker-Turms geht es noch etwas ruhiger zu. Sorgfältig graben dort Archäologen im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege im Erdreich, vermessen und fotografieren mal kleinere, mal größere rechteckige Gruben, zeichnen auf und verpacken gelegentlich etwas, das aus diesen Gruben holen.

Nur der „größte römische Friedhof Regensburgs“?

Was viele nicht wissen – hier, entlang der Bahngleise befindet sich der größte römische Friedhof Regensburgs und eines der größten Gräberfelder in Deutschland. Bereits beim Neubau des Verlagsgebäudes der Mittelbayerischen Zeitung und des angrenzenden Studentenwohnheims auf der gegenüberliegenden Seite der Kumpfmühler Brücke wurden mehrere Römer-Gräber gefunden, die wohl aus dem zweiten und dritten Jahrhundert stammen dürften. Weitaus mehr Funde gibt es nun auf der Fläche des zukünftigen „Dörnberg“. Dort beschäftigte Archäologen sprechen unter der Hand von „tausenden“ Gräbern, die es dort zu dokumentieren gilt.

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Beim Landesamt für Denkmalpflege will man so weit nicht gehen. Man vermute, dass es sich um „mehrere hundert“ handle, sagt Pressesprecherin Alexandra Beck. „Für Regensburg war dies gewissermaßen der römische Hauptfriedhof, der von 179 n.Ch. an und sogar bis in nachrömische Zeit, etwas bis ins 7. Jahrhundert, durchgehend genutzt wurde“, so Beck. Entsprechend würden die Arbeiten noch mehrere Monate in Anspruch nehmen.

„…das einzige bekannte Gräberfeld Rätiens dieser Größe und Zeitstellung.“

Der Pfarrer Joseph Dahlem hat das sogenannte „Große Gräberfeld“, zu dem die Fundstelle gehört, Mitte des 19. Jahrhunderts für den Historischen Verein als einer der ersten wissenschaftlich untersucht – damals, als dort die ersten Bahnstrecken gebaut und das Gräberfeld dafür angegraben wurde. Die Gesamtzahl der Bestattungen auf dem Areal, zu dem er längst nicht uneingeschränkten Zugang hatte, wird auf mindestens 5.000 geschätzt – zum größten Teil Feuerbestattungen, bei denen mit Asche gefüllte Urnen beerdigt wurden. In einer Dissertation aus dem Jahr 1977 heißt es zu den Bedingungen, unter den Dahlem arbeiten musste:

„Dahlem hatte keine eigenen Arbeiter für seine Untersuchungen. Im Großen hatte er nur die Möglichkeit, die Funde, die bei den Planierungsarbeiten (der Donautalbahn 1872-1874) anfielen, aufzunehmen; eigene Grabungen oder Nachuntersuchungen waren ihm nur selten möglich.“

Zur Bedeutung des Gräberfelds wird ausgeführt:

„Die Nekropole an der Kumpfmühler Strasse in Regensburg ist das einzige bekannte Gräberfeld Rätiens dieser Größe und Zeitstellung.“

Eine Karte der Untersuchungen Dahlems. (Siegmar von Schnurbein: Das Römische Gräberfeld von Regensburg. (= Materialhefte z. Bayer. Vorgesch. Reihe A Band 31). Laßleben, Kallmünz 1977,)

Eine Fundestellenübersicht des Gräberfelds aus dem Jahr 1977. Die Grabungen und deren Dokumentation werden als unzureichend beschrieben. (Siegmar von Schnurbein: Das Römische Gräberfeld von Regensburg. Laßleben, Kallmünz 1977,)

Bei der Ausschreibung des Planungswettbewerbs für das Baugebiet 2011 ging die damalige Eigentümerin, die aurelis GmbH, davon aus, dass das Gräberfeld keine wesentlichen Einschränkungen für die Bebaubarkeit der Fläche zur Folge haben werde. Zwar sei der östliche Teilbereich des ehemaligen Güterbahnhofareals als eingetragenes Bodendenkmal kartiert. Allerdings hätten archäologische Sondagen aus dem Jahr 2010 „nachgewiesen, (…) dass das vorhandene römische Gräberfeld im Zuge des früheren Eisenbahnbaus bereits stark gestört wurde“.

Funde kommen nach München

Bei Informationsveranstaltungen der Stadt Regensburg war unter anderem vorgeschlagen worden, die Funde in einem eigenen Museum im „Dörnberg“ zu dokumentieren. Doch es sieht ganz so aus, als würden die Funde nicht in Regensburg bleiben. Laut Alexandra Beck werden die Funde „eingemessen, dokumentiert, fotografiert und anschließend teilweise en bloc geborgen“. Zur Erstversorgung würden sie anschließend in die archäologischen Restaurierungswerkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege nach München gebracht. „Die Skelette kommen in die Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München.“20150716_104503_resized

Quelle: Siegmar von Schnurbein: Das Römische Gräberfeld von Regensburg. Laßleben, Kallmünz 1977,

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Kommentare (10)

  • Carol Anne

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    Das ist ja fast schon wieder ein Remake von „Poltergeist“. Als Homage an den Film könnte „Das Dörnberg“ ja in „Graveland“ umbenannt werden.

  • Hans

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    Die neue Siedlung wird auf einem riesigen Friedhof errichtet. Das Fragezeichen in der Überschrift ist unangebracht. Dieser Friedhof ist eine unbestrittene geschichtliche Tatsache. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man beim Bau der Eisenbahn keine Rücksicht auf den Friedhof genommen. Ich bin gespannt, ob man jüdische Gräber finden wird. Dann müsste das Areal unangetastet bleiben. Christliche sind ja zusätzlich zu den römischen dokumentiert. Siehe dazu den Grabstein im städtischen Museum. Einige Grabsteine sind zum Bau von Häusern im Mittelalter verwendet worden, da man „Heidengräber“ annahm. Der Friedhof ist keineswegs nur ein Römerfriedhof.

  • Karla

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    Die Wohnlage ist m.M. keine empfehlenswerte Gegend. Neben zu dichter Bebauung auch Gefängnis, Brauereiemissionen, Bahnbetrieb, Stadtautobahn. Wer’s mog.

  • Das größte bekannte Gräberfeld Deutschlands » Regensburg Digital

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    […] Wie berichtet, wurden auf dem Gelände entlang der Bahngleise zahlreiche Grabstätten entdeckt. Von hunderten, ja gar tausenden ist die Rede. Um wie viele es sich handelt, sei derzeit immer noch nicht absehbar, so Behrer. „Es sind auf jeden Fall mehr, als beim Neubau des MZ-Gebäudes entdeckt wurden.“ […]

  • Anna-Maria

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    …und in kalten Herbstnächten, wenn die Nebel aufsteigen, kann man sie hören, die Geister der Alten, weil man ihnen keine Ruhe lässt und sie sind überall in der ganzen Stadt, ich bin mir ganz sicher…

  • Bernd Henneberg

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    Es wäre an der Zeit den vollkommen unsachlichen Namen „Das Dörnberg“ in „Am Gräberfeld“ umzutauschen.

  • Alex

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    Man sollte nicht so tun als ob die Existenz dieses riesigen Friedhofs eine Überraschung wäre. Der Friedhof ist nun seit 150 Jahren bekannt, auch in seinen Ausmaßen. Es geht hier nicht um 20, 30 Gräber. Es geht um Tausende. In den jüngsten Jahrzehnten wurden erneut immer wieder Gräber aufgelöst und darauf gebaut.

  • Mr. T

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    Gruselig! Vielleicht sollte man lieber vorher mal Fachliteratur von Stephen King oder ähnlichen konsultieren bevor man hier baut (oder dann einzieht).

  • Halb so wild

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    Als Bahngleise über den Gräbern waren (und die Schenker-Hallen sowie ehemaliger Kunstverein Graz) hat es auch keinen gestört und nicht gespukt. Ich war (Schenker-Hallen und Graz) auf einigen Konzerten und Partys dort, da gab es keinerlei seltsamen Erscheinungen o.ä., die nicht auf Alkohol o.ä. zurück zu führen waren.

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