SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 28. November 2009

P1260983Durch die Besetzung ihrer Universität brachten die Studenten den europaweiten Bildungsstreik nach Regensburg. Aber wie läuft so eine Besetzung ab und aus welchen Gründen schlafen Studenten seit fast einer Woche in den Hörsälen ihres Bildungsinstituts?

„Bis jetzt hat’s immer jedem geschmeckt.“. Mathias Obermair, von seinen Mitstreiter liebevoll „Mo“ genannt, kocht jeden Tag in der Küche, die von den Studenten spontan in einen der zahlreichen Nischen der Universität eingebaut haben. „Das ist ein Fulltimejob“, gibt der 28jährige zu verstehen, während er zum Kühlschrank geht, um zu überprüfen, ob noch genügend Zutaten vorhanden sind. Er kommt aber nur nachmittags und abends, dann wird nämlich gekocht. Davor müssen sich Andere, um die sogenannte „VoKü“ kümmern. Essen gibt es gegen Spende, für Getränke muss gezahlt werden. „Wenn jeder fünf Euro am Tag spendet, kann er den ganzen Tag essen. Brötchen zum Frühstück, Kaffee und Tee, und abends gibt’s nochmal was“. Die Zutaten müssen selbst gekauft werden, aber die AktivistInnen haben auch Unterstützung in der Bevölkerung gefunden.

Die Bäckerei Ebner liefert bis kommenden Sonntag jeden Tag 400 Brötchen und das unentgeltlich. „Was danach is‘ müss ma, halt dann schaun“, sagt Mathias. Um ihn herum hocken zahlreiche StudentenInnen und schneiden Gemüse fürs Abendessen. Die Bohnen, Kartoffeln und Zwiebeln wurden zum Teil vom „Fruchthof“ gespendet. Sie bilden die Grundlage für den „Allesreintopf“, eine Spezialität des Chefkochs. Er ist aber nicht wirklich der Boss, betont Mathias: Er habe nur Koch gelernt und kenne eben die Leute, die in der Küche arbeiten. Wie lange er bleiben möchte? „Solange wie möglich. Bis Weihnachten geht’s mindestens“.
Auch Hans Peter beteiligt sich an den Protesten. Der vollbärtige Brillenträger wechselte im sechsten Semester von Hauptschullehramt zur Pädagogik. Seine Motivation? „Bildung fördert Demokratie“, das zeige nicht zuletzt die hohe Beteiligung von Erstsemesterstudenten, die davor noch nie was mit Politik am Hut hatten, nun begeistert im Plenum ihre Forderungen stellen und eifrig mitdebattieren. „Der Protest ist nach außen hin offen“, jeder der etwas Neues einbringen will kann das auch. Mit der Studentenrevolte vor 41 Jahren, will er sich allerdings nicht vergleichen lassen.

„Wir sind nicht ´68! Wir sind 2009!“, sagt er lächelnd, während er mit seinem linken Zeigefinger auf einen gleichlautenden Slogan auf einem Stück Papier zeigt. Die berühmten 68er seien medial hochgepuscht worden und hätten in Wirklichkeit eine Minderheit radikaler Studenten dargestellt. Die jetzigen Proteste bezögen sich aber ausdrücklich nur auf das Thema Bildung und seien so für jeden zugänglich. Außenpolitik spiele beispielsweise überhaupt keine Rolle. Egal, ob der christlich-konservative RCDS, oder der sozialistische SDS, jeder sei in irgendeiner Form an der Besetzung beteiligt.

Beschlüsse werden im besetzen Hörsaal 2 durch einfache Mehrheit gefasst, nachdem die Themen vorher in Arbeitsgemeinschaften besprochen wurden. Sie können im Internet auf http://www.regensburg-besetzt.de nachgelesen werden. Dort gibt es auch einen Live-Stream aus dem Hörsaal der Universität, wo man aktuelle Debatten mitverfolgen kann. Wer gerade keinen Internetanschluss zur Verfügung hat, kann sich auch einfach bei Pia erkundigen. Die freundliche Schwarzhaarige mit dem breiten Lächeln hockt am Infostand gegenüber des Plenums und gibt jedem gerne Auskunft darüber, welche Veranstaltungen für heute geplant sind, oder wie man sich in der unübersichtlichen Universität zurechtfindet.

Sie studiere selber nicht, aber Bildung sei für sie trotzdem ein wichtiges Thema. Schließlich möchte sie vielleicht selbst einmal Kinder haben und die müssten ja dann schließlich auch zur Schule gehen. Studierende, die sich für Studiengebühren aussprechen, versteht sie nicht. Das Geld müsse man ja erst einmal haben. Allerdings könne nicht jeder am Bildungsstreik teilnehmen, da die meisten StudentInnen verpflichtende Kurse haben und auch sonst zeitlich knapp bei Kasse sind.

Zurück in der Volksküche riecht es schon einladend nach Abendessen. Eine Studentin geht eifrig auf den Essenstisch zu. Während sie mit ihrer einen Hand auf den Tasten ihres Handys herumdrückt, wirft sie mit der anderen Hand ein paar Münzen in die Spendenkasse und schnappt sich ein Marmeladenbrötchen, das ebenso schnell in ihrem Mund verschwindet, wie sie von der Bildfläche. Wie gesagt, das ist 2009.

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