SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 27. November 2009

babyklappeBabyklappen sollen weg. Das hat der deutsche Ethikrat in einem Positionspapier gefordert, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. Derzeit können Mütter in rund 130 Kliniken anonym ihre Kinder entbinden lassen; daneben gibt es 80 Babyklappen, in denen Frauen unerkannt ihr Baby abgeben können. 500 Kinder gibt es mittlerweile, die deshalb nie erfahren werden, wer ihre Eltern sind. Treibende Kräfte bei der Einführung dieser Babyklappen waren die ehemalige Regensburger Bundestagsabgeordnete Maria Eichhorn (CSU) und Maria Geiss-Wittmann (ebenfalls CSU), die sich in ihrer Eigenschaft als Donum Vitae-Vorstände jahrelang dafür eingesetzt haben, die Möglichkeiten zur anonymen Geburt zu erweitern. 1999, in einer Zeit als die Debatte um die Schwangerenkonfliktberatung in extrem aufgeheizter Atmosphäre stattfand, als katholische Laienorganisationen gegen den Willen der Amtskirche Beratungsscheine ausstellten und damit – platt gesprochen – erfahren durften, was Inquisition in der katholischen Kirche bedeutet, riefen sie das „Projekt Moses” ins Leben. Donum Vitae übernahm darüber schließlich die Organisationshoheit. Babyklappe, erweiterte Möglichkeiten der anonymisierten Geburt, alles mit der Begründung: Schutz des ungeborenen Lebens, weniger Kindstötungen, Ausweg für hilflose Frauen in Notsituationen. Ein Ansinnen, das nobel klingt. Maria Eichhorn. Foto: ArchivDas Problem: Die Gesetzeslage passt nicht zu diesem Ansinnen. Das Recht eines Kindes, seine Abstammung zu kennen, hat – wie in mehreren Urteilen bestätigt wurde – Verfassungsrang. Auch waren sich Fachstellen wie Kinderschutzbund, Terre des Hommes oder Pro Familia bereits damals darüber einig: Babyklappen lösen weder das Problem von Kindstötungen, noch sind sie geeignetes Mittel, um Schwangeren die Entscheidung zum Kind zu erleichtern. Ein Gutachten, das Eichhorn (Foto) bei dem Verfassungsrechtler Ernst Benda in Auftrag gegeben hatte, wurde unter Verschluss gehalten; wenig verwunderlich, denn Benda war anderer Auffassung als Eichhorn: Dass anonyme Geburt Leben rette, müsse erst bewiesen werden, so der Verfassungsrechtler . (Nachtrag der Redaktion) Erkenntnisse zur anonymen Geburt gibt es aus Frankreich. Dort wurde dies Möglichkeit 1941 vom Vichy-Regime eingeführt. Sie sollte Frauen eine Alternative zur Abtreibung bieten, auf die die Todesstrafe stand. Diese bis heute gültige Rechtslage hat dazu geführt, dass es mittlerweile rund 400.000 Franzosen gibt, die nichts über ihre Herkunft wissen. Sie nennen sich selbst die „elternlose Generation”, ein Großteil von ihnen leidet unter extremen psychischen Problemen. Ähnlich Erfahrungen gibt es auch aus den USA. Sturm-5-RC„Man gewinnt den Eindruck, dass bei Donum Vitae die katholische Ideologie über die Fachlichkeit gestellt wird”, fasst Peter Sturm, Vorstandsmitglied von Pro Familia Regensburg (Foto), zusammen. Der Regensburger Ortsverband hatte sich bereits 2002 in einem Brief an die damalige Justizministerin Brigitte Zypries gegen eine angedachte Gesetzesänderung zur anonymen Geburt gewandt und die Babyklappen scharf kritisiert. Letztlich erfolgreich – bis heute wurden die Gesetze nicht geändert. Doch Donum Vitae arbeitete weiter. Man werde die Grenzen des Gesetzes ausloten, so die damalige Argumentation. Alles zum Wohle des Kindes. Eva Zattler (Foto) ist Expertin auf dem Gebiet. Sie hat maßgeblich an der Stellungnahme von Pro Familia mitgearbeitet. Die Sozialpädagogin und Familientherapeutin hat in den letzten 20 Jahren rund 16.000 Beratungsgespräche geführt und nimmt die Position des Ethikrats mit großer Erleichterung zur Kenntnis. „Kindstötungen sind eine Affekthandlung”, vergleichbar mit einem Amoklauf. „Diese Frauen haben extreme Probleme. Eine geplante Handlung – der Weg zur Babyklappe – ist da keine Alternative.” zattlerDie Erfahrungen der letzten zehn Jahre bestätigen das: Die Zahl der Kindstötungen ist – mit 30 bis 40 getöteten Babys pro Jahr – konstant geblieben. Wenn eine Frau ihr Kind nicht wolle, so Zattler, gebe es bereits jetzt die Möglichkeit, es zur Adoption frei zu geben. Frauen, die keine Krankenversicherung haben, müsse man die Möglichkeit einer kostenlosen Entbindung bieten, anstatt als einzige Alternative „Kind abgeben” zu bieten. „Eine Frau, die sich illegal in Deutschland aufhält, muss, ohne Angst vor Entdeckung in die Lage gesetzt werden, ihr Kind in einer Klinik zur Welt bringen zu können”, so Zattler. „Das wäre eine zivilisatorische Leistung.” Das Verständnis „Das arme Hascherl kann sich nicht um sein Kind kümmern, aber wir bieten ihr die Babyklappe” entspricht in den Augen von Zattler einem „Sozialarbeitsverständnis von 1899”. Rechtlich bindend sind die Empfehlungen des Ethikrats übrigens nicht. Beim „Moses-Projekt” wurde bereits reagiert. Statt „anonyme Geburt” soll es nun das Etikett „vertrauliche Geburt” geben. Der Ethikrat fordert in seiner Stellungnahme einen Ausbau der Informations- und Beratungsangebote. Auch das hat Pro Familia Regensburg bereits vor sieben Jahren getan. „Die Babyklappe ist keine Möglichkeit auch nur einziges Kind zu retten. Sie schafft eine neue Art von Findelkindern”, sagt Peter Sturm heute. „Wir brauchen ein Klima, in dem die Gesellschaft Kinder willkommen heißt und in der die Geburt eines Kindes nicht das größten Armutsrisiko überhaupt darstellt.”

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