SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 13. April 2010

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.” Trotzdem brachte es der Modell-Untertan aus Heinrich Manns Roman zum Generaldirektor, Fabrikbesitzer und Träger des Kaiser-Wilhelm-Ordens. Das Mittel: ein Denkmal für seine kaiserliche Hoheit.

Wie weit es Kulturreferent Klemens Unger dank seines Faibles für monarchische Standbilder noch bringen wird, bleibt ungewiss. Fest steht: Der Brauerei Bischofshof hat Unger die wohl epochalsten PR-Veranstaltung beschert, die Regensburg je gesehen hat: den Umzug des Reiterstandbilds von König Ludwig I. auf den Regensburger Domplatz am 9. Mai 2010. Ein Bier-Blasmusik-Bratwurstsemmel-Event der Extraklasse mit Welterbe-Anstrich steht auf dem Programm.

„Der König kehrt zurück” steht in großen Lettern über den wortgleichen Texten, die auf den Internetseiten der Brauerei Bischofshof und der Stadt Regensburg veröffentlicht wurden. Die Mittelbayerische Zeitung, in der das Event schon jetzt großflächig und wohlmeinend angekündigt wird, konnte am Wochenende gar mit einer 20seitigen Bischofshof-Werbebeilage aufwarten. Sogar den Regensburger Bischof hat die kircheneigene Brauerei als Werbeträger gewinnen können: Gerhard Ludwig Müller wird an dem historischen Tag ein Pontifikalamt anlässlich der Denkmal-Verpflanzung feiern.

Daneben werden Wittelsbacher Prinzen eingeflogen, um Kutschen für den gewaltigen Umzug zu bestücken, für den kurzerhand 500 Gäste aus nah und fern eingeladen wurden. Bier und Bratwurst werden ihr übriges tun, um weitere Schaulustige anzulocken, die sich an der Regensburger Kulturprovinz ergötzen.

Im Kreis der Bierköniginnen, im Schatten des Königs: Brauereidirektor Goß, Oberbürgermeister Schaidinger, Kulturreferent Unger. Foto: Staudinger

Federführend verantwortlich dafür, dass sich Regensburg kulturell auf den Stand von 1902 zurück bombt – damals wurde das Denkmal für den Monarchen auf dem Domplatz aufgestellt – ist der „Welterbe Kulturfonds Regensburg – Die Förderer e. V.“.

1. Vorsitzender des Vereins: Kulturreferent Klemens Unger, 2. Vorsitzender: Bischofshof-Brauereidirektor Hermann Goß. Brauerei und Stadt Regensburg jubilieren über das „bürgerschaftliche Engagement” des Vereins, der es sich zum Ziel gesetzt hat, „das Regensburger Welterbe zu fördern und den Regensburger Bürgern näher zu bringen”.

Zu diesem Behufe will man „interessante Veranstaltungen zum Welterbe Kultur Regensburg” organisieren. Sogar eine Welterbe-Münze haben die Förderer schon bei der Volksbank Regensburg prägen lassen. Hui!

Unter „interessante Veranstaltungen” der „Förderer” scheint die Versetzung des Ludwig-Denkmals zu fallen. Den Regensburgern „näher gebracht” hat man dieses Ansinnen mit einer originellen Aktion a la „Bischofshof saufen fürs Welterbe”. 30.000 Euro der Kosten fürs königliche Restaurierungs- und Umzugsspektakel, die mit derzeit insgesamt 100.000 Euro beziffert werden, kamen angeblich aus der Bischofshof-Aktion 20 Cent pro Kasten Bier fürs Ludwig-Denkmal. Das wären – wenn’s denn stimmt – schlappe 150.00 Kistchen.

„Die Schande wird wieder gut gemacht”, sagt der Kulturreferent zur Rückführung des Denkmals auf den Domplatz. Schließlich hätten die Nazis 1936 den „Kini” von dort in die fürstliche Allee verpflanzt. Ein erstaunlicher Kontrast zu Ungers ansonsten eher gemächlich-inkompetenten Gangart, wenn es darum ging, solche „Schande” wiedergutzumachen: Sei es eine Gedenktafel am ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum oder für die Regensburger Neupfarrplatzgruppe – Unger ließ sich Zeit. Beim „Kini” hat er dagegen kein Engagement gescheut und auch noch offene Türen eingerannt: 100.000 Euro für ein entsprechendes Gutachten zur geplanten Versetzung kamen aus der Stadtkasse.

In seiner Eigenschaft als Kulturreferent hat Unger es sogar geschafft, die Denkmal-Wanderung mit ins kulturelle Jahresprogramm der Stadt unter dem Motto „..10 Aufbruch” aufzunehmen und so Vereins- und städtische Kulturarbeit ein bisschen zu vermengen. In welche Richtung der Ludwig-Aufbruch führen soll, bleibt allerdings im Verborgenen.

Untertan Diederich Heßling wurde für sein Engagement zugunsten eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals reich belohnt. Was springt nun für Herrn Unger heraus? Im kommenden Jahr wird ein neuer Kulturreferent gewählt. Wenn Regensburg sich mit solch königstreuen Aktionen als Weltkulturerbe präsentiert, ist Unger dafür genau der richtige.

Wiedersehen nach 65 Jahren

Obwohl sie als Zwangsarbeiterin von der Krim nach Deutschland deportiert wurde: Die heute 88jährige Marija Pronina verbindet auch positive Erinnerungen mit den drei Jahren, während derer sie auf dem Bauernhof der Obermeiers in Pirkensee (Landkreis Schwandorf) arbeiten musste. „Jeden Tag hat man miteinander gearbeitet und an einem Tisch gegessen, und Weihnachten habe ich immer ein […]

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