Antifaschistischer Gedenkweg: Dokumentationszentrum gefordert

„Wenn Sie öffentlich machen, dass es hier ein KZ-Außenlager geben hat, werden Sie die Konsequenzen tragen.” Diesen Spruch bekam Hans Simon-Pelanda von der ARGE ehemaliges KZ Flossenbürg 1983 aus dem Regensburger Rathaus zu hören. Damals hatten Schülerinnen und Schüler der BOS im Rahmen eines Geschichtsprojekts das KZ-Außenlager Colosseum in Regensburg Stadtamhof „wieder entdeckt”. Mindestens 65 Menschen wurden dort ermordet. Wie viele beim Todesmarsch ums Leben kamen, den die 400 Gefangenen in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 antreten mussten, lässt sich bis heute nicht genau sagen. 50 von ihnen wurden am 1. Mai in Laufen an der Salzach befreit. Bei einer Demonstration am 9. November 1993 wurde schließlich eine – von den Schülern gestiftete – Gedenktafel Jahre an der Steinernen Brücke angebracht – ohne Zustimmung der Stadt.

Dem Zeter-und-Mordio-Geschrei der CSU – „Der Schwarzbau muss weg“ – stellte sich die zwischenzeitlich gewählte SPD-Oberbürgermeisterin Christa Meier entgegen. Die Tafel blieb gut sichtbar an der Steinernen Brücke hängen, bis schließlich ein knappes Jahr später ein Gedenkstein in Stadtamhof kam. Die Tafel an der Steinernen Brücke wurde bei ihrer Entfernung „versehentlich” zerstört. „Versuchen Sie einmal einem Auswärtigen zu erklären, warum es in Regensburg zwei getrennte Veranstaltungen gibt”, sagt Hans Simon-Pelanda 27 Jahre später neben diesem Gedenkstein, der versteckt zwischen Fahrrädern und Hundedreck aufgestellt ist und keinerlei Hinweis auf das Colosseum enthält.

„Versuchen Sie einmal einem Auswärtigen zu erklären, warum es in Regensburg zwei getrennte Veranstaltungen gibt.” Hans Simon-Pelanda.

Simon-Pelanda ist auch dieses Jahr am 23. April zum Gedenkweg für die Opfer des Faschismus gekommen, zu dem die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) seit Jahren aufruft. Die Stadtspitze hat bereits am Tag vorher ihre Veranstaltung durchgeführt. Domprediger Johann Maier, der Polizeibeamte Michael Lottner und Josef Zirkl stehen im Fokus des städtischen Zeremoniells. Man gedenke der drei Ermordeten „sowie aller Opfer des Nationalsozialismus und des Krieges”, heißt es in der städtischen Pressemitteilung. Eine Flucht ins Allgemeine, die für den Umgang der Stadt mit ihrer NS-Vergangenheit typisch ist. Luise Gutmann von der VVN bringt es in ihrer Rede am Neupfarrplatz auf den Punkt. „Das öffentliche und sichtbare Gedenken an Verfolgung und Widerstand in Regensburg muss eine kritische Stadtgesellschaft bis heute gegen die CSU und die von ihr dominierte Stadtverwaltung durchsetzen.” Beispiele gibt es zur Genüge.

„Danke, dass Sie nicht vergessen, dass wir nicht vergessen dürfen.“ Rabbi Josef Chaim Bloch im Gespräch mit Luise Gutmann.

Im historischen Museum kommt die NS-Geschichte eigentlich nicht vor. Auch bei den Bewerbungen zur Kulturhauptstadt und zum Welterbe musste die Stadt in diesem Punkt nacharbeiten. Die Hans-Herrman-Schule in Regensburg trägt bis heute den Namen eines Nazi-Bürgermeisters. Die unsägliche Diskussion um die Umbenennung der Florian-Seidl-Straße ging in den 90ern bundesweit durch die Gazetten. Stadtarchivar Heinrich Wanderwitz erstellte seinerzeit im Auftrag der CSU ein Gutachten, in dem er den Nazi-Dichter Seidl unter anderem mit Kurt Tucholsky auf eine Stufe stellte. Die aktuellen Diskussionen sind nicht weniger peinlich: Der Neupfarrplatzgruppe – einer breit gefächerten Gruppe von NS-Gegnern, von denen neun ermordet wurden, verweigerte eine Mehrheit im Kulturausschuss jüngst eine Gedenktafel.

CSU-Fraktionschef Christian Schlegl sprach von „Gedenktafeltourismus” und davon, dass man ein tiefer gehendes Konzept entwickeln müsse. Kulturreferent Klemens Unger wurde beauftragt, ein solches Konzept zu entwickeln. Dass es bei ihm sowohl an Kompetenz wie Enthusiasmus dafür fehlt, hat er in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt – etwa mittels einer dilettantischen Auflistung vermeintlicher Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus oder durch seinen Umgang mit einer städtischen Publikation, in der ein NS-Karrieristen en passant entnazifiziert wurde. Beim KZ-Außenlager Colosseum drohte die von den Grünen erneut angestoßene Diskussion um eine Gedenktafel ob der – politisch wohl auch gewollten – Untätigkeit Ungers zu versanden. Erst nach mehrfachen Protesten wurde eine Versetzung des Gedenksteins im Kulturausschuss beschlossen, Bodenplatten zur Erinnerung an die Opfer soll es geben. Wann ist noch unklar. Gut Ding will offenbar Weile haben. Bislang 27 Jahre.

Der alljährliche Gedenkweg ist damit weiter der einzige Tag, an dem die Namen der 65 Opfer des KZ-Außenlagers öffentlich zu lesen sind. Vor diesem Hintergrund kann es nur verärgern, mit welcher Geschwindigkeit und Wortwahl der Kulturreferent dagegen die Sanierung und Versetzung des Denkmals von König Ludwig ins Werk setze. Keine drei Jahre hat Unger im Verbund mit der Brauerei Bischofshof gebraucht, um von der Idee zur Umsetzung zu kommen. Am 9. Mai wird das Monarchen-Standbild mit Marschmusik und Bierfest auf dem Domplatz einziehen. „Die Schande wird wieder gut gemacht”, meinte Unger dazu in der Tageszeitung, mit Blick darauf, dass die Nazis das Standbild aus verkehrlichen Gründen in der fürstlichen Allee parkten.

„Es ist eine Schande, dass diese Stadt bis heute den 65 Toten des Colosseums einen Ort des Gedenkens verweigert”, erwidert Luise Gutmann am Freitag darauf. „Es ist eine Schande, dass es keinen Ort gibt, der die lokale Geschichte des Nationalsozialismus und des lokalen Widerstandes dokumentiert.” Gutmann fordert ein NS-Dokumentationszentrum für Regensburg. Aus dem Stadtrat hören es immerhin Margot Neuner (SPD), Richard Spieß (Linke) und Jürgen Huber (Grüne). Sie gehören zu den etwa 150 Teilnehmern des Gedenkwegs. Der führt vom Colosseum über den Neupfarrplatz zur Jüdischen Gemeinde. Im Minoritenweg wird an Wolfgang Waller erinnert, der als Zeuge Jehovas – von den Nazis im KZ Mauthausen ermordet wurde. Am Dachauplatz wird schließlich auch Domprediger Maier, Michael Lottner und Josef Zirkel gedacht (eine Bericht dazu vom vergangenen Jahr). „Wir wollen nicht separieren”, sagt Hans Simon-Pelanda. „In den Lagern der Nazis gab es auch keine Lagerbildung.” In Regensburg sehr wohl.

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Kommentare (2)

  • senftl

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    Nach der Gedenkveranstaltung fand noch eine Lesung im Karmelitenhotel statt bei der Hans Simon-Pelanda und ein Mensch vom Schriftstellerverband ein neu erschienenes Buch vorstellten, das die Ag-Flossenbürg ermöglichte, übersetzte und verlegt.
    Das Buch besteht aus drei Büchern, die in unterschiedlichen Stilen, in großen zeitlichen Abständen und Lebensphasen geschrieben, dieselbe Schreckensgeschichte vergegenwärtigen und damit auch den persönlichen Umgang mit der unvorstellbar grausamen Erinnerung darann, die im ersten Buch von 1949 in Form einer mittelalterlichen Sage verarbeitet wurden, weil der damals noch jugendliche Verfasser nichts falsches zu Papier bringen wollte. Er hat unvorstellbares Leid miterlebt und befand sich in einem Delirium…. später begann er zu recherchieren und konnte die Stationen seiner Gefangenschaft zusamenn mit Leidensgenossen akribisch rekonstruieren.
    Das war eine erschütternde aber auch sehr interessante Lesung mit viel Bezug zur Gegenwart!
    Hier geht es auch um eine Aufarbeitung von Geschichte und Erinnerung, die niemanden ausschließt, um ein lebendiges und glaubwürdiges Gedenken.Dabei braucht mir niemand mantrahaft wiederholen, wie betroffen ich zu sein habe, da gibt es auch schönes zu berichten, beispielsweise, das es gelungen ist in Zusamenarbeit mit dem Verfasser, das Buch zu verlegen und die „Mittelhochniederländischen“ Wendungen zu übersetzen. (Oder das es in der Oberpfalz gibt es auch Friedhöfe für Opfer der Todesmärsche gibt, die von der Bevölkerung ganz unbefangen in Ihrer katholischen Tradition gepflegt und nicht versteckt werden. Ohne Initiativen wie der AG_Flossenbürg wären aber die Gefangenen von damals wohl nie mit der Bevölkerung zusammengekommen um die Orte des Schreckens oder ihrer Befreiung zu besuchen… beispielsweise….)

    Das offizielle Gedenken der Stadt am vorangegangenen Tag empfand ich doch als etwas peinlich, es bestand vor allem aus Weglassen:
    Frauen (die für die friedliche Übergabe der Stadt demonstrierten), Kz Häftlinge aus dem Kolosseum, die Opfer der Todesmärsche, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter usw. kommen dabei nicht vor.
    Wir sind alle Opfer. Der Bischof muß unbedingt nocheinmal die katholischen Reihen schließen und weihen (auf das alle Araber gehen müssen). Kann der eigentlich noch etwas anderes als überall seinen Segen zu verteilen? (Das kann einem echt leid tun für Ihn.) Die Beiträge von evangelischer und jüdischer Seite hielten sich zwar allgemein an das menschliche Gewissen usw, ich fand sie jedoch ganz gut, da es mir gelang dabei etwas in mich zu gehen. Auch die Bos Regensburg sprach da erfrischend von Zivilcourage.
    Der Schaidinger hatte einen langen weißen (als Zeichen der Läuterung?!) Staatsmantel an. Es fehlte eigentlich nurnoch der goldene Umhang wie bei Charlie Chaplin…. und die passende Kappe (dieser Mantel!…..!!!!) Er sprach unter anderem von der Verantwortung die wir nun wahrnehmen müssen……………………………….in neuen Kriegen. Gerahmt von katholischen Verbänden im Blauhemd mit altdeutsch beschrifteten Fahnen….Ein einziges Bild der Unzeitgemäßigkeit. Und obendrein: Makaber!
    Ich empfand es als schlimm, wie hier Geschichte glattgebügelt wird. Es reicht anscheinend, wenn man drei Jesuse benennen kann, die Erinnerung an die Umstände vor 60 Jahren ist dabei jedoch getrübter als die an die Kreuzigung von vor 2000 Jahren. Alles wird entschuldigt und darf sich natürlich nicht wiederholen.
    Ja, ich kann nichts dafür denke ich mir da. aber wofür eigentlich? Das wurde ja kaum gesagt, da wurden ja alle Opfergruppen, die nicht unbedingt notwendig gezwungener Maßen benannt werden mussten weggelassen, die Geschichte mit jedem Halbsatz verkürzt. Betroffen soll man sein, das wird einem noch extra gesagt. Interessant fand ich es, wie man sich vor Puplikum entnazifiziert. Wer hat den sowas nötig? Wie kann es sein, das da weniger zur Sprache kommt als in jedem besseren Bilderbuch über die Stadtgeschichte????

    Tja, ich bin mit dem Vorsatz hingegangen, unvoreingenommen zu Gedenken – es wollte mir nicht bei allen Beiträgen gelingen.

    gez: senftl

    Hier nocheinmal das oben erwähnte Buch:
    Henk Verheyen kam als Jugendlicher, nach Verhören und Folterungen im Gestapo-Gefängnis in Antwerpen über Essen in das KZ Esterwegen VII, dann in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen (Schlesien), von dort Anfang April ins KZ Flossenbürg, wo er am 20. April auf den Todesmarsch getrieben wurde. Am 23. April bei Cham in Ostbayern von der US-Army befreit, kehrte er nach Antwerpen zurück, Studium und Kabinettschef des Hafensenators von Antwerpen. Schon als er einen ersten Zeitungsartikel über seine Erlebnisse in deutschen Gefängnissen und KZ verfasst, ringt er mit seiner ERINNERUNG: Was geschah ihm? Was weiß er davon? Was gibt ihm seine Erinnerung preis? Der Verfasser versucht 1949 mit einer Schilderung als altgermanische „Sage“, 40 Jahre später mit der „Promenade“ (1986) und zuletzt mit der Rückkehr ins „Sanatorium“ (1994) eines deutschen KZ seine Erinnerung so „wahr“ und authentisch wie möglich darzustellen. Der vorliegende Band vereint die Veröffentlichungen von 1949 und 1994 sowie Ausschnitte aus der „Promenade“ jeweils mit den Original-Illustrationen von Leo Lewi und Henk Verheyen. Bestellungen an: Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg e.V., Hemauerstraße 15, D-93055 Regensburg
    http://www.arge-kz-flossenbuerg.de

  • eduard buchinger

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    an @all ;.)

    Denkt immer daran, dass wir hier in Regensburg einen dicklichen CSU „Stadtrat“ haben. Der mitunter nichts besseres zu tun hat, als einen in Regensburg betriebenen „Gedenktafeltourismus“ anzuprangern!
    Es dennoch wagt, sich in der hiesigen Jüdischen Gemeinde (mit Anderen ahnlich Gesinnten) zu zeigen.

    Mit besten Grüssen! Eduard Buchinger

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