SOZIALES SCHAUFENSTER

Zwillingsschwester im Zeugenstand

Baumer-Prozess: Welche Rolle spielt der Bruder des Angeklagten?

Im Zeugenstand spricht die Zwillingsschwester von Maria Baumer über deren Verschwinden und davon, wie lange sie Christian F. vertraut hatte. Immer wieder taucht ein Bruder des Angeklagten in ihren Schilderungen auf. Doch der wird kein Licht ins Dunkel bringen.

Christian F. hinter seinen Pflichtverteidigern Johannes Büttner und Michael Haizmann. Foto: om

Ernsthaft besorgt war Barbara Baumer am 26. Mai 2012 noch nicht, als der Verlobte ihrer Zwillingsschwester sie gegen Mittag anrief und ihr mitteilte, dass die Maria aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden sei. Und als er am Nachmittag dann erzählte, dass Maria mittlerweile angerufen und ihm gesagt habe, dass sie bis Montag eine Auszeit brauche und deshalb nach Hamburg fahre, da sei sie zwar schon überrascht gewesen: „So etwas hat nicht zu ihr gepasst.“ Aber da „der Christian“ das sage, habe sie „keinen Zweifel“ gehabt, „dass das stimmt“. Erst als sie dann Montagnacht vergeblich am Bahnsteig darauf gewartet habe, dass Maria aus dem letzten Zug aus Hamburg aussteigt, sei sie völlig verzweifelt gewesen.

Schwester vertraute Christian F.

Über zwei Stunden sitzt die hochschwangere Barbara F. (gebürtige Baumer) am Mittwoch im Zeugenstand vor der zweiten Strafkammer von Richter Michael Hammer. Sie berichtet davon, dass sie und ihre Schwester fast täglich „sehr viel und ausgiebig“ gestritten hätten, dass aber zwischen sie auch „kein Blatt“ gepasst habe. Beide hätten keine Geheimnisse voreinander gehabt. „Maria wusste schon, wenn es mir schlecht geht, bevor ich es selbst gemerkt habe.“

Für sie sei Christian F. Teil der Familie gewesen, erzählt Barbara F. Und das ohnehin gute Verhältnis sei nach Marias Verschwinden sogar noch enger geworden. Man habe sich „umeinander gekümmert“, so ihr damaliger Eindruck. Gemeinsam suchte man nach der Verschwundenen, trat miteinenander in der Fernsehsendung „Aktenzeichen xy ungelöst“ auf. Dass der heute Angeklagte irgendwann von selbst Abstand hielt, habe sie schade gefunden. Es habe ihr gut getan, einen Vertrauten von Maria an ihrer Seite zu haben. „Das einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass der Christian damit nichts zu tun hat“, heißt es noch in einer Aussage, die die heute 34jährige im April 2013 gegenüber der Polizei gemacht hatte – fünf Monate, bevor Maria Baumers sterbliche Überreste in einem Waldstück bei Bernhardswald gefunden wurden.

Erfundene Anrufe und Nachrichten?

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte Christian F. sie bereits in der Nacht von 25. auf den 26. Mai 2012 mit einem Medikamentencocktail vergiftet und anschließend dort verscharrt. Die angeblichen Anrufe Marias habe es demnach nie gegeben. Eine kryptische Facebook-Nachricht seiner Verlobten habe der Angeklagte, der alle ihre Passwörter kannte, mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst an deren Laptop geschrieben: „Mein Schatz es tut mir weh, aber ich kann nicht anders. Du weißt, was ich dir gesagt habe. Ich liebe dich.”

Erst nach dem Fund von Marias Leiche bei Bernhardswald seien ihr erste Zweifel gekommen, erzählt Barbara F. Nach einem Gespräch mit der Kripo, die ihr 2014 verschiedene Indizien präsentiert habe, habe sie Christian F. nicht mehr vertraut. Bei einem späteren Treffen mit ihm ließ sich Barbara F. verkabeln und zeichnete das Gespräch auf.

Verwunderung über den Bruder

Immer wieder taucht der älteste Bruder des Angeklagten in den Schilderungen der Zwillingsschwester auf. Als sie am Mittwoch nach Marias Verschwinden zu Christian F. gefahren sei, um dort wie zuvor verabredet gemeinsam an deren Computer zu recherchieren, sei der schon mit seinem Bruder K. am PC gesessen und habe ein Programm drüber laufen lassen. Bereits am Montag zuvor, als Barbara Baumer Christian F. „ablösen“ wollte, um dort auf die Rückkehr von Maria zu warten, sei sein Bruder mit ihm vor dem Haus gestanden. Christian F. habe damals extrem gezittert.

Sie sei verwundert gewesen, dass K. F. zu der Zeit häufiger bei Christian gewesen sei. Immerhin wohne dieser über 200 Kilometer entfernt. „Ich war aber auch wahnsinnig erfreut, dass sich der K. so um seinen Bruder kümmert.“

Christian F. habe ihr gegenüber auch einen von Maria geschriebenen Zettel erwähnt, den sein Bruder in der Wohnung gefunden haben will. Darin habe es Selbstmordandeutungen gegeben. „Den hätte ich gerne gesehen, weil das überhaupt nicht zu ihr passt.“ Im engeren Bekanntenkreis habe es zwei Suizide gegeben. Sie und ihre Schwester hätten darüber viel geredet und seien sich einig gewesen, dass man so etwas seinen Angehörigen und Freunden nicht antun dürfe.

Wie der Vorsitzende Michael Hammer am Mittwoch bekannt gibt, hat K. F. dem Gericht zwischenzeitlich mitgeteilt, dass er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht umfassend Gebrauch machen wird. Am nächsten Verhandlungstag ist er dennoch geladen.

Fragwürdiger Spaten-Fund

Der Bruder des Angeklagten war es auch, der der Polizei den Fund eines zunächst verschwundenen Spatens auf dem Dachboden des Angeklagten meldete. Neben dem Grab von Maria Baumer hatten die Ermittler einen Spaten gefunden, dasselbe Modell wie jener, den Christian F. wenige Tage vor ihrem Verschwinden in einem Baumarkt gekauft hatte. Bei einer ersten Durchsuchung durch die Polizei war dieser Spaten nicht auffindbar. Kurz darauf meldete dann K. F., dass er nun doch einen Spaten desselben Modells gefunden habe. Wie akribische Ermittlungen der Kripo ergaben, handelt es sich dabei allerdings um ein Modell, das erst lange nach dem Verschwinden von Maria Baumer, Ende 2012/Anfang 2013, in den Verkauf gelangte.

Nur einen Tag bevor K. F. seinen Spaten-Fund meldete, ist auf einem Überwachungsvideo dokumentiert, wie er bei der Wohnung seines Bruders vorfährt, das Haus mit einem Rucksack betritt und wenig später wieder verlässt.

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Kommentare (2)

  • R.G.

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    Nee, der große Bruder kann nichts Falsches gemacht haben, das muss ein superehrlicher Mensch sein, der arbeitet doch angeblich mit Kindern!

  • XYZ

    |

    Die Verwandten des Angeklagten sagen also nicht aus, wie zu erwarten, waren aber vor und nach dem Verschwinden allerhand zugange. Die Verteidigungslinie des RA Euler scheint mir klar zu sein: es muss eine (subjektive) Tötungs- oder Mordabsicht nachgewiesen werden, nicht nur (objektive) Tatmerkmale als da etwa wären googeln und löschen. Bin gespannt auf die Verlesung des Urteils von 2016. Daraus könnte evtl. noch geschlussfolgert werden, dass der Angeklagte sexuell unter Einsatz von Medikamenten interessiert war, aber nicht mortal?

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