Filmkritik

Business or Pleasure?

Was für eine Frage: selbstverständlich „Pleasure“! Der Film von Ninja Thyberg in der Filmgalerie im Leeren Beutel.

Von Paul Casimir Marcinkus

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Ein Film, in dem es um Sex geht und der vom Evangelischen Pressedienst empfohlen wird – sollte man den nicht aus Prinzip verreißen? Oder besser gar nicht ignorieren? An sich keine Frage. Aber bei „Pleasure“ ist alles anders. Man muss den Debutfilm der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg, der es 2020 in Cannes schon in die offizielle Auswahl schaffte und 2021 beim Sundance Filmfestival gleich nochmal, man muss diesen Film trotzdem loben. Denn es handelt sich bei „Pleasure“ um ein großangelegtes David-gegen-Goliath-Projekt. Der David ist in dem Fall die Frau, der Goliath der Mann, und der Stein aus der Schleuder des David trifft ins Schwarze, wie es geschrieben steht, mitten auf Goliaths Stirn. Boink!

Pleasure is the biggest business, isn‘t it?

Die Geschichte wurde mittlerweile auf allen Kanälen kolportiert, hier nur so viel: Neunzehnjährige Schwedin ist von ihren MitschwedInnen derart gelangweilt und angefressen, dass sie fest entschlossen ist, auszuziehen und das Gruseln zu lernen. Was bietet sich hier an? Yes, Sir: Los Angeles und die Sexfilmindustrie. Am Flughafen in LA muss sie folgerichtig die Frage nach dem Grund ihres Einreisebegehrens beantworten, und das kapitalistisch-manichäische Schema kennt da nur zwei Möglichkeiten: „Business or Pleasure?“ Wer jemals amerikanischen Boden betreten hat, der weiß, dass das eine rein rhetorische Frage ist, denn: Pleasure is the biggest business, isn‘t it?

Dahinein stürzt sich die blutjunge Heldin Hals über Kopf. Und bald schaun nur noch ihre Beine raus. Aus dem Fleischwolf, durch den sie da gedreht wird. Nicht ohne ihre Zustimmung, versteht sich. Das große Einverständnis. Fast pausenlos wird Linnéa, so hat sie bis vor kurzem noch geheißen, jetzt heißt sie Bella Cherry, gefragt, ob sie mit dem, was gerade passiert, einverstanden ist. – Ja, klar! – Wirklich? Wir können jederzeit abbrechen! Du musst es nur sagen!

Kein Männerstammtisch hat das schwedische Zustimmungsgesetz je so bitter parodiert. Nur läuft der Hase hier andersrum: Wenn sie denn nur immer und wirklich was hülfe, die ausdrückliche Zustimmung! Wobei es hier längst nicht mehr um schlichten Sex geht. Bella Cherry will hoch hinaus. Das Pleasure Business verlangt nach Steigerung. Zwei Schwänze auf einmal. In den Arsch. Gewalt. Sich würgen lassen, sich anspucken lassen, sich schlagen lassen.

Dem pornographisch-industriellen Komplex Paroli bieten

Wie ging die Empfehlung, die der alte Löwe im Jackett (in einer Zeichnung von F.K. Waechter) dem Youngster bei einem Schnaps angedeihen ließ? So ging sie: „Gegen den Wind anpirschen, mein Junge, dann zack rauf und volle Pulle auf den unteren Halswirbelbereich. Das haben die geilen Antilopen am liebsten.“

Der Würgegriff des Mannes an der Gurgel der Frau. Ein Mann, der bei diesem Anblick oder bei dieser Vorstellung einen Ständer kriegt, sollte umgehend einen erfahrenen Therapeuten aufsuchen. Einen erfahrenen, wie gesagt, denn die vielen Larifari-Therapeuten sind mit derart gravierenden, gemeingefährlichen Störungen überfordert.

Ninja Thyberg dagegen ist der Sache in jeder Sekunde ihres Films gewachsen. „Pleasure“ mutet an wie das Werk einer routinierten Regisseurin, einer Sechzigjährigen, die mit allen Wassern gewaschen ist und daher dem pornographisch-industriellen Komplex Paroli bieten kann. Dabei ist Ninja Thyberg 37. Und hat sich laut Radio Berlin-Brandenburg (rbb) – Obacht, Herr Gesangsverein! Fasten your seatbelts! – den Gender Studies hingegeben. Ohne diese indes als alleingültiges Dogma zu verstehen. Nach eingehender Recherche in der Branche in LA kam sie zu ihrem eigenen Schluss.

Thyberg im rbb:

„Das war ein wichtiger Wandel für mich. Pornoinhalte sind oft frauenfeindlich, rassistisch, und es werden Klischees bedient. Ich dachte, Menschen, die das machen, müssten ja letztlich genauso sein. Das, was gezeigt wird, repräsentiert diese Menschen und ihre Vorlieben und Haltungen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Leute dort nur arbeiten und denken, dass wir die Perversen sind. Wir, die Konsumenten, sind rassistisch und frauenfeindlich. Sie glauben, wir sind der Grund für diese Inhalte, nicht sie.“ (Übersetzung: rbb)

Diese Erkenntnis merkt man dem Film an. Bis auf die Hauptdarstellerin (Sofia Kappel als Linnéa alias Bella Cherry: oskarreif) sind praktisch alle anderen Schauspieler Profis aus dem Business. Und das sieht man nicht nur, es verleiht dem Film nicht nur das unwiderlegliche Siegel der Authentizität. Es ist, als hätten die Professionals nur darauf gewartet, endlich mal Freigang zu kriegen aus ihrem sonderbaren Paralleluniversum. Und e i n m a l ihr ewig gleiches Gewerch zum Thema zu machen.

Bevor man über Pleasure reden kann, muss man über Business reden.

Ninja Thyberg macht das einerseits mit einfachen Mitteln. Schuss, Gegenschuss. Der Blick der Kamera auf das nervöse Gesicht von Bella Cherry, die Sicht des Endverbrauchers. Schnitt. Der Blick Linnéas auf die Kamera vor ihrer Nase, auf den Mann, auf die Männer, die sich an ihr zu schaffen machen. Das allein wäre an sich schon genug. Aber hier ist genug nicht genug. Thyberg hat auch raffiniertere Mittel auf Lager. Es kommt vor, dass der Ton abbricht, das Bild stehenbleibt. Dass eine Sängerin aus dem Off eine geistliche Kantate singt. Dass die Leinwand weiß wird. Dass der Kinozuschauer eine Sekunde lang zum Denken kommt.

Bella Cherry lernt schnell. Bei einem Dreh mit einer Frau, die sie als Konkurrentin ansieht, die ihr im Weg zu stehen scheint, macht sie mit der auf einmal genau das gleiche, was die Männer mit ihr machen: sie würgt sie, spuckt sie an, schlägt sie – Regisseur und Kameramann sind schwer beeindruckt, wie Bella Cherry auf einmal loslegt. Spitzenszene! Auf der Heimfahrt sitzen die beiden Frauen nebeneinander auf der Rückbank irgendeines Autos. Angeschnallt. Schauen schweigend nach vorn. Bis Bella Cherry sich zu der andern rüberdreht und sich entschuldigt. Aber die winkt ab: Don‘t mention! Don‘t worry! Basstscho! Und dann schauen sie wieder beide nach vorn. Eine kleine Ewigkeit lang. Großes Kino.

Business or Pleasure? Bevor man über Pleasure reden kann, muss man über Business reden. Und da brauchen die „ehelich Verheirateten“ (wie das bei Thomas Mann heißt, der kannte sich da aus) jetzt gar nicht schadenfroh auf vermeintliche oder tatsächliche Junggesellen zu starren, die sich Pornos anschauen oder ins Puff rennen. Denn es gibt kein Verhältnis im Bürgerlichen Recht, das so sehr ein Geschäftsverhältnis ist wie das Verhältnis zwischen dem Manne und seiner rechtmäßig angetrauten Gattin.

„Pleasure“ von Ninja Thyberg, mit Sofia Kappel, Schweden/Niederlande/Frankreich 2021, 109 Minuten
In der Filmgalerie im Leeren Beutel, Montag bis Mittwoch jeweils 19 Uhr (Mo.u.Mi.OmU)

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Kommentare (1)

  • Was ein mutiger Film

    |

    Kommentar gelöscht. Trolle unerwünscht.

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drin