Kritik an Auftragsarbeit zu Domspatzen im Nationalsozialismus

Den Domchor „so unschuldig wie möglich herauskommen lassen“

Vordergründig eine „Pionierarbeit“, tatsächlich werden wesentliche Aspekte verschwiegen und geschönt: das 2017 erschienen Buch von Roman Smolorz.

Das 2017 erschienene und damals weithin gelobte Buch „Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus“ von Dr. Roman Smolorz wird vom Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ mit deutlichen Worten kritisiert. Den Domchor und seine Führungskräfte wollte man „so unschuldig wie möglich herauskommen lassen“, sagt der emeritierte Professor Dr. Wolfgang Benz. Die Universität Regensburg musste sich nach der Buchveröffentlichung zudem mit einer Beschwerde wegen des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten auseinandersetzen.

Als im Herbst letzten Jahres die Auftragsarbeit von Roman Smolorz, Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus (2017), vorgestellt wurde, waren das mediale Echo und das ausgesprochene Lob groß und nahezu ungeteilt. Von „Pionierarbeit“ und „schonungsloser und offener Aufarbeitung“ war die Rede. Ausführliche Recherchen von regensburg-digital haben hingegen gezeigt, dass die in Teilen durchaus verdienstvolle Studie von Roman Smolorz gravierende Mängel aufweist. 

So wurden etwa unentbehrliche Aktenbestände aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dem Bundesarchiv nicht herangezogen und Signaturen falsch angegeben. Nachkriegslegenden wurden nicht hinterfragt, sondern reproduziert oder ergänzt, einschlägige wissenschaftliche Vorarbeiten teilweise ohne Würdigung und Einarbeitung nur ausgebeutet oder andere gänzlich ignoriert. Zu schlechter Letzt stellt Smolorz den damaligen Domkapellmeister Theobald Schrems als bedrohten Wohltäter vor, den örtliche Nazifunktionären enteignen hätten wollen. Oder irreführend und spekulativ als Opfer einer Sittlichkeitskampagne der Nationalsozialisten, die den damaligen sexuellen Missbrauch von Domspatzen-Zöglingen aber gerade nicht öffentlich thematisierte, obwohl höchste staatliche Stellen davon wussten, dass Schrems Missbrauchstäter schützte und duldete. 

Mittlerweile liegen neben der detaillierten Kritik von regensburg-digital auch die Rezeption eines renommierten Fachhistorikers und eine Beschwerde wegen des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Beides bestätigt und verstärkt die Kritik an der Arbeit von Roman Smolorz, die vom Verein der Regensburger Domchor-Freunde bezahlt und als Drittmittelprojekt am Sozialgeschichte-Lehrstuhl von Prof. Mark Spoerer betreut wurde.

Fachwissenschaftler übt Kritik an der Studie

Bereits im Februar dieses Jahres hat sich der langjährige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, der emeritierte Professor für Zeitgeschichte Dr. Wolfgang Benz,  mit einer Rezension der Arbeit von Smolorz geäußerte. Benz, ein international bekannter Experte zur Erforschung des Nationalsozialismus, bescheinigt Roman Smolorz hinsichtlich der „politischen und ökonomischen Parameter“, die für die Institution Domspatzen von Bedeutung waren, eine gute Recherche und präzise Darstellung. Der von Smolorz zugrunde gelegte wirtschaftswissenschaftliche Ansatz lasse „freilich kulturelle und ideologische Aspekte weithin unberücksichtigt“.

Was bei Smolorz unterbelichtet sei, betont Benz in seiner Rezension, die in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG 2/2018) erschienen ist. Etwa die Nähe und guten „Beziehungen zur Reichskanzlei“ Hitlers, die Bischof Michael Buchberger „lange Zeit“ gepflegt habe. Mit Blick auf die größeren, kirchlichen Zusammenhänge schreibt Benz, was auch für die Geschichte des Domchors gilt:

„Es ist die Geschichte von Anpassung und Gleichschaltung, die das kirchliche Leben im nationalsozialistischen Staat charakterisiert. Die katholische Amtskirche war fern jeder Regung zu machtvollem Widerstand aus dem Glauben oder wenigstens zu der deutlichen Distanz zum Regime, die sie nach dessen Zusammenbruch beanspruchte.“

Smolorz hingegen thematisiert diese problematische Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Verhalten während der NS-Zeit und der Selbstdarstellung nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 überhaupt nicht. Vielmehr folgt er am Schluss seiner Arbeit in wesentlichen Teilen den Exkulpationen von Theobald Schrems, denen zufolge dieser als Katholik verfolgt worden wäre und den Chor quasi widerständisch durch die zwölf dunklen Jahre gelotst und Auslöschungsversuche abgewehrt habe.

Nur kirchenfromme Historiker

Auf Nachfrage von regensburg-digital wird Wolfgang Benz noch deutlicher: „Die Geschichte der Regensburger Domspatzen ist ein eindeutiges Exempel für aktive Anbiederung von kirchlichen Einrichtungen an das NS-Regime.“ Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 hätten aber nur „kirchenfromme Historiker“ Zugang zu den belastenden Akten in den kirchlichen Archiven bekommen und im Einklang mit den Kirchenoberen „Schadenbegrenzung, so gut das geht“ betrieben. In diese Linie reiht Wolfgang Benz auch die Arbeit von Smolorz ein. Den Domchor und seine Führungskräfte wollte man „so unschuldig wie möglich herauskommen lassen“, so Benz. Eine wissenschaftlich neutrale Erforschung der Kirchen und ihrer Einrichtungen im Dritten Reich stehe in weiten Teilen noch aus. Das „dauert noch“, meint Dr. Benz gegenüber unserer Redaktion.

Ohne Akteneinsicht keine Überprüfung

Wolfgang Benz: „Die Geschichte der Regensburger Domspatzen ist ein eindeutiges Exempel für aktive Anbiederung von kirchlichen Einrichtungen an das NS-Regime.“ Foto: Axel Hindemith/ Wikimedia Commons

Was ebenfalls andauert, ist die wissenschaftsfeindliche Praxis, nur ausgewählten Forschern freien Zugang zu einschlägigen Akten im Bischöflichen Zentralarchiv zu gewähren. So wurde dem Autor dieses Textes mehrfach die Einsicht in Akten verwehrt, mit denen Roman Smolorz seinen Angaben zufolge gearbeitet hat. Begründung: Es handle sich „um Akten mit umfangreichen personenbezogenen Daten zu zahlreichen verschiedenen Personen“, deren Schutzfristen noch nicht abgelaufen seien. Ein Antrag auf Schutzfristverkürzung, gerichtet an Bischof Rudolf Voderholzer, wurde mit der gleichen Begründung abgelehnt: „Leider kann dem Antrag aus den bereits genannten Gründen nicht stattgegeben werden.“

Es ist dies eine unsägliche Praxis, die eine unabhängige Recherche verhindert und nur handverlesene „kirchenfromme Historiker“ zum Zug kommen lässt und diese im Zweifel schützt.

Staatliche oder städtische Archive, die ebenfalls personenbezogene Daten schützen müssen, pflegen hingegen eine andere Praxis. Diese haben beispielsweise Aktenanfragen von regensburg-digital durchgängig positiv beschieden, teilweise, gerade wenn es um sexuellen Missbrauch oder Nationalsozialismus geht, großzügig und tatkräftig unterstützt. Falls der Schutz von personenbezogenen Daten nötig war, wurden Namen geschwärzt. Es geht also auch anders.

Das Verwehren von Akteneinsicht ist allerdings nur das letzte Glied einer weitreichenden interessengeleiteten Vorgehensweise. Sie beginnt mit dem Motiv der Schadensbegrenzung und der Einschränkung des Themas, mündet in der Auswahl eines „kirchenfrommen“ Historikers und endet beim Verhindern einer Überprüfung der Auftragsarbeit. Schonungslose und offene wissenschaftliche Aufarbeitung geht anders. Das sah auch ein von Missbrauch betroffener ehemaliger Domspatzen-Zögling so.

Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten

Bereits Ende 2017 hat er sich an den Ombudsmann bei Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Universität Regensburg, Dr. Christoph Meinel, gewandt. Er trug einen solchen Verdacht vor und bat Meinel um die Überprüfung der Arbeitsweise von Roman Smolorz. In dem detaillierten Schreiben an Meinel, das unserer Redaktion vorliegt, wird moniert, dass Smolorz das Verhalten des ehemaligen Domkapellmeisters Theobald Schrems „mehrfach geschönt und teilweise grob verzerrend“ dargestellt habe. Etwa wenn es um die Vertuschung und Zulassung von „sexuellen Missbrauch von Domsängerknaben“ durch Schrems gehe.

Des Weiteren beruft sich der ehemalige Domschüler, der vom Bistum als Missbrauchsbetroffener anerkannt ist und anonym bleiben will, auf die Berichterstattung von regensburg-digital. Er bittet Ombudsmann Meinel unter anderem um die Überprüfung der damals von regensburg-digital publizierten detaillierten Kritik, wonach Smolorz „mehrfach eine unwissenschaftliche und offenbar interessengeleitete Vorgehensweise“ an den Tag gelegt habe.

In seiner Studie habe Smolorz, so der ehemalige Domspatz, mehrfach Sachverhalte, die Theobald Schrems schwer belasten würden, nicht eingeführt oder „Vorgänge, die nicht in das geschönte Bild vom nationalsozialistisch-verfolgten Chorleiter passen“, einfach ausgeblendet, „relevante Aktenbestände“ inhaltlich wohlweislich ignoriert und absichtlich falsche Aktensignaturen angegeben.

Akt aus Bundesarchiv R 4901 / 4494 („Die Errichtung einer Deutschen Musik Oberschule in Regensburg“) zum geplanten Musikgymnasium, den R. Smolorz irgnorierte. Foto: sm.

Abschließend beruft sich das Schreiben des ehemaligen Domspatzen auf die Internetseite des Ombudsmanns der Regensburger Universität, Christoph Meinel Universität. Dort heißt es:

„Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis beschädigen die Wissenschaft, stören das Vertrauen von Politik und Gesellschaft in die Wissenschaft und untergraben damit das Fundament der modernen Wissensgesellschaft.“

Die Überprüfung des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten war rasch erledigt. Innerhalb von zwei Wochen wurde die Sache abgearbeitet. In seinem eineinhalbseitigen Antwortschreiben an den ehemaligen Domspatzen von Anfang Dezember 2017, das unserer Redaktion ebenso vorliegt, sieht Ombudsmann Meinel „keinen Grund zur Annahme, Herr Smolorz habe gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen“.

Nur zwei Kritikpunkte überprüft

Auf welcher Basis kam Meinel zu diesem Ergebnis? In seinem Antwortschreiben heißt es, er habe den fraglichen Band „eingesehen und sowohl mit Herr Smolorz als auch mit dem damaligen Betreuer des Projekts, Prof. Spoerer (Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte)“ ausführlich gesprochen und eine schriftliche Stellungnahme des Autors Smolorz vorliegen.

Im Einzelnen geht Meinel nur auf zwei Aspekte ein. Zum einen teilt er mit, Smolorz habe die Akten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs (BayHStA Signatur MK 51323) im Quellenverzeichnis deshalb nicht angegeben, weil „die darin enthaltenen Informationen in anderen Überlieferungen ebenfalls und ausführlicher enthalten“ gewesen seien. Darüber hinaus könne es bei solch aufwendigen Aktenrecherchen „natürlich immer passieren“, dass man etwas übersieht. Meinel: „Kein Historiker kann sämtliche möglichen Aktenbestände lückenlos kennen oder auswerten.“

Dr. Roman Smolorz reagierte nicht auf eine Anfrage unserer Redaktion. Foto: Archiv/ Werner

Die Stellungnahme bezüglich der Akten aus dem Bundesarchiv, dem zweiten abgearbeiteten Aspekt, fällt ähnlich dünn und abwiegelnd aus. Bei der von Smolorz „falsch angegebenen Signatur“ handle „ es sich um ein Missgeschick“. Die fragliche Akte trage „in der Tat beide Signaturen, wobei die 7256 durchgestrichen [H.i.O]“ sei. Eine Kopie liege ihm vor. Smolorz habe bei der Schlusskorrektur vor dem Druck „im Zuge formaler Vereinheitlichungen dann leider die falsche Signatur hineinkorrigiert.“ So etwas könne passieren und sei unangenehm, eine unterstellte Absicht sei aber „abwegig.“

Ausweislich seiner Antwort hat Meinel aus einer Vielzahl von monierten Aspekten nur zwei abgearbeitet, alle anderen Kritikpunkte jedoch ignoriert. Im Übrigen sei es ihm, so Meinel, bei seiner Überprüfung „ausdrücklich nicht um Fragen der historischen Interpretation und Bewertung“ gegangen. Dies sei Sache des wissenschaftlichen Diskurses in Fachzeitschriften und Rezensionen. regensburg-digital sei „allerdings keine Fachzeitschrift“ und werde in der Fachwelt deshalb auch nicht wahrgenommen, so Meinel apodiktisch.

Ausflüchte statt überzeugende Erklärungen

Hat die Antwort des Ombudsmanns Meinel zumindest zwei der von dem ehemaligen Domspatzen angesprochenen Kritikpunkte entkräftet? Mitnichten.

Zu den oben genannten Akten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs ist anzumerken, dass Smolorz weder „die darin enthaltenen Informationen“, die beispielsweise Theobald Schrems als Günstling des NS-Regimes ausweisen, referiert hat. Noch führt er Informationen an, die aus anderen, ausführlicheren Überlieferungen stammen. Es fehlt bei Smolorz etwa der amtliche Schriftverkehr, der belegt, dass Schrems bis zum Ende des NS-Regimes von höchsten Nazi-Funktionären geschützt wurde. Um ein Beispiel zu nennen: Aus den Akten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs (BayHStA Signatur MK 51323) geht hervor, dass Theobald Schrems sich am 23. November 1944 mit der Bitte an den SS-Obergruppenführer und Chef der Reichskanzlei Hans Lammers wandte, zusammen mit den verbliebenen Domspatzen-Zöglingen in die Etterzhausener Almrausch-Hütte umziehen zu dürfen.

Theobald Schrems und die „Domchor-HJ“ in der Berliner Akademie November 1933. Foto: Privat

Andernfalls wäre, so Schrems in dem besagten Schreiben, die tausendjährige Tradition des Domchors unterbrochen und „zugleich mein Lebenswerk, das ich […] mit einziger Unterstützung des Führers aufgebaut habe, zerstört“ gewesen. Er bittet Lammers, „dem Führer unser Anliegen vortragen zu wollen“. Konkret ging es Schrems um die Erlaubnis für die Unterbringung in Etterzhausen zur schulischen Unterrichtung und der gesanglich-musikalisch Weiterbildung der Singknaben. Schrems: „damit der Chor erhalten bleibt und für die größere Aufgaben noch zur Verfügung steht.“ Lammers setzte daraufhin Anweisungen in Gang („der Regensburger Domchor [muß] erhalten bleiben“), die Schrems mit seinen Schülern nach Etterzhausen ziehen ließen und ihm dort bis zum Kriegsende Schutz gewährten.

Smolorz hingegen stellt diese Vorgänge in seiner Studie gegenteilig dar und ignoriert hierbei die unentbehrlichen Akten aus dem Hauptstaatstarchiv. So meint Smolorz etwa, die Bitte von Schrems an Lammers sei „jedoch ohne Erfolg“ (S. 167) geblieben. Schrems habe sich anderen Evakuierungsplänen staatlicher Stellen aber „widersetzt“ und stattdessen in Etterzhausen eine Notlösung gefunden. Smolorz glaubt seine Darstellung mit den Schutzbehauptungen von Theobald Schrems aus der Nachkriegszeit belegen zu können. Tatsächlich wiederholt er letztere nur und betreibt somit Geschichtsklitterung und Legendenschutz.

Signaturen nur ausnahmsweise korrekt

Beim zweiten von Ombudsmann Meinel beantworteten Aspekt, den falsch angegebenen Signaturen für die Akten aus dem Bundesarchiv (laut Meinel/Smolorz nur „ein Missgeschick“) verhält es sich ähnlich. Auch hier folgt der Ombudsmann den Angaben des in der Kritik stehenden Autors Smolorz, wiederum ohne eigene Überprüfungen angestellt zu haben. Eine solche hätte ergeben, dass Smolorz etwa auch den für seine Themenstellung unentbehrlichen Akt „Errichtung einer deutschen Musik-Oberschule in Regensburg (Musikgymnasium)“ (R 4901/4494) ignoriert hat.

Eine genaue Überprüfung der von Smolorz für die einschlägigen Akten aus dem Reichswissenschaftsministerium (Bundesarchiv R4901) angegebenen Signaturen hätte ergeben, dass die allermeisten davon falsch und nur wenige richtig sind. Darüber hinaus hat eine erneute Sichtung der Signaturen der einschlägigen Bundesarchiv-Akten durch regensburg-digital gezeigt, dass diese auf eindeutige und unverkennbare Weise gekennzeichnet sind.

Unverkennbar und eindeutig gekennzeichnet: der Akt R 4901/ 7256 („Das Lehrpersonal der gewerblichen Berufsschule Bielefeld“), dessen Signatur Smolorz in Fußnoten durchgängig falsch als seine Quelle „hineinkorrigiert“ habe. Unter „Quellen“ nennt er hingegen den Akt R4901 / 2579 , der ebenso falsch ist und die „Rückgliederung des Saargebietes“ behandelt; angeblich ein Missgeschick. Foto: sm.

Reine Verwechslungen, selbst größte Missgeschicke, wie Smolorz/Meinel sie reklamiert, sind nicht nachvollziehbar. Fotoaufnahmen belegen dies. Eine Anfrage bei Smolorz, wie die falschen Signaturen zustande gekommen sind, blieb unbeantwortet.

Akt R 4901 / 4497 („Regensburger Domspatzen“), der von Smolorz in der Druckvorlage der Studie (Mai 2016) unter „Quellen“ noch korrekt angeführt, aber für die Druckausgabe (2017) entfernt wurde. Foto: sm.

Insgesamt gesehen hat Roman Smolorz beim Ombudsmann Christoph Meinel eine offenbar irreführende und sachlich unrichtige Stellungnahme abgegeben. Eine Stellungsnahme, die den Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten eher belegt denn entkräftet. Meinel hat sich den Angaben von Smolorz bequemerweise nur angeschlossen, die darin gemachten Sachverhalte offensichtlich nicht eigenständig überprüft. Auf Anfrage von regensburg-digital, ob er die Angaben von Roman Smolorz überprüft und unabhängige Recherchen angestellt habe, erklärte Christoph Meinel, er sei als Ombudsmann „zu absoluter Vertraulichkeit verpflichtet“. Aus diesem Grunde dürfe er „Dritten gegenüber in solchen Angelegenheiten auch keinerlei Auskünfte geben.“ Auch die Frage, wie oft der Ombudsmann der Universität Regensburg durchschnittlich tätig wird oder wurde, blieb unbeantwortet.

Smolorz vermeidet Zusammenhänge

Eine wissenschaftliche Untersuchung legt Wert auf Nachvollziehbarkeit, korrekte Quellenangaben, verschweigt keine belastenden Dokumente, stellt Zusammenhänge her, arbeitet den zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext heraus. Roman Smolorz tut gerade dies oftmals überhaupt nicht, er vermeidet es regelrecht. In seinem 2017 erschienen Buch „Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus“ hat er zwar viele neue und wichtige Details recherchiert, interessante Thesen und Erklärungen dargeboten. Man hat aber immerzu den Eindruck, dass er Schadensbegrenzung betreibt und alles daran setzt, die kirchlichen Führungspersonen „so unschuldig wie möglich herauskommen lassen“ (Wolfgang Benz).

Am Beispiel des Domchorkonzertes in der von den Deutschen annektierten polnischen Stadt Łódź (seit Februar 1940 zu Ehren eines Nazi-Generals auch „Litzmannstadt“ genannt) kann dieses problematische Vorgehen verdeutlicht werden. In seiner Studie zu den Domspatzen im NS-Regime hat Smolorz zwar nebenbei erwähnt, dass der Domchor im November 1940 in Łódź (damalige Einwohnerzahl etwa 500.000) aufgetreten ist. Dass die deutschen Besatzer ein halbes Jahr vorher in Łódź ein riesiges Ghetto für die ortsansässigen Juden errichtet haben, gibt Smolorz darin nicht an.

Deportation der jüdischen Bevölkerung ins das Ghetto Litzmannstadt. Foto von 1940: Wikipedia / Bundesarchiv.

Ghetto Litzmannstadt

Das nationalsozialistische Ghetto Litzmannstadt mit seinen grausamen Lebensbedingungen kann den Domchor-Mitgliedern nicht verborgen geblieben sein. Zumal es sich um das zweitgrößte Ghetto auf polnischen Boden handelte. Auch Juden aus deutschen Großstädten, über 9.000, wurden im Laufe des Jahres 1941 ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Anfangs wurden dort etwa 160.000 polnische Juden und Jüdinnen, Kranke, Alte, Kinder und Säuglinge hinter Zäunen und Stacheldraht gefangen gehalten. Etwa ein Viertel davon, rund 40.000, waren Kinder, die fast alle bald getötet wurden.

Wer fliehen wollte, wurde von den als Bewachung eingesetzten deutschen Polizei- und SS-Einheiten ohne Warnung erschossen. Etwa 43.000 Internierte starben an Hunger, Kälte, Krankheit und Seuchen, was zum gewollten Vernichtungswerk gehörte. Im August 1944 wurde das Ghetto geräumt und die bis zuletzt verbliebenen und zur Zwangsarbeit herangezogen Gefangenen, fast 70.000 an der Zahl, ins Vernichtungslager nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Wenige überlebten.

In dem bereits 2016 in einer polnischen Zeitschrift veröffentlichten Aufsatz („Der Regensburger Domchor im oberschlesischen Grenzgebiet und in Polen 1936 und 1940 – Zum deutschen und polnischen Katholizismus in der NS-Zeit“), eine Art vorgezogene Auskopplung der Domspatzen-Studie, vermutet Smolorz, scheinbar gedankenverloren, „dass zahlreiche ehemalige Domspatzen, Geistliche und sicherlich auch Familienangehörige sowohl der geistlichen Kirchenchorleitung als auch der Singknaben Soldaten“ gewesen wären und der Chor auch für diese Personen in Litzmannstadt gesungen habe. Er spekuliert, ob die Konzerte einen kirchlichen oder deutschnationalen Charakter hatten.

Smolorz meint rechtfertigend: „Die Beweggründe, singen zu wollen, können daher mannigfaltig gewesen sein“. Sprich, über die nationalsozialistische Propaganda hinaus habe es auch untadelige Gründe für den Auftritt des Domchors in Polen gegeben, so die Einflüsterungen des Autors. Wiederum, ohne das Ghetto Litzmannstadt zu erwähnen (Eine ausführliche Besprechung des Aufsatzes gibt es hier.).

Regensburger Polizeieinheiten in Litzmannstadt

In seinem vor wenigen Tagen erschienen Aufsatz „Das Reserve-Wachbataillon z.b.V. XIII und der Einsatz der 4. Polizeikompanie Regensburg im Ghetto Litzmannstadt“ (erschienen in VHVO 2017) thematisiert Smolorz endlich auch das Ghetto Litzmannstadt. In diesem Aufsatz werden wiederum viele interessante Details erstmals genannt, wichtige Akten aus polnischen und deutschen Archiven präsentiert, bemerkenswerte Thesen und Fragen aufgestellt, letztere aber kaum beantwortet.

Was Smolorz hingegen verdienstvoll herausgearbeitet hat, ist der Einsatz von Regensburger Polizei-Bataillonen bei der Bewachung und Räumung der in Ghetto Litzmannstadt internierten Juden und „Zigeuner“. Seit 1939 stellten Regensburger Polizisten laut Smolorz einen Teil der über 2.600 Mann starken Polizeieinheiten, die das Ghetto bewachten. Regensburger Polizei-Einheiten mit dem Namenszusatz „Sondereinsatz Litzmannstadt“ waren wohl auch an der sogenannten Partisanenbekämpfung, Chiffre für die Ermordung von Zivilpersonen, und der Bewachung von Deportationszügen in die Vernichtungslager Auschwitz und Kulmhof beteiligt. Täter nationalsozialistischer Verbrechen also, wie viele an der Zahl bleibt unklar.

Unter andererm von Regensburger Schutzpolizisten bewachtes Ghetto Litzmannstadt um 1940. Foto: Wikipedia/Bundesarchiv.

Sang der Domchor für NS-Täter?

Was Smolorz im aktuellen Aufsatz aber verschweigt, ist das Konzert des Domchores in Litzmannstadt von 1940. Dass der katholische Domchor in einer von Nazi-Deutschland besetzten polnischen Stadt mit einem Ghetto mit der Einwohnerzahl des derzeitigen Regensburg nur schön gesungen, das Ghetto aber übersehen hat, dürfte ausgeschlossen sein. Nicht hingegen, dass Domchorsänger den einen oder anderen NS-Täter unter den Regensburger Polizeieinheiten gekannt haben könnten. All diese Zusammenhänge und Aspekte vermeidet Smolorz.

Jeder unvoreingenommene Wissenschaftler hätte die so bedeutsamen wie spannenden Zusammenhänge zwischen Regensburger Polizeieinheiten – Ghetto Litzmannstadt – Regensburger Domchor sicherlich thematisiert. Insbesondere dann, wenn die Arbeiten zu den Domspatzen im Nationalsozialismus mit denen zu den Regensburger Polizeieinheiten im Ghetto Litzmannstadt zeitlich zusammenfallen (wie dies bei Roman Smolorz ausweislicher seiner Datumsangaben in den Fußnoten der Fall war).

Denkbar ist, dass das Konzert in Litzmannstadt sogar auf Anregung, Wunsch oder Vermittlung eines dort stationierten Regensburgers mit Bezug zum Domchor stattgefunden hat. Für ehemalige Domspatzen, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, sind auf diese Weise zustande gekommene Konzerte jedenfalls überliefert.

Eine schonungslose und unvoreingenommene wissenschaftliche Studie zum Domchor im Nationalsozialismus und den bis heute andauernden Verdrängungen steht noch aus.

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Kommentare (20)

  • SG

    |

    @ wegen des Verdachts auf wissenschafliches Fehlverhalten…
    Genau so wird diese Wissenschaftliche Forschung zum Thema Domspatzenaufarbeitung bestimmt auch präsentiert?
    Da wird nur alles über den grünen Klee gelobt und heute in der Gegenward paßt ja wieder alles. Heute wollen sie gerne Domspatzen sein, vergessen aber, dass viele Domspatzeneltern damals nur großartig abkassiert wurden. Heute loben sie diese Moderne Schule derart über den Tellerrand hinaus und ois ist paletti.

    https://m.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Die-Gabe-der-Unterscheidung;art312,190785

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/roman-smolorz-singen-zwischen-katholischer-kirche-und-ns.2177.de.html?dram:article_id=400831

  • Mr. T

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    Wie kann man es eigentlich überhaupt auch nur ansatzweise ernst nehmen, wenn die Domspatzen ihre eigene Kriminalgeschichte selber aufarbeiten? Das ist ja, wie wenn Uli Hoeness seine eigene Steuerprüfung hätte machen dürfen.

  • RB

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    Richtig! Heute ist alles ok, alles ist so schön, und vor allem: Man hat doch mit dem damaligen Zeugs eben heute nichts zutun. Man hat heute eine sehr moderne Schule dort in Regensburg…….und vor allem , es wird vertuscht und vertuscht und immer nur vertuscht. Man fühlt sich dann schon von diesem Bistum in Regensburg schon veräppelt..
    …..Ich erinnere an den letzten Bericht von REG-DIGi…..
    ……Mindestens 40 Ermittlungsverfahren seit 2010
    Von Belang sind in diesem Zusammenhang Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die bislang nicht öffentlich bekannt geworden sind. Nach Recherchen von regensburg-digital wurden von der Staatsanwaltschaft nach 2010 in mindestens 40 Verfahren intensive Ermittlung wegen Sexualdelikten innerhalb der Einrichtungen der Domspatzen geführt – unter anderem gegen beschuldigte ehemalige Schüler und Zöglinge der Domspatzen……
    …….Weder der Abschlussbericht von Rechtsanwalt Weber noch die diversen Stellungnahmen des Bistums haben diese Ermittlungen zu den damals geschädigten oder verdächtigten Domspatzen je erwähnt. Verschweigen und Vertuschen nach alter Gewohnheit?
    https://www.regensburg-digital.de/aufklaerung-sexueller-missbrauch-das-bistum-regensburg-ist-musterbeispiel-fuer-bundesweite-missstaende/12072018/
    __________________________________________________________________________________________

    Historiker: Hitler mochte Domspatzen besonders
    Anscheinend liebte er nicht nur Richard Wagner, sondern auch den Gesang der Regensburger Domspatzen: Adolf Hitler unterstützte den Knabenchor in besonderer Weise, wie ein Historiker jetzt herausfand.
    http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/historiker-hitler-mochte-domspatzen-besonders
    cu

  • xy

    |

    Niemand arbeitet fehlerfrei. Und kein Wissenschaftler kann vollständig arbeiten. Kein Forscher kann alles kennen und wissen. Es gibt immer wieder neue Aspekte und Unterlagen, die man nicht gekannt hat. Anderfalls gäbe es keinen Fortschritt der Wissenschaft mehr. Ich sehe keine Grund, den ursprünglich überall gelobten Autor Smolorz jetzt über die Klinge springen zu lassen. Es steht jedem frei, diese Arbeit und neu bekannt gewordene Aspekte und Unterlagen in einem neuen, eigenen Werk zu vervollkommnen…

  • Ex-Student

    |

    Man braucht über das oben Geschriebene zur Arbeitsweise von Roman P. Smolorz nicht wirklich überrascht sein, gerade mit Blick auf eine 2013 erschienene Rezension (von Prof. Martin Hille in VHVO 152) des Aufsatzes von Smolorz über Displaced Persons (DPs) denke. Darin bringt der Rezensent Hille mehrfach seine Verwunderung und Irritation zum Ausdruck, findet aber gewisse Teilaspekte der Arbeit spannend. Weiter heißt es:

    „ Ansonsten hinterlässt die Untersuchung von Roman P. Smolorz einen zwiespältigen Eindruck. So fehlt eine ausführliche Zusammenfassung, welche die Hauptresultate bündelt und thesenartig verdichtet. Dafür werden sehr viele informative Details zu Leben und Alltag der ostbayerischen DP-Eliten geboten. Die Quellennähe der Darlegungen ist überall zu spüren, und doch fehlt es an analytischer Tiefe. Fast nirgendwo wird ein echter wissenschaftlicher Diskurs aufgenommen, der die Einzelbefunde kontextualisiert und problematisiert. Hinzu kommt ein Mangel an Systematik, der sich teilweise in den Kapitelüberschriften spiegelt. Das verleiht dem Ganzen den Charakter einer wissenschaftlichen Materialsammlung, die nur ansatzweise zum systematischen Aufriss und kaum zur Analyse vorstößt. Dennoch ist das Buch jedem zu empfehlen, der sich in irgendeiner Weise mit dem Schicksal der heimatlosen Ausländer nach 1945 beschäftigt. Das breite und sorgfältig belegte Quellenmaterial dürfte der Forschung zweifellos weiterhelfen.“

    Ich denke Prof. Hille hat die Arbeitsweise von R. Smolorz fachspezifisch-zurückhaltend aber deutlich und korrekt kritisiert. Wenn Dr. Smolorz nun auch noch Schwierigkeiten mit der korrekten Angabe von Signaturen und der Auswahl von offensichtlich einschlägigen Akten hat, dann bleibt von „wissenschaftlich“ nicht mehr viel übrig. Kaum zu glauben.

  • R.G.

    |

    @Historiker: Hitler mochte Domspatzen besonders
    Anscheinend liebte er nicht nur Richard Wagner, sondern auch den Gesang der Regensburger Domspatzen: Adolf Hitler unterstützte den Knabenchor in besonderer Weise, wie ein Historiker jetzt herausfand.
    http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/historiker-hitler-mochte-domspatzen-besonders

    hitler sah beim arbeitgeber der mutter, dem jüdischen arzt dr. b., eine zu ihm freundliche welt des bildungsbürgertums (deshalb bedankte er sich als „führer“ noch schriftlich bei dem arzt) , mit ihrer interesse an musik, darstellender kunst und kultur. nicht weit vor der donaustadt linz die wirkungsstätte des komponisten anton bruckner und die sängerknaben vom stift st. florian als fixe, über die landesgrenzen bekannte musikgrößen.
    sicher nicht zufällig „mochte“ er später die landschaftlich ähnliche donaustadt regensburg und ihre „sängerknaben“- für ihn ein stück bürgerlicher heimat.

  • Hartnäckig

    |

    Es gab und gibt ja viele Verbrecher auf der Welt nicht nur den Oberverbrecher Hitler.
    Die werden alle irgendjemand, irgendeine Musikrichtung, eine Kunstrichtung usw. geliebt und gefördert haben.
    Ich habe das noch nicht recht begriffen, warum das Wohlwollen Hitlers den Domspatzen vorzuwerfen ist ?

  • Robert Werner

    |

    @ xy Es geht nicht darum, dass Smolorz möglicherweise nicht alle Akten kennt, sondern darum, dass er unentbehrliche nicht herausgezogen hat – aus welchen Gründen auch immer.

    Um die Sache nochmals zu verdeutlichen. Wer in Bayern zu einem bestimmten Thema forscht, wendet sich in aller Regel mit seinem Anliegen auch an das Bayerische Hauptstaatsarchiv (BHStA) in München und bittet die dortigen Archivare um Klärung, ob und was dort an relevanten Akten vorliegt.
    Ich habe dies zum Thema Domchor im NS-Regime auch getan und dann mehrere Akten, jeweils mit entsprechender Bestandsbezeichnung, Bestellnummer und Laufzeit, genannt bekommen. So auch den o.g. Akt aus dem Kultusministerium (MK51323) mit dem Betreff: Regensburger Domchor (Domspatzen) und der Laufzeit: 1943 – 1951. Nach der Prüfung der Schutzfristen kann man sich die Akten dann in den Lesesaal bringen lassen.

    Auch Smolorz hat sicherlich in München angefragt, in seinem Buch nennt er unter „Quellen“ fünf verschiedene Bestände des BHStA, in denen sich Akten mit Domspatzenbezug befinden. Allein den o.g. mit der Signatur MK51323 führt Smolorz nicht an, obwohl er der ertragreichste ist und nur in diesem Akt der interne Schriftverkehr zwischen diversen NS- und Parteistellen enthalten ist. Mit diesem Schriftverkehr kann man etwa die Vorgänge gegen Kriegsende und den Theobald Schrems bis zuletzt gewährten Schutz durch höchste Stellen unzweifelhaft und bestens nachvollziehen.

    Smolorz redet hingegen von schwindendem und fehlendem Schutz für Schrems und bezieht sich dabei auf die Nachkriegsangaben von Schrems.

  • Mathilde Vietze

    |

    Wenn der Hitler, einer der größten Kriegsverbrecher, den Domspatzenchor gerne gehört
    und auch gefördert hat, dann war das bestimmt sinnvoller, als mit dem Geld Untaten
    zu unterstützen. Ein Verbrecher bleibt er trotzdem, auch wenn er sich einen „kulturellen
    Anstrich“ gibt.

  • joey

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    So ziemlich jede Schule, welche zu dieser Zeit existiert hat, hat Loblieder auf den NS gesungen. Das ist in Diktaturen eben so. Die Karrieristen würden auch heute bei jeder Art von Diktatur mitmachen.

    Sogar unser Bundesminister Maas findet plötzlich kein Problem mehr mit Erdogan oder dem Iran. Geschäft ist eben Geschäft. Man muß sich eben mit den Gegebenheiten arrangieren?
    Nein, ich entschuldige eben keine Mitläufer oder gar Hetzer und Täter. Ich bin mit der aktuellen Appeasement Politik nicht einverstanden. Immer noch werden mißliebige Menschen in der Türkei ruiniert oder verhaftet. Die türkische Community hier in
    Deutschland hat den großen Führer gewählt, aber unsere Regierung findet da keine Worte…

    Zurück zu den Domspatzen:
    Unzutreffende historische Abhandlungen sollten durch alternative Arbeiten ergänzt werden. Dann wird man sehen, wem die Öffentlichkeit glaubt… oder ob das überhaupt noch jemanden interessiert.

  • Nocheinüberlebender

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    „Kritik an Auftragsarbeit zu Domspatzen im Nationalsozialismus“ und auch sonst!
    Eigenartig, aber ich schrieb gestern an die Aufarbeitungskommission in Berlin – ohne von diesem Artikel zu wissen – und ich hatte genau dieselben Kritikpunkte im Auge: Warum wird nicht alles offengelegt und bearbeitet? Dann hatte ich diese Tage einen Kontakt zu der führenden Person, die immer wieder in den Medien und im Ferngesehen Stellung nimmt und sie beklagte: „Warum wird nicht endlich umfassend aufgeklärt“! Es ist überall (dass wir nicht ausreichend und umfassend aufklären): Bei der katholischen Kirche, bei den Nichtregierungsorganisationen, bei … Strengen wir uns endlich an!

  • R.G.

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    @hartnäckig
    Das Wohlwollen Hitlers sei dem Chor nicht vorzuwerfen, meinen Sie.
    Vielleicht ist das die kürzeste Zusammenfassung des Tenors der Arbeit von Smolorz.

    Wann begann man die Lesart zu vermitteln?
    Schon in der Entnazifizierungs-Waschmaschine.
    Will man, dass als logischer Schluss im Leser entstehen solle, die Sympathie des Diktators habe einen unschuldig getroffen, wird man als Akteur von damals bei Bedarf eine Biographie schreiben und dabei (bewusst oder verdrängend – in der Beichte erhielt man die Absolution bereits) eine Reihe spätestens nach Kriegsende bekannt gewordener Fakten ausklammern.

    Im Detail heißt das glauben machen, Hitler habe rein aus Begeisterung für Jungenstimmen eben mal irgendeinen Knabenchor-Oberhäuptling auf den Obersalzberg eingeladen, und dem Gast/sich selbst eine in Wirklichkeit regimekritische Haltung, somit die in der Nachkriegszeit bedanktere Rolle als Verfolgter, andichten.
    Immer den Hals in Windrichtung.

    Die Literaturauswahl eines Autors zeigt in Kurzform, ob es sich bei seiner Schrift um eine hinterfragende, an heute bekannten Fakten orientierte, aufklärende Arbeit handeln möchte.
    Die dem Auftraggeber angenehmere Alternative wäre eine die Biographien der Nachkriegszeit bestätigende Litertaturliste, sie würde eher strikte Antworten liefern, wie einen dogmatischen Schlusspunkt.
    „Auszubildende“, Studierende für kirchliche Berufe, erhalten Arbeiten wie die Smolorz‘ als Grundübereinkunft vorgelegt, sie unhinterfragt zu lassen ist ein Beweis des Gehorsams und des ehrlichen Glaubens.

  • Hartnäckig

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    @ R.G.
    Selbst wenn das Wohlwollen Hitlers dem Chor vorzuwerfen wäre, bleibt die Frage, wer von den ganzen Wissenschaftlern, die wissen wie es richtig gewesen wäre, wer von denen hätte in der Nazizeit den Mut gehabt richtig zu handeln ???

  • Mr. T

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    Das Wohlwollen Hitlers ist dem Chor sicher nicht vorzuwerfen, aber das Anbiedern sicherlich! Ich persönlich finde sogar fehlende Distanzierung und fehlenden Widerstand verwerflich.

  • R. Werner

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    @ R.G. Das haben Sie wunderbar auf den Punkt gebracht: „Das Wohlwollen Hitlers sei dem Chor nicht vorzuwerfen“, dies sei vielleicht „die kürzeste Zusammenfassung des Tenors der Arbeit von Smolorz“.
    Diese Lesart geht m.E. auf Roman Smolorz zurück. Nach der Entnazifizierungs-Waschmaschine haben sich Domspatzenfunktionäre als Opfer oder Widerständler dargestellt. Alte und neue Varianten dieser Schutzbehauptungen gibt es freilich wiederum in der Studie von Smolorz.

    Obwohl eine ältere Studie zu den Domspatzen im NS (Helmut Halter Anfang der 1990er) deren Anbiederung ans Regime und seinen „Führer“ längst belegt und herausgearbeitet hatte, vermied Smolorz diesen Ansatz. Freilich ohne diesen zu erwähnen oder diskutieren.

    In der Pressekonferenz zu seinem Buch hat Smolorz 2017 eingestanden, dass er nicht wisse, wieso Hitler die Domspatzen besonders gefördert habe. Diese selbst verschuldete Ratlosigkeit erklärt sich m.E. damit, dass Smolorz gewisse Akten mit entlarvenden Schreiben von Schrems ausgeblendet hat. Etwa das von Herbst 1944, wo Schrems sich an die Kanzlei des Führers wandte, weil er befürchtete, dass sein „Lebenswerk, das ich […] mit einziger Unterstützung des Führers aufgebaut habe, zerstört“ werde. Schrems wollte, dass „der Chor erhalten bleibt und für die größere Aufgaben noch zur Verfügung steht.“
    Sowohl Schrems als auch Hitler sahen den Nutzen des Domchors fürs NS-Regime und wollten diesen unbedingt erhalten.

    Die 57.000 Euro teure Studie wurde vom Verein der Regensburger Domchor-Freunde in Auftrag gegeben. Bei der Vorstellung der Studie zeigte sich der Vorstand des Vereins, der kirchenabhängig Beschäftigte ehemalige Domspatz Marcus Weigl, von der epochalen Bedeutung und Richtigkeit der Arbeit überzeugt und empfahl sie als Schülerlektüre, gerade auch für die Schüler des Domspatzen-Gymnasiums. Man konnte damals den Eindruck gewinnen, dass Weigl sich kaum je mit der NS-Geschichte der Domspatzen befasst und nur Worthülsen von sich gegeben hat. Gleichwohl liegt es nun an diesen Schülern, und ihrer Generation, sich mit der Nazi-Vergangenheit ihres Hauses auseinanderzusetzen und die Ergebnisse der Studie von Smolorz zur Kenntnis zu nehmen bzw. zu hinterfragen. Es ist aber zu befürchten, dass auch diese Schüler die weitverbreitete Haltung einnehmen, die Deutschland als (Welt)Meister der Vergangenheitsbewältigung wähnt.

    Ob jemand, wie joey andeutet und hofft, eine alternative historische Arbeit zu den Domspatzen im NS-Regime schreiben will, wird sich zeigen – eher nicht. Der Verein würde eine solche sicherlich nicht (mehr) finanzieren. Ab dem Jahre 2021 wären zumindest Akten aus dem Nachlass von Bischof Buchberger im bischöflichen Zentralarchiv zugänglich und die diesbezügliche Schutzfrist abgelaufen.

  • joey

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    @R. Werner
    gut, daß immer mehr Dokumente frei werden.
    Es gibt ja keine Eile, die NS Vergangenheit bleibt erhalten.

    Die Eltern, die heute ihre Kinder anmelden, fragen nicht nach der NS Zeit, die interessieren heutige Lerninhalte, Kosten, … ob die Toiletten sauber sind.
    Die Domspatzenschule hat nur regionale Bedeutung, der Chor gehört zur Weltspitze – und hat sich den gleichen Maßstäben wie die sonstigen Musik- und Kulturspitzen zur NS Zeit zu stellen. Keiner, der ein Ticket irgendwelcher Philharmoniker kauft, entscheidet das nach Geschichtsbuch des Vereins der Förderer der Philharmoniker.

    Wie siehts mit heutigen Diktatoren aus? Welche Deutschen jubeln demnächst ihrem großen Führer Erdogan, in welchen Kindergruppen werden wieder Fähnchen verteilt?

    Die Domspatzen halte ich in dieser Gesamtsicht für ein Detailthema, das schonungslos kritisch untersucht werden muß, aber für Aufregung nicht taugt.

    Die Geschichtsschreibung hat viel Zeit. Machts in Ruhe was Gscheids draus. Wenn das Thema in 10 Jahren noch jemand interessiert, verkauft sich das Buch.

  • R.G.

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    Erinnern wir uns an das Kleinklima rund um die kirchliche Trutzburg von Regensburg.
    Eine junge Frau war auf dem Jakobsweg verschwunden, Poster in Foren hatten wie zusammenhangslos nachgefragt, ob es gleichgeschlechtliche Spiele unter den Heranwachsenden oder mit Übergeordneten im Domspatzeninternat gegeben habe.
    Ein ehemaliger Domspatz, der „verwaiste“ Partner der Verschollenen, wurde im Zusammenhang mit übergriffigen Beziehungen zu Jüngeren vor Gericht genannt, Foristen kritisierten, er habe im Internat freien Zugang zu den Kleineren erhalten, wo da die Aufsicht gewesen sei. Sie forderten die Verantwortlichen zur Stellungnahme auf.
    In der Atmosphäre, da wiederholt tabubrechend angefragt wurde, welcher Art von Vorlieben schon die Chorbuben in der NS-Zeit zu dienen hatten, wird plötzlich eine Arbeit über die Domspatzen von damals in Auftrag gegeben.
    Die Auswahl der Quellen ist geeignet zu zementieren: Es waren rein kunstgenüssliche Sympathien, Hitler mochte die schönen Stimmen, Freundschaft zu ihm und ideologische Anbiederung an das Regime sei nie beabsichtigt gewesen. Das beweise sich in der Bedrohung , beinahe hätte das große Werk nicht fortgesetzt werden dürfen, aber (hier gehört die göttliche Vorsehung eingefügt!) es habe doch in die Nachkriegszeit hinübergerettet werden können.

    Fazit: Man kann die Bestellung der Arbeit als Fortsetzung der bisherigen Trutzburgmentalität verstehen.
    Ein seine Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen lebender Erwachsener wird die Reduktion des jugendlichen „Menschenmaterials“ aus dem Domspatzeninternat auf seine bloße Stimmkraft nicht fassen und noch weniger ertragen können.
    Nicht für die Nazizeit, nicht für jetzt.

  • MiReg1960

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    Zu:
    „Mathilde Vietze
    (10. August 2018 um 17:58)

    Wenn der Hitler, einer der größten Kriegsverbrecher, den Domspatzenchor gerne gehört
    und auch gefördert hat, dann war das bestimmt sinnvoller, als mit dem Geld Untaten
    zu unterstützen. Ein Verbrecher bleibt er trotzdem, auch wenn er sich einen „kulturellen
    Anstrich“ gibt.“

    Frau Vietze!

    Was soll dieser irrsinnige Kommentar? Sie als „Sozialdemokratin“ müssten es reflektierter sehen können. Auch diese „Geldgaben“ Hitlers dienten zum einen der Selbstbefriedigung des Egos des Diktators, zum anderen seiner Selbstdarstellung als „Kunstliebhaber“, als einen zynischen Idioten, einen konstruiereten „Schöngeist“, der von der Bildenden „Kunst“ widerliche Herrenvolks-Skulpuren aus Stein schlagen ließ, als einen zynischen Idioten, der auch mit dem primitiven Musikverständnis des Postkarten malenden Anstreichers aus Braunau Musik seiner „Herrenrasse“ förderte. In diesem zynischen Musikverständnis mussten KZ-Sträflinge die willkürliche Ermordung Unschuldiger mit ihren „Orchestern“ begleiten.

    Überdenken Sie dahingehend einfach ganz rasch die Leichtfertigkeit von Aussagen wie der:

    „Wenn der Hitler, einer der größten Kriegsverbrecher, den Domspatzenchor gerne gehört
    und auch gefördert hat, dann war das bestimmt sinnvoller, als mit dem Geld Untaten
    zu unterstützen“

    Es wurden nicht „Untaten“ (welch ein niedliches, blödes Wort!), sondern Greueltaten protegiert!

  • r.b.

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    Das eigentliche und sehr große Problem dieser röm. kath. Kirche bleibt uns aber immer wieder…
    ich glaube nämlich auch, dass das auch der wahre Grund dafür ist…..
    …….dass interdisziplinäre Studien, an denen auch die Kirche beteiligt ist, zeigen werden, „dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem System katholische Kirche und Missbrauch. Dieses System aus Zölibat, reiner Männergesellschaft, Homophobie und der geistlichen Autorität, die mit dem Priesteramt verbunden ist, übt möglicherweise eine Anziehungskraft auf Leute aus, die für Missbrauch anfällig sind. Darauf ist die Kirche immer noch nicht genügend eingegangen, denn da geht’s ans Eingemachte.“

    https://amp.dw.com/de/missbrauchskandal-nichts-ist-wichtiger-als-die-makellosigkeit-der-kirche/a-45119662

  • Nocheinüberlebender

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    Immerhin: Die Verwirklichung der KInderrechte! Jetzt bin ich am 07.09. beim Bundespräsidenten eingeladen und hoffe, ich kann die Kinderrechte ansprechen: „Am Freitag, den 07. September dankt Bundespräsident Steinmeier rund 4.000 Engagierten mit einer persönlichen Einladung, die gesellschaftliche Herausforderungen angehen und sich für andere Menschen einsetzen. Sie werden von 17 bis 24 Uhr seine geladenen Gäste sein.“ https://www.berlin.de/events/3172114-2229501-buergerfest-im-schloss-bellevue.html :)

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