Die letzten Gäste im Minigolf-Hotel

Musik kommt aus dem kleinen Häuschen in der Senke zwischen Regen und Donau, in dem verwilderten Garten tummelt sich eine Schar illustrer Gäste und ratscht. An einem Gartentischchen werden Schmetterlinge aus Krepppapier ausgeschnitten, bemalt und an die Fassade geklebt, von der der Putz bröckelt. Die eine oder andere Träne wird verdrückt. Es ist eine Abschiedsparty, die hier am 3. September gefeiert wird. Am Monatsende ziehen die letzten beiden Bewohner der Bäckergasse 3 aus. Noch in diesem Jahr soll das Gebäude abgerissen werden. Das Ende eines alternativen Wohnprojekts. „Der letzte macht das Licht aus“, steht auf dem Einladungsflyer zur letzten Party.

 

„Schad“, sagt Florian Gmeiner, der die Wohngemeinschaft vor 22 Jahren mitbegründet hat, „aber es hat länger gehalten, als ich am Anfang gedacht habe.“ Sogar viel länger. Der Mietvertrag, den er und seine sechs ersten Mitbewohner 1988 mit dem Bauunternehmer Ferdinand Tausendpfund abgeschlossen hatten, war eigentlich nur auf ein Jahr befristet. Aber irgendwie lief er einfach immer weiter, trotz anfänglich etwas skeptischer Nachbarn, die sich über Ziegen und wechselnde Gäste im Bauwagen hinter dem Haus wunderten, trotz wechselnder Bewohnerschaft – dafür bei bei konstanter Miete von 100 Mark im Monat.

Die Ursprungsidee der Gründergeneration, die sich bei den Wackersdorf-Protesten kennengelernt hatte, wurde im Lauf der Jahre etwas verwässert. Müllvermeidung steht zwar nach wie vor auf der Tagesordnung und die Solaranlage auf dem Dach – eine der ersten in Regensburg – funktioniert bis heute. Der Vorsatz „Stromverzicht“ wurde allerdings gebrochen, als die erste (von insgesamt drei) Hausgeburten in der Bäckergasse anstand. Zum Windeln waschen sollte es dann schon eine Waschmaschine sein. Der Strom kam via selbst verlegtem Überlandkabel vom Nachbarn in die einzige Steckdose des Hauses und verbreitete sich nach und nach über Verlängerungskabel in alle Zimmer. „Irgendwann kam ein Bagger und hat das Kabel unterirdisch verlegt.“ Bis vor zehn Jahren war es aber immerhin noch üblich, im Zimmer nur Kerzenlicht zu haben. Ironie des Schicksals: Just am 3. September hat der örtliche Stromversorger einen nagelneuen Zähler im Haus eingebaut.

Blättert man die Hausbücher der Bäckergasse durch, kommt man auf weit über 100 Leute, die hier seit 1988 gewohnt haben – Gäste nicht mitgezählt. Bei Handwerkern auf der Walz war die Bäckergasse schon nach wenigen Jahren ihres Bestehens als Anlaufstation zum Übernachten bekannt, Musiker und Künstler, die in der Regensburger Fußgängerzone auftraten, fanden hier regelmäßig Unterschlupf. Mal war es auch ein 20köpfiger Wanderzirkus aus Halle, der sich eine Woche in Haus und Garten einquartiert hatte. Dass morgens jemand auf der Couch in der Küche lag, war völlig normal, erzählt Gmeiner. Und sei es nur ein Nachbar gewesen, der sich schlafwandelnd und pudelnackt aus der Wohnung ausgesperrt hatte. „Der Schlüssel hat immer gesteckt und das wussten einige Leute.“

Jahrelang wurde hier zur Volksküche geladen. Erst zur Versorgung der Volleyballspieler, die sich hinter dem Haus trafen, später als eine feste Einrichtung – zunehmend ohne Volleyball. Die Bäckergassen-Partys genossen über kurz oder lang Kultstatus. Hier wurde – Tanzverbot hin, Tanzverbot her – auch an Halloween bis in die Puppen gefeiert. Nimmt man die Zahl der Gäste, war die Bäckergasse in Regensburg weithin bekannt.

„Minigolf-Hotel“ hat eine Bewohnerin ob der vielen Besucher, Zwischenmieter und übergangsweisen Bewohner irgendwann über die Eingangstür geschrieben – mit ungeahnten Folgen. Seit gegenüber ein großer Parkplatz für Touristenbusse angelegt wurde, sind schon einige Gruppen von Amerikanern und Japanern auf der Suche nach Zimmern ins Haus gestolpert.

Die Kündigung kam im vergangenen Jahr. Wirklich dagegen gewehrt haben sie sich in der Bäckergasse dagegen nicht. „Irgendwann war uns das Rechtszeug zu blöd“, sagt Gemeiner. Einen Sommer konnten sie bei Gesprächen mit dem Vermieter noch raus holen. Am 30. September ist es dann endgültig mit der WG vorbei. Das Haus wird ausgeräumt und der einzige Schlüssel an die Firma Tausendpfund zurückgegeben. Ein Folgeprojekt ist nicht geplant.

Schon 1988 galt das Gelände an der Bäckergasse als „Bauerwartungsland“. Ein Hotel, eine Stadthalle vielleicht – irgendetwas Großes sollte da immer schon hin. Was es denn werden soll, weiß man bei Ferdinand Tausendpfund übrigens heute noch nicht. Nur eines ist dort klar: Das Gebäude sei baufällig und renovieren rentiert sich nicht. Mit der WG habe es nie Probleme gegeben, sagt Geschäftsführer Michael Thon. Man habe auch gern mal etwas Neues ausprobiert. „Aber das geht halt nicht bis ins Unendliche.“

www.baeckergasse3.de

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Kommentare (6)

  • die Stimme aus dem Off

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    R.i.P. Minigolf-Hotel

    und Grüße aus m Breisgau …

  • ExRA

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    Danke für diesen stimmungsvollen Bericht, Herr Aigner! Ich habe jahrelang in der unmittelbaren Nachbarschaft gelebt und bedauere sehr, dass dieses Unikum wohl nicht mehr lange stehen wird.

  • Fvfu-uüiUF.e.V.

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    Schade das.
    ——————-
    Nächsten Freitag gibts ab 15 Uhr nen DANZ GmbH Promotionstand am Europabrunnendeckel.
    Auch die Wohngemeinschaft an der Danziger Freiheit, die Danz, gibt es schon sehr lange;
    seit über dreisig, manche sagen 40 Jahren. Hier wohnen immer 8-10 Menschen und die Katze länger als alle Bewohner… Das Haus soll nun verkauft werden und damit alles so schön bleibt wie es ist wollen die Bewohner es nun selbst kaufen, dafür einen Mieterverein gründen ( und eine GmbH) und die Immobilie mit der Miete abbezahlen.
    Von einem Mieterverein, in dem sich alternative Wohnprojekte zusamenschließen gibt es dafür ein Darlehen und die Leute von der Danz müssen die andere Hälfte der Kohle nun schnell selbst aufbringen, z.B. durch Direktkredite…. Ist das Haus dann mit ständig sinkender Miete abbezahlt, so dient es als Bürgschaft für andere Mieterprojekte….Von den Bewohnern wird allerdings vieleicht keiner so lange bleiben…..
    Eine sehr gute Sache wie ich finde. Beispiele für verschiedenste gelungene Wohnprojekte gibt es viiiiieeeele !!!( siehe auch
    http://die-danz.org/
    )

    So ganz genau weiß ich die Modalitäten jetzt auch nicht, dafür gibt es ja dann den smarten Promotionstand: „Wir wollen eine Immobilie kaufen; so und so viel quadratmeter, Mansarde, Küche, Bad, Garage…“)
    – Es geht um den Erhalt einer coolen Wg mit viel Durchlauf und vieleicht kommen am Stand auch ein paar pensionierte Lehrer vorbei, die hier selbst mal wohnten?!… So macht das Leben Spaß und die Kunst findet ihren Weg in die Realität.

    Schöne Grüße
    Jakob

  • Christof Ermer

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    Ja, ich kenne das Haus noch recht gut, vor >25 Jahren hatte ich die Ehre besagte Steckdose zu montieren. Ich wünsche allen einen guten Neuanfang

  • Realität erreicht das Bäckergassen-Idyll » Regensburg Digital

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    […] Gelände der Ferdinand Tausendpfund GmbH gehört und war erst vor kurzem an Gruber verkauft worden. Bis 2010 befand sich in dem kleinen, von Grün umwucherten Häuschen die legendäre Bäckergassen-WG. In den 22 Jahren ihres Bestehens haben dort weit über 100 Menschen gewohnt – bei konstanter […]

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