Ersatztrasse: UNESCO hält sich (erst mal) raus

Das UNESCO-Welterbekomitee wird sich bei ihrer derzeit laufenden Tagung in Brasilia nicht mit den Regensburger Ersatztrassen-Plänen befassen. Das wurde gestern bekannt. Damit bleibt die Frage, ob die beiden Trassen tatsächlich welterbeverträglich sind, bis auf weiteres ungeklärt. Ein Jahr abwarten – bis zur nächsten Tagung – will Oberbürgermeister Hans Schaidinger nun nicht. Er will direkt Kontakt zum Welterbezentrum in Paris aufnehmen, um „eine zeitnahe Entscheidung“ herbeizuführen. Die Stadt steht schließlich schon mit der Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs in den Startlöchern (Kosten: 600.000 Euro).

Die Stadt hatte Ende Mai ein von ihr in Auftrag gegebenes „Welterbeverträglichkeitsgutachten“ (als PDF-Download) zu den Ersatztrassen bei der UNESCO eingereicht. „Fristgerecht“, betont die Stadt in einer Pressemitteilung. Aufgrund der vielen Tagesordnungspunkte in Brasilia werde das Gutachten aber nicht behandelt, heißt es weiter.

Hans Schaidinger malt für den Fall, dass es keine Ersatztrasse gibt, ein düsteres Szenario: „Eins ist klar: Wir brauchen zukünftig eine altstadtnahe Donauquerung für den öffentlichen Nahverkehr und für unsere Altstadt. Sonst wird sich die Erreichbarkeit der Innenstadt verschlechtern, werden die Fahrgastzahlen beim RVV weiter sinken und sich die Kaufkraft zu Lasten der Altstadt verlagern.“ Im Vorfeld der Tagung hatte das Gutachten für erheblichen Wirbel gesorgt. „Die Tendenz, das Risikopotential zu verniedlichen, ist in diesem Gutachten nicht zu übersehen“, so der bayerische Generalkonservator Egon Greipl mit Blick auf die Wettrasse. Daneben bemängelte er mehrere fachliche Unzulänglichkeiten in dem Gutachten. Auch der Vize-Präsident des UNESCO-Denkmalrats ICOMOS, Professor Wilfried Lipp, hatte sich offenbar dezidiert gegen die Westtrasse ausgesprochen und kritisiert, dass eine entsprechende Stellungnahme nicht an die UNESCO weitergeleitet worden sei. Mit der Entscheidung des Welterbekomitees, das Gutachten nicht zu behandeln, bleibt die Auseinandersetzung zwischen der Denkmalpflege auf der einen und jenen, die Wohl und Wehe der Regensburger Altstadt von einer neuen Brücke abhängig machen, weiter ungeklärt.

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Kommentare (12)

  • Joachim Datko

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    Absurd?

    1) Dass in Brasilien über eine Regensburger Brücke diskutiert werden sollte und man noch nicht einmal die Regensburger gefragt hat.

    2) Dass man 600.000 Euro ausgeben will, ohne die Bürger zuerst zu fragen, ob sie gegen eine zusätzliche Brücke sind. Vielen Bürgern geht es wahrscheinlich wie mir, sie halten einen teuren Architektenwettbewerb für rausgeschmissenes Geld, ich bin einfach nur dafür, dass keine weitere Brücke gebaut wird.

  • H. Müller

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    Ich verstehe nicht, inwieweit sich die „Erreichbarkeit der Altstadt weiter verschlechtern“ sollte, wie Schaidinger angibt.

    Erstens scheint mir die Erreichbarkeit ja durchaus gegeben, wenn man einfach mal schaut, wie die Menschenmengen in der Altstadt immer mehr zunehmen.

    Und zweitens, warum sollte sie sich verschlechtern? Ist irgendwo eine Brückensperrung oder ähnliches geplant?

    Durch eine geschicktere Verkehrsführung und Bus-Linien-Planung ließe sich allenfalls noch einiges verbessern!

    Im Übrigen bin auch ich sehr dafür, zuerst einmal die Bürger zu befragen, bevor man wieder so viel Geld rausschmeisst für ein Projekt, das letztendlich ziemlich sicher an einem Volksbegehren oder am Denkmalschutz scheitern wird.

  • domiNO

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    @Müller
    Wieso sollte eine neue Brücke an einem Bürgerbegehren scheitern? Die Bürger haben sich mit überwältigender Mehrheit für die Osttangente ausgesprochen so wie sie die Stadtratsmehrheit befürwortet und die Stadtverwaltung vorgeschlagen hat, da in den Augen der Mehrheit anscheinend die Vorteile für viele überwogen haben gegenüber Privilegien für wenige.
    Genau so wird es sich auch bei einem Bürgerentscheid bei der Ost – oder Westtrasse verhalten, dass nicht die Lauteren (das ist der Komparativ), sondern die Sachlicheren die Mehrheit hinter sich vereinen.
    Die Mehrheit der Regensburger südlich der Donau käme bequemer zum RT-Bad, die Mehrheit der Stadtamhofer bequemer in die südlichen Stadtteile, … Naja, die Argumente lassen sich beliebig wiederholen bei jeder Meldung zu den Brücken in Regensburg.

  • Cerull Walter

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    Herr OB Schaidinger will von der UNESCO wissen, ob eine Ersatzbrücke welterbeverträglich ist oder nicht – die Antwort hat er schon längst – nur er will sie nicht wahrhaben (das kennt man ja bei unseren OB).
    Nach den Richtlinien der UNESCO für Welterbestätten (Welterbekonfention) und der verbindlichen Anerkennung dieser Richtlinien durch die Kultusministerkonferenz vom 20. 09. 2007 ist das Landesamt für Denkmalpflege die Entscheidende Instanz für die Bewertung ob eine Baumaßnahme welterbeverträglich ist oder nicht. Das Landesamt für Denkmalspflege lehnt die von der Stadt Regensburg favorisierte Ersatzbrücke im Westen ab und damit ist sie nicht welterbeverträglich.
    Eine andere Antwort hätte Herr Schaidinger auch nicht vom Welterbekomitee erhalten und erhält sie auch nicht vom Welterbezentrum in Paris.

  • Altstadtfreund

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    Im „Welterbe Mittelrhein“ (mit Loreley, vielen Burgen und idyllischen Fachwerk-Weindörfern) war der VCD gegen die Brücke, die UNESCO (ICOMOS) aber dafür.
    Wäre es so, wie Herr Cerull behauptet, hätte das Votum des rheinland-pfälzischen Denkmalschutz-Generals ausgereicht.
    http://www.vcd-blog.de/2009-05-15-mehr-laerm-abgase-und-co2-durch-mittelrheinbruecke/

    Den Entwurf auf der Seite der Brückenfreunde finde ich viel störender als den Wettbewerbssieger.
    http://www.rheintalbruecke.de/Vorschlag/Vorschlag1.htm
    Auch wir könnten durch sehr unterschiedliche Entwürfe überrascht werden. Schaun mer mal.
    In Regensburg ist ja sogar der VCD für die Brücke …

  • Pro Osttrasse

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    Je ein Link PRO Tunnel und PRO Brücke nahe der Loreley

    Im „Welterbe Oberes Mittelrheintal“ soll eine neue Rheinbrücke gebaut werden. Alternativ zu dieser Brückenoption wird über eine Tunnelvariante diskutiert.
    http://www.bund-rlp.de/themen_projekte/verkehr/strassenverkehr/bruecken_am_mittelrhein/
    Anlässlich der 33. Tagung des Welterbekomitees der UNESCO vom 22. bis 30. Juni 2009 in Sevilla, Spanien, hat der BUND in einem Schreiben an die UNESCO, auf diese Problematik hingewiesen und seine entschiedene Ablehnung der geplanten neuen Rheinbrücke im „Welterbe Oberes Mittelrheintal“ dargelegt.

    Email Dr. Volkhard Laitenberger,Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Berlin 31.07.2010
    “ Sehr geehrter Herr Professor Hofmann-Göttig,

    zu der positiven UNESCO-Entscheidung muss man – nach der Region, dem Hauptprofiteur – vor allem Ihnen persönlich als dem langjährigen Hauptpromotor des Brücken-Projekts gratulieren. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich mich bei der Vorstellung der Brückenmodelle in der Berliner Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz seinerzeit privat (wiewohl Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz) für die Brücke ausgesprochen habe. Das kategorische Nein von ICOMOS habe ich nicht verstanden. Meine Auffassung von Denkmalschutz schließt – spätestens seit meiner Tätigkeit als Kultur-Gruppenleiter im Bundeskanzleramt in der Ära Kohl – ein, dass denkmalpflegerische und entwicklungsaktivierende Gesichtspunkte in jedem Einzelfall sorgfältig abgewogen werden müssen; das haben Sie glaubwürdig, geschickt und engagiert getan. Der schließliche Erfolg honoriert nun diese Haltung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Volkhard Laitenberger“ http://www.hofmanngoettig.de/?p=21976

  • Cerull Walter

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    Antwort zum Kommentar Altstandtfreund vom 1. Aug. 2010
    Bei der Rheintalbrücke liegt der Fall etwas anders.
    Hier hat das Land Rheinland – Pfalz die Anfrage bei dem Welterbekomitee gestellt. Der „Denkmalschutz – General“ von Rheinland -Pfalz hat sich dem zu unterordnen d.h. innerhalb der Landesregierung haben sich die zuständigen Behörden für den Brückenbau geeinigt und damit gibt es, zumindest nach außen, keine Bedenken des dafür zuständigen Landesdenkmalamtes.
    Im übrigen hat das Welterbekomitee lediglich „grünes Licht“ für die konkrete Planung der Brücke gegeben. Ob die Ausführungsplanungen welterbeverträglich sind, steht auf einem ganz anderen Blatt.

  • H. Müller

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    @domiNO

    Keine Frage, man kann sowohl für als auch gegen diese Brücken sein, es müssen nur die Argumente sachlich abgewogen werden.

    Ich persönlich bin dagegen, da ich der Meinung bin, dass beide Standorte, so wie sie jetzt sind, einfach schützenswert sind und diese Kleinodien den Charakter dieser Stadt wesentlich prägen; die Wöhrde und die Westnerwacht sind nicht der Brandlberg.
    Tun Sie sich einmal den Gefallen, und machen Sie einen ruhigen Spaziergang über die Insel. Da ist über die Jahrhunderte etwas besonderes gewachsen, und man sollte einfach sehr sehr genau hinschauen, bevor man da rangeht.

    Ich glaube nicht, dass es ein so großer Vorteil ist, wenn die „Mehrheit der Regensburger südlich der Donau“ sich aus Bequemlichkeit einen 5- bis 10-minütigen Fußweg vom Arnulfsplatz zum RT-Bad spart, und ich weiß auch nicht, ob die Mehrheit der Stadtamhofer nur für die Bequemlichkeit für eine Brücke stimmen würde, die eben auch ihr Quartier massiv beeinträchtigt.

    Aber gut, um eben diese Fragen zu klären, wäre es nicht sinnvoll und planmäßig, nach einer sachlichen und fairen Debatte die Bürger zur Abstimmung zu bitten, die Denkmalschützer und UNESCO-Fuzzis abzuwarten (man legt ja viel Wert auf den Welterbe-Status) und DANN das Geld für die Planungen auszugeben?
    Ein Bürgergegehren und eine Abstimmung kommen ja wohl sowieso!

    Das Problem ist nur, dass Schaidinger prinzipiell nicht für eine Kultur der sachlichen Diskussion und der Zusammenführung zu haben ist, sondern bekanntermaßen spaltet und die Gruppen gegeneinander ausspielt;
    immer wieder wird versucht, zu tricksen (fehlende Darstellung der Rampen in der Simulation), und zu täuschen (siehe mein voriger Kommentar) und zu diffamieren („Partikularinteressen“).

  • Altstadtfreund

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    @H. Müller: „Sowohl für als auch gegen diese Brücken“ kann ich nicht sein: Braucht „man“ dazu einen Januskopf?

    @Cerull: Hofmann-Göttig ist zwar Professor, aber nicht Pendant zu Greipl, sondern OB einer Stadt ähnlicher Größe und ähnlichen Alters wie Regensburg. Die zitierte Email erinnert daran, dass dort sogar ICOMOS „kategorisch“ gegen die Brücke gewesen war und dann doch überzeugt werden konnte.

    Unser OB will seine Brückenpläne bereits ad acta legen, wenn ICOMOS nur einmal ablehnt. „Nicht-wahr-haben-wollen“ hätte man demnach eher dem Koblenzer OB vorwerfen dürfen als unserem OB:
    Ihre Anschuldigung ist also abwegig, Herr Cerull.

  • domiNO

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    @Müller
    Der Bürgerentscheid, den Sie so herbeireden, muss die Mehrheit der abgegebenen Stimmen im ganzen Stadtgebiet erreichen; selbst wenn – anders als bei der „Einhausung der Osttangente“ ein betroffenener Wahlkreis mehrheitlich gegen die Ersatztrasse stimmen würde, so bin ich fest davon üerzeugt, dass die Regensburger mehrheitlich eine neue Brücke wollen.
    Ich wage sogar zu bezweifeln, dass das Bürgerbegehren Erfolg haben wird, was ja grundsätzlich die Voraussetzung des Bürgerentscheids ist.

  • gifthaferl

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    Das Bürgerbegehren ist längst angekündigt, das muss nicht herbei geschrieben werden.

    Ich habe nicht die geringste Sorge, dass die Mehrheit der RegensburgerInnen so drauf ist dass sie rein ihrer ganz persönlichen Bequemlichkeit wegen gleich die ganze die Stadt komplett verschandelt haben will.

    Es gibt schließlich noch genug Leute, die den gesamten Werdegang der Stadt in den letzten 40 Jahren miterlebt haben, und die nicht nur als den Tummelplatz ihrer ganz persönlichen Begehrlichkeiten oder als Ausverkaufsobjekt begreifen.

    Nicht jeder will eine extra Brücke, dass er mit dem Roller(!) keinen Umweg fahren muss, oder den etwa ein Stücken über eine bereits vorhandene Brücke schieben müsste, nee, solche Privilegien wünscht wahrlich nicht jeder, und wagt es auch noch sich gänzlich mit dem „Gemeinwohl“ im Einklang zu fühlen, obwohl er offensichtlich nicht einmal den ÖPNV benutzt, um den es angeblich ja nur geht.

  • domiNO

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    @gifthaferl
    Zwischen Ankündigung und Durchführung liegen ein paar Hürden, die noch längst nicht überwunden sind. Für mich (und ich denke, so ganz allein bin ich nicht) ist das herausragendste Beispiel der Begehrlichkeiten die Forderung nach Einhausung der Osttangente gewesen.
    Und auch wenn du es nicht glauben willst, bin ich gar kein Roller-Fahrer, habe aber ein RVV-Jahresabo.

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