Kastrationsphantasien

Auf dem Rücken von Kindern lässt sich hervorragend Populismus betreiben. Das fängt bei dem Internetsperren an, die mit dem Kampf gegen Kinderpornographie begründet werden (ein besonders beispielhafter Auftritt der Familienministerin, in Sulzbach, findet sich hier), und endet bei der Nazi-Parole „Todesstrafe für Kinderschänder”. In diesen Populismus stimmt heute auch eine Redakteurin der Mittelbayerischen Zeitung ein. In einem Kommentar fordert Isolde Stöcker-Gietl schärfere Strafen und plädiert dafür Sexualstraftäter per gerichtlicher Anordnung kastrieren zulassen. Wörtlich: „… wie wäre es, wenn eine Entmannung auch gerichtlich angeordnet werden könnte? Sicherlich eine radikale Forderung. Aber es geht schließlich um unsere Kinder. Für ihren Schutz sollte uns jedes Mittel recht sein.” Geht’s noch? Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein ekelhaftes Verbrechen, wenn Betroffene drakonische Strafen fordern, ist das vielleicht verständlich, sogar nachvollziehbar. Dass man ein solches Vorgehen von Gerichten, damit vom Staat fordert, ist nicht nur populistisch, es offenbart eine mittelalterliche Denkweise. Vielleicht muss man aber gar nicht so weit zurückgehen, um die Amputation von Gliedmaßen wieder als willkommene Strafmaßnahme durchführen zu können. Mit Rechtsstaat hat das nichts zu tun, geschweige denn mit dem Grundgesetz. Das garantiert jedem – auch einem Sexualverbrecher – körperliche Unversehrtheit. Und ehe man archaische Bestrafungen fordert, wäre es sinnvoll, sich zu informieren, was bereits jetzt als Instrumentarium vorhanden ist. So steht Gerichten ein Strafmaß von bis zu 15 Jahren zur Verfügung – auch mit der Möglichkeit anschließender Sicherungsverwahrung. Ebenso gibt es die freiwillige chemische Kastration durch Hormonblocker. Das sollte reichen, wenn es denn entsprechend ausgeschöpft wird! Wer Zwangskastration fordert, wirft elementare Menschenrechte über Bord. Das darf ein Staat nicht. Ganz abgesehen davon, dass selbst Entmannung per Gerichtsbeschluss für „unsere Kinder” keine tatsächliche Sicherheit bietet. Der Kinderschänder im Fall Marianne Bachmeier war kastriert. Genutzt hat es nichts (mehr dazu). Insofern müsste man sich – der Logik von Frau Stöcker-Gietl folgend, der für den Schutz unserer Kinder „jedes Mittel recht ist” – den Nazis anschließen und „Todesstrafe für Kinderschänder” fordern. Dann sind die Kinder sicher und der Rechtsstaat tot. (Ent)spannende Lektüre!

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Kommentare (20)

  • schleiereule

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    Das ist sogar für die MZ ein starkes Stück. Sind denn alle halbwegs verantwortungsbewußten RedakteurInnen in Urlaub?

  • Thomas Pfeiffer

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    Guten Tag,

    NEIN, es ist nicht „jedes Mittel“ Recht (mit großem ‚R‘). Einem Rechtsstaat und einer zivilisierten Gesellschaft sind Grenzen gesetzt!

    Man kann mit dem vorhandenem Instrumentarium bestehend aus Gefängnis und Sicherungsverwahrung durchaus die Gesellschaft vor Straftätern und potentiellen Straftätern schützen.

    Ich finde solch eine Forderung erschreckend! Sie erinnert mich an die Scharia. Bisher waren die Kommentatoren der MZ dem Islamismus unverdächtig!

  • Absolut richtig

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    -Offtopic-

    Die Berichterstattung der letzten Wochen zeigt mir deutlich das regensburg-digital immer mehr auf Bild-Niveau rutscht. Journalistisch fragwürdige Artikel (unkritisch linkslastig statt neutral, in jedem Artikel wird nur die Sichtweise des Autors dargestellt, populistisch.

    Deshalb RSS-Feed off und auf ein schönens Leben.

  • Milan Fahrnholz

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    @Absolut Richtig

    Stimmt, find ich auch furchtbar wie unkritisch linkslastig die Bild doch ist! Ich les auch lieber Zeitungen die Kastration fordern.

  • Masterofdesaster

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    Als ob der Trieb verschwände bei Entfernung der Hoden. Das ist auch medizinisch Käse.

    Es gibt ja schon das richtige Mittel, die Sicherungsverwahrung.

  • Gast

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    Ws machen wir mit den immerhin rund ein Drittel stellenden weiblichen Kindsmissbraucherinnen?

  • Wadlbeißer

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    zu „Bild-Niveau“
    es ist schon ein Hohn, unter dem Psyeudo „Absolut richtig“ so etwas ins Forum zu stellen, aber ..
    Bekanntlich sind Journalisten gefordert, ihre Beiträge für eine Leserschaft mit einem IQ zwischen Zimmerthemperatur und 135 zu schreiben. Dass dabei auch ein Leser verirrt, der unterste Grenze noch unterschreitet, ist oft nicht vorhersehbar.
    Statt froh zu sein, dass auch in unserer Domstadt jemand publizistisch dagegen wettert, dass unsere Gesellschaft wieder in die Steinzeit oder gar das einmal so hochgelobte „Dritte Reich“ zurück versetzt wird muss er sich nicht nachvollziehbare Vorhalte und Vergleiche gefallen lassen.
    Aber für alle Fans der „Zeitung mit den großen Buchstaben“: Es gab sie und wird sie auch weiterhin zu Kaufen geben! Kann man nur (ent-)spannende Lektüre wünschen.
    Also Stefan, mach weiter so, geh Deinen Weg – das wünscht sich einer Deiner Leser, der die Nachwehen eines totalen und brutalen Regiems am eigenen Leib erlebt hat.

  • herr Bauer

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    Wenn jedes Mittel recht ist Kinder zu schützen, wie schützen wir Kinder vor der Entsorgung ihrer Väter?

  • Bernhard Segerer

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    Es sei jedem Opfer und seinen Angehörigen freigestellt, solche und schlimmere Fantasien zu hegen, das kann ich durchaus verstehen.
    Rechststaatlich ist was anderes. Erinnert mich sehr an die Sprüche die ich vor Jahren im Pausenraum eines Betriebs gehört habe, in dem ich mal gearbeitet habe. Da war es eben genau die Bildzeitung die neben dem Leberkäs (nix gegen Leberkäs) auf dem Brotzeittisch lag und auf deren Bericht über einen Sexualstraftäter dann auch passenderweise mit übelsten Verstümmelungsfantasien reagiert wurde. Als junger idealistischer Mensch konnte ich es mir nicht verkneifen, zu erwidern, das solche kranken Menschen stattdessen Hilfe benötigen. Das glaube ich nach wie vor, auch wenn ich inzwischen die Hilfe und Schutz der Opfer an die erste Stelle setze.

  • Politik_Azubi

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    Ich bin auch dafür, wieder Hexenverbrennung einzuführen.

  • unbekannt

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    Wie steht es schon im Alten Testament:

    „… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

    (Ex 21,23–25 )

  • peter sturm

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    eine kastration im erwachsenenalter bringt keine wesentliche verhaltensänderung mehr.
    die ansichten von frau gietl sind eher rachefantasien und die aufforderung zur lynchjustiz.
    eine journalistin wie zu alfred hugenbergs zeiten.

  • eduard buchinger

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    ** Wörtlich: „… wie wäre es, wenn eine Entmannung auch gerichtlich angeordnet werden könnte? Sicherlich eine radikale Forderung. Aber es geht schließlich um unsere Kinder. Für ihren Schutz sollte uns jedes Mittel recht sein.” **

    Herrn Peter Esser (MZ-Verleger und IHK Präsident) sei angeraten, ernsthaft anzudenken: „…Ob die MZ Regensburg, die sich den Bayerischen Pressegesetz unterstellt, einer Frau Isolde Stöcker-Gietl, noch weiter
    eine Plattform für noch zu befürchtende, wenn auch abgeschwächte Nazi-Parolen, anbieten will?“

    Oder es vielleicht doch besser wäre, wenn sich Vorbenannte, umgehendst beim Verleger der National-Zeitung in München, namentlich: Herrn Gerhard Frey, bewerben würde …?

    Es versteht sich von selbst, das Kinderschänder jedweder Färbung und Gesellschaftlicher Herkunft, auch weiterhin bestraft und, wenn möglich, therapiert werden müssen, aber nicht mit „altbewährten Nazimethoden“!

  • eduard buchinger

    |

    an @unbekannt …

    ** Wie steht es schon im Alten Testament:

    „… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

    (Ex 21,23–25 )

    Von unbekannt am 20. Aug 2009, 09:22 Uhr

    Lieber Unbekannter…,

    … ein Gläubiger klagt bei seinem Rabbi:
    „…, mein eingeborener Sohn ist in das
    Christentum konvertiert, …was soll ich
    jetzt als Vater tuen ?
    Daraufhin der Rabbi,
    (und jenes gilt auch für Dich, Unbekannter“)
    versuche es doch einmal mit einem: Neuen
    Testament…!“

  • eduard buchinger

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    an @schleiereule

    ** Das ist sogar für die MZ ein starkes Stück. Sind denn alle halbwegs verantwortungsbewußten RedakteurInnen in Urlaub? **

    … eindeutig Nein! Karl-Heinz-Weigel wäre noch
    verfügbar, komm und seh…!“

    http://tbn0.google.com/images?q=tbn:icMUhNJS4bGvpM:http://img.mittelbayerische.de/bdb/523100/523183/Detail327.jpg

    Allerdings ist K.H. Weigel, ehemalig BILD – Hamburg,
    meistens unterwegs, da K.H. Weigel (Berufs-
    bedingt), „…immer als Erster mit dem Toten spricht“ :-)

  • Thommen, Basel

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    Was erfolgt bei Frauen als Täterinnen? Eine Entfrauung??
    Die einseitige sexistische Hetze gegen Männer ist sowieso nur dazu da, das Problem, was in unserer Gesellschaft erzeugt wird, zu übersehen!

  • Absolut richtig

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    Ich dachte es mir doch gleich dass der Begriff „linkslastig“ sofort Reaktionen wie „Drittes Reich usw.) auslöst. Ich schrieb jedoch, dass meiner Meinung nach Berichterstattung „neutral“ sein sollte. Rechtslastig finde ich noch schlimmer. Es sollte jedoch auch Kritik angenommen werden.

    Ich verwehre mich vehement hier in die rechte Ecke geschoben zu werden.

    Zu dem Thema das ich hier nicht mit meinem bürgerliche Namen schreibe ist eine Vorsichtsmaßnahme wie sie sie in jedem Internetleitfaden für Kinder steht – Gib nie deine realen Daten an! -.

    Stellen sie sich Samstags auf den Neupfarrplatz und brüllen Ihre Daten raus?

    so und nun endgültig „Piad eich“

  • wolfgang

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    Die Totesstrafe für Sexualstraftäter ist überdrieben reiner Blödsin, aber es gibt viele Männer die auch bereit sind und sich freiwillig den chirurgischen Eingriff unterziehen würden und sich Entmannen lassen möchten. Die Kastration wird aber nicht von Ärzten oder in Kliniken ausgeführt auf freiwilliger basis. Dies sollte man doch mal ändern.

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