SOZIALES SCHAUFENSTER

Zahlen verdoppelt

Kirchenaustritte: Regensburg auf Rekordkurs

Allein bis Mitte Februar haben über 500 Menschen in Regensburg die kirchliche Steuergemeinschaft verlassen. Das Standesamt schiebt Sonderschichten.

Die Zahl der Kirchenaustritte in der Stadt Regensburg hat sich zu Beginn dieses Jahres annähernd verdoppelt. Das geht aus einer Antwort von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor. Demnach verließen allein innerhalb des erfragten Zeitraums (zwischen 3. Januar und 16. Februar) 503 Menschen die Kirchensteuergemeinschaft. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Stadt im selben Zeitraum gerade einmal 269 Austritte. Am 17. Februar lagen dem Standesamt bereits 48 weitere Anmeldungen für Austrittstermine vor.

Als Reaktion auf die Austrittswelle wurde das Terminangebot der Stadt Regensburg erheblich ausgeweitet. Wurden früher noch etwa 60 Termine pro Woche angeboten, so sind aktuell 142 Anmeldungen pro Woche über den Online-Kalender der Stadt Regensburg möglich (hier geht es zum Kalender). Die durchschnittliche Wartezeit liegt laut dem Schreiben der Oberbürgermeisterin bei etwa drei Wochen, sofern es keine kurzfristigen Absagen gibt. Ein aktueller Blick auf den Kalender zeigt im März eine etwas kürzere Wartezeit – freie Termine sind derzeit bereits ab dem 22. März erhältlich.

Standesamt statt „Austrittstelefon“

Mit über 500 Austritten hat die Stadt in den ersten eineinhalb Monaten bereits mehr als ein Fünftel der Zahlen vom vergangenen Jahr erreicht – damals verließen 2.337 Menschen die katholische oder evangelische Kirche. Dass das Münchner Missbrauchsgutachten, die Diskussion um Papst Benedikt XVI. und die damit zusammenhängenden Äußerungen von Bischof Rudolf Voderholzer für diese Austrittswelle verantwortlich sind, ist zwar naheliegend. Allerdings schlüsselt die Stadt Regensburg ihre Zahlen „wegen einer Programmumstellung“ seit diesem Jahr nicht mehr nach Konfessionen auf.

Noch bis Mitte Februar hatte das Bistum Regensburg ein sogenanntes „Austrittstelefon“ eingerichtet, um auf den, so hieß es, „großen Gesprächsbedarf“ zu reagieren. Seinen Austritt erklären konnte man dort freilich nicht – für das steuerliche Bekenntnis ist das Standesamt zuständig (Es ist ohnehin umstritten, ob es der Zahlung der Kirchensteuer bedarf, um im religiösen Sinne katholisch zu sein.). Die Gebühren für den Austritt liegen derzeit bei 35 Euro.

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Kommentare (36)

  • Bernd

    |

    “Für das Jahr 2021 haben die deutschen Bundesländer etwa 591 Millionen Euro allein an die katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland veranschlagt.”
    (die sogenannten “Staatsleistungen”, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsleistungen).

    Die Kirchensteuer-Einnahmen kommen da noch oben drauf. Oder anders gesagt: Auch ohne Kirchensteuer gehen die Lichter für christliche Unternehmen oder Bischofsgehälter nicht aus.
    Oder nochmal anders gesagt: Auch nach Kirchenaustritt zahlt man noch über die Staatsleistungen seinen Beitrag an die Kirchen.

    2021 ist ein Gesetzentwurf von FDP, Linken und Grünen zur Ablösung der Staatsleistungen gescheitert (innerhalb von 20 Jahren währen dann etwa 10 Milliarden Euro ausbezahlt worden).

  • Bertl

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    Ich bin schon 1981 ausgetreten und habe es noch nie bereut.
    Allerdings hat mich der damalige Beamte behandelt, als würde ich mit dem Austritt ein Staarsfeind werden. Das waren noch die Zeiten, als man Beamtenanwärtern riet, mit dem Austritt bis nach der Verbeamtung zu warten.
    Gekostet hat es damals, wenn ich mich recht erinnere, DM 5,00.

  • Mr. T.

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    Bertl, noch heute rät man Personen aus beruflichen Gründen davon ab, auszutreten. Kaum zu glauben. Ein perverses System das da kriminele Organisationen offziell stützt.

  • joey

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    bei meinem Austritt 2020 wurden bürokratische Hürden versucht: ich solle mein Stammbuch vorlegen. Sowas haben jeweils die Eltern, damit soll sozialer Druck aufgebaut werden, offiziell geht es aber um die Taufregister, wo man ausgetragen werden muß. Ich habe dann deutlich gemacht, daß ich mein Grundrecht auf Religionsfreiheit hier und jetzt ausübe – eine Verweigerung würde ich mit sofortiger Klageerhebung beantworten. Daraufhin wurde der Austritt sehr schnell umgesetzt.-)

  • Günther Herzig

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    Mr. T.
    11. März 2022 um 19:17 | #
    Ich bin Anfang 1971 ausgetreten. Ich wollte das eigentlich schon seit Jahren. Die Familie, die auf festliche Taufen für noch ungeborene Kinder in der Zukunft nicht verzichten wollte, hat den Austritt immer wieder verhindert. Und dann wurden die Kinder doch nicht getauft.

  • CervusElaphus

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    … das mit dem Austrittstelefon der Diözese war schon lustig: nur Männer und nur Kleriker … der neue Generalvikar sollte seinem Bischof schnell neue Wege empfehlen, sonst sind irgendwann nur noch die Ewig-Gestrigen in der Kirche und die „Guten“ sind weg.

  • Grauhörnchen

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    Mr. T. das stimmt leider. Ein Kirchenaustritt, während man bei einem kirchlichen Betrieb arbeitet ist ja (zumindest auf dem Papier) immer noch ein Grund zur Kündigung. Hat hier jemand Erfahrung damit, wie es ist, wenn man aus der evangelischen Kirche austritt und in einem katholischen Berieb arbeitet oder arbeiten möchte?

  • xy

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    Das Elend der Menschen in und Flüchtlinge aus der Ukraine sowie das Elend von immer mehr Klima-, Kriegs- und/oder Elendsflüchtlingen überhaupt könnte ein Grund für die Kirche sein, sich für einen guten Zweck mit allen Mitteln zu engagieren und wieder einmal zu zeigen, dass und wofür man auch zukünftig noch für die Menschheit wichtig ist.

  • Gscheidhaferl

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    @Grauhörnchen
    Ja, das kann zum Problem werden. Es gibt quasi eine Rangfolge, die davon ausgeht, dass der kirchlichen Kontrolle unterliegende Stellen (das sind im Sozialbereich immerhin 60%) idealerweise mit Anhehörigen der eigenen Konfession besetzt werden. Wenn sich da niemand findet, sind die zweitbeste Lösung aus Sicht der Kirchen, Angehörige, anderer christlicher Konfessionen. Erst wenn sich da auch niemand findet, kommen andere zum Zuge. Sie können also je nach kath. Diözese durchaus in Erklärungsnöte kommen, wenn Sie aus der ev. Kirche aus- aber dann eben z.B. nicht in die kath. Kirche eintreten und dort aber arbeiten wollen.

    In Diaspora- bzw. liberaleren Diözesen wird durchaus mal ein Auge zugedrückt. Aber letztlich ist nie auszuschließen, dass ihnen die Nichtzugehörigkeit zu einer christlichen Konfession ernsthafte Schwierigkeiten beteiten kann. Genaueres lässt sich unanhängig vom konkreten Einzelfall nicht sagen.

  • Mr. T.

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    Günther Herzig, ich weiß von vielen Menschen, die lieber heute als morgen aus der Kirche austreten würden, aber sich doch nicht trauen – aus verschiedensten Gründen. Sei es die fromme Mutter, der man das Herz brechen würde, mögliche berufliche Nachteile, die Angst davor, dass der ganze Firlefanz doch stimmen könnte und man dann nicht in den Himmel kommt, und so weiter. Genauso mit den Taufen. Ich kenne einige, die ihre Kinder erst nicht taufen ließen, das aber dann kurz vor der Einschulung doch nachgeholt haben. Weil das Kind im Dorf doch dann auch ausgegrenzt sein könnte usw. Die schlimmste Begründung war, dass das Kind sonst mit den “Ausländerkindern” in die Klasse kommen könnte. Zum Glück hat die Schule dann die Religionszugehörigkeit bei der Einteilung ignoriert und das neokatholische Kind muss jetzt doch mit den muslimischen und konfessionslosen Kindern in der Klasse sitzen.

  • Grauhörnchen

    |

    @Gscheidhaferl
    Danke für die Antwort. Wahrscheinlich kann man es im Voraus leider nicht genau wissen und kommt dann auf die konkrete Einrichtung und das dortige Personal an. Ich bin im Gesundheitsbereich tätig und die Krankenhäuser in unserer Region sind ja nahezu flächendeckend in katholischer Hand. Was meiner Ansicht nach ein ernstes Problem ist. Eigentlich hätte ich lieber einen Arbeitgeber, der mich nicht danach beurteilt, ob ich in der Kirche bin, heterosexuell lebe oder wie ich zu Schwangerschaftsabbrüchen stehe.

  • Gscheidhaferl

    |

    @Grauhörnchen
    Je größer die Personalnot und je niedriger die Position in der Hierarchie angesiedelt ist, um so größer die Chance, geduldet zu werden. Aber das kann dann mitunter auch zu spüren sein: Das es eben nur eine ‘Duldung’ ist.

  • Martin Ganslmeier

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    Es gehört schon ein gewisse Doppelmoral dazu, einerseits aus der Kirche austreten zu wollen (und damit dem System Kirche die Kirchensteuer zu entziehen) und andererseits dieses System als Arbeitnehmer weiter zu stützen und beizutragen, Gewinne zu erwirtschaften. Wenn ich der Meinung bin, dass ich das kirchliche System nicht weiter mittragen möchte, wäre es nur konsequent Kirchenaustritt und Arbeitsplatzwechsel aus diesen Organisationen anzustreben, zeitgleich oder in beliebiger Reihenfolge.

  • Günther Herzig

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    @Martin Ganslmeier
    12. März 2022 um 13:58 | #
    Das ist nicht unbedingt gerecht. So einfach ist es nicht, wieder eine geeignete Beschäftigung zu finden.
    Meine Frau ist vor kurzem ausgetreten und erhielt schon nach wenigen Tagen ein umfangreiches, ich würde sogar sagen nötigendes Schreiben des Gemeindepfarrers, der dringend aufforderte zu einem Gespräch zu erscheinen. Das Schreiben hatte er mit Sicherheit nicht selbst verfasst. Offensichtlich bekommen alle, die die Kirche verlassen ein derartiges Schreiben. Da sicher einige Austrittswillige schwer mit sich gerungen haben, wird so versucht, die Entscheidung gegen die Kirche zu Fall zu bringen. Gerade, dass nicht mit der Hölle gedroht wird.

  • Grauhörnchen

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    @Martin Ganslmeier
    Angestrebt ist das sicherlich – ist aber leider leichter gesagt, als getan. In meinem Bereich gibt es keine nicht-kirchlichen Träger in der Region. Da bliebe in letzter Konsequenz nur ein Wechsel des Wohnorts oder der Fachrichtung. Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu. Ich denke wir müssen aber auch überlegen, ob wir wollen, dass die Gesundheitsversorgung in diesem Ausmaß in kirchlicher Hand ist und ob wir weiterhin der Kirche die Sonderrechte gewähren wollen, die sie gerade als Arbeitgeber genießt.

  • R.G.

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    @Günther Herzig
    Dem gehört eigentlich ein Schreiben geschickt, mit welchem Recht er Daten eines Stand …2.2022 Nicht-Mitgliedes der Katholischen Kirche namentlich und personifiziert mit einem Maßregelungsbrief belästigen zu dürfen meint und eine Terminvereinbarung mit ihm verlangt.

  • Martin Ganslmeier

    |

    @Günther Herzig

    Diese Gebaren der Kirche zeigt deutlich, dass es hier nicht um Religion im eigentlichen Sinne geht, sondern um Macht über die Menschen und finanzielle Macht. Damit wird die wahre Dekadenz der Kirche überdeutlich sichtbar. Ob es sich wirklich noch um eine Religionsgemeinschaft handelt oder und ein Wirtschaftsunternehmen mit angeschlossenem Religionsbetrieb und dessen Privilegien ist unklar.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie das an Ihre Frau gerichtete Schreiben öffentlich machen, damit jeder sehen kann, mit welchen Methoden die Kirche arbeitet und wünsche Ihnen für sich die richtige Entscheidung zu finden.

  • Gscheidhaferl

    |

    @Martin Ganslneier
    Mitunter ist auch Selbstgerechtigkeit aller Laster Anfang.

  • Bertl

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    Grauhörnchen, erst in den letzten Monaten hat die Caritas 41% des Kreiskrankenhauses Kelheim übernommen. Der vom Betriebsrat anfangs geleistete Widerstand wurde aufgegeben, da zur Debatte stand, das Krankenhaus zu schließen.
    Da die Kirche und ihre sozialen Institutionen finanziell sehr gut aufgestellt sind, besser als der Landkreis, war das möglich.
    Und so bedingt das eine das andere.
    Und jedes Kirchenmitglied und jeder Kirchensteuerzahler trägt dazu bei, dass unser Grundgesetz und die Religionsfreiheit – und dazu gehört auch, keiner Religion anzugehören – mit Füssen getreten wird.

  • Luck

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    Kommentar gelöscht. Bitte wieder etwas sachlicher.

  • Hans

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    Ich bin Mitte der 80er in Regensburg aus der Kirche ausgetreten. In den 90ern löste ich wegen eines langjährigen Auslandsaufenthalts meinen Hausstand auf und meldete mich bei meinen Eltern in einem niederbayerischen Dorf an, um noch eine Meldeadresse in Deutschland zu haben.
    Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass in durch den “Umzug” wieder katholisch geworden war. Ich wollte den Irrtum bei der Gemeinde klären, der Standesbeamte bestand aber auf Vorlage der Austrittserklärung, ansonsten wäre ich für ihn immer noch katholisch. Da ich diese ich nicht mehr finden konnte und keine Zeit für eine juristische Auseinandersetzung hatte, musste ich mir in Regensburg eine beglaubigte Abschrift der Austrittserklärung ausstellen lassen und bei der Gemeinde vorlegen.

    Leider hat sich – zumindest im ländlichen Bayern – trotz der Kinderschänderskandale am Status der Kirche immer noch nicht viel geändert. Es liegt an den Kirchensteuerzahlern, dieses System durch Austritt von unten her auszutrocknen.

  • Hans

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    Korrekturfunktion gibt es keine?
    Sollte heißen:
    “Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich durch den “Umzug” wieder katholisch geworden war.”
    und
    “Da ich diese nicht mehr finden konnte und keine Zeit für eine juristische Auseinandersetzung hatte,”

  • Gscheidhaferl

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    Ja, es ist eine ernsthaft abzuwägende Frage, inwiefern kirchlichen Verbänden wirklich in diesem Umfang (lebens- bzw. alltagsnotwendige) Infrastruktureinrichtungen übertragen werden sollten. Ohne ihnen gleichzeitig zu untersagen, dort dann ihre ‘weltanschaulichen’ Positionen aktiv zu vertreten/ zu verbreiten.

    Egal ob es sich dabei jetzt um Krippen oder Kindergärten handelt, die dann eben nur bedingt, die von den Eltern gewünschte ‘Grundrichtung der Erziehung’ respektieren. Oder um Kliniken, in deren gynäkologischen Abteilungen zum Thema Schwangerschaft/ Schangerschaftsabruch nicht umfassend informiert bzw. beraten werden darf. Oder um Alten- und Pflegeheime, in denen sich die Bewohner auf ihre alten Tage u.U. erstmalig genötigt sehen, sich im Jahres- und Tagesablauf dem Kirchenkalender und den entsprechenden Traditionen zu unterwerfen.

    Die Einrichtungen sind für die Betroffenen oft alternativlos. Die theoretisch zu respektierende Wahlfreiheit ist faktisch oft schlicht nicht gegeben. Und es wäre auch einfach unbezahlbar, jedem weltanschaulich gebundenem Angebot eine neutrale/liberale Alternative zur Seite zu stellen. Denn all diese Angebote werden zu 100% aus den selben, in den Sozialgesetzbüchern vorgesehenen Töpfe finanziert. Da fließt erstmal kein Cent Kirchensteuer oder Kirchenvermögen mit ein. Kirchliche Eigenmittel werden in der Regel nur genutzt um die ‘Wasserköpfe’ z.B. auf Diözesanebene wettbewerbsverzerrend zu (co-)finanzieren.

    D.h. der Staat kommt wenigstens für 80% der im kirchlichen Kontext entstehenden Kosten auf, überlässt aber zu 100% die Kontrolle über die damit finanzierten Stellen und Angebote dem (kirchlichen) Träger.

    Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft.

  • joey

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    @Gscheidhaferl
    darf ich den Blick kurz weiten?
    Das System der “Träger” geht weit über die Kirchen hinaus, nützt auch Gewerkschaften und anderen Organisationen mit säkularer bzw linker Ausrichtung.
    Beispiel: wenn eine Gemeinde einen Kindergarten baut, kriegt sie nur 60% der Zuschüsse, wenn sie den selbst betreibt. Hat sie einen Träger z.B. die AWO, gibt es 100%. Es gibt aber Gemeinden, die genau auf die Zuschüsse verzichten und dafür mehr Effizienz gewinnen, also auf die ganzen Gremien, Beiräte und deren (meistens teure) Vorschläge verzichten. Caritas und Barmherzige Brüder wie auch Diakonsiches Werk sind indes zu eigenständigen Sozialkonzernen gewachsen, die auch die kirchliche Vielfalt (verschiedene Orden und Konzepte auffressen.

    Geschichte: Kultur, Wissenschaft und Soziales waren seit Niedergang der römischen Staatlichkeit ca. 450 n.Chr. christlich motiviert, strukturiert und im kirchlichen Stiftungssystem finanziert. Die Aufklärung (z.B. Josefinismus oder Montgelas) hat begonnen, das in die Aufgaben des Staates zu bringen. Religiöse Kultur, Bildung und Sozialwerke gibt es aber nicht nur beim Christentum. Islamische Hilfswerke sind bisher nicht vom deutschen Staat finanziert, sondern z.B. Katar oder Türkei. Nun kann man insgesamt mal die Fragen zur säkular demokratischen Gesellschaft ansprechen…

  • Gscheidhaferl

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    @joey
    Natürlich dürfen Sie. Aber sie müssen dabei aufpassen, nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Caritas und Diakonie sind mit Abstand die größten Hechte im Karpfenteich und schon deswegen eine Klasse für sich. Zudem nehmen sie für sich selbst in Anspruch ‘im Auftrag des Herrn’ unterwegs zu sein. Das macht sie nochmal mehr zu sehr speziellen Akteueren.

    Davon abgesehen ist der Vorrang freier Träger (egal ob kirchlich oder nicht) schlicht ein Gestaltungsgrundsatz im deutschen Sozialwesen. Die von Ihnen erwähnten Unterschiede bei der Bezuschussung sind also erstmal nichts Verwerfliches sondern nur konsequent. Weil überall, wo ein freier (nicht-kommunaler/-staatlicher) Träger zur Erbringung von Leistungen/Angeboten bereit steht, sich kommunale/staatliche Akteure prinzipiell zurückhalten sollen. Das ist so eine Art struktureller Beisskorb, damit nicht alles komplett in staatlicher Hand ist. Mit totalitär gleichgeschlateter Rundumversorgung wurden in der Vergangenheit hierzulande ja nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Und außerdem ist das für den jeweiligen Kostenträger in der Regel auch billiger, als selbst eine Einrichtung zu betreiben.

    Kommunen, Bezirke und der Freistaat sind daher zwar letztlich dafür verantwortlich, dass ein bedarfsgerechtes Angebot vor Ort existiert. Sie sollen diese Angebote aber eben möglichst nicht selbst erbringen, sondern nur als Kostenträger fungieren. Theoretisch soll damit nicht zuletzt ein weltanschaulicher Pluralismus gewährleistet werden. De facto funktioniert das aber nur bedingt, weil es aus Kostengründen ja vor Ort auch keine Doppel- und Dreifachstrukturen geben soll. Die angestrebte Wahlfreiheit wird in der Realität durch Effizienzdenken und Unterversorgung mit bestimmten Angeboten also häufig konterkariert. Die Leute müssen schlicht den Kindergarten-, Pflege- oder Arbeitsplatz nehmen, der gerade verfügbar ist. Egal bei welchem Träger.

    Und natürlich agieren die großen Träger im Zweifelsfall nicht anders wie ein ‘normaler’ Konzern. Weil überregional aktiv, haben sie dabei mitunter auch wenig Skrupel mal einen Standort zu schließen. Selbst wenn das für die Leute vor Ort eine Katastrophe sein sollte. Weil unterm Strich darf eben kein wirtschafliches Minus stehen.

    Das kann jetzt natürlich bei entsprechender Neigung auf das 5. Jahhundert nach Christus zurückgeführt werden. Wir können uns aber auch ganz einfach jetzt fragen, ob das alles so in unser aller Sinne ist oder nicht. Und ob wir speziell den Kirchen noch so viel Raum und Einfluß gewähren wollen. Die sind zwar meistens schnell dabei, wenn es darum geht, für sich Verständnis und Toleranz einzufordern. Wenn sie beides gegenüber Nicht-Christen üben sollen, wirken sie für meinen Geschmack aber oft etwas zu ‘zurückhaltend’ und zu ‘exklusiv’.

    Es kann z.B. meines Erachtens gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden: Laut Grundgesetz darf bei uns niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden. Aber speziell die katholische Kirche stempelt Frauen unverändert zu Menschen zweiter Klasse ab. Und disqualifiziert sich damit trotzdem nicht als Auftragnehmer des Staates. Ist doch spannend, oder?

  • Sandro

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    @ Hans
    Genau so ist es mir auch gegangen. Von Oberstaufen nach Regensburg umgezogen war ich ohne mein Wissen plötzlich wieder katholisch gemacht worden. Das hat sich aber erst bei meiner zweiten Heirat herausgestellt, sodass ich gegenüber meiner Frau sozusagen als Lügner da stand. Kirchensteuer mußte ich allerdings nicht zahlen. Möglicherweise wurden aber Mitgliederzahlen aufgeblasen und damit staatliche Zuwendungen mit meinem mißbrauchten Namen erschlichen. Das wäre mal ein interessantes Thema für investigativen Journalismus. Allerdings ist Regensburg Digital für so ein brisantes Thema vermutlich zu klein – wir wollen Euch schließlich behalten ;-)

    p.s. In meiner Kindheit war ich mehrfach mit Missbrauch durch beide Kirchen konfrontiert. Bei meiner Tätigkeit in einer psychologischen Praxis musste ich jedoch feststellen, dass Missbrauch keineswegs nur ein Problem der Kirchen und anderer Vereine ist, sondern der Gesellschaft im Allgemeinen, speziell der Familien! Und nach wie vor sind die zuständigen Behörden (z.B. Familien- und Bildungsministerium) und die Staatsanwaltschaft keineswegs sonderlich aufklärungswillig.

  • R.G.

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    @Sandro
    @Hans
    Wie sieht das im Geburtseinteag aus?
    Wurde das bei der Taufpfarre nach Austritt korrekt vermerkt und binnen welcher Frist?

  • joey

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    @Gscheidhaferl
    ja richtig, das 5. Jahrhundert ist aus. Ich wollte nur eine Herleitung aufstellen.
    ich fasse aber trotzdem nochmal zusammen: Bildung Soziales und Kultur gehören zu fast jeder Religion. Diskriminierung gibt es aber nicht nur bei der kath. Kirche. Wenn Sie AfD Mitglied sind, fliegen Sie bei der Gewerkschaft raus… und haben Sie eigentlich schon mal eine lesbische Islamfunktionärin gesehen? Da ist das 5. Jahrhundert nämlich oft noch präsent.
    Nun müssen die säkularen Bürger Deutschlands rausfinden, welche Rechte und Pflichten Religionen haben und wie gläubig der Bürger gegenüber dem Staat sein soll.
    Die Kirchenaustritte sind auf jeden Fall ein Anzeichen, daß eine kath. Dominanz politisch nicht mehr existiert. In der CDU ist ja schon die klare Empfehlung von Prof. Rödder, das C zu streichen. Bin auch gespannt, wo die AWO noch was mit Arbeitern zu tun hat… und was ist eigentlich “Wohlfahrt”… kommt mir sprachlich vor wie aus dem 5. Jahrhundert.-)

  • Heinz

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    Meiner Meinung nach haben Menschen, die kein Interesse am Glaube haben, auch keinen Platz in der Kirche.
    Je schneller sie die Kirche verlassen desto besser, viele Priester und Bischöfe sollen am besten vorweg gehen.

  • Hans

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    @R.G.

    Der Austritt ist ein Verwaltungsakt, bei dem man gegenüber Vater Staat zum Ausdruck bringt, dass man der Kirche nicht mehr angehört.
    Die Taufe kann nach kirchlicher Auslegung nicht rückgängig gemacht werden. Man ist hinterher kein Heide, sondern – noch schlimmer – ein von der Kirche abgefallener.
    Damit und mit den weiteren innerkirchlichen Konsequenzen wie kein christliches Begräbnis, in der Hölle schmoren etc. kann ich gut leben. Insofern ist es mir auch egal, was bei meiner Taufpfarre eingetragen ist.

  • R.G.

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    @Hans
    Wenn bei Ihren Taufeintrag vermerkt wäre, dass sie mit Datum… austraten, Sie aber trotzdem in Bayern wieder als Katholik geführt worden wären, hätten Sie den Beweis, dass da ein möglicherweise systematischer “Irrtum” vorlag.

  • Sandro

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    @ Hans
    Wie das in der Geburtspfarre vermerkt ist weiß ich nicht. Zudem bin ich ja evangelisch getauft und wurde dann bei Schuleintritt auf katholisch umgepolt, weil ich sonst der einzige Protestant in Fischbachau gewesen wäre. Ich muss aber der Fairness halber sagen, dass diese Zeit für mich zu meinen schönsten Erinnerungen gehört, weil ich von sehr wohlwollenden Mallersdorfer Schwestern verköstigt wurde und da galt der Satz: unterm Krummstab ist gut leben.

  • Hans

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    @Stefan Aigner

    Ist mir gerade erst so richtig aufgefallen:
    das Bild ist einfach genial ;-)

  • Andreas

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    @ Heinz:
    Was soll die Unterstellung mit „Menschen, die kein Interesse am Glaube [sic] haben, [haben] auch keinen Platz in der Kirche.“ Und weiter: „Je schneller sie die Kirche verlassen desto besser, viele Priester und Bischöfe sollen am besten vorweg gehen.“

    Woher wissen Sie, dass kritisch denkende Christen kein Interesse am Glauben haben? Sollen nur Fundamentalisten, die es übrigens (natürlich) auch in der katholischen und evangelischen Kirche gibt (wie in jeder monotheistischen Religion), das Sagen haben dürfen? Und auch wenn Sie ihn zweifellos ablehnen, weil Sie ihn wohl für einen nicht katholischen Priester halten, hat Pfarrer Schießler einmal treffend formuliert: „Liebe und Glaube ist das Intimste, was in einem Menschen drin ist […] Und wer sagt du glaubst falsch oder du liebst falsch: Der liegt völlig falsch!“ – Rainer Maria Schießler, hier von Min. 9:27 – 9:45 bei (https://www.youtube.com/watch?v=QK-sYj0aG1k) Ich behaupte, dass einzig religiöse Fundamentalisten das nicht unterschreiben können!

    Menschen wie Heinz wissen nicht, dass „im Lauf der Jahrhunderte setzte sich mal die eine, mal die andere Theologie durch. Unterschiedliche Interpretationen des Glaubens sind die Regel und nicht die Ausnahme. Die vergleichende Religionswissenschaft zeigt, dass im Christentum dieselben Prozesse abliefen, wie sie sich in Glaubensgemeinschaften weltweit beobachten lassen: Religionen leben von der ständigen Selbstreflexion.“ – Christian Hellmann, in: https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-jesus-oder-paulus/1845151

    Und ein sympathischer Mensch, wie der bedeutende amerikanische Philosoph Prof. Dr. Daniel Dennett steht mir menschlich näher als Leute wie Rudolf II. von Regensburg, sein Doktorvater GLM, Gänswein, Woelki und wie sie alle heißen mögen. Hier ein wunderbares Gespräch mit Mr. Dennett, insbesondere empfohlen ab Min. 41:48 oder ab 45:18 bzw. treffend 45:44 – 46:12 und grandios ab 55:15 bis zum Schluss bei https://www.youtube.com/watch?v=Igb-Xstv0o0

    Was Dennett sagt kann ich alles unterschreiben. Ich bin nun mal kein religiöser Fundamentalist, denn von diesen führt kein Weg zu mir!

  • Mathilde Vietze

    |

    Um mit Papst Franziskus zu sprechen: “Mir ist ein ehrlicher Atheist lieber, als ein
    scheinheiliger Christ.”

  • joey

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    @Mathilde Vietze
    die Scheinheiligen sind aber die Finanzierungsgrundlage der Kirche. So ein Gottesdienst kostet ja viel mehr Geld als die Besucher vielleicht zu zahlen bereit wären:
    Gebäudeabschreibung, Kerzen, Orgel und Organist, … und die Krone: das Gehalt des Pfarrers.
    Ja, trefft Euch mit dem Bischof “wie früher” im Wohnzimmer und brecht das Brot (Roggenmisch reicht doch auch).

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drin