KulTür vs Stadtpass?

Konkurrenz um Kulturalmosen

Kostenlose Vergabe von Restkarten an Bedürftige: Gestern wurde im Leeren Beutel das Modell „KulTür“ vorgestellt, das die kulturelle Teilhabe in Regensburg verbessern soll. Bedenken meldete Reinhard Kellner vom Armutsforum an: Er befürchtet eine Konkurrenz zum Stadtpass.

Im Leeren Beutel stellten das Kulturnetz, das Ostbayerische Kulturforum und das Evangelische Bildungswerk ihr Projekt "KulTür" zur Verbesserung der kulturellen Teilhabe vor. Fotos: ld.

Im Leeren Beutel stellten das Kulturnetz, das Ostbayerische Kulturforum und das Evangelische Bildungswerk ihr Projekt „KulTür“ zur Verbesserung der kulturellen Teilhabe vor. Fotos: ld.

„Wir haben da jetzt schon eine gewisse Vorarbeit geleistet“, sagt Reinhard Kellner skeptisch. Gerade jetzt, wo der Stadtpass doch schon auf dem Weg sei und die Stadt in diesem Zusammenhang – das betont er mehrfach – gerade extra eine eigene Stelle schaffe, sei das Modell „KulTür“ schon eine „Konkurrenz zum Stadtpass“. Und: Aus der Perspektive des Armutsforums sei der Startzeitpunkt „nicht gerade ideal“. „Das wird nicht konfliktfrei laufen.“ Das müsse schon einmal gesagt werden.

„KulTür“, so heißt ein Kooperationsprojekt vom Kulturnetz, dem Evangelischen Bildungswerk und dem Ostbayerischen Kulturforum, das im April in Regensburg starten und die kulturelle Teilhabe in der Stadt verbessern soll. Am Dienstagabend wurde das Vorhaben im Leeren Beutel vorgestellt. Anwesend waren nicht nur Vertreter der drei beteiligten Organisationen. Unter den gut 40 Gästen befanden sich auch Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, der kaufmännische Direktor des Stadttheaters Henrik Huyskens sowie – wie bereits erwähnt – Reinhard Kellner, der sich als Vertreter des Armutsforums vorstellte.

Hielt ein kurzes, aber gehaltvolles Inputreferat zum Kulturbegriff: Prof. Christian Zürner von der OTH.

Hielt ein kurzes, aber gehaltvolles Inputreferat zum Kulturbegriff: Prof. Christian Zürner von der OTH.

Nach einer kurzen Begrüßung von Carsten Lenk, dem Leiter des Evangelischen Bildungswerks (EBW) und einem Inputreferat von Prof. Christian Zürner zum Kulturbegriff an sich und dem Stellenwert von kultureller Teilhabe, stellte Nicole Zwicknagel vom Kulturnetz das Projekt vor. Die „KulTür“ sieht ein Verteilungsmodell nicht verkaufter Restkarten für kulturelle Veranstaltungen vor, die an einkommensschwache Menschen kostenlos weitergegeben werden sollen. Hauptziel sei es, finanzielle Hürden abzubauen. Weiterhin sollen auch Berührungsängste bei kulturellen Veranstaltungen genommen werden.

Positive Erfahrungen aus Landshut, Zweifel vom Armutsforum

Dass so ein Modell langfristig funktioniere und nicht nur für arme Menschen, sondern auch für die Veranstalter Vorteile biete, kann Stephan Rebel vom Ostbayerischen Kulturforum berichten. Er erzählt von der „Kulturtafel“ in Landshut, die nach demselben Prinzip wie „KulTür“ funktioniert und über die von 2013 bis 2014 mehr als 3.500 Karten vergeben worden seien. Dazu sei aber die Unterstützung von sozialen Partnern genauso wie von Kulturveranstaltern notwendig.

Bei letzteren setzt die Kritik von Reinhard Kellner an. „Wir schreiben auch gerade Kulturträger an“, sagt er. „Wir“ – das sind die Organisatoren des Stadtpasses, den es ab Juli geben soll. Neben Vergünstigungen bei der Mobilität sieht er auch eine Eintrittsermäßigung um 50 Prozent bei städtischen Töchtern und Kooperationspartnern, die den Stadtpass unterstützen möchten, vor. Es könne nun sein, „dass da manche zwei Briefe bekommen – einen vom Stadtpass und einen von der KulTür“. „Da können sich Kollisionen ergeben“, sagt Kellner. Das eine Modell, nämlich der Stadtpass, böte 50 Prozent des Eintrittspreises, das andere – die „KulTür“ – wolle Eintrittskarten umsonst.

50 Prozent zahlen oder auf Freikarte warten?

Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer sieht das Nebeneinanderexistieren der beiden Projekte nicht ganz so kritisch. „Ich glaube nicht, dass das eine Konkurrenz sein muss“. Immerhin will KulTür pro nicht ausverkaufter Veranstaltung nur „2 plus x“ Karten für die Weitergabe. Henrik Huyskens vom Stadttheater springt hingegen eher Kellner bei: Wenn ein Stadtpass-Besitzer „50 Prozent zahlen kann und es sich dann überlegt, ob er nicht einfach wartet und die Karte dann umsonst bekommt, ist das schon ein Thema für uns.“

Moderierte den Abend und vermittelte auch zwischen Kellner und "KulTür": Carsten Lenk.

Moderierte den Abend und vermittelte auch zwischen Kellner und „KulTür“: Carsten Lenk.

„Wir haben schon definiert, wer arm ist.“

Am Ende beschwichtigt nicht nur Carsten Lenk, der sich einen „intensiven Austausch mit dem Armutsforum“ wünscht. Auch Kellner scheint die „KulTür“ trotz aller Bedenken unterstützen zu wollen und gibt gut gemeinte Ratschläge. Unter anderem, „keine neuen Einkommensgrenzen für Armut“ zu definieren – „macht’s das ned!“. Das habe das Armutsforum nämlich schon getan und sei dabei auf eine Zahl von 13.000 Regensburgerinnen und Regensburgern gekommen.

Fest steht: Die „KulTür“ wird zum 1. April ihren Betrieb aufnehmen. Mögliche Kooperationspartner werden gebeten, sich bei den Organisatoren zu melden – genutzt wird die Infrastruktur des Evangelischen Bildungswerks. Ob es tatsächlich „Kollisionen“ bei der Verbesserung der Kulturteilhabe geben muss und wird, wird sich dann alsbald zeigen.

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Kommentare (4)

  • Mr. T

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    Wenn zwei Organisationen darum konkurrieren, wer denn Bedürftigen etwas zukommen lassen darf, hört sich das ähnlich skurril an wie der Konkurrenzkampf der Rettungsdienste in „Komm, süßer Tod“.
    Wobei die Konzepte doch sehr unterschiedlich sind. Ich stell mir grad vor: Wenn da ein Odachloser mit dem Stadtpass den rechtsesoterischen Reichsbürger Xavier Naidoo bei der Fürstin hören will, muss er immer noch rund 65 Euro berappen; bei der KulTür kann er sich ganz umsonst unter die Mahnwichtel mischen.
    Das eine ist doch eher eine Ermäßigung für Bedürftige auf den regulären Preis, das andere eine kostenlose Weitergabe von etwas, das sonst nicht verwertet würde.

  • NannyOgg07

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    So ganz erschließt sich mir die Konkurrenz nicht. Schließlich geht es bei dem einen KOnzept darum, etwas zu verschenken, was eh keiner mehr will, während das andere Konzept ein Rabattsystem ist, bei dem jemand, der gerne ein Veranstaltung besuchen möchte, seine Karte auch sicher hat statt nur darauf hoffen zu können, vielleicht mit etwas Glück was abzubekommen.
    Ich denke eigentlich auch, dass beides gut nebeneinander existieren kann und sehe in vollen Veranstaltungsräumen einen Vorteil für alle Beteiligten.
    Der UmsonstLaden ist doch auch keine Konkurrenz für den Second Hand Laden, denn die Konzepte sind ebenso wie das Zielpublikum unterschiedlich.

  • Veronika

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    Anderer Artikel, selbiges Grundprinzip?!
    ——-
    Wer sagt eigentlich, dass die Bedürftigen die Restkarten, also „cultural breadcrumbs“ überhaupt wollen?
    Also auch wenn ich nicht viel Geld hätte, würde ich mir schon noch selbst aussuchen wollen in welche kulturelle Veranstaltung ich gehen will.
    Das sind die Brotkrummen, welche die begüterten Kulturbeflissenen (Die sich deren Kulturschaffen in der Oberpfalz zu einem Großteil durch Fördermittel bezahlen lassen udn davon leben. ;-)) den einfachen Leuten zu geben gedenken.
    ——–
    Auch hier die rhetorische Frage: Wie „groß“ glaubt Regensburg eigentlich zu sein, um hier noch weiter eine Mehrklassengesellchaft zementieren zu wollen?
    Obwohl Hochschulstadt scheint mir die Vielfältigkeit Regensburgs seit 20 Jahren kontinuierlich abgesackt zu sein.

  • Veronika

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    Ich darf ergänzen: Nur mit der Röm.-Kath. Kirche geht es seitdem bergauf. Ist ja auch Kultur, aber eine solche die noch niemand wirklich gebraucht hat, weil es Privatsache ist ob und was man glaubt, und vor allem ob man manchen Leuten (> Domspatzen-Diskussion) wirklich noch glauben kann!

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