SOZIALES SCHAUFENSTER

Begründung: Brandschutz

Nach über fünf Jahren: Stadt streicht Wirt alle Freisitze

Der Antrag von Wirt Christian Joachim für einen zusätzlichen Tisch vor seinem Café hatte für ihn fatale Folgen. Nach einem Vor-Ort-Termin mit der Berufsfeuerwehr versagte ihm die Stadt nicht nur die Genehmigung für einen weiteren Tisch, sondern untersagte aus Brandschutzgründen sämtliche Freisitze.

Christian Joachim: Weil der Jolie-Wirt einen Antrag zur Erweiterung seines Freisitzes gestellt hat, hat er nun überhaupt keinen Freisitz mehr. Foto: as

Für Christian Joachim ist es eine existentielle Frage. „Mein Vertrag hier läuft noch drei Jahre“, sagt der Betreiber des Café Jolie am Watmarkt. „Wenn ich keinen Freisitz mehr haben darf, dann höre ich danach auf.“ Vor etwas mehr als fünf Jahren, im Januar 2016 hat Joachim das Jolie eröffnet. Drei bestuhlte Tische direkt vor der Türe hat ihm die Stadt Regensburg damals genehmigt. Erst dadurch werde sein Café überhaupt erst sichtbar, erzählt er. „Seit gut 25 Jahren gibt es in diesen Räumen Gastronomie und früher waren es sogar mehr Freisitze entlang der Gasse.“ Aber Joachim war mit seinen drei Tischen zufrieden. Das Geschäft lief gut.

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Als der benachbarte Weinhändler 2019 in Rente ging, pachtete er dessen Räume hinzu – und weil dort in der Vergangenheit immer ein großes 500-Liter-Fass als Auslage vor dem Laden stand, versuchte Joachim nun auch dort denen einen oder anderen Freisitz genehmigt zu bekommen. Doch die Stadt lehnte ab. Es handle sich um eine Feuerwehranfahrtszone und Aufstellfläche für die Drehleiter, hieß es zur Begründung. Joachim gab sich zufrieden.

Ein Antrag mit fatalen Folgen

Dann kam Corona, der Lockdown und als wieder geöffnet werden durfte, galten die entsprechenden Abstandsregeln. Aus drei Tischen wurden zwei. Joachim startete einen neuerlichen Versuch, einen weiteren Tisch entlang der Gasse genehmigt zu bekommen – mit fatalen Folgen für sein Café. Nach mehreren Telefonaten, Vor-Ort-Terminen mit mehreren städtischen Ämtern und schließlich der Feuerwehr, nach Durchfahrtsversuchen und einer probeweisen Aufstellung fürs „Anleitern“ wurde Ende April nicht nur sein Antrag für zusätzliche Tische abgelehnt. Joachim muss nun auch seine verbliebenen zwei Tische aus der Gasse räumen – und hat ab sofort gar keine Freisitze mehr.

So breit sind die Freisitze des Café Jolie.

Die Anleiterprobe habe ergeben, dass ein Freisitz aus brandschutzrechtlichen Gründen nicht genehmigt werden kann, teilt die Stadt Regensburg dazu auf Anfrage mit. Der Platz werde für die Drehleiter benötigt. Weil es am Watmarkt auch eine Lieferzone und einen Behindertenparkplatz gebe seien Freisitze im Straßenraum „deshalb auch an anderer Stelle in dieser Gasse aktuell nicht genehmigungsfähig, weil die Durchfahrt gewährleistet sein muss“.

Stadt bittet um Verständnis

Folgen hat das nicht nur das Jolie, sondern auch für die benachbarte Barock Bar, die seine Freisitze im Abendgeschäft nutzen durfte. Joachim versteht die Welt nicht mehr. Als Feuerwehranfahrtszone sei die Gasse „schon ewig“ ausgewiesen. Das könne also kaum der Grund für die Entscheidung der Stadt sein. „Ich habe sogar angeboten, schriftlich zu erklären, dass meine Stühle und Tische im Notfall beschädigt werden dürfen und ich das auf meine Kappe nehme.“ Ohnehin habe das Anleitern bei dem Vor-Ort-Termin geklappt – wenn auch knapp. Und die Durchfahrt sei kein Problem gewesen – sein Freisitz sei gerade einmal 70 Zentimeter breit. „Meine Tische hebt man schnell weg – ganz im Gegensatz zu dem großen Fass, das hier lange kein Problem war oder zu den Autos, die hier immer mal einfach so parken, wenn sie sich am Domplatz ein Eis holen.“

Eine Feuerwehranfahrtszone ist der Watmarkt schon lange.

Die Stadt bittet um Verständnis. „Die äußerst beengten Straßenverhältnisse machen eine Freisitzfläche leider nicht möglich. Im Ernstfall müssen die Flächen jederzeit und ausnahmslos zugänglich sein.“ Außerdem könne es vorkommen, dass einmal genehmigte Freisitze bei einer späteren Überprüfung nicht mehr genehmigungsfähig seien. „Zum Beispiel dann, wenn sich Abmessungen bei den eingesetzten Feuerwehrfahrzeugen oder Gegebenheiten vor Ort im Lauf der Jahre ändern.“

Was konkret sich am Watmarkt geändert und die Brandschutzsituation verschärft hat sowie Antworten auf weitere Fragen, die unsere Redaktion in dem Zusammenhang gestellt hat, will die die städtische Pressestelle uns bis Anfang nächster Woche beantworten.

Was ist mit anderen Gassen und Wirten?

Christian Joachim zieht derweil ein bitteres Fazit: „Hätte ich überhaupt keinen Antrag gestellt und mich mit meinem Anliegen an die Stadt gewandt, dann wären mir zumindest die zwei Tische geblieben. Anders wäre das doch nie überprüft und in Frage gestellt worden.“ Er befürchtet, dass ein solches Vorgehen auch in anderen Gassen Folgen für dort ansässige Wirte und deren Freisitze habe.

Ein normaler Nachmittag am Watmarkt. Parken in der Feuerwehranfahrtszone.

Fest steht allerdings schon jetzt, dass sich die Durchfahrtssituation am Watmarkt bereits „verbessert“ hat – zumindest für Privatfahrzeuge, die das Gässchen als Abkürzung nutzen. Mit den Freisitzen ist auch deren verkehrsberuhigende Funktion weggefallen. Drei Pkws rauschen bei einem halbstündigen Vor-Ort-Termin nicht gerade im Schritttempo vorbei. Die Treppe beim Pelzgeschäft gegenüber zeugt noch davon, dass hier kürzlich ein Auto ordentlich dagegen gekracht ist. Erst vor ein paar Tagen wurde ein Gast von Joachim beim Verlassen des Cafés angefahren. Seine Tochter hatte er gerade noch festgehalten, als die vor die Tür laufen wollte.

Der Jolie-Betreiber denkt nun über eine Klage gegen die Stadt nach.

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Kommentare (15)

  • Horst

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    Brandschutz ist die Atomwaffe des Bürokraten. Wenn er was ander nicht verbieten oder zerstören kann, dann muss der Brandschutz her.

  • Mr. Baseball

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    Tja, das mit den Fahrversuchen der Feuerwehr ist so eine Sache….habe selbst vor etlichen Jahren in der Lederergasse ein solches Schauspiel miterleben dürfen !!! Der Fahrer des Drehleiterwagen gab sich aus meiner Sicht keinerlei Mühe überhaupt durch die Gasse zu navigieren. Hat einfach gesagt, er kommt da nicht durch und das Ergebniss waren drei weitere Anwohnerparkplätze die weggefallen sind !

  • R.G.

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    Ja Himmiherrschaftszeiten. ein bissl antizyklisches Verhalten kann ma der örtlichen Politik schon gönnen.
    In anderen Städten kreiert man jetzt extra Tische zur Bewirtung im Freien, als Infektionsschutz und zum Ausgleich für die Wirte wegen der erwartbaren Verluste, da darf man doch in Regensburg für die Kleinen das Gegenteil beschließen, solang die Systemgastronomie genug Einnahmen hat!
    Rein in die Stube und den Mund haltn, froh sein, dass man noch lebt als Kleinwirt!

  • KW

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    Im Prinzip müssten sie dann die halbe Altstadt dicht machen. Statt konsequent die Autos rauszuhalten kommt jetzt sowas. Wenn’s nicht so bitter wär könnte man drüber lachen.
    Ach ja, wenn man “Drehleiter für enge Gasse” in eine Suchmaschine eingibt, kommen ein Haufen interessante links, sowohl von Herstellern derselben als auch Städten mit engen Gassen die solche einsetzen, zurück.

  • KE

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    Wenn man den Brandschutz ernst nimmt, muss man etwas gegen die parkenden Autos unternehmen, evtl. mit einem Poller oder ähnlichem. Im Gegensatz zu Stühlen sind diese wirklich im Weg.
    Auf dem Foto sieht es so aus, als wäre auf der anderen Straßenseite, dort wo ohnehin die Stufen in den Straßenraum ragen, Platz? Vielleicht wäre es auch möglich, dass die Eisdiele aus Solidarität ein bisschen Platz macht.

  • xy

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    Ein lehrbuchmäßiges Beispiel, wie man schlafende Hunde weckt und dass man manchmal besser seinen Schnabel hält, wenn man nicht weiß, wie unvorteilhaft das ausgehen kann.

  • Piedro

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    “Was konkret sich am Watmarkt geändert und die Brandschutzsituation verschärft hat sowie Antworten auf weitere Fragen, die unsere Redaktion in dem Zusammenhang gestellt hat, will die die städtische Pressestelle uns bis Anfang nächster Woche beantworten.”
    Da wird der Aigner wieder lästig. Bravo!

    “Der Jolie-Betreiber denkt nun über eine Klage gegen die Stadt nach.”
    Möge Justitia mit ihm sein. Meine Vermutung: geändert hat sich gar nichts, weder an den Bestimmungen, noch an den Fahrzeugen. Nur das Fass ist weg, das sich nicht so leicht hätte beseitigen lassen wie diese Tischchen und sechs Stühle.

    Gibt es bei sowas nicht auch eine Art Bestandschutz? Wenn sich nichts geändert haben sollte müsste das doch so sein, alles andere wäre doch reine Willkür.

    Herr Joachim, für mich und die meine ist das Jolie das Frühstückslokal Nummer eins in Deutschland! Wir kennen kein besseres zwischen Nordsee, Berlin und dem Allgäu. Wir buchen in R. immer ohne Frühstück und werden hier aufs köstlichste gesättigt. Gut, etwas mehr Brot wäre für die üppigen Platten nicht verkehrt, aber das lässt sich ja nachbestellen. Die postmoderne Lokalität neben dem Museum für bayrische Peinlichkeit kann mit diesem Standort nicht mithalten. Nicht zuletzt wegen des Wirtes, der, wenn er denn Zeit hat, auch einiges erzählen kann. Die Hütte würde uns wirklich sehr fehlen.

    Wie man auf die Idee kommt, durch diese Gasse zu brausen erschließt sich mir gar nicht. Vermutlich, weil ich kein Weißbier trinke. Abgestellte Fahrzeuge dürften auch unbeanstandet bleiben, sonst würden sich die Anwohner das ganz schnell abgewöhnen, und andere werden kaum so frech sein da zu parken.

  • Anne Schreiber

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    Endlich kümmert sich jemand um die Sicherheit in der Altstadt. Die Freisitze aufgereiht entlang der schmalen Straßen nehmen überhand. Die Altstadtplätze werden vollgetischt und eingestuhlt und mit den Sonnenschirmreklame oder Bretterverhau die Claims abgesteckt. Schee is was anders.

  • joey

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    so breit wie die Schilder dürfen die Tische sicher sein. Tische sind mobil, die Schilder fest. Ja, im echten Notfall kann ein schwerer LKW irgendwelche Verkehrszeichen einfach umdrücken. Ein Tisch stört ihn aber auch nicht lang.

  • Peter Wailanth

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    Normal wäre ja, ein Gastwirt würde mit der Qualität seiner Speisen, Getränke und Service überzeugen. Viele Altstadthäuser mit Gastbetrieb haben auch einen idyllischen Hof. ‚Straßentribünen‘ sind ein schlechter, weil hässlicher Notbehelf.

  • Bertl

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    Entweder sind die Bürokraten bisher ihrer Pflicht zur Überwachung des Brandschutzes nicht nachgekommen oder es macht Ihnen Freude (vielleicht können sie sich auch in die Lage eines selbständigen Gastwirtes nicht einfühlen), Gewerbetreibende zu piesaken. In beiden Fällen sollte man nachhaken, wie die Arbeitsqualität der/des Mitarbeiter(s) ist.
    Die Bezahlung erfolgt immerhin durch öffentliche Gelder.

  • Tobias

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    Der “Brandschutz” ist ja auch in den Gebäuden in der Altmühlstraße ein Problem. Diese Dinger stehen seit 1970 und ein bisschen später. Wurden von der Stadt abgenommen; damals noch mit Magirus-Deutz-Riesendingern befahrbar. Alles eingehalten, wie es in der Satzung (ist auf dem interaktiven Stadtplan von Regensburg als PDF abrufbar – ein tolles Feature übrigens, die Originalscans von 1968 zu sehen!)

    Und dann hies es: “Brandschutzbedenken”. Es sollt der Boden begradigt, eine Feuerleiter installiert werden. Kosten für die gelben Häuser gehen in die Zehntausende / Wohnung. Ohne Anlass. Doch, es gibt einen: Grenfelltower, der rein gar nichts mit der hiesigen Situation zu tun hat.

    Was soll denn im Falle eines Brandes an diesen Tischen stören? Einer der Wirte/Kellner ist doch immer anwesend; die Gäste werden wohl kaum auf das Weiterverweilen bestehen, wenn dort die Gasse vollgequalmt ist. Diese Dinger sind in 30 Sekunden weggeräumt…

  • Mathilde Vietze

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    Und wenn etwas passiert, ist natürlich “die böse und unfähige” Stadtregierung
    schuld.

  • Samson

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    Horst
    11. Juni 2021 um 16:33 | #
    Brandschutz ist die Atomwaffe des Bürokraten. Wenn er was ander nicht verbieten oder zerstören kann, dann muss der Brandschutz her.
    👍🙏
    Genau denn die Tische werden ja 2 m tief im Fundament befestigt.
    Und die Feuerwehr kommt ja mit Autonomen Fahrzeugen, die drei Tische niemals auf die Seite räumen können.

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drin