SOZIALES SCHAUFENSTER

Tücken von Tempora

Regensburg-Kutscher wurde überwacht

Er hätte besser mit der Kutsche fahren sollen: Als der Regensburger Bernd Neumann-Henneberg Anfang Oktober seine Kinder in Großbritannien besuchen wollte, wurde der 69jährige in Harwich von der Polizei als vermeintlicher Drogenschmuggler festgenommen. Die Briten hatten offensichtlich seine E-Mails mitgelesen.

In England verging im kurz das Lachen: Bernd Neumann-Henneberg. Foto: Archiv/ as

In England verging im kurz das Lachen: Bernd Neumann-Henneberg wurde verdächtigt, Drogenschmuggler zu sein. Foto: Archiv/ as

Man kennt ihn als den Kutscher mit dem schwarzen, breitkrempigen Hut. Immer wieder sieht man Bernd Neumann-Henneberg in diesem Outfit Touristen durch die Altstadt chauffieren. Und als 2009 die Steinerne Brücke nicht nur für Busse, sondern auch für die Oberbürgermeister-Kutsche beim Dult-Umzug gesperrt wurde, ließ es sich der 69jährige nicht nehmen, seinerseits eine kleine Protestfahrt zu unternehmen, um die völlige Gefahrlosigkeit einer Brückenüberquerung per Kutsche zu beweisen. Es ist also nicht übertrieben, ihn als kleine Regensburger Berühmtheit zu bezeichnen. Dass dieser Ruhm aber so weit reicht, dass die britischen Sicherheitsbehörden seinen E-Mail-Verkehr verfolgen, hätte er sich nicht träumen lassen.

Familienbesuch per Mitfahrzentrale

Anfang Oktober unternahm Neumann-Henneberg eine kleine Reise nach Großbritannien, um dort seine Tochter und seinen Sohn zu besuchen. Nicht per Kutsche, aber doch günstig wollte er reisen und so entschied er sich für Mitfahrgelegenheiten. Von Regensburg nach Köln, von dort mit dem nächsten Auto nach Amsterdam und dann mit der Fähre nach Harwich. Schnell war alles per E-Mail mit den beiden Fahrern vereinbart und so stieg Neumann-Henneberg am 5. Oktober in Regensburg freudig ins erste Auto, um auf die Reise zu gehen.

In Köln jedoch geriet die Weiterfahrt nach Amsterdam ins Stocken. „Der Fahrer hat mich erst zwei Mal vertröstet und mir schließlich gesagt, dass er erst am nächsten Tag fahren könne.“ Neumann-Henneberg kaufte sich also ein Zugticket, fuhr per Bahn nach Holland und bestieg dort – nach einer Übernachtung – die Fähre nach Harwich im Südosten Englands.

Festnahme ohne Angabe von Gründen

Dort angekommen wurde er sofort nach dem Verlassen der Fähre von zwei Polizisten ohne Angabe von Gründen festgenommen und abgeführt. Sein Gepäck wurde durchwühlt und er selbst einer „höchst peinlichen“ Leibesvisitation unterzogen („Grod dass er mia ’s Sackl ned obgrissn hod“, sagt Henneberg.). Erst anschließend klärte man ihn darüber auf, dass er es doch sei, der mit einem Drogenschmuggler im Bunde stehe, mit dem er von Köln nach Amsterdam gefahren sei. Selbst als Neumann-Henneberg sein gestempeltes Zugticket vorlegte und bat, doch einfach bei seiner Tochter anzurufen, glaubten ihm die Polizeibeamten nicht.

„Ich hab dann einfach kein Englisch mehr verstanden…“

Man wisse ganz genau, mit wem er da von Köln nach Amsterdam gefahren sei und woher man das wisse, gehe ihn nichts an. „Da wurde mir erst klar, dass die meine E-Mails gelesen haben müssen. Nur darüber habe ich meine Mitfahrgelegenheiten vereinbart.“ Die Absage hingegen kam per Handy. „Und um den Kauf des Zugtickets mitzubekommen, hätten sie mich schon beschatten müssen.“

Von da ab, sagt Neumann-Henneberg, habe er seine „anfangs kooperative Haltung“ aufgegeben. „Ich hab dann einfach kein Englisch mehr verstanden und als ein Beamter kam, der etwas Deutsch sprechen konnte, da konnte ich nur noch Bairisch.“

Knapp zwei Stunden dauerte das Verhör, in dessen Zuge Neumann-Hennebergs Hände auch noch einem chemischen Drogentest unterzogen wurden, der ebensowenig ein Ergebnis brachte wie Verhör, Durchsuchung und Leibesvisitation. Dann, „fünf Minuten nachdem mein Zug nach Cambridge weg war“, wurde er vor die Tür gesetzt.

Im Hotel kam es dann zu einer denkwürdigen Begegnung. Neumann-Henneberg traf eine Frau wieder, die unittelbar vor ihm auf der Fähre eingecheckt war. Völlig aufgelöst und verheult habe sie ihm erzählt, dass die Polizei sie eineinhalb Stunden lang verhört habe, weil sie doch ihren drogenschmuggelnden „Vater oder Schwiegervater“, Neumann-Henneberg, im Auto mitgenommen und dann als Fußgänger die Fähre habe besteigen lassen.

Nur der Vollständigkeit halber: Auch Verhör und Durchsuchung besagter Frau brachten keinen Drogenfund.

Der Fahrer ist nicht erreichbar

Ob es sich bei seinem Fahrer nun tatsächlich um einen Drogenschmuggler gehandelt hat oder nicht, konnte Neumann-Henneberg nicht herausfinden. „Er hat mich am Telefon abgewiegelt und so getan, als könnte er sich gar nicht an mich erinnern.“ Als wir mehrfach versuchen, den Mann anzurufen, meldet sich nur die Mailbox eines Prepaid-Anbieters.

Nichts zu verbergen, nichts zu befürchten?

All zu überraschend ist es übrigens nicht, dass (nicht nur) britische Sicherheitsbehörden bei den E-Mails mitlesen. Nach den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden überwacht der britische Geheimdienst über das Spähprogramm „Tempora“ sämtliche Einträge in sozialen Netzwerken, E-Mails und Telefongespräche – auch in enger Zusammenarbeit mit dem deutschen BND. Und selbst wer, wie Neumann-Henneberg, nichts zu verbergen hätte, hat sehr wohl etwas zu befürchten.

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Kommentare (36)

  • Der kleine Schmuggler

    |

    Hallo Herr Hintze,

    ich stimme Ihnen zu, dass, wer bei der Aufklärung von Verbrechen nicht hilft, sich zum Komplizen macht.

    Bei der Prävention bin ich deutlich zurückhaltender. Zu Zeiten der SA/SS und Stasi konnte man die Lauscher wenigstens noch sehen. Nur weil das im Internetzeitalter auch anders geht heiße ich diese Methoden nicht gut. Auch vor der Erfindung des Internets sind wir nicht in der Kriminalität versumpft.

    Für mich gilt immer noch die Unschuldsvermutung; nicht die Schuldsvermutung. Im Beispiel dieses Artikels hätten sich beide Seiten Zeit, Aufwand und Ärger sparen können, wenn etwas sauberer recherchiert worden wäre.

    Viele Grüße

  • arthur

    |

    Ich finde, in dem Zusammenhang wäre es nett zu erfahren, bei welchen Email-Providern Absender und Empfänger der abgehörten Mails Kunde waren.

  • Wolf Neumann-Henneberg

    |

    Die Anhörung im Kongress der US Sicherheitsexperten zeigt auf, wie Ergebnisse dieser Organisationen ermittelt
    und ausgelegt werden.

    Jeder amerikanische Staatsbürger hat mehr Rechte wie
    ausländische Staatsoberhäupter.

    Mit dieser Einstellung wurden vor dem Irakkrieg angebliche Massenvernichtungswaffen gesucht und erfunden, um einen Krieg auszulösen, der seither die Region instabil gebombt hat und hundertausenden das Leben gekostet hat.

    Ja auch ich bin für die Überwachung von Straftaten im und ausserhalb des Internets.

    Wenn die überwachenden Organisationen genau so kriminell, oder noch schlimmer wie Verdächtigten sind,
    dann muss der Rechtsstaat eingreifen.
    Schon bei Verdacht ist Handlungsbedarf geboten.

    Hier sind alle Politiker und der Staatsanwalt aufgefordert
    sofort zu handeln und sich nicht erst in Wahington belügen zu lassen.

  • Flaschenpost

    |

    […] die sie nicht wissen sollten, wie beispielsweise in den Fällen von Johannes Niederhauser  oder Bernd Neumann-Henneberg. Nur wenn der Widerstand aus der Bevölkerung groß genug ist, wird die Regierung reagieren. Doch […]

  • Dietmar Kuschke

    |

    An Hintze, Thomas, Mr.T usw.
    wenn also wirklich „nur“ ein sog. Drogendealer überwacht wurde, dann frage ich mich um so mehr, was denn bitte die britische Bullerei ein mutmaßlicher BTMG-Verstoß auf dem europäischen Festland angeht ?!? Denn besagter Deal hätte ja wohl zwischen Deutschland und (irgendwie naheliegend) Holland stattfinden sollen, der Umweg über Great Britain wäre dabei so zweckvoll gewesen wie die Schweinepest in Süd-Oldenburg.
    Aber whrscheinlich muß man sich demnächst als Tourist in GB auch noch für’s Falschparken in der Regensburger Innenstadt rechtfertigen?
    Und jeder Bekloppte tut das dann bestimmt auch wieder ganz dolle super und völlig richtig finden tun.
    Da sach ich nur – weiter so, bis zur Endlösung jeder Krimi-Analitäts-Bekämpfung, JAWOLL und schlag schonmal prophylaktisch die Hacken zusammen.

  • Dubh

    |

    Hintze: „Übrigens: Wer bei einer Verbrechensaufklärung oder -prävention nicht mit Polizei und Behörend kooperiert, macht sich bewusst zu einem Komplizen und sorgt dafür, dass Opfer auch Opfer bleiben!“

    Es ist Ihnen ganz und gar unbenommen mit wem auch immer zu kooperieren, zumal wenn Sie als Verdächtiger – NICHT als Zeuge! – behandelt werden, nicht wissen worum es überhaupt geht, dann einer als Verbrecher bezeichnet wird, von dem Sie nichts wissen, außer dass der eine Mitfahrgelegenheit angeboten hatte, die aber nicht zustande kam.

    Man fragt sich, WIE kooperieren Sie?
    Erfinden Sie dann mal eben Geschichten über ne Person, die Sie nicht mal vom Sehen kennen……………?

    Dummheit an sich ist ja kein Straftatbestand – es lässt sich aber was draus machen, wenn man sonst grade nichts Besseres zu tun hat – insbesondere bei Untertanen………..

  • Das Abenteuer ist des Kutschers Lust | Regensburg Digital

    |

    […] ist noch nicht allzu lange her, da durfte Bernd Neumann-Henneberg während einer unverschuldeten Festnahme in Großbritannien eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Das hält den Kutscher jedoch […]

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