That’s columnism

Die wöchentlichen Leiden des Medienmasochisten Martin O.. Heute: von Tischtüchern, Terror und unzweifelhaften Wahrheiten.

Liest und leidet: Marin Oswald.

Liest und leidet: Martin Oswald.

Ach, so richtig will mir diesmal überhaupt nicht einfallen, worüber ich schreiben soll. Aber ich schreibe natürlich trotzdem. Schließlich bin ich Kolumnist und will da anderen Schreiberlingen in nichts nachstehen. Die saugen sich auch Tag für Tag oder Woche für Woche irgendetwas aus den Fingern und tun so, als hätte da irgendeine Relevanz. Ich schreibe also, ob mir was einfällt oder eben nicht, ist nicht relevant. So läuft das.

Harald Martenstein schrieb in der letzten Ausgabe des Werbeblatts für Armbanduhren, dem ZEIT Magazin, über den Zusammenhang von protokollierten Konferenzen, E-Mails und den Untergang des amerikanischen Imperiums. Vermutlich ist das tiefsinnig und lustig, vielleicht ist ihm aber auch einfach nichts eingefallen. Franz Josef Wagner holzte sich in der letzten Woche wieder volltrunken durch allerlei Irrsinn in seinem Kopf, den er jedes Mal aufs Neue über alle möglichen Themen erbricht. Ja, dem fällt wenigstens etwas ein. Und mir etwa nicht?

„Adventsbesinnung – oder Terror?“

Sogar Christian Eckl findet sein Thema der Woche, bevor er sich in den Winterurlaub nach Spanien absetzt: Advent. Ja, liegt auch ziemlich nahe darüber zu schreiben. Allseits dieser Bratwurst- und Glühweingeruch in der Nase. Das provoziert regelrecht die brisante Frage: „Adventsbesinnung – oder Terror?“ (Wochenblatt Regensburg 11.12.13). Was für eine Überschrift! Und das Thema ist auch toll. Also bleiben wir doch mal beim Advent. Viel gibt es da zu beklagen, z.B. dass die Leute, die im Einzelhandel einkaufen nicht gerade immer nett seien. So zumindest berichtet es Herr Eckl. „Aber warum eigentlich?“, fragt er sich und beantwortet sogleich mit einer eigenartigen Mutmaßung diese Frage: „Wahrscheinlich weil es uns allen viel zu gut geht.“ Genau. Das ist die plausible Erklärung für all diese grantigen Einkaufsterroristen. Uns geht’s doch allen viel zu gut!

Bald werden wir aber noch viel grantiger durch die Geschäfte laufen, weil es uns nochmals besser gehen wird. GroKo sei Dank. Außer die bösen Sozen machen natürlich mit ihrem Mindestlohn die deutschen Arbeitsplätze kaputt. Gott bewahre!

Herr Eckl philosophiert:

„Der Mindestlohn wird eine einzige Job-Vernichtungsmaschine werden. Unzweifelhaft sind Löhne unter 8,50 Euro bedenklich. Darüber gibt es keinen Zweifel. Aber wer sehen will, dass das Tischtuch eben eine bestimmte Größe hat, muss nur hier bei uns vor Ort in große Werke blicken: Den satten Gehältern der einfachen Bandarbeiter einerseits, durchgesetzt von den Gewerkschaften, stehen andererseits Leiharbeit und Werksverträge (sic!) entgegen mit Arbeitern zweiter Klasse. Wer an der einen Seite des Tischtuchs zieht, zieht es von der anderen Seite des Tisches weg. Mindestlohn heißt: Weniger Arbeitsplätze“ (Wochenblatt Regensburg 04.12.13).

Unzweifelhaft sind das weise Worte eines Stammtischökonomen. Darüber gibt es keinen Zweifel.

An jedem Weihnachtstisch mit Tischtuch stirbt ein Arbeitsplatz.

Die Sozen zerren also an irgendwelchen Tischtüchern am Stammtisch und ziehen es denjenigen weg, die vorher mehr Tischtuch hatten. Damit haben die anderen, die zuvor weniger Tischtuch hatten, wiederum mehr Tischtuch. Bei diesem Tischtuchgezerre gehen unterwegs Arbeitsplätze verloren. Zum Beispiel der von der Kellnerin, die gar nicht mehr weiß, wo sie das Bier hinstellen soll.

Oder es verschwinden Jobs im Tischtuchfertigungsgewerbe, solange das Tischtuch nicht reißt, versteht sich. Wenn es allerdings reißt – und das wäre fast zu hoffen –, dann blieben die Arbeitsplätze doch wieder erhalten und die Näher_innen könnten sogar ein größeres Tischtuch nähen, damit es auf den ganzen Stammtisch passt und nicht mehr hin- und hergezogen werden muss.

Das ist so eine Sache, über die kann man die ganze noch verbleibende Adventszeit nachdenken. Spätestens, wenn man das Weihnachtstischtuch aus einer staubigen Kiste kramt und über den Tisch wirft, wird man vom schlechten Gewissen geplagt werden, genau dadurch Arbeitsplätze zu vernichten. An jedem Weihnachtstisch mit Tischtuch stirbt ein Arbeitsplatz. Mit Adventsbesinnung hat das aber auch wirklich gar nichts zu tun. Das ist Terror. Darüber gibt es keinen Zweifel.

Und so habe ich doch ein paar unsinnige Zeilen geschrieben, obwohl mir eigentlich überhaupt nichts eingefallen ist. That’s columnism.

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Kommentare (5)

  • erik

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    Herr erik philosophiert: Oft wird behauptet, die Agenda 2010 bzw. Hartz-Reformen und die damit verbundenen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind ein Erfolg! Mein Fazit sieht anders aus! Anstatt sich um ihren Dreck auf Rädern oder ihren vetternwirtschaftenden, gebührenschmarotzenden und in die eigene Tasche wirtschaftenden Verbänden und Institutionen zu kümmern, wurde Hanswursten im Nadelstreifen, die sich nie einer Wahl stellen mussten, die Möglichkeit eröffnet, die Politik in diesem Land zu beeinflussen und zu gestallten und mit ihren schwachsinnigen und nur den eigenen Profit im Blick habenden Gesetzen Menschen ins wirtschaftliche und soziale Elend zu stürzen und zu kriminalisieren. Leichen pflastern ihren Weg, das ist die Wahrheit zumindest meine! Die Leichen derer, für die sich niemand interessiert, für die kein Denkmal errichtet wurde und kein Politiker auf die Knie fallend den mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühl behafteten Trauer-Michel spielte, für die keine Verantwortlichen für ihr wirtschaftliches Elend in Stuttgart-Stammheim inhaftiert wurden und in einem wiederlichen Justizschauspiel abgemagert und halbnackt vor Kameras gezerrt wurden, für die es kein ZDF-Spezial und keinen ARD-Brennpunkt gibt, für die keine Akte ermittelt, für die kein Politiker in seinem Designeranzug steckend, billig nach Parfun stinkend und mit billigen Makup beschmiert Betroffenheit heuchelt, für die kein Aktenzeichen YX angelegt wird, für die kein verantwortlicher Politiker mit amputierten Beinen im Krankenbett in den Gerichtssaal gerollt wurde und wird, für die keine Fahne auf Halbmast weht, für die kein Gericht und keine Staatsanwaltschaft ermittelt, für die keine Drohne und kein Hubschrauber mit Wärmebildkamera aufsteigt um die Verantwortlichen zu jagen und für die keine Massengentest durchgeführt werden und die Schuldigen zu ermitteln! Die Agenda 2010 für mich ein von Politik-, Verbands- und Industriepsychopathen geplanter kalter Genozid durch die Hintertür! Das Prinzig von billigen, von wirtschaftlicher Not gezwungen und weitgehend rechtlosen Arbeitern, wie man es von vor 1945 kannte, sollte und soll wieder Verwirklicht werden. Vieviele von den ca. durchschnittlich 12.000 Menschen die sich jedes Jahr in Deutschland das Leben durch Suizid aus wirtschaftlichen Bewegründen und von der Agenda 2010 bzw. Hartz-Reformen verursacht nehmen, kann nur spekuliert werden, aber ich bin mir sicher es dürften viele sein!
    Mein Tipp informiert euch unter http://www.theonussbaum.de wie ihr von den da ober mit den Hartz-Reformen als Paukenschlag abgezockt werdet und haltet die Augen offen der schleichende Sozialabbau geht weiter!

  • kein anspruch auf vollständigkeit

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    Endlich mal was los in Schlaftown Regensburg.
    -Oberpfälzer Regierungspräsidentin Bunner geht nach München.
    -OB Schaidinger bekommt Bayerischen Verdienstorden.
    -63,4 Prozent. Mieten explodieren in Regensburg
    -Über 100 GBW Wohnungen werden verkauft, Groko in Regensburg hat kein Interesse.

  • Jürgen Huber

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    Also wirklich, das mit dem unzweifelsfreien Tischtuchhinundhergezerre war erste Sahne. Musste zweifellos herzhaft lachen.

  • jeanne d´arc

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    Zum dritten Mal arbeiten Sie sich nun an Herrn Eckl vom Wochenblatt ab. Ist das denn Ihre Kragenweite?

    Herrn Eckls Artikel sind doch bereits vollkommene realsatirische Manifeste, die ihrer Exegese nicht mehr bedürfen…:)

    Ich wünsch mir nächstes Mal ihren selbstquälerischen Lesebericht von der MZ….sollte doch eine herrliche Folterkammer für einen Medienmasochisten sein.

  • erik

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    Das Arbeitsvolumen in der Bundesrepublik Deutschland sinkt in seiner Tendenz seit 1960. Lediglich in den Phasen der Hochkonjunktur stieg es jeweils vorübergehend an. Das Arbeitsvolumen sinkt, wenn die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes (BIP) langsamer wächst als die Arbeitsproduktivität (AP = Wirtschaftsleistung der Beschäftigten pro Stunde). Dies war in Deutschland langfristig seit 1960 immer der Fall, d.h. die Arbeitsproduktivität ist im Dekadenvergleich immer schneller gewachsen als das BIP.
    Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass das Arbeitsvolumen in der Bundesrepublik Deutschland 1960 und 2008 fast identisch (ca. 57 Mrd. Stunden) war, obwohl das Erwerbspersonenpotential seit 1960 von rund 26 Mio. auf 44,5 Mio. Personen gestiegen ist.
    Gegenwärtig würden 31,8 Mio. Erwerbstätige in Vollzeit (40 Stunden /Woche) zur Bewältigung des Arbeitsvolumens ausreichen, so dass ca. 13 Mio. Menschen von offener Arbeitslosigkeit betroffen wären. Bei einer seit 2005 in der Diskussion befindlichen Verlängerung der regulären Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche (analog 1956) wäre die Zahl der Arbeitslosen noch höher (ca. 18,5 Mio.). Hingegen würde eine Gleichverteilung von Arbeit bei einem aktuellen Erwerbspersonenpotential von 44,5 Mio. Menschen zu einer Wochenarbeitszeit von ca. 30 Stunden führen
    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsvolumen#Die_Situation_in_der_Bundesrepublik_Deutschland

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