SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für Januar, 2014

Filmkritik: "Der Imker"

Hiob ohne Klage

Mit einem zweistündigen Porträt des Imkers Ibrahim Gezer ist dem 50jährigen Filmemacher Mano Khalil ein Dokumentarfilm von einer unerhörten Wucht gelungen, der gleichzeitig eine spielerische Leichtigkeit atmet.

Von Nurcan Gül

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„Imker ist ein schönes Hobby, aber in der Schweiz müssen Sie arbeiten!“ Die Frau am Arbeitsamt ist freundlich zu Herrn Gezer. Und Herr Gezer ist freundlich zu ihr. Er versteht zwar ihre Sprache kaum, aber er versteht, warum die gute Frau nichts versteht: „In der Schweiz ist jemand, der fünf oder zehn Bienenvölker hat, schon ein Imker. Ich hatte 500 Völker.“ In seinem ersten Leben nämlich, in der Türkei. Wohlhabend war Ibrahim Gezer da, er hatte eine Frau und einen Stall voller Kinder, wie man in Bayern sagen würde, und er war gerade dabei, ein Haus zu bauen. Doch Ibrahim Gezer ist Kurde, und er findet sich mitten im Bürgerkrieg zwischen der türkischen Armee und der kurdischen Arbeiterpartei PKK wieder. Dieser Krieg zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, jahrelang lebt er versteckt in den Bergen, er verliert seine halbe Familie, kann schließlich nur noch sein nacktes Leben retten, in die Schweiz.

Und nun sitzt er also dem Schweizer Amtsschimmel gegenüber. Der sehr freundlich und sehr bestimmt wiehert. Man meint es gut mit Herrn Gezer. Arbeiten muss er, aber man stuft ihn aus unerfindlichen Gründen als behindert ein und steckt ihn in eine Art Behindertenwerkstatt, wo er Ricola-Tüten in Kartons packen soll. Wenn hier wer behindert ist, dann sind es die Schweizer Behörden, die einen traumatisierten Bürgerkriegsflüchtling nach Schema F behandeln.

07-derimker-1200x900Das alles und noch viel mehr führt der Dokumentarfilm „Der Imker“ von Mano Khalil vor, der jetzt in der Filmgalerie im Leeren Beutel angelaufen ist (ab 6. Februar im Ostentor). Mano Khalil ist selbst Kurde, der aus Syrien zuerst in die Slowakei geflüchtet und dann in die Schweiz gegangen ist. Mit seinem zweistündigen Porträt von Ibrahim Gezer ist dem 50jährigen Filmemacher (der nicht nur Regie führt, sondern auch die Kamera) ein Dokumentarfilm von einer unerhörten Wucht gelungen, der gleichzeitig eine spielerische Leichtigkeit atmet.

Das liegt natürlich in erster Linie an Ibrahim Gezer, dem es kaum besser geht als Hiob in der jüdischen Bibel. Nur dass er darüber nicht in lautes Wehklagen ausbricht, sondern der Welt mit einem stillen, freundlichen Lächeln begegnet. Und Mano Khalil beobachtet ihn dabei aus unmittelbarer Nähe. Lässt ihn einfach sein. Versucht nicht, irgendwas aus ihm herauszuquetschen. Lässt seine Kamera auf dem zerfurchten Imkergesicht ruhen gegen jede Filmhochschulenkonvention. Wenn der Alte nichts sagt, dann sagt er eben nichts. Sondern schaut aus dem Zugfenster. Bis man ihn auf einmal reden hört. Bis man auf einmal begreift. Das Kino weiß ja schon lang nicht mehr, wie es sich selbst noch überbieten soll an Knalleffekten. Ein Mann, der alles verloren hat – da würde sich Hollywood zwei Stunden lang überschlagen. Mano Khalil rührt sich nicht vom Fleck. Schaut seinen Mann einfach nur an. Und wird ihm gerecht.

04-derimker-1200x675In der Schweiz grassiert die Fremdenfeindlichkeit bekanntlich ganz genauso wie in Bayern. Zuletzt stimmten im Juni 2013 bei einer Volksabstimmung 79 Prozent einer Verschärfung des Asylrechts zu. Die Schweizerische Volkspartei hetzt ohne Unterlass gegen alles Nichtschweizerische. Die Parole „Das Boot ist voll“ ist eine Schweizer Erfindung. Die Ausländerbehörden sind ein riesiger Apparat, dessen einziger Zweck die größtmögliche Drangsalierung aller Nichtschweizer ist.

Aber Ibrahim Gezer ist kein schlechtes Wort über die Schweiz zu entlocken. Ganz im Gegenteil: Die Bauern bieten hier ihre Produkte am Straßenrand an, ohne Verkäufer, nur mit einem Zettel, auf dem der Preis steht. Die Käufer hinterlassen das Geld. „Was für ein Vertrauen“, staunt Ibrahim Gezer. „Darauf müssen wir in der Türkei wohl noch 500 Jahre warten.“

Von einem seiner vielen Schweizer Freunde bekommt Ibrahim Gezer am Ende ein rotes Schweizer Taschenmesser mit seinem eingravierten Namen geschenkt. Er begreift die Bedeutung sofort: das ist die Einbürgerung, das Adelsprädikat, wenn es sowas in der republikanischen Schweiz gäbe.

06-derimker-1200x675Und selbst das Bundesamt für Migration lässt sich nach langem Hin und Her dazu bewegen, das tatsächliche Alter Ibrahim Gezers anzuerkennen. In jungen Jahren hatte er sich gegenüber den türkischen Behörden fünf Jahre jünger gemacht, um dem Militärdienst zu entkommen. Nun ist er laut Ausweis 60, in Wirklichkeit aber schon 65 – und müsste nicht mehr arbeiten. Der Mann, dem man sein Alter wahrlich ansieht, legt eine Beglaubigung nach der anderen vor. Und schließlich lenkt der Schweizer Schimmel ein. Was für eine Gnade! Die Schweiz entlässt Ibrahim Gezer aus der Kräuterbonbonfabrik. Er muss nicht mehr Bonbontüten in Kartons schlichten. Und kann sich stattdessen endlich seinen geliebten Bienen widmen.

„Ich mag es, wenn sie mich stechen. Das ist gut gegen Rheuma.“ Mitten in einem Bienenschwarm bewegt sich der frisch pensionierte mit der gleichen Seelenruhe wie in diesem bergigen Land voller aufgeregt summender Patrioten. Nein, der Vergleich tut den Bienen Unrecht. Patrioten sind dumm wie Stroh. Bienen dagegen sind schlaue Tiere. Ibrahim Gezer: „Ich wollte meine Familie immer so ordnen, wie es die Bienen tun. Die Bienen haben ein schönes, harmonisches Leben. Ich bin aber daran gescheitert. Die Biene ist noch klüger, als ich gedacht habe.“

Fotos: http://www.derimker.ch/

Strafanzeige gegen Forensik Taufkirchen

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit in deutschen Krankenhäusern“

60 Tage ans Bett gefesselt – so soll es einer Patientin in der Forensik Taufkirchen ergangen sein. Bereits im Dezember haben wir über diesen Fall berichtet, der mittlerweile immer größere Wellen schlagt. Unter anderem wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit in deutschen Krankenhäusern“ hat Martin Heidingsfelder deshalb am Dienstag Strafanzeige erstattet. Unterstützung erfährt der Nürnberger dabei auch durch Gustl Mollath. Übergeben mussten die beiden ihr Konvolut durchs Fenster, überwacht von Zivilbeamten.

Interview mit OB-Kandidat Horst Meierhofer (FDP)

Was will die FDP überhaupt noch im Stadtrat, Herr Meierhofer?

Im Bundestag habe er zumindest gelernt, schnell zu reden. Das hat Oberbürgermeister Hans Schaidinger einmal Horst Meierhofer bescheinigt. Es ist auch ein schwieriges Verhältnis zwischen den beiden. Als Schaidinger noch auf den Donaumarkt als Stadthallenstandort fixiert war, hat Meierhofer ihm regelmäßig Contra gegeben und schon mal ein Bürgerbegehren für Schaidingers Rückkehr nach Freilassing in den Raum gestellt. Spaßeshalber versteht sich. Doch das alles ist lange vorbei. Auf den Donaumarkt kommt ein Bayernmuseum, Schaidinger ist in ein paar Wochen nicht mehr Oberbürgermeister von Regensburg und Meierhofer sitzt nicht mehr im Bundestag. Bleibt die Frage, ob er es mit der FDP nochmal in den Stadtrat schafft. Im Interview hat uns der OB-Kandidat aber auch noch ein paar andere Fragen beantwortet.

Kritik: Wolf of Wallstreet

Gier ist geil

In ihrem neuen Film Wolf of Wall Street zeigen Schauspielerproduzent Leonardo DiCaprio und Regisseur Martin Scorsese die Verbrecher von heute. Und sich selbst von ihrer besten Seite.

Sechsstelliger Schaden?

„Rechtsfehlerhafte“ Beschäftigung an der Uni

Die Universität Regensburg hat mindestens 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „rechtsfehlerhaft“ befristet beschäftigt. Das hat kürzlich Wissenschaftsminister Dr. Ludwig Spaenle in einem Schreiben Anfang Januar klargestellt. Alle davon betroffenen Beschäftigungsverhältnisse gelten damit als unbefristet. Jetzt muss das Geld dafür – es geht jährlich um einen hohen sechsstelligen Betrag – irgendwoher kommen. Müssen jetzt die Fakultäten an anderer Stelle dafür bluten, dass der Kanzler sehenden Auges zu einer fragwürdigen Praxis gegriffen hat?

Kolumne: Liebes Regensburg!

Teil 4 – Altstadtbewohner, die Erste

Regensburg ist eine gespaltene Stadt. Und zum Spaltpilz wird nahezu automatisch jeder, der in der Altstadt wohnt. Nur wenige finden den Weg aus dem Alleengürtel hinaus ins unbekannte Hinterland. Wer sich schon mal mit einem Altstadtbewohner außerhalb dessen Komfort-Zone verabreden wollte, weiß wahrscheinlich schon jetzt, wovon diese Kolumne voller persönlich geprägter Pauschalurteile unserer Autorin Bianca […]

Gastbeitrag der Studizeitschrift "Lautschrift"

Hinter den Kulissen

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf die Phantasiewelt des Bühnenbildes. Was der Zuschauer im Theater Regensburg allerdings nicht sieht: das Stück hinter dem Stück. Eine Reportage über zeitliche Choreographien, Lampenfieber und eine Welt fernab vom Rampenlicht.

OB-Kandidat Christian Schlegl im Interview

Das sind ja ganz neue Töne, Herr Schlegl…

Erst dick, jetzt rank und schlank. Erst der Draufhauer, jetzt der Bürgerversteher. Erst die Hassfigur der CSU, jetzt deren OB-Kandidat. Man reibt sich verwundert die Augen, angesichts der Metamorphose von Christian Schlegl (Ein Porträt aus dem Jahr 2012). Ganz hat der das draufhauen allerdings nicht verlernt. Jetzt trifft es vor allem die SPD und deren Spitzenkandidaten Joachim Wolbergs. „Der soll sich entschuldigen und zwar flott“, sagt Schlegl. Wofür Wolbergs das tun soll, was es mit den Schleglschen Visionen und „rechtsradikalen Gesten“ auf sich hat, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Das Schulprojekt „Teller statt Tonne“

Tausche gemütliche Parallelwelt gegen gerechtes Ernährungssystem

Wenn Schüler in schicken Klamotten auf einem Kartoffelacker knien, dann steckt vermutlich Slow Food Deutschland dahinter. Mit dem Schulprojekt „Teller statt Tonne“ will die Organisation, die sich ihrem Slogan nach für gutes, sauberes und faires Essen einsetzt, dafür sorgen, dass an den Schulen hierzulande endlich über das ungerechte globale Ernährungssystem diskutiert wird.

OB-Kandidatin Tina Lorenz im Interview

„Regensburg ist eine Übermutter“

Tina Lorenz ist nicht nur die einzige Frau im OB-Kandidaten-Reigen. Die 32jährige Theaterdozentin ist auch die einzige, bei der noch unklar ist, ob sie überhaupt zur Wahl antreten darf: Den Piraten fehlen bis zum Stichtag am 2. Februar noch über 250 Unterstützerunterschriften. Vom Leder zieht sie trotzdem: Auf Podiumsdiskussionen, bei Protestaktionen und bei uns im Interview.

Bustunnelidee ist 30 Jahre alt

Unterirdisch: Mit Schlegl zurück in die Zukunft

Ob nun aus Freude oder Verärgerung: Der verstorbene CSU-Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher dürfte angesichts eines Vorschlags seines politischen Urenkels in spe im Grab rotieren: Christian Schlegl will die Altstadt für den Busverkehr untertunneln lassen. Eine Geschichte aus der Reihe: Und täglich grüßt das CSU-Murmeltier: Die idee ist genau 30 Jahre alt.

OB-Kandidat Jürgen Huber im Interview

Herr Huber und der kleine Putin

Im Vorfeld der Kommunalwahl führt unsere Redaktion Interviews mit allen OB-Kandidaten. Nach Joachim Wolbergs, mit dem wir vor kurzem über den Sozialbericht gesprochen haben, ist dieses Mal die Reihe an Jürgen Huber von den Grünen, den Künstler (Kunstverein Graz) unter den OB-Kandidaten. Es geht um den Kulturentwicklungsplan, den Kulturreferenten und mögliche Koalitionspartner…

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