„Der Arbeitgeber wäre blöd, mehr zu bezahlen“

„Die Tätigkeit ist extrem schwierig, die Arbeitsbedingungen sind grauenhaft und die Bezahlung ist saumäßig schlecht, aber die Mittelbayerische Zeitung ist hier keine Ausnahme.“ Auch Irene Salberg von der Gewerkschaft verdi hat den offenen Brief des MZ-Zustellers Thomas Reitemeyer an MZ-Herausgeber Peter Esser gelesen.

Salberg, die bei verdi für den Fachbereich Medien zuständig ist, spricht von einem „bundesweiten Problem“. „Wer eine solche Arbeit macht, müsste um Welten mehr verdienen, aber für Zeitungszusteller gibt es keinen Flächentarifvertrag.“ Die Bezahlung gehe bei zwei Euro pro Stunde los. „Da liegt die PZO vermutlich nicht unter dem Durchschnitt.“ Salberg macht für die schlechte Bezahlung die Struktur bei den Zustellgesellschaften verantwortlich. Hunderte von Mitarbeitern – bei der PZO sind es knapp 3.600 –, die sich praktisch nie gemeinsam treffen, sondern allein in ihrem Zustellgebiet arbeiten und eine Betriebsratswahl per Brief – „Druck lässt sich so kaum aufbauen.“ Ganz abgesehen davon, dass nur wenige Zusteller gewerkschaftlich organisiert sind.

Im Klartext: „Ohne Solidarität und Streikbereitschaft unter den Zustellerinnen und Zustellern wäre der Arbeitgeber blöd, mehr zu bezahlen. Er muss es ja nicht tun.“ Für die Fahrer ist die Gewerkschaft übrigens nicht zuständig. Diese sind nahezu alle selbständig.

Das Verhältnis zwischen MZ-Konzern und Gewerkschaft beschreibt Irene Salberg als „akzeptabel“. „Nach vielen konfliktreichen Jahren und vielen Auseinandersetzungen wird das eingehalten, was im Betriebsverfassungsgesetz steht.“ Lediglich zur Geschäftsführung der PZO bestehe kein Kontakt. Der Betriebsrat dort sei zwar mehrheitlich gewerkschaftlich organisiert, arbeite aber mit einem eigenen Fachanwalt zusammen. Insofern erfahre man aus diesem Betrieb nur sehr wenig, so Salberg. „Manchmal bekommen wir mit, dass es knallt, aber durchziehen wollte eine solche Auseinandersetzung bislang niemand.“

Karikatur: Jo Weller

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Kommentare (12)

  • Seppl

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    Ja und die Zusteller der Konkurrenz (Wochenblatt, Donaukurier usw.) werden natürlich doppelt so gut bezahlt, mit 13. Monatsgehalt, Weihnachtsgeld, Dienstwagen und Provision.

  • Herbert

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    @ Sepp

    Äh…der Zusteller vom Wochenblatt macht das zumeist „nebenbei“ als Zubrot. Von 1 mal die Woche Anzeigenblatt verteilen kann man nicht leben.Kein Wochenblattasuträger macht seinen Job hauptberuflich. Es sei denn er ist Schüler und will sich was zum Taschengeld dazuverdienen.
    Wer aber täglich sechs mal die Woche zwischen drei und halb vier in der Früh aufsteht um bei Schnee, Kälte, Glatteis etc die MZ ordentlich zu verteilen (nachdem er, anscheinend, wie schon öfter beschrieben, gerne mal 1, 2 Stunden wartet und in der Kälte steht, weil die supertolle neue Druckermaschine so toll anscheinend nicht ist), der kann doch verlangen oder sollte davon ausgehen, dass er von dieser Arbeit auch leben kann. Hier gehts um Lebensunterhalt und nicht um 1 mal die Woche zusätzlich Anzeigenblätter verteilen (was aber viele zusätzlich natürlich noch machen(müssen) ). Der Vergleich hinkt daher etwas.

  • Kernel

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    Da sieht man den Realitätsverlust, den manche Arbeitgeber haben – wenn jemand die Zustände im Betrieb anspricht wird dies als „Spekulation“ abgetan .
    Anstatt sich mit den Bedinungen auseinanderzusetzen und mit der Belegschaft diese Bedinungen zu verbessern.

    Der Arbeitgeber wäre auch nicht blöd, mehr zu bezahlen wie hier in der Überschrift suggeriert wird, sondern er wäre gut beraten. Nur zufriedene Mitarbeiter bringen ein Unternehmen und damit die Wirtschaft weiter.

    Aber aus genau diesen Gründen mit habe ich das regionale Blättchen vor Jahren abbestellt, als mir ein Bekannter die Zustände und Bedingungen in der EDV Abteilung schilderte. Und ich habs noch keine Sekunde bereut.

  • Seppl

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    @ Herbert

    Der Schüler, die Hausfrau usw. die nebenbei das Wochenblatt verteilen und dabei nicht besser behandelt werden als der Zusteller der MZ ist ebenfalls Arbeitnehmer/in !
    Die Arbeitnehmerschutzrechte gelten gleichermaßen für alle ob voll oder geringfügig beschaftigt.

  • Britt

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    @seppl
    @herbert

    was sagt denn die dame von der gewerkschaft? ausgebeutet werden die zusteller überall! bei der mz täglich, beim wochenblatt dann eben wöchentlich.

    @seppl

    beschissene arbeitsbedingungen damit zu rechtfertigen, dass sie bei anderen auch beschissen sind, ist ganz schön bizarr

  • thoams

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    @britt: Genau mit dieser Argumentation wollte mich Herr Maurer (Geschäftsleitung MZ) davon überzeugen, dass ich völlig falsch liege und nur spinne weil alles richtig toll ist in der MZ. Ich habe mir schon Gedacht, dass dieses Vorgespräch zum Offenen Brief einer farce wird. Er wollte mich tatsächlich überzeugen, dass wir hier in bayern nur 3% Arbeitslosigkeit haben, dass ja schon vollbeschäftigung ist und die Leute ja keine Angst haben brauchen, weil sie ja jederzeit einen anderen Arbeitsplatz bekommen können……. So ist die MZ, vorbei an jeder Realität und versucht jederzeit zu Manipulieren.

  • thoams

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    und wir zahlen immer noch besser als die anderen! wir sind Deutschlandweit in der oberen hälfte der Bezahlung! Das waren seine Worte!

    Lieber Herr Maurer, es macht natürlich einen unterschied aus, ob einem der komplette Fuß fehlt oder nur vom Knie ab, aber beide umstände sind scheiße. Ihr lasst die Leute nich mehr leben und ich bin warscheinlich nur der erste, es werden weitere kommen und die wollen dann kein Gespräch mehr mit dem Herrn Esser oder Ihnen. So wie die Stimmung in Deutschland mittlerweile umschlägt (was sie ja nicht mitbekommen weil sie ja nur ihre eigene Zeitungen und die Statistiken darin lesen) können sie froh sein, dass ich hier noch versuche kommunikation zu betreiben, denken sie bitte darüber nach, OK?

  • peter sturm

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    ihre überschriften können einen manchmal schon erschercken herr aigenr.

    zu der information:“Für die Fahrer ist die Gewerkschaft übrigens nicht
    zuständig. Diese sind nahezu alle selbständig“ kann ich beitragen,
    dass es bei verdi eine fachgruppe „selbständige“
    gibt, deren stellvertretender vorsitzender ich bin.
    wir treffen uns am 5.juli um 19.00 in der gaststätte
    schützenheim in SAD.
    selbstverständlich sind wir für jede/n zuständig, der/die bei uns
    mitglied ist.
    wer sich für eine mitgliedschaft interessiert kann sich gerne an mich
    wenden 0174-4550492

  • thoams

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    so und nun ist es raus!
    die MZ kündigt den Mitarbeitern, wenn sie ihre Meinung sagen! Ich bin jetzt der lebende Beweis.
    Obwohl Schwerbehindert zeigt die MZ hier soziale Kompetenz und hat mir bis zum 1.8. gekündigt.
    So sieht Meinungsfreitheit beim größten Meinungsbildner hier in der Gegend aus. Armes Regensburg

  • Seppl

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    @ thoams

    Diese Kündigung würde wahrscheinlich sogar jeder arbeitsgerichtlichen Überprüfung stand halten.
    Denn natürlich können Sie jederzeit Ihre „Meinung sagen“, aber ein Arbeitgeber kann verlangen, dass seine Mitarbeiter loyal sind (zumindest in der Öffentlichkeit). Durch diese Ihre Meinungsäußerungen ist ein Vertrauensbruch entstanden, der sich sich nicht mehr heilen läßt, und daher die Kündingung rechtfertigt.
    Diese Kündingung wäre in so einem Fall wohl auch auch von jedem anderen Unternehmen (z. B. Wochenblatt oder Donaukurier) ausgesprochen worden.

  • thoams

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    das halte ich für ein gerücht… natürlich wird es eine gerichtsverhandlung geben deshalb —- wo kämen wir da hin, wenn kein exampel statuiert werden würde? das genau hält doch die anderen arbeiter davon ab ihre meinung zu sagen. am schluss würden sich noch andere melden! das geht ja gar nicht!

  • Morningman

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    Ein kleiner geographischer Sprung führt nach Wolfratshausen zum Zeitungsvertrieb Oberbayern des
    Münchner Merkur Verlags. Hier herrscht ein besonders talentierter Geschäftsführer, der eigentlich Koch beim Militär war. Jetzt jedenfalls ist er Geschäftsführer einer MM-Tochter.
    Gleiches Basis-Problem wie in Regensburg. Seit Jahren die gleiche Bezahlung für die Zeitung, und
    ein durch Kündigungs-Drohung und einem Versprechen wieder kündigen zu dürfen, wurde die Postverteilung erzwungen. Es ein Stücklohn von 7,5 Cent bezahlt, unbezahlt bleiben die Vorarbeiten
    (tägl. 10 – 20 Minuten, je nach Bezirk), die erforderlichen Nacharbeiten (mind. 10 Minuten), und die zu fahrenden Mehrkilometer um die Post verteilen zu können.
    Hauptproblem ist der große Zeitaufwand für eine kleine Postmenge. Ist in allen Provinzstädten gleich.
    Ich fahre 300 – 1000 m für einen Brief. Das kostet elend viel Zeit.
    Alle Kollegen, die ich kenne, haben 45 – 60 (manchmal sogar mehr) Minuten täglichen Zeitaufwand für die Post, um dann etwas zwischen 10 und 15 Euro auf dem unübersichtlichen Lohnzettel jeden Monat vorzufinden.
    Wer die versprochene Kündigungsmöglichkeit wahrnehmen möchte bekommt die sofortige Kündigung für die Zeitungszustellung angedroht.
    Unter dem Strich habe ich Post verteilt zu einem auf Stundenlohn umgerechneten Stücklohn (auf meinen Bezirk bezogen) von 45 – 75 Cent pro Stunde. Allerdings gab es zweimal einen Tag, wo der Stundenlohn auf sagenhafte 1,50 € angestiegen ist, da das Postaufkommen zweimal etwas höher war und der Weg pro
    Brief etwas kürzer.
    Leider sind wir auch ohne Betriebsrat, der uns vertreten könnte. Man hat bei uns einen Trägerrat, der vorgibt,
    eine Mitarbeitervertetung zu sein, der aber nur für die zentrale Geschäftsleitung in München arbeitet, und nicht als Mitarbeitervertretung. Wer sich diesen Leuten anvertraut (in Verkennung ihrer Funktion) ist ein Kandidat für die nächste Kündigung.

    Die Zusteller kuschen daher, da kaum jemand gewerkschaftlich organisiert ist. Wer organisiert ist, hat einen beruhigenden Rechtsschutz und muss sich überhaupt nichts gefallen lassen. Vor allem nicht die
    Sub-Dumpinglöhne die Münchner Merkur Vertriebstochter-Firmen in Wolfratshausen, Fürstenfeldbruck
    und in Erding/Freising für die Postzustellung.

    Ich kann nur jedem Zeitungszusteller raten, bei Verdi Mitglied zu werden, zum sehr erschwinglichen Betrag von 1% vom Zeitungseinkommen (ich zahle 3,50 € monatlich). Es ist ein beruhigendes Gefühl den rechtlichen Schutz und die Beratung zu haben, wenn man für eine solche Firma wie wir arbeiten muß. Eine Firma, die so ziemlich alles mit Füssen tritt, was Recht und Gesetz ist. Die auch das Betriebsverfassungs-gesetz aushebelt, wenn es um die Gründung eines (richtigen) Betriebsrats geht.

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