„Wir sind nicht 68. Wir sind 2009!“

P1260983Durch die Besetzung ihrer Universität brachten die Studenten den europaweiten Bildungsstreik nach Regensburg. Aber wie läuft so eine Besetzung ab und aus welchen Gründen schlafen Studenten seit fast einer Woche in den Hörsälen ihres Bildungsinstituts?

„Bis jetzt hat’s immer jedem geschmeckt.“. Mathias Obermair, von seinen Mitstreiter liebevoll „Mo“ genannt, kocht jeden Tag in der Küche, die von den Studenten spontan in einen der zahlreichen Nischen der Universität eingebaut haben. „Das ist ein Fulltimejob“, gibt der 28jährige zu verstehen, während er zum Kühlschrank geht, um zu überprüfen, ob noch genügend Zutaten vorhanden sind. Er kommt aber nur nachmittags und abends, dann wird nämlich gekocht. Davor müssen sich Andere, um die sogenannte „VoKü“ kümmern. Essen gibt es gegen Spende, für Getränke muss gezahlt werden. „Wenn jeder fünf Euro am Tag spendet, kann er den ganzen Tag essen. Brötchen zum Frühstück, Kaffee und Tee, und abends gibt’s nochmal was“. Die Zutaten müssen selbst gekauft werden, aber die AktivistInnen haben auch Unterstützung in der Bevölkerung gefunden.

Die Bäckerei Ebner liefert bis kommenden Sonntag jeden Tag 400 Brötchen und das unentgeltlich. „Was danach is‘ müss ma, halt dann schaun“, sagt Mathias. Um ihn herum hocken zahlreiche StudentenInnen und schneiden Gemüse fürs Abendessen. Die Bohnen, Kartoffeln und Zwiebeln wurden zum Teil vom „Fruchthof“ gespendet. Sie bilden die Grundlage für den „Allesreintopf“, eine Spezialität des Chefkochs. Er ist aber nicht wirklich der Boss, betont Mathias: Er habe nur Koch gelernt und kenne eben die Leute, die in der Küche arbeiten. Wie lange er bleiben möchte? „Solange wie möglich. Bis Weihnachten geht’s mindestens“.
Auch Hans Peter beteiligt sich an den Protesten. Der vollbärtige Brillenträger wechselte im sechsten Semester von Hauptschullehramt zur Pädagogik. Seine Motivation? „Bildung fördert Demokratie“, das zeige nicht zuletzt die hohe Beteiligung von Erstsemesterstudenten, die davor noch nie was mit Politik am Hut hatten, nun begeistert im Plenum ihre Forderungen stellen und eifrig mitdebattieren. „Der Protest ist nach außen hin offen“, jeder der etwas Neues einbringen will kann das auch. Mit der Studentenrevolte vor 41 Jahren, will er sich allerdings nicht vergleichen lassen.

„Wir sind nicht ´68! Wir sind 2009!“, sagt er lächelnd, während er mit seinem linken Zeigefinger auf einen gleichlautenden Slogan auf einem Stück Papier zeigt. Die berühmten 68er seien medial hochgepuscht worden und hätten in Wirklichkeit eine Minderheit radikaler Studenten dargestellt. Die jetzigen Proteste bezögen sich aber ausdrücklich nur auf das Thema Bildung und seien so für jeden zugänglich. Außenpolitik spiele beispielsweise überhaupt keine Rolle. Egal, ob der christlich-konservative RCDS, oder der sozialistische SDS, jeder sei in irgendeiner Form an der Besetzung beteiligt.

Beschlüsse werden im besetzen Hörsaal 2 durch einfache Mehrheit gefasst, nachdem die Themen vorher in Arbeitsgemeinschaften besprochen wurden. Sie können im Internet auf http://www.regensburg-besetzt.de nachgelesen werden. Dort gibt es auch einen Live-Stream aus dem Hörsaal der Universität, wo man aktuelle Debatten mitverfolgen kann. Wer gerade keinen Internetanschluss zur Verfügung hat, kann sich auch einfach bei Pia erkundigen. Die freundliche Schwarzhaarige mit dem breiten Lächeln hockt am Infostand gegenüber des Plenums und gibt jedem gerne Auskunft darüber, welche Veranstaltungen für heute geplant sind, oder wie man sich in der unübersichtlichen Universität zurechtfindet.

Sie studiere selber nicht, aber Bildung sei für sie trotzdem ein wichtiges Thema. Schließlich möchte sie vielleicht selbst einmal Kinder haben und die müssten ja dann schließlich auch zur Schule gehen. Studierende, die sich für Studiengebühren aussprechen, versteht sie nicht. Das Geld müsse man ja erst einmal haben. Allerdings könne nicht jeder am Bildungsstreik teilnehmen, da die meisten StudentInnen verpflichtende Kurse haben und auch sonst zeitlich knapp bei Kasse sind.

Zurück in der Volksküche riecht es schon einladend nach Abendessen. Eine Studentin geht eifrig auf den Essenstisch zu. Während sie mit ihrer einen Hand auf den Tasten ihres Handys herumdrückt, wirft sie mit der anderen Hand ein paar Münzen in die Spendenkasse und schnappt sich ein Marmeladenbrötchen, das ebenso schnell in ihrem Mund verschwindet, wie sie von der Bildfläche. Wie gesagt, das ist 2009.

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Kommentare (10)

  • Uli Teichmann

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    Die berühmten 68er seien medial hochgepuscht worden und hätten in Wirklichkeit eine Minderheit radikaler Studenten dargestellt.
    Sehr witzig, habe genau das auch immer in der Bildzeitung und anderen Blättern damals gelesen
    schaut mal nach (zB in Bonn 68) wie viele Leute damals „Wir sind eine kleine radikale Minderheit“ gerufen haben, nachdem weder Forderungen noch Argumente in der veröffentlichten Meinung ihren Niederschlag gefunden haben. Trotz aller allgemeinpolitischer Forderung galt unser Kampf auch der „technokratischen Hochschulreform“ gegen deren Scherbenhaufen ihr jetzt kämpfen müßt. Damals war ja der RCDS für diese Reform, wenn er jetzt die Studentenproteste mitträgt ist das schön aber er kämpft damit ja auch gegen die Folgen der Politik seiner Alten Herren
    Wünsche den Studenten von heute viel Erfolg
    Uli T

  • Roland Hornung

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    Ich war – damals noch Schüler – auch zuerst von der befreienden 68-Revolution sehr angetan. Doch bald merkten wir recht schnell, dass die 68-Bewegung alles andere als eine „befreiende Revolution “ war. Auch die 68-er waren im Endeffekt ein „Spiegelbild “ der damaligen Gesellschaft: spießig, kleinbürgerlich, autoritär, orientierungslos und anti-semitisch. Nicht von ungefähr war der erste (versuchte ) Brandanschlag auf eine Synagoge in jenem Nachkriegs-Deutschland von „linker“ Seite durchgeführt, kurze Zeit später folgte ein – leider “ erfolgreicher“
    Anschlag auf ein jüdisches Altersheim. “

    Linker Antisemitismus “ hat seit damals auch sein Gesicht, eine besonders widerliche Fratze, weil viel heuchlerischer als der primitive direkte “ rechte “ Antisemitismus.

    Wenn man ein Seminar der FES über Antisemitismus mal besucht hat und über “ linke “ Varianten des Antisemitismus mehr erfahren hat, dann wird einem ganz übel.

    Wer sich – wie wir – ausführlich und lange mit Antisemitismus beschäftigt hat, den wird keine Farbenlehre mehr täuschen.

    Nie wieder Faschismus – auch nicht unter irgendwelchen Deckmäntelchen !

    Euer Roland Hornung

  • Roland Hornung

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    Ich bin froh, dass 2009 nicht “ 68 “ ist -sondern ein rationaler, vernünftiger, zielgerichteter Einsatz für mehr studentische Rechte und Freiheiten.

    Viel Erfolg allen engagierten Studenten/innen !

    Euer Roland Hornung

  • Da Bene

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    Super Beispiel, der “ Mo “ 28 Jahre und wahrscheinlich im 18 Semester und eine die gar net studiert. Aber Zeit hat sich den ganzen Tag da hin zu setzten und sich wichtig zu machen. Und bezahlen dürfen die, die ihrem Job nachgehen und Steuern zahlen. So wie der Geselle, der sich zum Meister weiterbilden will und das aus eigenr Tasche berappen muss.

    Das zeigt doch deutlich, wer hier am Start ist!!

    Zum Ko….

  • Bert

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    @da bene

    egal, wer da am start ist. jeder ist besser also so ein aggressives großmaul wie du. außer motzen hast du nichts zu bieten.

  • Jemand

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    @DaBene: Es gibt z.B. auch Leute die den ganzen Sommer hart durcharbeiten und die Wintermonate über „stempeln“ müssen. Aber es gibt auch Leute die gar nichts sinnvolles zu tun haben, und aufgrund ihres Zeitüberschusses lieber sinnleere und unterqualifizierte Kommentare auf Regensburg Digital hinterlassen müssen.

  • eduard buchinger

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    an @all und engagierte Studenten und Studentinnen! ;-)

    ## Ich bin froh, dass 2009 nicht ” 68 ” ist -sondern ein rationaler, vernünftiger, zielgerichteter Einsatz für mehr studentische Rechte und Freiheiten.

    Viel Erfolg allen engagierten Studenten/innen !

    Euer Roland Hornung ##

    …am schlimmsten sind und waren die Alt “ 68 “ in Amt und Würden!“…

    Also haltet durch und vergesst nicht die Groß DEMO am 10.12.09 in Bonn „Kultusminister nachsitzen!“…

    Euer edi buchinger

    Von Roland Hornung am 30. Nov 2009, 14:12 Uhr

  • Milan Fahrnholz

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    „am schlimmsten sind und waren die Alt ” 68 ” in Amt und Würden!“

    Tut mir leid, das soll „38“ heißen.

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