SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 30. Juni 2009

durchlauchtWas ist jemandem ein Fototermin mit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis wert? Diese Frage wird am 12. Juli beantwortet. Dann endet die Online-Charity-Auktion, bei der sich Durchlaucht „für den guten Zweck” versteigern lässt. Den fünf Meistbietenden winkt neben einem Besuch bei den Schlossfestspielen – wo Gloria in der Musicalversion von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf das Fräulein Prysselius gibt – ein ganz privater Fototermin im fürstlichen Schlossgarten.

Bereits im vergangen Jahr ließ sich die Regensburger Fürstin versteigern. Damals ging der Erlös an die „Stiftung Ja zum Leben”. Auch in diesem Jahr sind es so genannte „Lebensschützer” – Abtreibungsgegner –, für die sich Gloria feil bietet. Auch die Fürstin bezeichnet sich gern als „Lebensschützerin”. Unvergessen ihre medial verkündete Haltung zur Pille, die eine „Form der Abtreibung” und damit „Mord” sei oder dass Sex allein der Fortpflanzung dient. Diese Haltung gilt es offenbar zu verbreiten und zu stärken: In diesem Jahr greift die Fürstin der „Juristenvereinigung Lebensrecht e.V.” (JVL) unter die Arme.

Sechs Todesurteile, dann JVL-Beirat

Der 1984 von Juristen verschiedener Fachrichtungen, „darunter namhafte Verfassungs- und Strafrechtler” (JVL-Homepage), gegründete, von Männern dominierte Akademiker-Club bezieht „Stellung in der rechtswissenschaftlichen sowie der rechtspolitischen Diskussion und pflegt den interdisziplinären Dialog über alle Fragen des Lebensschutzes”. Vorsitzender des „Wissenschaftlichen Rates” der JVL war in diesen Anfangsjahren Professor Dr. Willi Geiger.

Während des NS-Regimes profilierte Geiger sich zunächst mit seiner Doktorarbeit, in der er das Berufsverbot für jüdische Journalisten rechtfertigte. Später hat er an sechs Todesurteilen von Sondergerichten mitgewirkt. Nach dem Krieg brachte es Geiger bis zum Vizepräsidenten am Bundesverfassungsgericht, wo er 1975 am Extremistenbeschluss mitwirkte, in dem Berufsverbote für den Öffentlichen Dienst für rechtmäßig erklärt wurden. Darüber hinaus war er Präsident des Deutschen Katholikentages.

„Militante Juristenvereinigung”

In den 90ern geriet die, damals vom Spiegel als „militante Juristenvereinigung” bezeichnete JVL mehrfach in Zusammenhang mit der Diskussion um den Paragraph 218 vor dem Bundesverfassungsgericht in die Schlagzeilen. Unter anderem war einer der Verfassungsrichter zuvor langjähriges Mitglied bei der JVL gewesen, ebenso ein gerichtlich bestellter Gutachter. Seitdem ist es etwas ruhiger um die juristisch beschlagenen Abtreibungsgegner geworden. Wenigstens medial.

Die selbst gegebenen Ziele verfolgt man indessen weiter unermüdlich. Konkret äußert sich das etwa in Kampagnen gegen Organisationen wie pro familia. 2005 forderte der umtriebige Juristen-Club die Sozialministerien der Länder auf, den Beratungsstellen von pro familia die staatliche Anerkennung zu entziehen. Dabei geht es offenbar nicht nur darum, Beratungsstellen auszuschalten, die den gegebenenfalls für eine Abtreibung notwendigen Beratungsschein ausstellen, auch eine aufgeklärte Sexualität abseits kirchlich-konservativer Wertvorstellungen ist der Juristenvereinigung ein Dorn im Auge. Zur katholischen Kirche pflegt man immerhin – ebenso wie die Fürstin – beste Kontakte. Im Jahr der Kampagne waren mehrere Mitglieder des JVL-Vorstands zu einer Privataudienz mit Papst Benedikt geladen.

Wettern gegen Aufklärung

Bereits 2002 wetterten die „Lebensschützer” bei den Kultusministerien gegen eine Aufklärungsbroschüre, die pro familia in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Procter & Gamble für Schulen zusammengestellt hatte. Unter anderem befürchteten die Juristen, dass Mädchen und Jungen dadurch „zu einem grenzenlosen Sexualverhalten geradezu ermuntert” würden. Das bayerische Kultusministerium reagierte und beurteilte die Broschüre just als nicht für bayerische Schulen geeignet. Eine Auffassung die nicht überall geteilt wurde. Ungeachtet der Kampagne wurde die Broschüre in anderen Bundesländern weiter im Unterricht und wird nach Angaben von pro familia bis heute von Lehrern angefragt.

Die Haltung der JVL verwundert indessen wenig, betrachtet man Personen, die mit der JVL eng verbandelt sind. Zu ihnen gehört unter anderem die erzkonservative Psychagogin Christa Meves, die etwa die Auffassung vertritt, dass „das Ziel der geschlechtlichen Erziehung (…) unmöglich darin bestehen” könne, „Kenntnisse und Praktiken über sexuelle Vorgänge zu erwerben”. Im Gegenteil: „Sexualität ist, wie bei den Tieren, ein Triebgeschehen, zu dessen Funktionieren es absolut keiner Aufklärung bedarf.“

2007 war Christa Meves‘ „Stiftung Ja zum Leben” Profiteur der letztjährigen Gloria-Auktion. Dabei kamen übrigens 280 Euro für die „Lebensschützer” zusammen. Ob das ein Foto mit Durchlaucht wert ist, sei mal dahingestellt.

Fotos: Günther Staudinger

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